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Die Schweizer App «With You» soll bei häuslicher Gewalt helfen

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Die Schweizer App «With You» soll bei häuslicher Gewalt helfen

Mit der App «With You» startet Alliance f ein digitales Projekt gegen häusliche Gewalt. Eine Schweizer Premiere, wie Geschäftsführerin Sophie Achermann erklärt.

annabelle: Sophie Achermann, Alliance f hat vor Kurzem das Projekt «Stop Hate Speech» lanciert, ein Onlinetool zur Bekämpfung von Hassreden im Internet. Nun zieht sie mit einer App gegen häusliche Gewalt nach. Was war der Auslöser dafür?
Sophie Achermann: Der Lockdown im April vergangenen Jahres. Damals hörte ich bei einer Familie im Haus nebenan immer wieder laute Auseinandersetzungen. Ich fühlte mich hilflos, fragte mich: Was kann ich tun? Mich beschäftigte auch, dass in der Zeit der Pandemie viele Opfer von häuslicher Gewalt mit dem oder der Täter:in quasi in den eigenen vier Wänden eingesperrt waren und nicht einfach zum Telefon greifen konnten, um Hilfe zu holen. Das hat mich dazu bewogen, mich mit möglichen digitalen Lösungen auseinanderzusetzen.

Anlaufstellen für Betroffene von häuslicher Gewalt gibt es schon viele: Frauenhäuser, Hotlines oder auch die Beratungsstellen der Opferhilfe.
Natürlich. Aber lassen Sie mich ausholen: 2019 rückte die Polizei alle 36 Minuten wegen häuslicher Gewalt aus. Aufgrund der Covid-19-Krise ist das Risiko, Opfer von häuslicher Gewalt zu werden, zusätzlich gestiegen. Dennoch kam es bloss in etwa zwanzig Prozent der Fälle zu einer Strafanzeige. Das heisst: Die Dunkelziffer dürfte gross sein. Daraus schliessen wir, dass viele die Beratungsstellen oder Hotlines nicht oder nicht früh genug in Anspruch nehmen, sei es, weil das Thema zu stigmatisiert ist oder die Hürden zu hoch sind. Die Opferberatung Zürich hat als erste kantonale Stelle eine 24-Stunden-Chatberatung eingeführt. Andere digitale Angebote gibt es hierzulande kaum. Mit der App «With You» wollen wir diese Lücke schliessen.

Enthält diese App eine Taste für Notfälle oder setzt sie bereits bei der Prävention an?
Die meisten der bestehenden Apps, die vor allem für angelsächsische Länder entwickelt wurden, fokussieren auf Alarmsituationen. Wir aber wollen Frauen abholen, bevor die Gewalt eskaliert.

Können Sie das näher erklären?
Viele Frauen merken erst relativ spät, dass ihre Beziehung von Gewalt geprägt ist, da sie zum Beispiel Beschimpfungen nicht als Gewalt definieren. Oft haben sie nur ein ungutes Gefühl. Die App soll helfen, diesem Gefühl auf die Spur zu kommen und es zu objektivieren. Das geschieht mithilfe eines interaktiven Tools in Form eines Fragekatalogs und von Einschätzungsskalen. Das Tool analysiert die Gesundheit der Partnerschaft, das Gewaltrisiko oder das Ausmass der bestehenden Gewalt – und unterstützt so die Betroffenen bei der Entscheidung, was die nächsten Schritte sein könnten. Diese Daten können direkt an eine Beratungsstelle weitergeleitet werden, die dann wiederum mit der betroffenen Person Kontakt aufnimmt. Erfahrungen zeigen, dass dieses sogenannte Warm-Handoff dazu geführt hat, dass sich sehr viel mehr Gewaltbetroffene rechtzeitig unterstützen lassen. In den USA etwa hat sich die Zahl der Frauen, die Beratungsstellen aufsuchen, um zwanzig Prozent erhöht.

Werden Not oder Einsamkeit durch das digitale Vorgehen nicht noch akzentuiert?
Im Gegenteil. Wir hören von vielen Frauen, dass sie sich in diesem Prozess weniger allein fühlen, auch wenn die Abläufe digital sind. Zudem haben sie die Möglichkeit, in einem sicheren Bereich der App Dokumente hochzuladen; Fotos, Notizen, Screenshots oder Videos. Denn wenn es zu einer Anzeige kommt oder eine Opferhilfe beansprucht werden muss, braucht es Beweise. Das ist vielen noch zu wenig bewusst. Zudem tendieren Betroffene dazu, Beweismaterial zurückziehen, sobald die Gewalt verebbt ist. Werden die Daten auf der App gespeichert, können sie nicht unmittelbar gelöscht werden.

Wie kann der Datenschutz und damit auch der Schutz der Betroffenen gewährleistet werden?
Der erste Bereich der App, in dem es um Infos, Einschätzung der Beziehung und Entscheidungsfindung geht, ist ohne Log-in zugänglich. Die Daten werden hier anonymisiert und aggregiert, mit dem Ziel, steigende Gewaltraten vorherzusagen und Dienstleistungen in der Schweiz besser mit den Bedürfnissen der Betroffenen abzustimmen, da die Datenlage zur häuslichen Gewalt sehr dünn ist. Der zweite Bereich, in dem Beweise gespeichert werden können, ist zweifach verschlüsselt und nur mit Log-in zugänglich. Er wird sicherer sein als ein Banksafe.

Wo findet man diese App? Ich nehme an, man kann sie nicht einfach im App-Store herunterladen, oder?
Nein – und man wird sie aus Sicherheitsgründen auch nicht einfach auf seinem Smartphone neben all den anderen Apps stehen haben. Es ist eine interaktive Website, die man über Google finden kann. Um die Sicherheit der Betroffenen zu garantieren, kann der Suchverlauf einfach gelöscht werden.

Dies setzt voraus, dass man Internetzugang hat und affin genug ist, um diese Applikation zu nutzen.
Uns ist bewusst, dass dieses Tool kein Befreiungsschlag für alle ist. Wir fokussieren auf die 20- bis 45-Jährigen. Es ist die Gruppe, die am häufigsten von häuslicher Gewalt betroffen ist. Die Web-App wird aber so eingerichtet, dass sie auch gemeinsam mit jemand anderem benutzt werden kann.

Bist du direkt von häuslicher Gewalt betroffen oder hast häusliche Gewalt miterlebt und bist interessiert daran, deine Erfahrungen für die Entwicklung der App einzubringen? Dann melde dich bei: [email protected]. Die Lancierung der App «With You» von Alliance f ist auf Frühling 2022 geplant.

Von häuslicher Gewalt betroffene Personen finden Hilfe unter opferhilfe-schweiz.ch

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