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Autorin Teresa Bücker: Wie der Zeitmangel unsere Freundschaften gefährdet

Zeitgeist

Autorin Teresa Bücker: Wie der Zeitmangel unsere Freundschaften gefährdet

Sich mit Freund:innen zu treffen, ist nicht nur schön, sondern überlebenswichtig. Ein Plädoyer von Bestseller-Autorin Teresa Bücker gegen unsere Kultur des Zeitmangels.

Ungläubig sitze ich neben meiner Freundin Isabell auf einer Parkbank. «Ist es wirklich neun Monate her, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben?» Der Kalender, in dem unser letztes Treffen vermerkt ist, gibt uns recht. In den dazwischenliegenden Monaten hat sich der Chat auf unseren Smartphones dicht gefüllt mit Text- und Sprachnachrichten, mit denen wir uns mehrmals pro Woche gegenseitig auf dem Laufenden halten.

Ich nenne meine Aufnahmen an meine Freundin liebevoll «private Podcasts», weil sie manchmal fünfzehn Minuten lang sind. Jede zweite Nachricht an die jeweils andere endet mit der Frage: «Wann sehen wir uns endlich?» Dann kommt wieder der Alltag dazwischen: Arbeit, lange Pendelstrecken, das Leben mit Kindern und den dazugehörigen Krankheiten, die auch die Erwachsenen regelmässig erwischen.

Emotionale Energie

Ihre Sprachnachrichten höre ich manchmal erst Tage später ab, wenn ich die Ruhe habe, ihr aufmerksam zuzuhören. Meine Freundin und ich leben in der gleichen Stadt und sehen uns trotzdem kaum öfter als ich und mein bester Freund, der seit Jahren im Ausland lebt. Nach jedem Treffen fragen wir uns, warum wir es nicht öfter schaffen, gemeinsam Zeit zu verbringen, denn das Nebeneinandersitzen, das zeitgleiche Reden und Lachen ist nicht nur schön, es macht mich leichter und wacher.

Nach keiner anderen Tätigkeit fühle ich mich so glücklich, wie wenn ich Freund:innen treffe. Komme ich dann jeweils nachhause und schaue in den Spiegel, erscheint mir mein Gesicht nicht mehr müde. Es hat einen Glow. Der Soziologe Randall Collins hat diese spürbare Reaktion, die Menschen erleben können, wenn sie aufeinandertreffen, als «emotionale Energie» beschrieben. Gelungene Interaktionen zwischen Menschen führen Collins zu folge zu «einem Gefühl von Selbstvertrauen, Freude, Stärke, Enthusiasmus und der Lust, etwas zu tun».

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«Fragt man Menschen danach, was ihnen im Leben wichtig ist, sind Familie und Freundschaften in der Regel gleich wichtig»

Doch emotionale Energie entsteht nur in Co-Präsenz, also wenn wir unsere Körper an den gleichen Ort bewegen, nicht bei digitalen Interaktionen. Über virtuelle Treffen während der Corona-Pandemie etwa schrieb die deutsche Journalistin Lara Fritzsche: «Es ist ein grosser Fake. Und wenn dann noch jemand weint – und Zoom ist zum Heulen –, dann sitzt man da wie amputiert.» Die Zeit der Kontaktbeschränkungen war zwar leichter, weil es das Internet gibt, sie hat jedoch vielen Menschen deutlich gezeigt, dass die digitale, fragmentierte und oft zeitversetzte Kommunikation nicht ersetzen kann, am gleichen Ort mit Freund:innen gemeinsame Stunden zu verbringen.

In gesellschaftlichen und feministischen Diskursen taucht immer wieder die Frage auf, welche Beziehungen wir für ein gutes Leben brauchen. Bisweilen werden dabei unterschiedliche soziale Verbindungen gegeneinander ausgespielt. Doch die Frage unserer Zeit ist nicht, ob Freundschaften zu wenig gesellschaftliche Anerkennung bekommen und die romantische Liebe überhöht wird. Denn fragt man Menschen in Meinungsumfragen danach, was ihnen im Leben wichtig ist, liegen Familie und Freundschaften in der Regel auf den vordersten Plätzen und sind meist gleichrangig in der Wichtigkeit.

Wir brauchen unterschiedliche Verbindungen

Unsere Beziehungen zu anderen Menschen sind keine Entweder-oder-Frage. Wir brauchen unterschiedliche soziale Verbindungen. Dass eine Person allein all unsere unterschiedlichen emotionalen Bedürfnisse nicht stillen kann, lernen wir mit zunehmender Lebenserfahrung. Viele Menschen bauen daher bewusst mehrere enge Beziehungen zu anderen auf und bemühen sich um ihre Freundschaften auch dann, wenn sie Partner:innen und Kinder haben.

Kommen Freund:innen zu kurz, vermissen wir sie und nehmen einen Mangel wahr. Eine der wichtigsten Fragen für eine höhere Lebensqualität ist daher, wie wir in einer Kultur der Zeitknappheit mehr Zeit für Beziehungen schaffen. Für die Zeit, die wir brauchen, um uns lebendig zu fühlen.

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«Lässt der neue Job jedoch zu wenig Zeit für anderes, können keine bedeutsamen Freundschaften entstehen»

Ständig in Zeitnot zu sein ist jedoch in vielen Gesellschaften und zudem quer durch unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen ein verbreitetes Lebensgefühl. Zwei von drei erwachsenen Schweizer:innen fühlen sich regelmässig durch Zeitmangel gestresst. Viele von ihnen sehen es als kritisch an, dass Überstunden und berufliche E-Mails am Abend zunehmend erwartet werden und auch, dass sie bei privaten Aufgaben zu wenig Hilfe haben und somit eine zeitliche Überforderung erleben.

Als besonders belastend beschreiben Menschen, die Zeitdruck empfinden, zu wenig Zeit für Kinder, Partner:innen und Freund:innen zu haben. Rund die Hälfte der Schweizer:innen gab in einer Studie von 2017 an, dass ihnen oft die nötige Zeit für die Pflege von Freundschaften fehlen würde. In der Studien-Reihe «Freizeitmonitor», die jährlich Daten zum Freizeitverhalten der Deutschen erhebt, sagten 71 von 100 Befragten im Jahr 2020, dass sie gern häufiger etwas mit Freund:innen unternehmen würden.

Sicherheit und Verbundenheit

Könnten wir hinsichtlich der Nutzung unserer Zeit von heute auf morgen etwas verändern, würden sich viele Menschen für mehr Zeit für Beziehungen entscheiden. Und zwar mehr Zeit für Kontakte jenseits des Jobs. Denn obgleich Erwerbsarbeit wichtige soziale Funktionen wie Zugehörigkeit und Wertschätzung erfüllt, lässt sich in Freundschaften und familiären Kontakten eine höhere emotionale Nähe messen. Diese Nähe ist das, was wir brauchen, um Sicherheit und tiefgehende Verbundenheit zu spüren, und die uns gegen Einsamkeitsgefühle schützt.

Die Autorin und Aktivistin Mia Birdsong erzählt in ihrem Buch «How We Show Up: Reclaiming Family, Friendship and Community: «Je erfolgreicher ich wurde, desto schwieriger war es für mich, mir die Zeit zu nehmen, die es braucht, um Verbindungen zu anderen aufzubauen. Und desto weniger habe ich priorisiert, Beziehungen zu vertiefen.» Sie hatte zwar ein grosses berufliches Netzwerk, aber nicht die Art von Gemeinschaft, die sie sich eigentlich wünschte: verlässliche, vertrauensvolle Beziehungen, «die uns erlauben, verletzlich und unperfekt zu sein, zu trauern und zu stolpern, in denen wir für andere verantwortlich sind und tief geliebt werden».

Die Zahl der Freund:innen nimmt im Erwachsenenalter ab

Ihr beruflicher Erfolg stand ihren Freundschaften ein Stück weit im Weg. Forschungsdaten haben gezeigt, dass die Grösse von Freundschaftsnetzwerken ab dem jungen Erwachsenenalter immer weiter abnimmt – möglicherweise, weil Menschen durch ihre Berufstätigkeit weniger Freizeit haben als noch in der Schule oder der Ausbildung. Der amerikanische Forscher Jeffrey Hall hat aus seinen Studiendaten geschlussfolgert, dass der Aufbau einer echten Freundschaft rund 200 Stunden gemeinsam verbrachte Zeit voraussetze, die jedoch auch mit der Absicht verbunden sein müsse, sich näher kennenzulernen. Lediglich gemeinsam viel Zeit in der Universität oder im Job zu verbringen, führe nicht automatisch zu einer Freundschaft.

Das ist wichtig zu wissen, denn bisweilen hält sich der Glaube, dass sich über den Job schon genügend neue soziale Kontakte ergeben werden, wenn man umzieht. Lässt der neue Job jedoch zu wenig Zeit für anderes, können keine bedeutsamen Freundschaften entstehen. Wer kündigt, erlebt zudem häufig, dass der Kontakt zu Kolleg:innen abbricht, die man zuvor mit «Mein Job ist wie eine Familie» beschrieben hat, und dass die freundschaftliche Verbundenheit nicht über den Job hinaus besteht. Zudem machen es die sogenannten atypischen Arbeitszeiten und die Zunahme ebensolcher Jobs – dazu gehören Schichtarbeit, Arbeit spät am Abend sowie an Wochenenden – immer schwieriger, die arbeitsfreie Zeit mit Freund:innen zu koordinieren.

Wochenenden als schützenswerte Errungenschaft

Ärzt:innen oder Pflegekräfte im Schichtdienst, Mitarbeiter:innen in Restaurants und all die anderen, die abends, nachts und am Wochenende arbeiten, nehmen dafür Einschnitte bei ihrer sozialen Zeit mit anderen in Kauf und können beispielsweise häufig nicht den Geburtstag von engen Freund:innen mitfeiern. Auch wenn uns kollektive Arbeitsrhythmen und ein garantiert arbeitsfreies Wochenende vielleicht unmodern erscheinen: Sie erleichtern es, dass Menschen ihre freie Zeit miteinander verbringen können. Gemeinsame freie Zeiten, wie Feiertage oder das Wochenende, sind eine schützenswerte gesellschaftliche Errungenschaft.

«Lediglich 27 Prozent der Schweizer Eltern schaffen es mindestens wöchentlich, sich mit Freund:innen zu treffen»

Auch weiter voneinander entfernt zu leben, schwächt Freundschaften nachweislich. Als Familie aus der Stadt weg ins Grüne zu ziehen, weil man sich nach Haus und Garten sehnt oder auch weil die Mieten in Ballungszentren kaum noch bezahlbar sind, hat vielleicht den Vorteil, Geld zu sparen und mehr Platz zu haben, kann aber soziale Konsequenzen haben, die richtig schmerzen.

Als ich vor einigen Jahren in einen anderen Stadtteil gezogen bin und die Wegzeit zur Wohnung meiner Freundin plötzlich fast eine Stunde betrug, fanden die Spielplatztreffen am Wochenende mit unseren Kindern nicht mehr statt. Über Kinder finden Erwachsene manchmal neue Freund:innen, doch Forschungsdaten zeigen, dass eine Familiengründung eher mit dem Verlust von Freundschaften verbunden ist.

Echte Treffen? Eine mühsam organisierte Seltenheit

Als neue Familie bleibt deutlich weniger Zeit für andere übrig, wenn sich Eltern abends und am Wochenende um ihre noch kleinen Kinder kümmern oder zu müde sind, um noch etwas zu unternehmen. Alleinerziehende und Eltern von stark pflegebedürftigen Kindern machen diese Erfahrung noch mehr. Die Mike-Studie 2019, durchgeführt von Wissenschafter:innen der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, kam zum Ergebnis, dass lediglich 27 Prozent der Schweizer Eltern es mindestens wöchentlich schaffen, sich mit Freund:innen zu treffen.

Über siebzig Prozent der Erwachsenen in der Familienphase verbringen demnach regelmässig lange Zeiträume, in denen sie mit Freund:innen maximal medial in Kontakt sind. Echte Treffen werden zu einer mühsam organisierten Seltenheit. Die Krux an einem Alltag, der mit Arbeitszeit und Familienzeit bereits prall gefüllt ist, ist, dass berufliche und familiäre Kontakte unsere grundlegenden emotionalen Bedürfnisse oft nicht befriedigen.

Sozial ausgehungert ins Bett

Einen Job zu haben, in dem man Wertschätzung erlebt und jeden Tag gute Gespräche haben kann, ist nur für wenige Menschen Realität. Viele leben in Partnerschaften, die wortkarg oder von Streit geprägt sind. Alleinlebende müssen sich ohnehin aktiv darum bemühen, Zeit mit anderen zu verbringen. Dass enorm viele Erwachsene ihre Freund:innen nur selten treffen, führt dementsprechend dazu, dass sehr viele Menschen tagelang niemandem erzählen, wie es ihnen wirklich geht, keine Verbundenheit, kein Interesse oder keine Liebe von anderen gespürt haben und sozial ausgehungert ins Bett gehen.

Natürlich sehnen sich viele aufgrund eines stressigen Alltags zeitgleich nach mehr Alleinzeit und Ruhe. Doch selbst Menschen, die von sich selbst sagen, gut allein sein zu können, fühlen sich durch lange Phasen der Isolation belastet. Das hat einen Grund: Wie die Wissenschaftsjournalistin Catherine Price in ihrem Buch «The Power of Fun» herausgearbeitet hat, finden die Momente, in denen Menschen wirkliche Freude empfinden, überwiegend in der Gegenwart anderer statt; das gilt sogar für Introvertierte. Wir brauchen Zeit für andere Menschen, um Lebensfreude empfinden zu können.

Zeitarmut als gravierendes Problem

Daher argumentieren Wissenschafter:innen unterschiedlicher Disziplinen auch dafür, dass Zeitarmut ein ähnlich gravierendes Problem wie materielle Armut sei. Wissenschaftliche Arbeiten zu Einsamkeit konnten nachweisen, dass ein verlässliches soziales Netz, in dem wir Verbundenheit zu anderen spüren, einen stärkeren positiven Effekt auf die Gesundheit hat als das, was wir gemeinhin unter einem gesunden Lebensstil verstehen. Die Forschung zu sozialen Beziehungen legt nahe, dass regelmässig Freund:in nen zu treffen und mit ihnen zu lachen uns eher ein langes Leben schenkt, als regelmässig Sport zu treiben und viel Gemüse zu essen.

Doch haben Sie schon einmal aus der Politik gehört, dass es eine wichtige Aufgabe sei, mehr Zeit für Freundschaften zu schaffen? Oder dass alle Alleinerziehenden einen Anspruch auf Babysitter:innen haben sollten, weil ungestört Freizeit mit anderen Erwachsenen zu verbringen kein Luxus ist, sondern gesundheitlich unverzichtbar? Erwachsene bagatellisieren den Zeitmangel für Freundschaften häufig als normale Erfahrung, schliesslich geht es vielen anderen ganz genauso.

Social Media sind voller Memes, die halb humorvoll, halb bitter thematisieren, dass Erwachsensein oft bedeutet die eigenen Freund:innen kaum noch zu sehen. Ein Post auf Instagram lautet etwa: «Adult friendships be like: ‹I miss you, let’s make a plan to hang in 2023.›»

Vor wenigen Wochen ging folgender Tweet viral: «My 5-year plan is to hang out with my friends and tell them I love them.» Er spielt darauf an, dass Menschen im Job vorgeben müssen, dass Karriereziele ihnen wichtiger seien als die Menschen, die sie lieben. Doch ist eine solche Kultur des Zeitmangels die Normalität, die wir wollen? Oder anders gefragt: Was spricht dagegen, die Gesellschaft so zu organisieren, dass auch Erwachsene ihre Freund:innen mindestens wöchentlich sehen könnten? Wie würde sich unser Zusammenleben verändern, hätten wir jeden Tag ein gutes Gespräch, eine Umarmung oder mit anderen gelacht?

Keine reiche Gesellschaft

Eine Gesellschaft, die ärmer wird an starken und verlässlichen Bindungen, ist keine reiche Gesellschaft. Sie begrenzt unsere Freiheit, denn wir brauchen andere Menschen, um wirklich frei zu sein. Freiheit ermöglichen wir einander, indem wir uns gegenseitig unterstützen, beflügeln und lieben. Eine lebenswerte Welt, echter Wohlstand wäre es, die Gesellschaft auf eine Weise neu so zu organisieren, dass wir das Leben unserer Freund:innen nicht nur punktuell mitbekommen – über kurze Chats, Social-Media-Posts und rare Treffen – sondern ein echter Teil ihres Lebens sein können.

Die Autorin Seyda Kurt schreibt in «Radikale Zärtlichkeit»: «Freund:innenschaften erfordern Entschlossenheit.» Entschlossenheit, etwas zu verändern: Damit wir so für unsere Freund:innen da sein können, wie es unseren innersten Werten entspricht, müssen wir innerhalb unserer Zeitkultur den Raum dafür schaffen. Denn zu wenig Zeit für Freund:innen zu haben, ist kein individuelles Problem oder Ergebnis von schlechtem Zeitmanagement. Unsere derzeitige Gesellschaftsorganisation bringt Zeitarmut unweigerlich hervor.

Lösen können wir diese Ungerechtigkeit nur, wenn wir die fehlende Zeit als politische Frage erkennen und dann alle notwendigen Aufgaben, wie berufliche Arbeit und Care-Aufgaben, auf eine Weise neu verteilen, dass genug Zeit füreinander selbstverständlich wird. Es reicht nicht aus, für andere da sein zu wollen, wir müssen es auch wirklich können. Wir müssen Zeit für Freundschaften einfordern und uns weigern, ohne ausreichend Zeit für Freund:innen zu leben, weil sie buchstäblich überlebenswichtig sind.

Teresa Bücker: Alle Zeit. Eine Frage von Macht und Freiheit. Ullstein Verlag, Berlin 2022, 400 S., ca. 35 Fr. Am Sonntag, 19. März 2023, kommt Teresa Bücker mit ihrem Bestseller nach Zürich ins Kaufleuten.

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