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Der Fall Gabby Petito: Reine Sensationslust oder echte Anteilnahme?

Leben

Der Fall Gabby Petito: Reine Sensationslust oder echte Anteilnahme?

Der Fall sorgte weltweit für Schlagzeilen: Gabby Petito verschwindet während eines Roadtrips mit ihrem Verlobten. Die Welt verfolgt in Echtzeit, wie die junge Frau gesucht und schliesslich tot aufgefunden wird. Warum die riesige Anteilnahme Fragen aufwirft.

Anfang Juli fahren die 22-jährige Gabby Petito und ihr 23-jähriger Verlobter Brian Laundrie in ihrem umgebauten Minivan los, um quer durch die USA zu reisen. In den folgenden zwei Monaten fahren sie durch verschiedene Nationalparks im Mittleren Westen und dokumentieren ihre Reise ausführlich auf Social Media. Gabby postet Bilder wunderschöner Landschaften auf Instagram, erzählt strahlend von ihren Reiseplänen bei Youtube und lässt ihre Follower an ihrem vermeintlich perfekten Leben und ihrer perfekten Beziehung teilhaben – vom Morgen-Yoga in der Wüste bis zum nächtlichen Regenschauer im Zelt.   

Ende August hören die Posts auf Social Media plötzlich auf. Petitos Familie hört nichts mehr von ihr – und die Fassade beginnt zu bröckeln. Am 11. September wird Gabby schliesslich als vermisst gemeldet. Ihr Verlobter ist zehn Tage zuvor mit dem Van an den gemeinsamen Wohnort zurückgekehrt, scheinbar ohne seine Freundin. Kurze Zeit später verschwindet auch er. Innert Kürze wird der Fall zu einer True-Crime-Story, die die Welt in Echtzeit mitverfolgen kann.   

Immer mehr Puzzleteile kommen zusammen

Erst taucht das Video der Bodycam eines Polizisten auf. Augenzeugen riefen die Polizei, nachdem sie gesehen hatten, wie Laundrie Petito geschlagen hatte. Das Video zeigt eine aufgelöste Gabby Petito, einen erstaunlich ruhigen und zu Scherzen aufgelegten Brian Laundrie und Polizist:innen, die absurderweise seinen Körper auf Verletzungen hin untersuchen, nachdem sie gerufen wurden, weil er gewalttätig war.  

Es melden sich immer mehr Zeug:innen, die Laundrie und Petito in einem Restaurant streiten sahen, die Laundrie irgendwann Ende August per Anhalter mitgenommen hatten oder die den Van der beiden verlassen in einem Nationalpark erspähten. Immer mehr Puzzleteile kommen zusammen und die Internetgemeinschaft rätselt mit, Theorien beginnen zu kursieren.  

Die Zutaten, aus denen True-Crime-Storys bestehen

Das Rätsel um ihren Verbleib, die Informationsfetzen über die Tage vor ihrem Verschwinden, das fragwürdige Verhalten ihres Verlobten, die emotionalen Appelle ihrer Familie, die Hinweise aus der Bevölkerung – das sind die Zutaten, aus denen Krimi-Dokus auf Netflix oder True-Crime-Podcasts entstehen. Doch anders als bei diesen Fällen, welche sich mit vergangenen Verbrechen befassen, kann man im Fall #gabbypetito live mitverfolgen, wie sich die Geschichte entwickelt. 

Wie bizarr das anmuten lässt, zeigen Social-Media-Kanäle in diesen Tagen. In Kürze wächst Gabby Petitos Instagram-Followerschaft von wenigen Zehntausend auf über eine Million Menschen. Ein schickes Instagram-Profil, das eher zu einem Bubble Tea Shop als zur potenziellen Lösung eines Verbrechens passt, postet zudem regelmässig pastellfarbene Such-Appelle und News über den Fall.  

Der Hashtag #gabbypetito wird auf TikTok über eine Milliarde Mal angeschaut und auf Youtube werden im Stundentakt neue Videos über die junge Frau hochgeladen. Ihr Fall beherrscht die Medien und geht viral. In wahrer Entertainment-Manier lässt sich so an der Suche nach einer vermissten Person teilhaben, die sich dabei so gar nicht real anfühlt. Wurde sie ermordet? Von ihrem Freund? Hatten sie Streit? War er eifersüchtig? Oder sie etwa psychisch instabil? Egal ob wilde Spekulation oder üble Beschuldigung: Die User halten sich nicht zurück. Auch Laundries Profil wird mit Kommentaren überflutet, «wo hast du sie vergraben», schreiben etwa irgendwelche Hobbydetektive unter Fotos.  

Am 19. September werden menschliche Überreste in der Nähe eines Nationalparks in Wyoming gefunden und kurze Zeit später bestätigt die Polizei, dass es sich dabei um Gabby Petito handelt. Ihr Verlobter Brian Laundrie ist mittlerweile seit Tagen unauffindbar, das FBI befragt seine Familie, zahlreiche Menschen campieren vor seinem Haus in Florida und es kursieren TikTok-Videos, aufgenommen in seinem Vorgarten.   

Was macht diesen Fall anders?

Über eine halbe Million Menschen werden jährlich allein in den USA als vermisst gemeldet. Die Namen zahlreicher anderer vermisster Personen – darunter besonders Native American und People of Colour – haben wir noch nie gehört. Doch den Namen Gabby Petito kennt zurzeit gefühlt die ganze Welt, sie gilt als Mädchen von nebenan, als «All American Girl».   

Wieso erzeugt genau ihr Fall solche Aufmerksamkeit? Liegt es daran, dass wir uns mit Gabby Petito identifizieren können? Oder daran, dass sie dieses Bilderbuchleben zu führen schien, welches in Wirklichkeit so tragisch endete? Oder hat es ganz einfach damit zu tun, dass man dank ihrer Social-Media-Posts das Gefühl hatte, an ihrem Leben teilzunehmen, und dadurch diese riesige Betroffenheit ausgelöst wurde?     

Vielleicht ist es eine Mischung aus all diesen Faktoren. Und wahrscheinlich führt uns diese Geschichte auch vor Augen, dass die Perfektion, welche uns in den Sozialen Medien vorgegaukelt wird, selten real ist. Da ist dieses riesige Gefälle zwischen den von ihr auf Social Media geposteten Videos und der Bodycam des Polizisten – Instagram versus Realität, wie es auf der Plattform gerne heisst. Hinzu kommt die Tatsache, dass wie bei einer Krimi-Doku verfolgt werden konnte, was gerade passiert.   

Ein Fall, der kaum zu begreifen ist

Die Anteilnahme auf Social Media wirkt überwältigend. Unter jedem Post zu Gabby Petito stehen unzählige Kommentare, Menschen erzählen ihre eigenen Geschichten, teilen ihr Mitgefühl, sprechen Gebete, schicken Segenswünsche – und es kursieren abertausende Hinweise. Wie nützlich diese effektiv waren, das kann nur die Polizei beantworten.  

Doch trotz der digitalen Anteilnahme wirkt vieles an diesem tragischen Fall – und vor allem an dessen Verbreitung in den Sozialen Medien – so künstlich und inszeniert, dass es schwierig ist, diesen mutmasslichen Femizid wirklich zu begreifen. Es ist kaum möglich einzuordnen, dass es sich hier um einen echten Menschen handelt, um den gerade Angehörige und Freunde trauern und über den nicht einfach Instagram-Storys mit weinenden Emoji-Gesichtern gepostet werden. 

Doch eigentlich müsste doch nur diese Tatsache im Vordergrund stehen: Dass eine junge Frau zu einer Reise aufbricht, von der sie nicht zurückkommt. Und dass der Verdächtige, der sie wahrscheinlich umgebracht hat, der Mann ist, den sie liebte und dem sie vertraute – und der vordergründig wie ein ganz normaler, netter Typ wirkte. 

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