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Freeskierin Mathilde Gremaud:

Freeskierin Mathilde Gremaud: "Ich versuche, Druck als Motivation zu sehen"

Mathilde Gremaud ist Olympiasiegerin, Weltmeisterin und X-Games-Siegerin im Freeskiing. Vor den Laax Open haben wir mit der 25-jährigen Schweizer Sportlerin über Erfolgsdruck, mentale Gesundheit und Sanftheit gesprochen.

annabelle: Wie gehen Sie mit dem Druck um, der auf Ihnen lastet vor einem Freeskiing-Wettkampf?
Mathilde Gremaud: Eigentlich mag ich ihn sogar, denn ich sehe Wettbewerbe als Chance, den Zuschauer:innen zu zeigen, was ich kann. Es ist eine Ehre, Druck von aussen zu spüren, denn das zeigt mir, dass die Menschen sich für unseren Sport und unsere Leistungen interessieren und gerne zuschauen. Der Druck von innen, den ich selbst auf mich ausübe, ist jeweils etwas schwieriger zu bewältigen. Aber ich versuche, Druck als Motivation zu sehen, denn er zeigt mir, wie viel mir am Freeskiing liegt.

Wie bereiten Sie sich mental vor auf stressige Situationen und Performen-müssen? Wie merken Sie, wann Anspannung Ihnen hilft – und wann sie zu viel wird?
Während der Vorbereitung bin ich überhaupt nicht angespannt und liebe einfach, was ich tue. Ich bin also kaum gestresst. Die konzentrierte Anspannung kommt meist ganz natürlich, wenn sie da sein muss und es Zeit ist, zu performen. Sicherlich gab es Momente in meiner Karriere, in denen mir alles zu viel wurde, aber das lag eher an der Erschöpfung durch das Reisen und das schnelle Leben, das wir führen, als an den Wettkämpfen. Womit ich eher zu kämpfen habe, ist, wenn ich während eines Wettkampfs zu wenig Anspannung spüre und Schwierigkeiten habe, sie aufzubauen.

Hilft Ihnen der Sport dabei, auch mit Misserfolgen umzugehen? Kann man sanft und nachsichtig mit sich sein, wenn Sponsoren, Trainer:innen und Publikum immer Leistung erwarten?
Ja, auf jeden Fall. Für mich ist Kommunikation sehr wichtig – sie betrifft alle oben genannten Parteien. Mir ist es wichtig, eine echte Beziehung zu diesen Menschen aufzubauen und zu pflegen. Sponsoren sind zwar Marken, aber dahinter stehen auch Menschen, die für sie arbeiten, sodass ich mich jederzeit mit ihnen austauschen kann. Ich habe das grosse Glück, dass ich die Möglichkeit habe, sowohl die Marken, mit denen ich zusammenarbeite, als auch die Trainer:innen selbst auszuwählen. Was die Öffentlichkeit angeht, bin ich froh, dass ich nicht allzu introvertiert bin, sodass ich meistens gut damit umgehen kann.

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"Egal, wie viel wir gewinnen: Das Leben ist manchmal ein Kampf und das ist in Ordnung"

Wie fühlt es sich an, in Ihrem Sport an der Spitze zu sein? Fürchten Sie sich davor, diese Position zu verlieren?
Ja, ich hatte früher Angst, diese Position zu verlieren. Aber mir wurde schnell klar, dass es besser ist, weiter daran zu arbeiten, sie zu behalten, als Angst zu haben, sie zu verlieren. Und es ist eine grosse Ehre zu erkennen, dass ich an der Spitze des Sports stehe. Das ist so viel mehr, als ich mir jemals vorgestellt habe. Dafür bin ich dankbar und werde viele Erinnerungen mitnehmen aus dieser Zeit, wenn ich eines Tages aufhöre mit Freeskiing oder nicht mehr an der Spitze bin.

Sie sprechen offen über Ihre mentale Gesundheit und schwierige Zeiten wie depressive oder ausgebrannte Phasen. Wieso ist Ihnen das wichtig? Und was möchten Sie anderen Menschen damit mitgeben?
Am Ende einer Saison, die sportlich richtig gut lief, waren alle Augen auf mich gerichtet und ich hätte Interviews geben und die Fragen der Presse beantworten sollen, aber ich fühlte mich leer und realisierte: Ich kann nicht mehr. Aber ich wollte ehrlich sein und meine Realität teilen, statt mich zu verstecken oder sogar so zu tun, als wäre alles in Ordnung – das hätte ich gar nicht gekonnt. Ausserdem war mir wichtig, dass sich andere Menschen in derselben Situation gesehen fühlen. Wir sind alle gleich, und egal, was wir tun oder wie viel wir gewinnen: Das Leben ist manchmal ein Kampf und das ist in Ordnung. Deshalb wollte ich das teilen, und ich bin froh, dass ich es getan habe. Denn ich hatte gehofft, dass ich mit meiner Plattform etwas bewirken kann, und ich habe tatsächlich viel Feedback von jungen Menschen bekommen, was mir zeigt, wie wichtig es war, darüber zu sprechen.

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Welche Strategien oder Werkzeuge helfen Ihnen, auf schwierige Phasen zu reagieren und sich davon auch wieder erholen zu können?
Ehrlich gesagt alles, was sich gut anfühlt. Ich glaube, das Wichtigste für mich war einfach Zeit, um zu heilen und eine schwierige Phase zu überwinden. Zeit bedeutet auch, zu akzeptieren, loszulassen und wieder zu Kräften zu kommen. Aber Meditation, Therapie und die Pflege meines Körpers durch regelmässige Bewegung, viel Ruhe und bewusste Ernährung haben definitiv dazu beigetragen, den Prozess ein wenig zu beschleunigen.

Worin finden Sie Ausgleich von stressigen Wettkampf-Phasen?
Ich geniesse es, meine Familie um mich zu haben und mit ihnen zu Abend zu essen oder sie auf eine heisse Schokolade zu treffen, wenn es der Zeitplan zulässt. Oder ich rufe meine Freundin an, um zu erfahren, was sie gerade macht, wenn sie nicht vor Ort dabei ist, um mich zu unterstützen. Ich mag es aber auch, mich abzulenken und an einem freien Nachmittag einfach gar nichts zu tun und mich richtig zu entspannen.

Ist man mit mehreren Titeln und Medaillen im Gepäck entspannter vor einem weiteren Wettbewerb oder steigt der Druck, auf der Erfolgswelle weiterreiten zu müssen?
Ich denke, es hängt davon ab, wie ich an einen Wettbewerb herangehe. Ich bin definitiv zufrieden mit dem, was ich bisher erreicht habe. Und ich höre oft, dass ich nichts mehr zu beweisen habe. Das kann entspannend sein, aber als Sportlerin, die immer noch motiviert ist, möchte ich mich nicht einfach auf den bisherigen Erfolgen ausruhen. Ich möchte weiterhin versuchen, besser zu werden. Ich habe also immer noch etwas Druck, aber hauptsächlich freue ich mich darauf, weiterzumachen.

Der Freestyle-Event Laax Open presented by Zalando finden vom 14. bis 18. Januar statt. Zalando ergänzt sein Sponsoring mit der Doku-Serie «Between the Lines», die neben der Freskierin Mathilde Gremaud auch ihre Teamkollegin Giulia Tanno und die Snowboarder Nicolas Huber und David Hablützel begleitet.

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