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Autorin Katja Kullmann: «Single-Frauen gelten schnell als armes Huscheli»

Zeitgeist

Autorin Katja Kullmann: «Single-Frauen gelten schnell als armes Huscheli»

Katja Kullmann ist radikal solo, hat nicht mal eine Katze. Bedauernswert? Von wegen. Die Autorin spricht übers Single-Sein als Frau.

annabelle: Katja Kullmann, Single-Frauen bekommen regelmässig Sätze zu hören wie: «Warum ist denn so eine tolle Frau wie du noch allein?» Nervt Sie das?
Katja Kullmann: Und wie! Für mich ist das eine Monsterfrage, sie ist aufdringlich und auch unverschämt.

Könnte man das nicht auch als Kompliment verstehen?
Vielleicht ist es so gemeint. Aber es schwingt auch die Idee mit, dass Alleinsein ein Defizit ist.

Wie antworten Sie auf die Frage?
Mit einem flapsigen Spruch, zum Beispiel: «Bindungsangst – die besonders ansteckende Form.» Dann lachen die Leute, während es in mir noch grummelt. Beliebt sind auch Sätze wie: «Keine Sorge, der Richtige kommt schon noch!» Oder: «Oh, Single, hätte ich gar nicht von dir gedacht!»

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«Bei Frauen wird die Lust aufs Ungebundensein schlichtweg negiert»

Singles haben in unserer Gesellschaft immer noch ein gewisses Stigma?
Ich fürchte ja. Ungebundene Frauen gelten schnell als armes Huscheli, Frustkuh oder Underperfomerin, wie man heute sagt. Single-Männer werden dagegen deutlich positiver bewertet, etwa als wilder Revolutionär, als beseelter Künstler oder selbstverliebter Dandy. Bei den Frauen wird eine weibliche Lebensrealität – die Lust aufs Ungebundensein – schlichtweg negiert. Dabei sind sie alle einzigartig, eben «singuläre Frauen», wie ich sie nenne. Leider haben viele von ihnen Spuren dieser sexistischen Bewertungen verinnerlicht.

Sie empfinden sich selbst als defizitär.
Genau. Und das, obwohl das gesellschaftliche Klima heute eigentlich ja deutlich offener ist. Queere Lebensentwürfe sind viel selbstverständlicher als noch vor ein paar Jahren.

Vor rund zwanzig Jahren haben Single-Frauen wie Carrie Bradshaw oder Samantha Jones in «Sex and the City» sich noch verbissen abgestrampelt, um einen Mann zu bekommen.
Stimmt. Heute sind Frauen das Bild der verzweifelt suchenden oft irgendwie kindischen Single-Frau leid, wie es in solchen Fernsehserien verkörpert wurde. Bei den Recherchen zu meinem Buch habe ich ganz klar gesehen, dass die Angst der Frauen vor dem Alleinsein schwindet. Solo-Frauen sind heute viel selbstbewusster.

Aber trotzdem bleibt oft ein Stachel. In Ihrem Buch nennen Sie das «die kleine Glut der Selbstverachtung». Haben Sie selbst sich auch als defizitär erlebt?
Schon, in der ersten Zeit des Alleinseins. Ich war damals Mitte dreissig und hatte das Gefühl, irgendwie falsch zu sein. Narzisstisch vielleicht? Oder kühl oder frigid? Vorher war ich 18 Jahre durchgängig in langjährigen Partnerschaften fest liiert gewesen. Ich fragte mich: Bin ich denn jetzt schon die verrückte Alte? Ich war stark verunsichert von mir selbst.

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Gab es Angebote von Männern?
Und ob! Über mangelnde Aufmerksamkeit kann ich mich nicht beschweren, es gab immer Männer, die etwas von mir wollten. Nur ich wollte irgendwann nicht mehr.

Sie sind mittlerweile seit 16 Jahren ungebunden. Hatten Sie irgendwann die Nase voll von den Männern?
Es ist sicher kein Zufall, dass immer ich es war, die Schluss gemacht hatte. Zuletzt war ich zehn Jahre in einer eheähnlichen Partnerschaft gewesen. Ich liebte meine festen Partner. Aber irgendwann setzte immer der gleiche Mechanismus ein: Ich fühlte mich unfrei, eingeengt, musste immer etwas verhandeln, rechtfertigen, zum Beispiel wenn ich mal allein eine längere Reise machen wollte. Ich bekam zu hören: Mach mal halblang, du musst häuslicher, weiblicher werden, deine Aktivitäten zurückfahren. Das hat mich belastet und enttäuscht. Es gab da eine gewisse Eifersucht der Männer auf meine Unternehmungen.

Man könnte auch polemisch sagen: Vielleicht hatten Sie noch nicht den Richtigen gefunden?
Und wenn ja: Ist das dann eigentlich schlimm? Vielleicht interessiert mich das gar nicht so sehr.

Hat sich Ihr Single-Sein eher zufällig ergeben oder haben Sie das ganz bewusst gesucht und kultiviert?
Es war nicht so, dass ich planmässig ins Alleinleben gewechselt habe. Ich brauchte erst mal eine Pause vom Beziehungsleben. Ich hatte keinen dringenden Kinderwunsch, wollte mich als Autorin, Journalistin ausprobieren. Ich hatte immer mal flüchtige Verhältnisse, aber mehr wollte ich auch nicht. Freundinnen sagten, ich solle mich locker machen, mich einlassen auf die Angebote, die von Männern kamen. Ich merkte aber, dass ich mich mit den meisten gelangweilt habe. Dann gab es auch Männer, die fest gebunden waren und eine Geliebte suchten. Ich fand das schäbig, ich wollte das nicht sein.

Wann haben Sie angefangen, Ihr Single-Leben zu geniessen?
Nach ein paar Jahren. Ich merkte, dass ich ausgeglichener, aufgeschlossener, freundlicher war, mich kompletter empfand als vorher. Heute fühle ich mich in meinem Solo-Leben total wohl.

Was gefällt Ihnen besonders daran?
Es gibt eine Formulierung des Philosophen Martin Heidegger, die lautet: In-der-Welt-Sein. Genau das trifft auf mich zu. Ich bin wahnsinnig gern draussen unterwegs, plaudere mit dem Kioskverkäufer, der Bäckereiangestellten hinter dem Tresen. Ich fühle mich sehr frei dabei. Und zugleich aufgehoben. Darüber hinaus habe ich einen grossen Freundeskreis, dazu viele lose Bekanntschaften. Für mich ist das beglückend, ich bekomme viel Inspiration. Ich hätte gar keine Kapazitäten mehr und auch keine Lust, einer Zweisamkeit so viel Raum zu geben.

Ist es eine Erleichterung, dass Sie sich nicht mehr auf dem Partnermarkt gegenüber Konkurrentinnen behaupten müssen, oder fehlt da auch mal der gewisse Kick?
Ich empfinde das als sehr angenehm. Mir war es noch nie besonders wichtig, mich um meinen Körper zu kümmern, ich mache mir keine Sorgen darüber, dass meine Haare grau werden oder mein Bindegewebe nicht mehr so fest ist. Ich empfinde es als grosse Freiheit, dass mir das Älterwerden wenig ausmacht. Und da ist keiner an meiner Seite, der ständig mein Aussehen kommentiert.

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«Freundschaften wurden über die Jahre tiefer»

Kommt trotzdem mal Sehnsucht nach Nähe, nach Vertrautheit auf?
Ich habe das Gefühl, dass meine Freundschaften über die Jahre tiefer geworden sind, auch die Beziehung zu meinen Eltern ist inzwischen sehr eng. Ich widme diesen Beziehungen jetzt einfach viel mehr Zeit als vorher. Nähe kann ich auch erleben, wenn mich eine Freundin ein Wochenende zuhause besucht. Wir haben eine schöne, intensive Zeit, danach bin ich aufgeladen mit Energie. Ich fühle mich geliebt und kann zurücklieben, es gibt weniger Missverständnisse, weniger Rangeleien als früher in meinen Partnerschaften.

Gibt es in Ihrem Freundeskreis langjährige Paare, die gut funktionieren?
Einige wenige, ich nenne sie Leuchtturm-Paare, weil sie herausragen. Ich sage mir und ihnen dann immer: Aha – geht doch! Und ich freue mich ehrlich für sie.

Keine Spur von Neid?
Nein. Aber jetzt möchte ich Sie mal etwas fragen: Warum sprechen wir nicht mal darüber, worum gebundene Freundinnen mich vielleicht beneiden? Mir gehen solche Fragen ein bisschen auf die Nerven, weil sie unterstellen, dass es einer alleinlebenden Frau letztlich doch nicht so gut gehen kann.

«Warum fragen Sie nicht mal, worum gebundene Frauen mich vielleicht beneiden?»

Sie haben völlig recht. Also: Worum werden Sie beneidet?
Kolleginnen oder Freundinnen sagen mir, dass sie sich oft mehr Luft und Raum wünschen, ihren eigenen Interessen nachzugehen, ohne dabei auf Partner oder Kinder Rücksicht nehmen zu müssen. Es kann um banale Dinge gehen wie den Streit um Einrichtungsfragen, aber auch um Sinnfragen, das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Dann kommen Sätze wie: «Ich habe mich selbst völlig verloren in all den Jahren meiner Partnerschaft.»

Machen solche Vergleiche, wer denn nun das «bessere» Leben hat, die Gebundene oder die Ungebundene, überhaupt Sinn?
Nein – eben nicht. Das darf vor allem nicht dazu führen, dass Frauen sich gegenseitig Zerrbilder andichten. Weder sind alle verheirateten Mütter auf Dauer immer gestresst oder frustriert, noch sind alle ungebundenen Frauen traurig oder verhärtet, weil niemand ihnen beim Fernsehen die Füsse krault.

Ist die Gefahr, irgendwelche komischen Marotten zu entwickeln, grösser, wenn man zuhause keinen Fuss-Krauler hat?
Oh ja, damit treibe ich gelegentlich meine Scherze. Meine Lieblingsmarotte ist die Wohnzimmerdisco: Ich lasse die Läden herunter, dämme das Licht, lege meine Lieblingsmusik auf und tanze vor mich hin. Gerade in der Pandemie machte ich das ziemlich oft, drei, vier Mal im Monat. Auch von anderen alleinlebenden Frauen weiss ich, dass sie ihre eigene Wohnzimmerdisco- Tradition haben.

«Ich habe lieber guten Sex mit mir als schlechten Sex mit irgendwem»

Ist das jetzt indiskret oder darf ich danach fragen: Wo bleibt bei allem der Sex, oder muss der gar nicht sein?
Wenn Sie jetzt an One-Night-Stands denken: Das ist nichts für mich, das habe ich schnell wieder gelassen. Es turnt mich nicht an, mit jemandem ins Bett zu gehen, der mich nicht wirklich reizt, nicht als Person meine ich, als Charakter. Aber ich bin ein recht lustvoller Mensch und habe die Sexualität immer sehr genossen. Heute geniesse ich sie am liebsten allein und das regelmässig. Ich könnte auch sagen: Ich habe lieber weiterhin guten Sex mit mir als schlechten Sex mit irgendwem. Was ich allerdings manchmal vermisse, ist Zärtlichkeit. Die lässt sich nicht so leicht herstellen, ohne einen anderen Menschen. Manche Frauen ohne Partner gehen zu Massagen, wenn sie es sich leisten können, oder sie schmusen mit ihren Haustieren. Jede findet da so ihren Weg.

Ich frage Sie jetzt besser nicht, ob Sie eine Katze haben, das wäre wieder so ein Single-Klischee.
Also, ich bin radikal solo: Ich habe keine Katze und nicht mal einen Goldfisch. (lacht)

Wie kamen Sie mit der Pandemie klar, fühlten Sie sich da zwangsisoliert?
Klar, ich vermisse es, viele Leute zu treffen. Andererseits ist es für mich in vielem einfacher als für andere. Ich kann als Journalistin bequem im Homeoffice arbeiten. Mir ist praktisch nie langweilig, ich weiss ja schon all die Jahre, mich gut allein zu beschäftigen.

Ist die Vorstellung, sich eines Tages doch noch fest zu binden, für Sie völlig abstrus?
Nein, vielleicht erlebe ich die Liebe ja noch einmal, wer weiss. Aber ich bin nicht auf der Suche. Ich fühle mich durchaus wohl so, wie es ist.

Katja Kullmann: Die Singuläre Frau. Verlag Hanser, Berlin, 336 Seiten, ca. 35 Fr.

Katja Kullmann, Jahrgang 1970, ist Autorin und Journalistin. 2002 landete sie den Bestseller «Generation Ally. Warum es heute so kompliziert ist, eine Frau zu sein». Katja Kullmann ist leitende Redaktorin bei der «taz» und lebt in Berlin.

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