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Corona-Wendepunkte: «Mir wurde noch innerhalb der Probezeit gekündigt»

Zeitgeist

Corona-Wendepunkte: «Mir wurde noch innerhalb der Probezeit gekündigt»

Diese Woche erzählen fünf Menschen, wie die Corona-Pandemie ihr Leben auf den Kopf gestellt hat. Heute mit Roberto Pinto (64), der wegen Corona seinen Job verloren hat, seinen Optimismus aber nicht.

Ich lebe seit sieben Jahren in der Schweiz. Geboren wurde ich in Peru, dort studierte ich Informatik. Der wachsende Terrorismus Anfang der 1980er-Jahre machte allen grosse Sorgen, und auch wirtschaftlich war die Situation miserabel. Also wanderten meine Frau Carol und ich mit unserer ersten Tochter nach Spanien aus. Wir kamen in Madrid in einer Notunterkunft unter. Fast vier Jahre vergingen, bis ich endlich meine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis bekam. Da war ich 38 und schon zu alt, um im IT-Bereich noch Fuss zu fassen – ich war schlicht und einfach nicht mehr auf dem neusten Stand.

Ich nahm dann alles an: Auf einer Rennbahn trainierte und betreute ich Pferde, für Restaurants oder Schönheitskliniken gestaltete ich Anzeigen und auf dem Obstmarkt und auf dem Bau schob ich lange, anstrengende Schichten. Carol und ich arbeiteten hart, um unsere beiden Kinder grosszuziehen. Nach ein paar Jahren konnte ich eine kleine Baudienstleistungsfirma gründen. Als 2008 die Finanzkrise kam, wurde unser Leben wieder auf den Kopf gestellt. Ohne Arbeit und mit einer Hypothek fürs Haus war es unmöglich, über die Runden zu kommen. Ein Cousin von mir lebte damals in Luzern und überzeugte uns, auch in die Schweiz zu kommen. Also verliessen Carol und ich zum zweiten Mal unsere Heimat.

Grosse Angst

Auch hier in der Schweiz hatte ich sehr viele unterschiedliche Jobs: Ich war Gärtner, Putzmann, Bauarbeiter. Diese Löhne waren wir aus Spanien nicht gewohnt. Aber auch nicht die Lebenshaltungskosten! Inzwischen haben wir in Zürich eine echt kleine Einzimmerwohnung, ungefähr 20 Quadratmeter für uns beide zusammen. Gut, dass wir uns meistens vertragen! Vor Kurzem habe ich meinen C-Ausweis erhalten; die unbefristete Niederlassungsbewilligung. Als das mit Corona anfing, dachte ich nur: Bitte nicht schon wieder eine Krise! Ich hatte grosse Angst. Krank zu werden war nicht meine grösste Sorge, sondern wie wir das finanziell schaffen sollten.

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Anfang letzten Jahres arbeitete ich noch als Reinigungskraft. Natürlich hatte das Hotel, in dem ich putzte, immer weniger Gäste. Und kurz vor dem ersten Lockdown wurde mir noch innerhalb der Probezeit gekündigt. Carol arbeitet auch dort, zum Glück wurde sie nicht entlassen, im Moment ist sie noch in Kurzarbeit. Übers RAV bekomme ich 2300 Franken pro Monat.

Da ich allein 1800 Franken für die Krankenkasse aufbringen muss, verschuldete ich mich noch mehr, weil ich ständig Mahngebühren zahlen musste. Meine Situation hat sich nun etwas verbessert: Im Moment arbeite ich bei einer Firma für Industriereinigung. Manchmal eine ganze Woche, dann wieder nur einen Tag, wie ich eben gebraucht werde. Um gut über die Runden zu kommen, müsste ich allerdings 200 Stunden im Monat arbeiten. Doch das ist unglaublich schwierig, mein Alter ist das grosse Problem.

«Roberto, du musst durchhalten»

Das RAV schickt Job-Listen, ich rufe überall an. «Senden Sie uns gern Ihren Lebenslauf», heisst es immer – dann warte ich eine Woche, zwei Wochen, drei Wochen. Wenn ich mit meinem bisschen Deutsch anrufe und nachfrage, heisst es: «Wir suchen leider nur jüngere Mitarbeiter». Da komme ich dann immer in der Realität an – ich werde langsam zu alt. Dabei halte ich mich fit und gehe oft joggen. Ich will doch arbeiten. Offiziell habe ich bis zu meiner Pensionierung nur noch ein Jahr, aber weil wir uns das nicht leisten können, brauche ich auch dann noch Jobs. Aber negative Gedanken machen einen ja nur krank.

Das Leben hat mich eins gelehrt: Man darf niemals seinen Optimismus verlieren. Ich sage mir immer: Roberto, du musst durchhalten, bisher ging es doch immer weiter. Auch in schlechten Zeiten gibt es immer etwas, worüber ich mich freue – wenn mein kleiner Enkel Rodrigo aus Spanien über den Bildschirm lächelt, geht für mich jedes Mal die Sonne auf.

In Kürze werde ich geimpft, darauf freue ich mich. Und ich mag es hier in der Schweiz. Dass es so grün ist und es überall Seen und Wälder gibt, ist einfach wunderbar! Aber man braucht leider auch viel Geld, um das Leben zu geniessen. Meine gefühlte Heimat ist Spanien. Und mein Traum ist es, bald mit Carol zurückzukehren und dort unseren Lebensabend zu verbringen. Wir haben immer noch unser Haus dort, wir können in der Nähe unserer Töchter leben und Rodrigo beim Aufwachsen zusehen. Das wäre schön.

 

Am Donnerstag erzählt Silvana Tortorella (49) von ihren erschreckenden Erfahrungen mit Long Covid.

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Mahena

1800.- Versicherungskosten? Komisch…