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Anna Rosenwasser über Kanye West: Wir checken Antisemitismus nicht

Zeitgeist

Anna Rosenwasser über Kanye West: Wir checken Antisemitismus nicht

Die feministische Autorin Anna Rosenwasser kritisiert in ihrem Kommentar: Bis wir Judenhass als solchen wahrnehmen, braucht es das explizite Androhen von Gewalt. Das zeigen die aktuellen Vorfälle rund um Kanye West.

Wer alles mit Kanye West Schluss gemacht hat, seit er öffentlich jüdischen Menschen Gewalt angedroht hat: zahlreiche Promis, seine Künstleragentur, seine Werbepartner – darunter Adidas, wo es notabene um Milliarden geht.

Sie schreiben alle, dass Hass keinen Platz habe und sie für Diversität einstünden. Schön. Das galt aber anscheinend noch nicht, als Herr West in den vergangenen Jahren Trump anbetete und sich kuschelig nah an US-amerikanischem Rechtsextremismus positionierte.

Natürlich verteidigen die Fans von Ye – er heisst seit Kurzem so – ihn nach wie vor, aber es ist das erste Mal, dass viele Menschen anerkennen: Was er vor seinem Millionenpublikum rausgelassen hat, ist antisemitisch. Das braucht es also, bis wir Judenhass als solchen wahrnehmen: das explizite Androhen von Gewalt.

Machthungrig, geldgierig und radikal

Denn: Wir checken Antisemitismus nicht. Eine Umfrage des Bundesamtes für Statistik im Jahr 2020 zeigt, dass 39% aller Befragten finden, jüdische Menschen seien machthungrig, geldgierig und politisch radikal. Diese Haltung ist antisemitisch. Und uralt. Sie begegnet mir auch casual im Alltag. Einmal hat mir beim Anstehen am Buffet eines Restaurants ein Mitmensch grinsend gesagt: «Ihr Juden habt ja eh mega viel Macht, haha.» Sie sagte es so anerkennend. Als würde sie das meiner Familie voll gönnen, quasi.

In der Schweiz gibt es etwa 20’000 Juden und Jüdinnen, und ich werde da nicht mitgezählt, weil ich nach jüdischem Religionsgesetz keine Jüdin bin (mein Vater ist jüdisch und meine Mutter nicht; das macht mich zur «Vaterjüdin»). Ich kann euch aber garantieren: Antisemitismus trifft nicht nur die 20’000 Menschen, die gezählt werden. Jedes Mal, wenn meine politische Arbeit das rechte Lager erreicht, hagelt es Mails, die von Kanye West persönlich hätten geschrieben werden können.

Einen neuen Nachnamen als Sicherheitsmassnahme

Antisemitismus trifft Leute im Alltag: die junge Frau, der auf die Füsse gespuckt wird beim Anblick ihres Davidsterns um ihren Hals; der Typ, der seine Kippa draussen auszieht, um safe zu bleiben. Die Frau, die in eine neue Stadt zieht und gegenüber ihrem neuen Freundeskreis bewusst nicht erwähnt, dass sie Jüdin ist. Ich darf seit diesem Jahr heiraten. Ich überlege, den Nachnamen meiner Partnerin anzunehmen, als Sicherheitsmassnahme.

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«Antisemitismus ist eine sehr perfide Form von Rassismus»

Das alles zählt die Allgemeinheit selten zu Antisemitismus. Weil für uns Diskriminierung nach wie vor bei offensichtlicher, beabsichtigter Androhung von Gewalt anfängt. Und weil Antisemitismus eine sehr perfide Form von Rassismus ist: Er tut so, als würde er jüdische Menschen nicht abwerten. Sondern spricht ihnen eine geheime Allmacht zu.

Komplimente, die keine sind

So fühlt es sich nicht mehr an, als würde man gegen unten treten. Sondern gegen oben. Schon als Kind wurde mir mit diesem pseudoanerkennenden Ton gesagt, Juden seien «schlaue Menschen» und «können gut mit Geld umgehen». Irgendwas an diesen Möchtegern-Komplimenten schien mir schon damals nicht koscher.

Wer als besonders schlau und insgeheim als mächtig und reich eingestuft wird, der wird alleingelassen, wenn er angegriffen wird. «No Nazis» finden alle wichtig (ausser die grösste Partei unseres Landes), aber für «No Antisemitism» bräuchte es eben auch die Erkenntnis, dass Hass gegen jüdische Menschen nicht erst bei Nazis beginnt. Und auch nicht erst bei Ye.

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