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Corona-Wendepunkte: «Schwanger wollte ich auf keinen Fall zurück nach Indien»

Zeitgeist

Corona-Wendepunkte: «Schwanger wollte ich auf keinen Fall zurück nach Indien»

Diese Woche erzählen fünf Menschen, wie die Corona-Pandemie ihr Leben auf den Kopf gestellt hat. Heute mit Asha Tetwal (37), Bankerin aus Indien, gestrandet in Winterthur.

Im Januar fingen mein Mann und ich an, unseren Hausstand auf ebay zu verkaufen. Kleidung, Möbel, Toaster, einfach alles. Wir wollten nach Indien zurückkehren, doch es sollte alles anders kommen. Am 20. März 2021 stellte ich fest, dass ich schwanger bin, zwei Tage später wurde aufgrund von Covid unser Flug storniert. Wir mussten in der Schweiz bleiben. Mein Körper reagierte zuerst: Ich bekam Fieber, fühlte mich unendlich schwach.

Nun muss man wissen, dass ich zwei Jahre lang versucht hatte, in Winterthur Anschluss zu finden. Vergeblich. Ich weiss nicht, wie oft ich meine Nachbar:innen eingeladen und immer wieder einen Korb bekommen habe. Die Menschen hier sind zu höflich, dir ins Gesicht zu sagen, dass sie keine Lust auf ein Treffen haben, also sind sie zu Meister:innen der Unverbindlichkeit avanciert. In Madhya Pradesh habe ich als Bankberaterin gearbeitet, hatte ein eigenes Haus, ein Auto, viele Freunde und führte mit meinem Mann eine gut funktionierende Distanzbeziehung.

Keine einzige Einladung

Ein Mal im Jahr kam er für ein paar Wochen zu uns, wir haben uns geliebt, gefeiert und die Zeit als Familie genossen. Ich war happy. Es war mein Mann, der darauf drängte, dass Anshika (damals 8) und ich in die Schweiz ziehen, probehalber einigten wir uns auf zwei Jahre. In Winterthur versuchte ich umgehend, einen Job zu finden. Auf dem Arbeitsamt war man zufrieden mit mir, weil ich immer das Doppelte an erforderlichen Bewerbungen rausschickte. Als ich nirgends eingeladen wurde, verwies man mich ans BIZ.

Ich erinnere noch genau an mein erstes Treffen mit dem Berufsberater: ‹Asiat:innen kaufen und fälschen doch eh all ihre Zertifikate, da studiert keiner wirklich›, sagte mir dieser Mann ins Gesicht. Ich habe an der Barkatullah-Universität in Bhopal studiert, zehn Jahre Berufserfahrung und in der State Bank of India gearbeitet, die mich nach wie vor zurück will. Doch das alles war plötzlich nichts mehr wert. Beim zweiten Treffen schlug er mir vor, einen Praktikumsplatz zu suchen. Doch wer will schon eine 35-jährige Praktikantin? Ich bedankte mich höflich und ging.

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Diese permanente Zurückweisung macht einen kaputt. Immer wieder fragte ich mich, was ich falsch mache. Das war dann auch der Punkt, wo wir beschlossen haben, zurückzukehren. Corona hat die Situation geändert, nicht nur wegen des stornierten Fluges. Schwanger nach Indien will ich ungeimpft auf keinen Fall. Fast alle in meinem Umfeld hatten mindestens zwei Mal Covid. Meine alten Kolleg:innen aus der Bank schicken mir Fotos, wie sie in Ganzkörperschutzanzügen, doppelter Maske, Schutzbrille und Gumminhandschuhen am Schreibtisch sitzen.

Vollkommen andere Freiheiten

In indischen Banken geht es viel chaotischer zu als hierzulande: Du hast immer fünf Leute gleichzeitig, die von Wartenummern, Distanz oder Masken nichts hören wollen. Ich hatte mehr als einmal Kund:innen, die mir auf den Schreibtisch geklettert sind. In Indien wäre ich vermutlich schon gestorben, schliesslich zählen Schwangere zur Risikogruppe. Mittlerweile habe ich meinen Frieden mit der Situation gemacht: Ich bin dankbar, dass ich dieses Baby in der Schweiz in Sicherheit zur Welt bringen darf, ich liebe die Natur hier, die klare Luft und habe erste Freunde gefunden.

Und ich bin dankbar, dass meine Tochter hier vollkommen andere Ausbildungschancen und Freiheiten geniesst. Sie darf sich anziehen, wie sie möchte, und ich muss keine Angst mehr haben, dass sie gekidnappt oder vergewaltigt wird. Im November kommt mein Baby und bis mindestens nächsten März werden wir hierbleiben. So lang hält mein indischer Arbeitgeber meinen Job frei. Dann sehen wir weiter.

 

Am Mittwoch erzählt Robert Pinto (64), wie er wegen Corona seinen Job verlor – aber nicht seinen Optimismus.

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