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Ein halbes Leben auf der Flucht: Wie es ist, als Tochter eines Trickbetrügers aufzuwachsen

Leben

Ein halbes Leben auf der Flucht: Wie es ist, als Tochter eines Trickbetrügers aufzuwachsen

Cheryl Diamond verbrachte ihr halbes Leben auf der Flucht vor der Polizei, weil ihr Vater ein international gesuchter Trickbetrüger war. Wie übersteht man so eine Kindheit?

Im Alter von vier Jahren weiss Cheryl Diamond, dass sie Fremden gegenüber niemals ihren richtigen Namen preisgeben darf. Keine Spuren zu hinterlassen sei überlebenswichtig, sagt Daddy. Daddys Lieblingsdecknamen sind Mr. Cash, Mr. Sterling und Mr. Gold. Daddy sagt auch, dass es nicht der Lichtkegel eines Helikopters sei, den er fürchtet, oder eine kläffende Polizeihundestaffel. Es sind die ganz banalen Dinge, die die Behörden auf ihre Fährte locken könnten: ein Fingerabdruck auf einem Briefcouvert, ein Geburtstagsanruf bei der Grossmutter, ein einziger Moment der Unachtsamkeit, der sie auffliegen lassen könnte, und dann ist alles vorbei. «Überleben oder Sterben – deine Entscheidung», sagt Daddy mit hartem Blick. Da ist Cheryl sechs. Die Last der Verantwortung hängt wie ein Mühlstein um ihren Hals. Was, wenn sie einen Fehler macht?

Damit ihre Tarnung gewahrt bleibt, müssen sich alle Familienmitglieder an folgende Regeln halten: Gib niemandem die Telefonnummer von dem Ort, an dem du gerade lebst. Gib stattdessen eine Nummer in einer anderen Stadt an, wo man Nachrichten nach dem Piepton hinterlassen kann. Rufe diese Nachrichten immer von einer öffentlichen Telefonkabine ab.

Richte ein Postfach ein. Wenn du deine Post abholst, fahre Umwege, mache abrupte Richtungswechsel und hab immer den Rückspiegel im Blick, damit dir niemand folgt. Und am allerwichtigsten: Wenn du einen Ort verlässt, kehre niemals wieder zurück, egal, wie sehr du an den Menschen dort hängst. Bekannte und Freunde dürfen nie wieder kontaktiert werden.

Mit neun Jahren schon unter sechs verschiedenen Identitäten gelebt

Es gab wenig Kindgerechtes in der Kindheit von Cheryl Diamond. Ihr Vater war ein Trickbetrüger, international zur Fahndung ausgeschrieben von Interpol. Mit neun Jahren hatte sie bereits unter sechs verschiedenen Identitäten in mehr als einem Dutzend Ländern auf fünf Kontinenten gelebt. Manche Erlebnisse seien auch schön gewesen, sagt sie, oder zumindest aufregend. In einem Alter, in dem andere vielleicht Badeferien auf Mallorca machten, hatte sie schon den Goldenen Tempel von Amritsar gesehen und in Südafrika das Ende der Apartheid miterlebt.

Doch nüchtern betrachtet waren ihre Kinder- und Jugendjahre eine einzige atemlose Flucht. Ihr Vater zockte mit dubiosen Finanzprodukten und erleichterte andere um ihre Millionen – bis ihm jemand auf die Schliche kam und die Familie einmal mehr untertauchen musste. Vielleicht ist er bis heute kriminell. Cheryl Diamond, inzwischen 34 Jahre alt, weiss das nicht, denn sie hat vor zehn Jahren jeden Kontakt zu ihrem Erzeuger abgebrochen. Seither versucht sie, sich ein normales Leben aufzubauen, ein Leben mit einem Zuhause, mit Freunden, einem Beruf und einem Alltag, der nicht von konstanter Alarmstimmung und Paranoia erfüllt ist.

«Ich fühle mich, als käme ich aus einem geheimen Krieg»

Doch die Vergangenheit lässt sich nicht so einfach abschütteln. «Ich fühle mich, als käme ich aus einem Krieg, von dem niemand weiss», sagt sie, «einem geheimen Krieg.» Tatsächlich hat einer ihrer Therapeuten bei ihr Symptome diagnostiziert, unter denen sonst Kriegsveteranen leiden. Andauernd bereitet sich ihr Gehirn auf alle Eventualitäten vor, als drohe noch immer Gefahr. «Ich muss die Lösung für ein Problem wissen, bevor es überhaupt auftritt, das kann sehr stressig sein», sagt sie. Eine Zeitlang nahm sie Medikamente gegen ihre Posttraumatische Belastungsstörung.

Das alles sieht man Cheryl Diamond nicht an. Sie ist eine grosse, aussergewöhnlich schöne Frau mit einer angenehmen, ruhigen Ausstrahlung und ausdrucksstarken Augen. Als Teenager hat sie in New York gemodelt – was weniger glamourös war, als es jetzt klingen mag, doch dazu später mehr.

«Fühle mich, als hätte ich schon mindestens sechs Leben gelebt»

Wir treffen Cheryl Diamond in Rom, das sie sich zur Wahlheimat auserkoren hat, «weil die Italiener verstanden haben, was Freude ist und wie man sie ausgerechnet dort findet, wo ich sie früher nie vermutet hätte: im Zusammensein mit anderen». Ihr Freundeskreis besteht aus zehn Menschen, die für sie die Bedeutung einer Familie haben. Bevor es sie gab, habe sie sich «sehr, sehr einsam» gefühlt, sagt sie. Viele ihrer Freund:innen hatten auch eine schreckliche Kindheit, das verbindet. Die meisten sind älter als sie, «denn ich fühle mich, als hätte ich schon mindestens sechs Leben gelebt».

Das Gespräch findet in der Wohnung von Massimo Arlechino (70) und seiner Frau Paola (58) statt. Massimo, der stets eine glimmende Zigarre in den Fingern hält, war einst Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, bevor er der Politik den Rücken kehrte und zum Gastronomen umsattelte. Die Wohnung der Arlechinos ist einer dieser herrlichen römischen Paläste mit endlosen Zimmerfluchten voller Kunst und Reisesouvenirs. Cheryl wohnt oft hier, «Paola und Massimo sind wie Tante und Onkel für mich». Ebenfalls anwesend ist Derrick Jones, ein in Rom lebender Interiordesigner aus den Vereinigten Staaten, der früher die Läden von Burberry ausstattete. Cheryl stellt ihn als «meinen besten Kumpel» vor. Es liegt auf der Hand, dass sie ihre Freunde hergebeten hat, um sich sicherer zu fühlen.

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Keine Interviews in ihrer Wohnung

In ihrer eigenen Wohnung gibt sie keine Interviews. «Ich muss vorsichtig sein», sagt sie bloss. Was sie damit meint, ist, dass ihr Vater nicht wissen darf, wo sie wohnt. «Er ist ein sehr gefährlicher Mann» – und zudem mit Sicherheit wütend, weil sie ein Buch über ihre Vergangenheit geschrieben und darin all die dunklen Geheimnisse aus ihrer Kindheit ans Licht gezerrt hat. «Ich habe darüber nachgedacht, ob er es wohl liest und versuchen wird, mich zu finden», sagt sie mit erstaunlicher Ruhe in der Stimme, «aber ich habe entschieden, dass es das wert ist.»

«Nowhere Girl» heisst ihr Memoir. Ein Stoff wie gemacht für eine Netflix-Serie mit mindestens fünf Staffeln. Tatsächlich haben auch schon etliche Produktionsfirmen bei ihr angeklopft. Alles, was darin stehe, sei wahr, sagt Cheryl Diamond. Es sei ein gigantischer, zehn Jahre dauernder Kraftakt gewesen, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen und sie zu Papier zu bringen. Die ersten sieben Jahre war sie schwer krank und immer wieder im Spital, geschwächt von der Autoimmunkrankheit Morbus Crohn.

Zwei Monate lang lag sie mit inneren Blutungen auf der Intensivstation des Gemelli-Spitals in Rom. Viermal wäre sie fast gestorben, bei einer Grösse von 1 Meter 78 wog sie noch vierzig Kilo. Ihre Ärztin habe ihr oft geraten, aufzuhören mit dem Schreiben, denn jedes Mal, wenn sie ein neues Kapitel in Angriff nahm, kündigte sich kurz darauf ein Schub der Krankheit an. «Aber da war so ein Feuer in mir», sagt Cheryl Diamond, «ich musste das Buch einfach schreiben, ich hatte keine Wahl.»

Der Vater herrschte wie ein absolutistischer Sektenchef

Die Finanzbetrügereien ihres Vaters werden darin eher als Details am Rande abgehandelt. Das eigentliche Thema ist die toxische Familienkultur, in der bloss ein einziges Ziel existierte: sich dem tyrannischen Vater zu unterwerfen, der über seine Familie herrschte wie ein absolutistischer Sektenchef und sie für seine kriminellen Machenschaften als Geiseln nahm.

Das Buch fängt ganz harmlos, ja beinahe amüsant an: Cheryl wird als Nesthäkchen in eine Familie von Hippies hineingeboren, die aus nicht näher erwähnten Gründen zur Religion der Sikhs übergetreten sind. Der Vater: ein charismatischer Kanadier mit dem wilden Aussehen eines Wikingers, die Mutter: eine luxemburgische Schönheit. Von anderen Hippies, die durch die Welt tingeln, unterscheiden sie sich vor allem durch ihr erstaunliches Budget, das ihnen erlaubt, in den besten Häusern abzusteigen.

Als Cheryl in Neuseeland geboren wird, bekommt sie von ihren Eltern einen glanzvollen Sanskrit-Namen verpasst: Harbhajan Khalsa Nanak – Göttliches Lied, Rein, Wahrheit. Zu den unzähligen Decknamen, die sie später benutzen muss, wird auch Cheryl Diamond gehören. «Als ich anfing, Bücher zu schreiben, beschloss ich, dass dieser Name doch ganz gut als Pseudonym passt.» Er ist heute der Name für ihre öffentliche Existenz und steht auch in ihrem Pass. Ein Allerweltsname. Ms Diamond – wie Mr. Cash, Mr. Sterling oder Mr. Gold. «Im Grunde genommen sind es ja nur Buchstaben», sagt sie. Enge Freunde würden sie Harbhajan oder Bhajan nennen.

Bedingungslose Liebe gab es in ihrer Familie nicht

Die beiden Halbgeschwister Frank (der Cheryls einziger Verbündeter in der Familie ist) und Chiara (der sie Zeit ihres Lebens aus dem Weg geht) sind zehn beziehungsweise zwölf Jahre älter als sie. Die Mutter ist eine freundliche, aber schwache Figur, die vor ihrem despotischen Mann kuscht und sich regelmässig von ihm niedermachen lässt. Konventionell ist in dieser Familie, genannt «The Gang», rein gar nichts.

Bildungseinrichtungen hält der Vater für Brutstätten der Regierungspropaganda, also unterrichtet er seine Kinder selbst. Gelernt wird, was der Alltag gerade hergibt: wie die Gipfel des Himalaya heissen, nach welchem Prinzip der Verbrennungsmotor funktioniert, wie man im Supermarkt klaut, ohne sich erwischen zu lassen, dass Zucker verbotenes Teufelszeug ist, wie man Ausweispapiere notfalls mit dem Fotokopierer fälscht und vor allem, dass man sich Daddys Befehlen niemals, unter gar keinen Umständen widersetzt. Als es Cheryl einmal wagt, am Glace eines anderen Mädchens zu schlecken, peitscht er sie mit einem Elektrokabel aus.

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Die Bildungslücken spürt sie bis heute. Was andere in der Schule lernten, muss sie sich mühsam selbst beibringen. «Doch viel schlimmer ist, dass ich Liebe und Freundschaft verpasst habe.» Beziehungen zu Gleichaltrigen hätten vielleicht kompensieren können, was ihr zuhause fehlte. Bedingungslose Liebe habe es in ihrer Familie nicht gegeben, sagt Cheryl Diamond, «die Zuneigung konnte einem in jedem Moment wieder entzogen werden.»

«Unser Vater hat uns benutzt»

Früh schon wird Cheryl darauf getrimmt, in allem die Beste zu sein. Ihr Bruder Frank schwimmt auf Olympia-Niveau. Cheryl soll ihm als Kunstturnerin nacheifern und muss so hart trainieren, dass sie schon mit acht Jahren unter schmerzhaften Knorpelschäden leidet. «Unser Vater hat uns benutzt», sagt sie, «er hoffte, mit Hilfe seiner talentierten Kinder Geld zu verdienen oder an Connections für seine Geschäfte zu kommen.» Bei den Olympischen Jugendspielen gewinnt Cheryl tatsächlich einmal eine Goldmedaille, «doch mein Grundgefühl war: Egal was ich leiste, es ist nie genug».

Freundinnen und Freunde hat sie keine – viel zu riskant. Als sich die Mutter doch einmal um eine Spielgefährtin für Cheryl bemüht, muss sie ihr das Mädchen vorstellen, «als wären wir auf einer Uno- Konferenz», so viel Angst jagt ihr die ungewohnte Situation ein. Auch Frank und Chiara, längst junge Erwachsene, dürfen keinerlei Freund- oder Liebschaften pflegen. So kommt es, dass Frank sich schliesslich dem einzigen weiblichen Wesen annähert, das für ihn verfügbar ist: seiner neunjährigen Schwester Cheryl.

Als Erwachsene glaubte sie, Männer könnten ihr ansehen, wie beschmutzt sie sei

«Er war kein schlechter Mensch» sagt sie. «Wir waren wie zwei Kinder, die sonst niemanden hatten.» Dass Frank nachts in ihr Bett kam, habe sich «irgendwie logisch» angefühlt, angesichts der Kälte, die in ihrer Familie herrschte. Sie beide hätten im Gefühl gelebt, in ständiger Todesgefahr zu schweben. Längst hat sie ihrem Bruder verziehen, auch wenn ihr sehr wohl bewusst ist, dass er mit dem Missbrauch ihre Seele beschädigte. Später, als erwachsene Frau, glaubte sie, die Männer könnten ihr ansehen, wie benutzt und beschmutzt sie sei. Einem Mann zu vertrauen schien ihr lang unmöglich.

Erst als sie ihr Buch schrieb und darin auch den Missbrauch öffentlich machte, gelang es ihr, die Scham loszulassen. «Etwas Magisches passierte», sagt Cheryl Diamond, «statt auf mich herabzusehen, wie ich es befürchtet hatte, erzählten mir die Menschen von ihren eigenen Wunden.» Die Entdeckung, dass auch andere Schlimmes erlebt hatten, erlöste sie aus ihrer Isolation.

Vorsicht bei der Partnerwahl

Alle ihre Therapeut:innen rieten ihr, extrem vorsichtig bei der Partnerwahl zu sein. Zu gross sei die Gefahr, dass sie alte Muster wiederholen und an einen gewalttätigen Mann geraten könnte. Erst vor wenigen Jahren wagte sie sich an erste Flirts. «Inzwischen weiss ich, dass ich mir und meiner Wahrnehmung vertrauen kann», sagt sie, «aber ich muss noch immer lernen, meine Gefühle zu zeigen.» Sie wirke oft so unabhängig und eigenständig, als ob sie gar keinen anderen Menschen brauche, «aber das stimmt nicht».

Ihr Freund Derrick habe ihr aufgezeigt, wie verwirrt an ihr interessierte Männer manchmal seien, weil sie von ihr keinerlei Signale des Gegeninteresses bekämen. «Er ist mein Liebescoach, nicht wahr, Derrick?», ruft sie grinsend in Richtung ihres Freundes, der nebenan auf einem Sessel lümmelt. Derrick Jones steht auf und küsst sie auf die Stirn. «Du machst es echt gut, Harbhajan», sagt er, «denk doch mal an all die Liebeserfahrungen, die andere schon haben, wenn sie dreissig sind. Du hast in diesem Alter bei null angefangen.»

Ihr Bruder fällt einer Gewalttat zum Opfer

Es gibt in Cheryl Diamonds Buch eine grosse, vielsagende Lücke, die noch tiefere Abgründe offenbart als den Inzest. Als Cheryl 13 Jahre alt ist, beginnt ihr mittlerweile 23-jähriger Bruder, gegen die Eltern aufzubegehren. Er besteht darauf, ein eigenes Leben zu führen, und droht gar damit, seinen Vater an die Polizei zu verraten. Es folgt im Buch eine Szene, in der ihr Vater mit Chiara nachhause zurückkehrt, die Mutter bricht schreiend zusammen, Cheryl versinkt in einer tiefen Depression, irgendetwas Entsetzliches ist passiert, doch was genau, wird nicht ausgesprochen. Die Leserin kann sich jedoch selbst zusammenreimen, dass Frank einer Gewalttat zum Opfer gefallen ist. «Eines Tages kann ich vielleicht darüber sprechen, aber noch nicht jetzt», sagt Cheryl Diamond leise. Gewisse Dinge seien einfach zu schlimm.

In der Familie wird Frank nun totgeschwiegen, als habe er nie existiert. Auch sonst geht es mit «The Gang» bergab. Die Tricksereien des Vaters funktionieren nicht mehr wie früher, bald sind die finanziellen Reserven aufgebraucht. Irgendwann wird die Familie obdachlos und lebt in einem gemieteten Toyota auf dem Parkplatz eines Supermarktes in North Carolina. Cheryl ist 15 Jahre alt und ganz unten in der Hackordnung der Gesellschaft angekommen.

Halb verhungert in schäbigen Model-WGs

Kurze Zeit später wird sie von einem Modelscout entdeckt und zieht nach New York. Erst denkt sie, es sei die Rettung in der Not, doch wer immer noch glaubt, mit dem Modelberuf sei irgendeine Form von Glamour verbunden, wird durch Cheryl Diamonds Schilderungen eines Besseren belehrt. Selbst noch ein halbes Kind haust sie mit anderen Kindern in schäbigen Model-WGs, krank vor Einsamkeit und Vernachlässigung und halb verhungert, weil sie zu wenig verdient und den Casting-Agenturen niemals dünn genug erscheint. Das einzig Wärmende in der eiskalten Grossstadt ist ihre Katze Tigger, an die sie sich nachts klammert. Erst jetzt, wo sie von ihrer Familie getrennt ist, merkt sie, wie sehr sich ihre Lebenserfahrungen von jenen der anderen Mädchen unterscheiden. «Ich habe mich gefühlt wie ein Alien.»

«Manchmal muss man in Stücke zerfallen, um sich neu zusammensetzen zu können»

Sie schreibt ein Buch über ihre Erfahrungen als Model, tingelt damit durch die Talkshows und verdient gutes Geld – das ihr der Vater sofort abnimmt. Sie versucht, einen Pass zu beantragen – und erfährt, dass sie eine Staatenlose ist, die jederzeit ausgeschafft werden kann, weil es kein einziges Dokument gibt, das ihre Existenz beweist. Mit 21 wird sie krank, ihr Körper rebelliert, jahrelang kommt sie kaum aus dem Bett.

Ihr Vater verliert zunehmend das Interesse an ihr, in seinen Augen ist sie ein Investment, das sich je länger, je weniger auszahlt. Ihre Mutter kann ihr auch nicht helfen. Cheryl Diamond ist pleite, todkrank, ganz auf sich allein gestellt und total am Ende. Erst im Nachhinein habe sie begriffen, dass diese aussichtslose Situation ein neuer Anfang für sie war, sagt sie. «Manchmal muss man eben in Stücke zerfallen, um sich neu zusammensetzen zu können.»

Am Tag nach dem ersten Interview treffen wir uns zu einem zweiten Gespräch im «Giselda», einem der Cafés, die Massimo Arlechino gehören, im Szene-Viertel Trastevere. Derrick gesellt sich zu uns und Evan, der ebenfalls zu Cheryls Freundeskreis gehört. Er wird bald heiraten und zeigt seinen Freunden die Weste seines Hochzeitsanzugs, die er soeben beim Schneider abgeholt hat. Bald kommt auch Massimo. Die Stimmung ist gelöst und heiter. Massimo, der über einen unerschöpflichen Vorrat an Geschichten zu verfügen scheint, erzählt der Runde, wie seine Frau einst Federico Fellini im Bus getroffen hat. «Signora, sie haben ja wirklich einen sensationellen Busen», soll der berühmte Regisseur zu Paola gesagt haben. Grosses Gelächter.

An einem Tisch ganz hinten in der Ecke des Cafés hat Cheryl Diamond Teile ihres Buches geschrieben. Massimo sagt, dass er an dem Platz eine Plakette anbringen lassen will: «Il luogo della ragazza senza luogo» – der Platz der jungen Frau, die aus dem Nirgendwo kam. Er scheint stolz darauf zu sein, mit seinem Lokal einen Beitrag zu Cheryls Diamonds Buch geleistet zu haben.

Im Kreis ihrer Freunde wirkt Cheryl entspannt und glücklich. Doch bis dahin war es ein weiter Weg. Die meisten Therapeut:innen, an die sie sich wandte, verstanden sie nicht. Zu gross war der Unterschied zwischen ihrem krassen Leben und der behüteten Existenz der Therapeut:innen. Dann fand sie einen Iraner, der unter dramatischen Umständen aus seinem Heimatland geflohen war, der verstand sie doch. «Er ist ein so grosser, starker Mann», sagt sie, «aber als ich ihm mein Buch zu lesen gab, hat er angefangen zu weinen.» Ihr Therapeut arbeitete früher als Profiler bei der Polizei. In einer sehr direkten, harten Art machte er ihr klar, dass ihr Vater ein Psychopath sei. Er sagte: Er hat dich nie geliebt. Er kann nicht lieben. Kapier das. «Ich hatte mir schon so was gedacht», sagt Cheryl Diamond, «trotzdem war es ein Schock, das aus dem Mund von jemandem zu hören, der sich so gut damit auskennt.»

«Ich bin froh, dass ich innen immer noch weich bin»

Manchmal weint sie jetzt. Es kommt einfach über sie, ohne bestimmten Grund. «Dann sage ich mir: Es ist super, dass jetzt alles rauskommt, dass ich meine Gefühle endlich fühlen kann.» Früher, als sie noch ein Outlaw war, durfte sie nie weinen. Manchmal ist es für sie noch immer ein Schock, zu erkennen, dass sie nicht nur ein Ex-Gangster und eine Überlebende ist, sondern auch eine Frau mit Emotionen. «Ich bin froh, dass ich innen immer noch weich bin», sagt sie, «dass ich trotz allem ein Mensch geblieben bin.»

Sie hat nun einen luxemburgischen Pass. Ein sechs Jahre lang dauerndes Gerichtsverfahren war notwendig, um die Behörden davon zu überzeugen, dass sie tatsächlich existiert und nicht selbst schuld daran ist, keine Papiere zu haben. Ihre Arbeit als Autorin und Übersetzerin ist einträglich. Und ihr Morbus Crohn schlummert still in ihrem Körper. Wenn man die Krankheit einmal hat, geht sie nie mehr weg, doch solang Cheryl Diamond sich gesund ernährt und Stress vermeidet, hat sie keine Beschwerden. Ja, sie braucht nicht einmal Medikamente. Die Ärzte können sich diese dramatische Verbesserung nicht erklären, sie selbst schon: «Dadurch, dass ich mein Buch geschrieben habe, konnte ich endlich die Wut auf meine Familie loslassen.»

«Es geht nicht mehr um meinen Vater»

Mit ihrer Mutter pflegt Cheryl heute ein gutes Verhältnis. Die beiden konnten über alles sprechen, «auch darüber, warum sie nicht für mich da war». Ihre Schwester Chiara lebe ein tristes Leben voller Lügen in Washington D.C. und arbeite dort als Kellnerin in einer üblen Spelunke. Nicht einmal ihr Ehemann wisse von ihrer Vergangenheit.

Und ihr Vater? Hat sie keine Angst, dass er plötzlich vor der Tür stehen könnte und ihr alles kaputtmacht, was sie sich aufgebaut hat? Cheryl Diamond denkt lang nach. «Es geht nicht mehr um meinen Vater», sagt sie dann mit ruhiger Stimme. Der Gedanke an ihn langweile sie schon fast, «denn da ist ja nichts. Er hat kein Herz. Er ist leer». Ihr Gegner ist nun nicht mehr ihr Vater. «Mein Kampf besteht vielmehr darin, darauf zu vertrauen, dass das Leben, das ich mir aufgebaut habe, wahr ist.» Einfach ist das nicht. Denn manchmal fühle es sich einfach zu gut an, um wahr zu sein.

Cheryl Diamond: Nowhere Girl. Aus dem Englischen von Janine Malz. Eden Books, Berlin 2021, 400 Seiten, ca. 30 Fr.

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Alex

Unglaublich! Werde das Buch kaufen. Eine sehr mutige Frau. Jeder der mit einer unglücklichen Vergangenheit zu kämpfen hat, sollte dies lesen. Macht Mut. Bravo!