annabelle testet

Mit Aroha zu mehr Ausdauer

Text & Video: Verena Edinger; Foto: Aroha Academy

Zunge raus und losgebrüllt: Alle kennen die kultige Performance der All Blacks, der neuseeländischen Rugby-Nationalmannschaft. Nun hat ein findiger Sportwissenschaftler den Kriegstanz der Maori mit Kung-Fu- und Tai-Chi-Elementen ergänzt. Beim neuen Ausdauersport Aroha hat sich unsere Autorin als Wasserschöpferin neu gefunden und ihre Alltagssorgen ruhig gestellt.

Ohrstöpsel rein, Musik an und rauf aufs Laufband. Zwischendurch hänge ich auch ab und zu in den Seilen meiner Kletterhalle des Vertrauens oder sinniere zuhause auf der Yogamatte über den Unsinn meines Lebens. Das ist meine Sportroutine normalerweise. Und all diese Sportbeschäftigungen haben eins gemein: minimales Blabla. Bis auf ein gelegentliches «Seil zu» würde ich meine Konversationen mit anderen beim Sport als beschränkt bezeichnen. Als ich nun leicht in der Hocke gegenüber von Simone Tapsell, zertifizierter Aroha-Instructorin, stehe und sie mir zuruft, ich solle den Vorhang aufmachen, bin ich deshalb ehrlich gesagt kurz etwas überfordert und frage mich, was ich hier überhaupt mache.

Aroha – das ist eine Mischung aus dem neuseeländischen Haka-Tanz, Schlagelementen aus dem Kung Fu und den fliessenden Bewegungen des Tai Chi. Und eine hier in der Schweiz noch relativ unbekannte Ausdauersportart. Aroha-Experten versprechen, dass jeder, egal welchen Alters oder Fitnesslevels, teilnehmen kann. Nicht nur Muskeln, sondern auch der Geist soll dabei gestärkt werden. Erfunden wurde Aroha vom Berliner Sportwissenschafter Bernhard Jakszt nach einer längeren Neuseelandreise und seiner Begegnung mit Maoris, der indigenen Bevölkerung Neuseelands. Und auch ich dachte mir, wenn ich schon nicht nach Auckland reisen kann, probier ich’s doch mal mit Aroha im Dynamis Fitness in Schlieren ZH.

Nun stehe ich hier mit den Füssen positioniert auf elf und ein Uhr in einem verspiegelten Saal. Aus den Boxen ertönt die eigens komponierte Musik im ¾-Takt, welche mich dank Trommel und Maori-Gesang gedanklich sofort ans andere Ende der Welt versetzt. Generell werden alle Übungen im Stehen oder in der Hocke ausgeführt, was einem sehr langen Squat ähnelt, sodass ich kurze Zeit später auch schon meine Gesässmuskeln spüre. Auf kräftige Schläge folgen immer weiche Handbewegungen, auf Kicks eine etwas lockerere Beinstellung, für welche gerade mein operiertes Knie sehr dankbar ist. Sämtliche Muskeln im Körper werden abwechselnd an- und entspannt. Nach einer etwa zehnminütigen Aufwärmphase geht es voll los, und auch die Musik wird etwas kraftvoller. Generell trainieren wir in einem Tempo, bei dem wir uns noch unterhalten können, und welches somit auch perfekt für die Fettverbrennung ist. Etwa 30 bis 40 Minuten lang versuche ich die Ausfallschritte und fliessenden Armbewegungen Simone so gut es geht nachzumachen. Dies fällt mir anfangs zwar nicht ganz leicht, liegt aber nicht an der Komplexität der Sportschritte. Denn eigentlich macht man immer einen Schritt nach rechts oder links und kommt dann zurück in die Mitte. Die hinzugefügten Figuren wie Bogenschiessen oder Kanu fahren sind doch recht selbsterklärend und nach kurzer Zeit auch schon verinnerlicht.

Am Schluss schöpfen wir noch zehn Minuten lang imaginäres Wasser aus dem Boden und strecken uns wie eine Katze, um unsere Sehnen zu dehnen. Mittlerweile habe ich mich sogar etwas mit den sportlichen Ansagen von Simone anfreunden können. Ich bin dermassen konzentriert, die Bewegung des imaginären Vorhang-Öffnens auszuführen, dass ich dabeit glatt den realen Berg Bügelwäsche zuhause vergesse. Völlig verschwitzt, aber doch glücklich entspannt, unterhalte ich mich noch etwas mit der sympathischen Zürcherin. Sie dachte nie, eines Tages mal als Trainerin vor einer Gymnastikklasse zu stehen, aber Aroha hat das geändert. Das Gruppengefühl dieser Sportart faszinierte sie einfach so sehr – und auch viele ihrer Teilnehmer; der Älteste war 82 Jahre alt!

Als ich am nächsten Tag die Rolltreppen im Bahnhof hinaufsteigen will, fühle auch ich mich plötzlich steinalt und möchte meine Beine am liebsten für den restlichen Tag nicht mehr bewegen. Aber irgendwie fühlt sich der böse Muskelkater in Oberschenkel, Gesäss und Armen auch gut an. So spüre ich, wie vielversprechend die gestrige Sportstunde war. Und wie sagt man so schön: Jede grosse Liebe ist die Geschichte grosser Geduld. Passenderweise bedeutet Aroha in der Sprache der Maori Liebe.

Aroha mit Simone Tapsell im Dynamis Fitness in Schlieren findet montags von 9.30 bis 10.30 Uhr statt.

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