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Etwa 3000 beschnittene Frauen in Zürich: Eine neue Anlaufstelle bietet Unterstützung

Politik

Etwa 3000 beschnittene Frauen in Zürich: Eine neue Anlaufstelle bietet Unterstützung

Neu gibt es in Zürich eine Anlaufstelle für weibliche Genitalbeschneidung. Wir haben mit den Verantwortlichen über die Wichtigkeit dieses Projekts gesprochen.

An der Kanonengasse 18 in Zürich befindet sich ein kleines Zimmer mit Holzboden. In der Mitte des Zimmers steht ein runder Tisch mit vier Stühlen. An der Wand hängt eine farbige Kinderzeichnung und in der linken Ecke lehnt ein blaues Fahrrad an der Wand.

Das ist der Ort, an den Mädchen und Frauen aus dem Kanton Zürich hinkommen, um darüber zu sprechen, was ihrem Körper in jungen Jahren unwillentlich angetan wurde. Sie kommen aus Somalia, Eritrea, Guinea und einer Vielzahl anderer Länder, in denen Genitalbeschneidungen häufig praktiziert werden. Auch wenn sie gesetzlich verboten sind.

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«2016 waren weltweit mindestens 200 Millionen Frauen beschnitten»

Im internationalen Recht sowie in der Schweiz ist das Verbot gegen weibliche Genitalbeschneidung ebenfalls festgehalten. Trotzdem sind die Zahlen erschreckend hoch: Laut eines Berichts von UNICEF waren 2016 weltweit mindestens 200 Millionen Frauen beschnitten. In der Schweiz sollen es laut Bund rund 22’000 sein, davon 2900 aus dem Kanton Zürich.

Um die Dringlichkeit des Themas aufzuzeigen, reichte die damalige Nationalrätin und heutige Regierungsrätin Natalie Rickli 2018 im Nationalrat ein Postulat ein. Es trug den Titel: «Massnahmen gegen Mädchenbeschneidungen». Der Bundesrat prüfte das Postulat und zeigte in einem Bericht den schweizweiten Handlungsbedarf auf.

In Folge evaluierte in Zürich eine Arbeitsgruppe bestehend aus Gynäkolog:innen, Community-Workerinnen, Vertreterinnen des Netzwerks gegen Mädchenbeschneidung Schweiz sowie Vertreter:innen aus dem Bildungs-, Migrations- und Sicherheitsbereich, wie die Unterstützung im Kanton Zürich zu gestalten ist. Daraus entstand die Anlaufstelle für weibliche Genitalbeschneidung FGMhelp, die der Arbeitsort von Katja Theissen – operative Verantwortliche – und Sozialarbeiterin Ann Schädler (v.r.) ist.

annabelle: Wieso ist diese Anlaufstelle wichtig?
Katja Theissen: Die Schweiz ist ein Migrationsland, dementsprechend gibt es viele Migrant:innen, die bereits genitalbeschnitten in die Schweiz kommen. Diese haben Fragen, die viele Fachpersonen nicht ohne Weiteres beantworten können, weil sie den Kontext aus ihrer beruflichen Realität nicht kennen. Im europäischen Kulturkreis ist die weibliche Genitalbeschneidung unbekannt. Es ist wichtig, dass sich Fachpersonen in diesem Themenbereich fortbilden. Es geht hier nicht nur um Gynäkolog:innen, sondern auch um Kinderärzt:innen, Schulpsycholog:innen und Schulsozialarbeiter:innen, die mit solchen Fragen konfrontiert sind. Unsere Aufgabe ist es, diese Fachpersonen zu sensibilisieren und sie miteinander zu vernetzen.

Es dürfte wahrscheinlich ein langer Prozess sein, bis alle Fachpersonen darauf sensibilisiert sind.
Katja Theissen: Das kann sehr lange dauern. Den Brauch der Genitalbeschneidung gibt es seit über zweitausend Jahren. Wir können hier in der Schweiz aber unser Bestes tun, dafür zu sensibilisieren, damit den betroffenen Frauen dieses Schicksal erspart bleibt.

Welche Hilfestellung bietet die Anlaufstelle dabei?
Ann Schädler: Die Anlaufstelle bietet eine niederschwellige Beratung und Unterstützung von Betroffenen und Angehörigen und vermittelt bei Bedarf an spezialisierte Fachpersonen. Die Bedürfnisse der Betroffenen stehen dabei im Mittelpunkt. Will sie beispielsweise Informationen dazu haben, was im Genitalbereich rekonstruiert werden kann, vermitteln wir sie an ein Spital oder spezialisierte Gynäkolog:innen. Möchte sie hingegen mehr über die Sexualität oder die Vulva wissen, können wir sie an eine Sexualtherapeutin weitervermitteln. Die Beratung ist für die Betroffenen kostenfrei.

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«Es ist wichtig, dass die Betroffenen immer selbst bestimmen, wo das Gespräch hingeht»

Ann Schädler

Worauf achten Sie bei der Betreuung vor Ort besonders?
Ann Schädler: Uns ist besonders wichtig, dass jede Frau vollumfänglich und individuell unterstützt wird. Dabei legen wir grossen Wert auf einen sensiblen Umgang mit dem Thema, sodass sich Betroffene zu jedem Zeitpunkt wohlfühlen. Wir zeigen Betroffenheit und geben den Betroffenen den Raum, um zu erzählen, was sie wollen und wofür sie sich bereit fühlen. Dabei ist wichtig, dass sie immer selbst bestimmen, wo das Gespräch hingeht.

Kommen Betroffene von sich aus her?
Ann Schädler: Die Anlaufstelle gibt es erst seit Februar, es ist daher noch schwierig, das abzuschätzen. Allgemein läuft in der Schweiz vieles über das Netzwerk gegen Mädchenbeschneidung, das auch dabei mithilft, andere Anlaufstellen aufzubauen. Oftmals kommen Frauen auch durch Community-Arbeiterinnen in Kontakt mit Berater:innen wie mir. Das sind Migrantinnen, die seit mehreren Jahren in der Schweiz leben und sozial integriert sind. Sie halten Kontakt zu den Migrationsgemeinschaften oder sind Teil davon. Weil sie ihre Sprache sprechen und den kulturellen Kontext kennen, erreichen sie Frauen und Mädchen besser, als wir es tun.

Wie viele Betroffene haben sich bis jetzt bei Ihnen gemeldet?
Katja Theissen: Etwa zehn Anfragen haben wir bislang entgegengenommen. Dabei handelt es sich um Betroffene, Angehörige und medizinische Fachpersonen, die sich bei uns gemeldet haben. Der Bedarf ist auf jeden Fall da. Wir sind gespannt, wie es weitergeht, und hoffen, möglichst viele Menschen zu erreichen.

«Es gibt Frauen, die gar nicht wissen, dass sie beschnitten sind»

Ann Schädler

Welche Behandlungen benötigen Betroffene allgemein nach einer Genitalbeschneidung?
Ann Schädler: Das ist sehr individuell. Es gibt Frauen, die gar nicht wissen, dass sie beschnitten sind. Es gibt Frauen, die Komplikationen haben wie Infektionen, Blutungen oder Probleme beim Wasserlösen. Dann gibt es noch die psychischen Aspekte, wenn sich posttraumatische Belastungsstörungen oder Depressionen entwickeln. Es ist sehr schwierig zu sagen, wann welche Folge eintritt. Für uns als Fachpersonen ist es wichtig zu wissen, dass all diese Folgen möglich und wir darauf sensibilisiert sind.

Wie kann das gelingen?
Ann Schädler: Einerseits durch den sensiblen Umgang mit den Personen. Andererseits dadurch, dass wir in der Beratung nicht pauschalisieren oder stigmatisieren. Und dass versucht wird, den Kontakt zu anderen Betroffenen via interkulturellen Vermittlerinnen herzustellen, um einen Erfahrungsaustausch anzustossen.

Haben Betroffene auch Fragen zum Thema Sexualität?
Katja Theissen: Man muss vor Augen haben, dass diese Beschneidungen zum Teil in sehr frühem Alter stattfinden. Die Spannbreite ist da gross: Das passiert im Alter von drei Monaten bis zur Pubertät. Wenn Mädchen früh beschnitten werden, erinnern sie sich kaum daran oder wissen eben gar nicht, dass sie beschnitten sind. Jede Frau geht unterschiedlich damit um.

Ann Schädler: Das ist sehr individuell. Betroffene finden in der Sexualtherapie Unterstützung bei Schwierigkeiten mit dem Sexualleben. Es gibt aber auch Betroffene, die diesen Wunsch nicht haben.

«Mit ihrer Geschichte können sie andere darin bestärken, einen anderen Weg zu gehen, als für sie von der Tradition her vorgesehen ist»

Katja Theissen

Wird vom Staat genug gemacht, um für das Thema zu sensibilisieren?
Katja Theissen: Mehr machen kann man immer. Die Anlaufstelle im Kanton Zürich soll das Thema nicht nur bei Betroffenen und Fachpersonen behandeln, sondern es soll auch in den betroffenen Communitys und in der breiten Öffentlichkeit Gehör finden.

Ann Schädler: Das setzt allerdings auch voraus, dass die Gesellschaft offen ist für die Informationen. Es ist wichtig, Öffentlichkeitsarbeit zu machen, beispielsweise durch Social Media oder Informationsveranstaltungen. Auch die Vernetzung mit Schulen, mit der Polizei und mit den Spitälern ist essenziell.

Wieso ist es wichtig, Geschichten von Frauen mit Genitalbeschneidung zu erzählen?
Katja Theissen: Es gibt Frauen, die sehr offen damit umgehen. Aber nicht jede möchte ihre Geschichte erzählen. So wie auch wir nicht über alles sprechen möchten. Nichtsdestotrotz sollte man den Frauen zuhören, die darüber reden möchten. Mit ihrer Geschichte können sie andere darin bestärken, einen anderen Weg zu gehen, als für sie von der Tradition her vorgesehen ist.

Katja Theissen ist die operative Verantwortliche für die Anlaufstelle und Betriebsleiterin des Kompetenzzentrums Sozialmedizin der Stadt Zürich. Ann Schädler ist Sozialarbeiterin und berät betroffene Frauen bei FGMhelp.

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