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Frauenhäuser und Corona: Warum die tiefen Opfer-Zahlen zu häuslicher Gewalt nicht wirklich gute Nachrichten sind

Zeitgeist

Frauenhäuser und Corona: Warum die tiefen Opfer-Zahlen zu häuslicher Gewalt nicht wirklich gute Nachrichten sind

Die Pandemie habe sich (noch) kaum in den Belegzahlen der Frauenhäuser niedergeschlagen, sagt deren Generalsekretärin Lena John. Eine gute Nachricht ist das nicht.

annabelle: Lena John, täglich kommt es in der Schweiz zu über fünfzig Straftaten im Bereich häuslicher Gewalt. Tausende werden zudem nicht erfasst. Betroffen: besonders Frauen und Kinder. In Zeiten von «Bleiben Sie zuhause!» und Homeoffice – wie stark sind die Belegzahlen der Frauenhäuser angestiegen?
Lena John: 2020, als es zu ersten Lockdowns kam, registrierten die Frauenhäuser keine massive Erhöhung, es blieb bei ungefähr tausend Frauen und tausend Kindern jährlich. Die Zahlen für 2021 haben wir noch nicht.

Wie Einschätzungen zeigen, etwa von der Task Force «Corona und häusliche Gewalt» des Bundes, sind sie auch 2021 nur leicht erhöht. Good News?
Nun, es ist erwiesen, dass die Massnahmen rund um die Covid-19-Pandemie die Risikofaktoren für häusliche Gewalt verstärken. Dass sich das bei uns nicht massiv niederschlägt, erklären wir damit, dass es für viele Frauen gerade durch diese Weisungen, zuhause zu bleiben, schwieriger war, Hilfe zu suchen. Und ebenso damit, dass in Zeiten der Unsicherheit die Familie als elementare Struktur wahrgenommen werden kann, die man erhalten will, selbst wenn sie von Gewalt geprägt ist. Darum nein, wirklich gute Nachrichten sind die tiefen Zahlen nicht.

Heute wird intensiver über Gewalt an Frauen diskutiert, etwa über die Revision des Sexualstrafrechts, Femizide oder die Istanbul-Konvention. Zeigt dieses gestiegene Bewusstsein Auswirkungen?
Wir merken tatsächlich, dass da eine Veränderung im Gang ist. Wir haben schon früher Zuwendungen erhalten, insbesondere die Covid-Pandemie hat die Sach- und Geldspenden jedoch noch mal vervielfacht. Man hat uns sogar Wohnungen angeboten, um dort Corona-Zimmer einzurichten. Vonseiten der Bevölkerung spüren wir die Notwendigkeit unserer Existenz sehr, das ist wirklich schön.

Und vonseiten des Staats?
Wie Sie bereits erklärt haben: Es sind Dinge in Bewegung gekommen, was auch der hartnäckigen Lobbyarbeit von Fachstellen, unter anderem der Frauenhäuser, zu verdanken ist. Eine sehr wichtige Entwicklung ist für uns, dass die Konferenz der Sozialdirektor: innen Empfehlungen zur Finanzierung der Frauenhäuser verabschiedet hat.

Bedeutet dies, dass die Frauenhäuser, die seit den 1970er-Jahren um Geld kämpfen müssen, bald voll staatlich finanziert werden?
Das Ziel ist, dass die Finanzierung der Frauenhäuser adäquat durch Steuergelder gesichert ist. Aber auch mit den neuen Empfehlungen wird das noch ein langer Weg.

Wie sieht die Situation heute aus?
Die Mehrheit der Frauenhäuser ist auf Spenden angewiesen, um ihre Angebote aufrechterhalten zu können. Für uns ist klar: Wenn im Grundangebot für gewaltbetroffene Frauen derartige Finanzierungslücken bestehen, ist es trotz der aktuellen Entwicklungen noch nicht getan.

Wie erklären Sie sich, dass die Finanzierung der Frauenhäuser so schwierig ist?
Das Thema häusliche Gewalt hat je nach kantonaler Politik einen anderen Stellenwert, dementsprechend fällt auch die Finanzierung unterschiedlich aus. Das ist problematisch für die Frauen, aber auch, weil die Folgekosten häuslicher Gewalt so hoch sind.

Wie entstehen diese Kosten?
Durch Arbeitsausfälle, psychische und physische Folgen oder polizeiliche Intervention. Laut einer Studie des Bundes belaufen sie sich jährlich mindestens auf 160 bis 280 Millionen Franken. Man könnte sie bedeutend abfedern, würde man mehr in Unterstützungsangebote und Präventionsaufgaben stecken.

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Kritische Stimmen finden, der Begriff «häusliche Gewalt» habe etwas Euphemistisches. Häuslichkeit sei etwas Behagliches, Heimeliges. Wie stehen Sie zu dieser Bezeichnung?
Wir sehen im Begriff keinen grossen Missstand. Aber Sie sprechen damit durchaus ein Problem an: Denn das Häusliche impliziert auch Privatheit. Gegen diese Auffassung kämpfen wir an: Diese Art von Gewalt ist nicht privat, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem. Die vermeintliche Privatheit macht es auch Zeug:innen bedeutend schwerer.

Inwiefern?
Viele Menschen haben noch diese Barriere in sich: Ist ein Einschreiten legitim, darf ich mit meinem Verdacht überhaupt in den Privatraum, etwa von meinen Nachbar:innen, eindringen? Solche Vorbehalte wollen wir durchbrechen. Wir müssen uns in der Pflicht fühlen, es geht uns alle an.

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«Ist ein Einschreiten legitim, darf ich mit meinem Verdacht überhaupt in den Privatraum, etwa von meinen Nachbar:innen, eindringen? Es geht uns alle an»

Tatsächlich alle oder gibt es Schichten oder Gruppen, in denen häusliche Gewalt häufiger vorkommt?
Häusliche Gewalt kommt in allen Bevölkerungskreisen und gesellschaftlichen Schichten vor. In der Schweiz fehlt es jedoch an Langzeitstudien, welche die Risikofaktoren eingehend beleuchten, etwa im Migrationskontext.

Oft heisst es bei häuslicher Gewalt, warum verlässt die Frau ihren Peiniger nicht einfach?
Ja, das ist ein bekannter Reflex. Doch ein Ausstieg ist wahnsinnig komplex: Es geht um Kinder, es geht ums ökonomische Risiko bei einer Scheidung, um den möglichen Verlust der Aufenthaltsbewilligung. Daneben sind da emotionale Komponenten, Abhängigkeiten, Liebe. Und dann gibt es auch gute Zeiten, der Täter entschuldigt sich, bringt Geschenke. Um diese Gewaltspirale verlassen zu können, ist meist professionelle Hilfe nötig.

Wann ist der richtige Zeitpunkt, um ins Frauenhaus kommen?
Alle Frauen und Kinder, die Gewalt erleben und Schutz und Beratung brauchen, sollen sich bei den Beratungsnummern der Frauenhäuser oder ambulanten Opferstellen melden. Den richtigen Zeitpunkt gibt es nicht, es gilt: je früher, desto besser.

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Lena John (31) ist Generalsekretärin der Dachorganisation der Frauenhäuser Schweiz und Liechtenstein.

Mehr Informationen und Hilfsangebote zum Thema häusliche Gewalt findet ihr hier:

Frauenhäuser in der Schweiz

Opferhilfe Schweiz

143 – Die Dargebotene Hand

BIF – Beratungsstelle für Frauen 

Männerhäuser in der Deutschschweiz und in Genf

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