Schönheit

Darum fällt es mir so schwer, ungeschminkt das Haus zu verlassen

Text: Marie Hettich; Bild: Getty Images

Redaktorin Marie Hettich fühlt sich ohne Make-up unwohl. Ein feministisches Dilemma.

Ich schminke mich so gut wie jeden Tag. Schminken heisst: Ich benutze eine getönte Tagescreme, Abdeckstift, Puder, Rouge, Highlighter, Mascara, Eyeliner, Brauenstift und Brauengel. Und jetzt kommt der Witz: So wirklich geschminkt fühle ich mich trotz all diesen Produkten nicht. Ich fühle mich einfach wie – mich.

Der Ursprung des Ganzen liegt in meiner Pubertät. Mit 13 oder 14 ging es los, dass meine Freundinnen und ich stundenlang in Drogeriemärkten rumhingen. Es wurde zu einem Hobby, ja fast zu einem Muss, so viele verschiedene Lidschatten- und Nagellackfarben wie nur möglich anzuhäufen.

Kein Taschengeld mehr übrig

Ab dann war es für die Mehrheit von uns völlig normal, jeden Morgen brav die Pickel abzudecken, den Glanz wegzupudern, die Wimpern zu tuschen, die Wangen zu betonen. Das Geschminke vor der Schule hatte zur Folge, dass wir plötzlich den Wecker ein bisschen früher stellen mussten – und dass vom monatlichen Taschengeld jeweils sehr schnell nichts mehr übrig war.

Experimentierfreudig bin ich jetzt, fast 20 Jahre später, längst nicht mehr – ich habe so gut wie keine Make-up-Produkte zuhause, die über die Farbwelt Schwarz/Beige/Apricot hinausreichen. Aber trotzdem bin ich auf dem Trip, mir jeden Morgen mein Gesicht aufzumalen, irgendwie hängengeblieben.

Unscheinbar und unsicher

Ungeschminkt fühle ich mich meist: eher unattraktiv, eher unscheinbar, weniger selbstsicher – und, was sehr absurd ist: weniger gepflegt. So, als hätte ich vergessen, meine Zähne zu putzen. Das muss man sich echt mal vor Augen führen: Da gibt es Frauen – und ich tippe, es sind nicht wenige – die sich latent schmuddelig fühlen, nur weil sie sich nach dem Aufstehen keine Farbe ins Gesicht gepinselt haben.

Trotzdem bin ich, glaube ich, leider noch ein bisschen eitler als viele andere: Ich will gut aussehen, selbst wenn ich abends schnell zum Coop jogge, weil ich beim Einkaufen am Mittag etwas vergessen habe. Woran das liegt? Ich bin mir nicht ganz sicher.

Modeln hat nicht geholfen – im Gegenteil

Vermutlich war es für meine Entwicklung nicht nur förderlich, dass ich ab dem 15. Lebensjahr gemodelt und dementsprechend häufig völlig überschminkte und bearbeitete Bilder von mir gesehen habe.

Man wird ausserdem – und das können wahrscheinlich die meisten Models bezeugen – nicht gerade gütiger mit dem eigenen Aussehen, wenn der Körper ständig von zig Leuten vermessen und beurteilt wird. Und: Den Ruf der Schönen möchte man auch ungern wieder hergeben, wenn man ihn mal hat. Auch wenn man das an sich selbst noch so unsympathisch oder lachhaft findet.

15 Produkte auf- und zuschrauben

Man könnte jetzt fragen, was denn so schlimm daran ist, jeden Tag geschminkt durch die Gegend zu laufen: Mein Zeitaufwand hält sich in Grenzen, meine Ausgaben mittlerweile auch. Aber dass mich meine Abhängigkeit von Make-up so stresst, hat für mich vor allem feministische Gründe.

Mich nervt, dass die allermeisten Männer einfach so, wie sie sind, mit maximal ein bisschen Feuchtigkeitscreme und vielleicht etwas Gel in den Haaren, am Morgen komplett startklar sind – während viele Frauen erstmal 15 Produkte auf- und zuschrauben müssen, bevor sie sich mit einem okayen Gefühl als das «schönere Geschlecht» aus der Haustür trauen.

Oder um es in Nina Hagens Worten zu sagen: «Frauen werden den Männern niemals ebenbürtig sein, solange sie nicht mit Glatze und Bierbauch die Strasse runterlaufen können und immer noch denken, sie seien schön.»

Die Tücken der Body-Positivity-Bewegung 

Mich nervt, dass sich immer noch vor allem Frauen über ihr Aussehen definieren – so sehr, dass sogar die Body-Positivity-Bewegung Schönheit viel zu wichtig nimmt und behauptet, alle Frauen seien Granaten und jede Oberschenkeldelle ein Foto wert. Dabei müsste es doch eigentlich heissen: Hey, nicht jede Frau kann und muss zu jeder Zeit bildschön sein. Sie ist genau gleich viel wert, wenn sie es nicht ist.

Mich nervt, dass wir Frauen allen Ernstes glauben, wir brauchen all die Produkte, mit denen wir uns Glanz ins Gesicht malen und an anderen Stellen den Glanz verschwinden lassen – und dadurch vor allem die Beautyindustrie profitiert. Mich nervt, dass wir so viel mehr Geld für unser Aussehen ausgeben als Männer – obwohl wir für die gleiche Arbeit immer noch weniger Lohn bekommen.

Alle Schminksachen dabei?

Und was mich am allermeisten nervt: dass die Schminkerei so tief in mir sitzt, dass ich wahrscheinlich noch 100 weitere feministische Bücher lesen könnte und trotzdem vor jeder Reise hektisch doppelt-checken würde, ob ich all meine Schminksachen eingepackt habe.

Trotzdem kann ich aus dem Feminismus auch etwas ziehen, das mich in dieser komplizierten Sache etwas beruhigt: Als Frau ein bisschen gnädiger mit sich selbst zu sein, ist ebenfalls eine feministische Errungenschaft. Was bedeutet: Ich kann mit meinem eitlen, geschminkten Ich auch einfach Frieden schliessen.

Marie Hettich ,
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