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«Die Uniform zu tragen, macht mich stolz»: 5 Leute über ihre Berufskleidung

Leben

«Die Uniform zu tragen, macht mich stolz»: 5 Leute über ihre Berufskleidung

Kleider machen Berufsleute: Ob Primoballerino oder Offizierin, sobald sie Kostüm und Uniform bei der Arbeit tragen, sind sie jemand – anderer.

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Alexander Jones (35)

Erster Solist, Ballett Zürich

«Nachdem ich vor zehn Jahren zum ersten Mal Shakespeares Romeo getanzt hatte, wurde ich auf der Bühne zum Ersten Solisten befördert, zum Primoballerino. Für das legendäre Balkon-Pas-de-deux, den emotionalen Moment, in dem Romeo Julia seine Liebe gesteht, trug ich ein ganz ähnliches Kostüm wie jenes auf dem Bild: weisse Strumpfhose, dazu eine weisse Seidenbluse, nackte Brust. Das Kostüm stimmt dich mit seinem romantischen Look perfekt auf die Rolle des Romeo ein, des Boy in Love, der so sehr kämpft. Ich liebe es, verliebt zu sein auf der Bühne. Ich liebe es, verliebt zu sein im echten Leben. Oder Anna Karenina: Wenn ich im Stück Graf Alexej Wronski spiele, den Lover von Anna, dann trage ich eine Militäruniform, das weisse, plissierte Hemd bis oben hin zugeknöpft. Sie verändert meine Körperhaltung auf der Bühne, richtet mich auf.

Das Publikum merkt sofort, dass ihr Träger einen bestimmten Rang hat, einer bestimmten Familie angehört. Es ist ein wirklich schönes Kostüm, ich fühle mich darin tatsächlich wie ein hochdekorierter General, wie jemand, der wichtig ist. Und ein wenig schenkt es mir auch das nötige Machogehabe. Das Kostüm bietet mir das Extrastück Material, mit dem ich spielen, gestikulieren kann. Klar, ich kann im Training mimen, wie ich einen Ärmel runterziehe oder den obersten Knopf meines Hemdes schliesse, aber es ist nicht dasselbe. Erst im Kostüm werden wir zur Rolle, zum Charakter, verkörpern das Gefühl, das wir dem Publikum vermitteln wollen. Es anzuhaben, bedeutet: It’s showtime!»

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Caroline Weibel (27)

Leutnant, Schweizer Armee

«Es ist paradox: Eine Uniform soll uniformieren, gleich machen. Mich aber rückt sie, zumindest im öffentlichen Raum, ins Rampenlicht. Es gibt Momente, in denen ich das geniesse, aber nicht immer. In der Stadt Bern etwa ist es unangenehmer als in Luzern, vermutlich wegen des politischen Klimas. In der Gruppe hingegen stört es mich kaum, da bin ich wenigstens nicht der einzige Grund für die Blicke. Klar, vielleicht denken einige: Cool, eine Frau in Uniform. Andere aber: Die ist doch nur wegen der Männer im Militär. Menschen projizieren so viele Vorurteile und Meinungen in dieses Tenue. Sogar mein Vater, ein ehemaliger Milizmajor, war von meinem Vorhaben, der Armee beizutreten, zunächst wenig begeistert. Heute erzählt er allen stolz von mir.

In meinem Infanteriebataillon befehlige ich rund vierzig Soldaten. Zurzeit leiste ich gerade einen Wiederholungskurs. Die Soldaten in meinem WK wissen vorab nicht, dass ihr Zugführer eine Frau ist. Entsprechend viele argwöhnische Blicke werde ich am ersten Tag ernten. Und die Tage davor angespannt sein, weil ich mich aufs Neue beweisen muss. Aber die Uniform wird mir Sicherheit geben. Sobald ich sie anziehe, weiss ich: Äusserlich strahle ich jetzt schon mal das aus, was ich ausstrahlen soll. Den Rest erledigen meine Persönlichkeit und meine Führungsfähigkeit.

Ich versuche, meinem Charakter im Tarnanzug so treu wie möglich zu bleiben. Aber ich muss auch erfüllen, was man von mir erwartet: streng sein und Befehle erteilen. Gerade in den ersten Tagen nehme ich also ganz bewusst eine Rolle ein. Es ist die Rolle der Anführerin, die sich vorne hinstellt und absolute Sicherheit ausstrahlt. Auch dann, wenn sie vielleicht mal unsicher ist. Würden wir alle in Zivil dort stehen, würde ich mich nicht halb so ernst genommen fühlen. Gleichzeitig möchte ich den Soldaten unbedingt auf Augenhöhe begegnen, sie nicht nur mit dem Grad führen.

Meinen Tarnanzug trage ich wirklich gern. Den Ausgänger hingegen weniger. Er ist grau, unauffällig, bescheiden – total schweizerisch. Ich fühle mich darin wie im Frauenhilfsdienst anno 1950. Klar, wir sind eine defensive Armee in einem neutralen Land. Und ich muss im Militär nicht gut aussehen. Aber es geht ja auch ums Gefühl: Die Uniform der britischen Armee etwa ist viel prachtvoller, ich finde, wir dürften uns genauso stolz präsentieren.»

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Valquiria Marroques de Miranda (35)

Assistentin Management bei McDonald’s

«‹Ich gehe sicher nicht zu McDonald’s!› Mein Mann hatte vorgeschlagen, dass ich mich dort bewerben soll, wir wohnen gleich gegenüber einer Filiale. In Brasilien sagt man: Wer bei McDonald’s arbeitet, hat nichts erreicht. Doch als ich 2015 zu meinem Mann in die Schweiz zog, fing ich bei null an. Ich habe meinen Lebenslauf dann trotzdem vorbeigebracht.

Als ich bei McDonald’s anfing, hatte ich ein Ziel: Eines Tages trage ich ein weisses Hemd. Man bekommt es erst, wenn man den Schichtführerkurs besteht. Anfangs habe ich oft die Lobby geputzt, ich sprach ja kein Deutsch. Danach arbeitete ich als Küchen- und Kassenmitarbeiterin, seither bin ich fast jedes Jahr aufgestiegen: Zur Hostess, die mit Kindern Geburtstag feiert, zur Guest Experience Leader und schliesslich zur Assistentin des Managements mit Führungsverantwortung.

Entsprechend hart habe ich für diese Uniform gearbeitet. Genau wie für meine Wohnung, für mein Auto und den Swimmingpool in Brasilien, damit meine Mutter nicht jeden Sommer den aus Plastik aufblasen muss. Und entsprechend viel bedeutet mir die Uniform. Sie zu tragen, macht mich stolz, das strahle ich aus. An besonderen Tagen, beispielsweise wenn ein wichtiger Besuch ansteht, trage ich Jupe statt Hose, darin fühle ich mich besonders chic. Und das Foulard, mein liebstes Detail der Uniform.»

Gennaro Archidiacono (59)

Chefconcierge, Hotel Storchen, Zürich

«Ich trug schon als kleiner Knirps eine Uniform, zur Schule in Italien. Seit 1989 nun die des Concierge des Hotels Storchen. Über die Jahre hat sie sich immer wieder gewandelt, ging mit der Mode. Früher war unsere Krawatte verziert, heute ist sie dezenter. Und wir tragen jetzt ein Gilet, damit wir im Sommer das Jacket öffnen können.

Am Revers trage ich die gekreuzten Schlüssel der Vereinigung Clefs d’Or. Gäste, die in 5-Sterne-Häusern verkehren, wissen, was sie bedeuten. Man muss sie sich erst verdienen, sie öffnen symbolisch alle Türen. Ein Gast muss nach Barcelona, aber sein Flug wurde wegen des Ausbruchs des Eyjafjallajökull gecancelt? Kein Problem! Wir bauen einen Mercedes Viano zum fahrenden Hotel um, das ihn über Nacht bequem nach Spanien fährt.

Am Wochenende tausche ich meine Concierge- Uniform gegen jene des vierfachen Familienvaters: Jeans, T-Shirt, Turnschuhe und Fischerrute. Optisch bin ich ohne meine Arbeitskleidung also ein komplett anderer Mensch. Und auch mental: Wenn ich alltäglich angezogen bin, brauche ich nicht aufzufallen, rauszustechen. Dann verstecke ich mich fast ein wenig hinter meiner Kleidung. In meinem Job geht das natürlich nicht. Da muss – will! – ich präsent sein, auf die Gäste zugehen, von ihnen angesprochen werden. Erst die Uniform erlaubt mir, mein ausgeprägtes Dienstleistungsbewusstsein auszuleben. Sie bietet meiner Persönlichkeit eine Bühne.»

Fetish Mistress Justine (40)

Domina

«Für viele meiner Gäste bin ich wie eine Puppe, die sich nach ihren Wünschen anzieht. Sie haben eine exakte Vorstellung davon, wie ich auszusehen habe, damit ich ihren Fantasien entspreche. Die Glatze hilft: Wollen sie mich rothaarig? Blond? Mit Gummimaske?

Sadomaso-Gäste planen nicht. Sie haben ein anstrengendes Meeting und wollen anschliessend sofort ihren Fetisch ausleben, um runterzukommen. Ich muss dann möglichst schnell in mein Latex-Outfit steigen. Aber Latex ist eng, muss geölt oder gepudert werden, damit man überhaupt reinkommt. Und es reisst schnell. Wenn meine Studiopartnerin nicht da ist, um mir zu helfen, flippe ich aus. Sobald ich das Latex dann aber trage, fühlt es sich an wie eine zweite Haut. Da ist diese Spannung, die ich sonst nur vom Ballett kenne. Leder hingegen ist härter, darin fühlst du dich automatisch dominanter. Wenigstens kann ich die Zeit beim Anziehen nutzen, um mich mental auf die Session vorzubereiten. Das ist nötig. Nicht nur, weil es sich jedes Mal anfühlt, als würde ich gleich eine Bühne betreten. Sondern weil ich mir die Wünsche meiner Kunden immer ganz genau erklären lasse, sie im Kopf noch einmal durchgehe, verinnerliche. Auch die Spielsachen und das Studio bereite ich entsprechend vor. Das alles beansprucht viel Zeit, ich akzeptiere höchstens einen oder zwei Kunden pro Tag.

Nicht selten haben die Fetische meiner Gäste ihren Ursprung in der Kindheit. Ich habe einen Gast, der hat früher seine Lehrerin beim Rauchen beobachtet. Der bringt mir immer diese dünnen, nuttigen Zigaretten mit und ich sitze da und rauche, während er mir zusieht und meine Stiefel leckt. Oder einer, der wurde als Kind nach dem Turnunterricht verhauen und gezwungen, an Turnschuhen zu schnüffeln. Was ihn damals ekelte, macht ihn heute geil.

Andere wollen draussen überwältigt, ins Auto gepackt und entführt werden. Und dann gibt es noch die, bei denen du dich fragst: Müsste man das nicht eigentlich melden? Heute lebt er seine Fantasien bei mir aus, aber wie endet das? Zum Glück habe ich eine Studiopartnerin, mit der ich über solche Sessions sprechen kann. Sobald ich das Domina-Outfit abstreife, bin ich wieder Privatperson. Ich habe übrigens selbst einen Fetisch für Lack und Plüsch. Am liebsten würde ich sogar zum Gassigehen mit meinen Hunden Lack tragen. Aber ich falle eh schon auf mit meiner Glatze, das reicht mir.»

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