Resilienz

Diese Lektionen lernen wir aus Krisenzeiten

Interview: Céline Geneviève Sallustio; Bild: GettyImages

  • Kreative Lösungen in der Krise finden:

    «Jede Krise ist zeitlich begrenzt; darin gilt es, kreativ nach Lösungen zu suchen, sei es in
    der Arbeit, Beziehung oder Freizeit», sagt Resilienz-Coach Marina Berini. 

Marina Berini (62) ist Coach für Glück und Resilienz. Wir trafen sie zum Interview und sprachen mit ihr über Resilienz in Krisenzeiten, über den Versuch, aus dem Lockdown neue Kraft zu gewinnen, und über die Lektionen, die wir aus dieser Corona-Krise lernen können.

annabelle: Marina Berini, Sie sind Coach für Resilienz. Gerade in Krisenzeiten wird oft von diesem Begriff gesprochen. Doch was heisst er denn eigentlich überhaupt?
Marina Berini: Der Begriff stammt ursprünglich aus der Materialkunde und bezeichnet die Fähigkeit eines Systems, eines Unternehmens oder eines Menschen, sich an dramatisch veränderte, äussere Bedingungen anzupassen und dabei funktionstüchtig zu bleiben. Resilienz umschreibt die Fähigkeit, Krisen und Veränderungsprozesse als Anlass für Weiterentwicklung und persönliches Wachstum zu nutzen.

Wie coacht man Leute darin, resilient zu sein?
Resilienz ist vererbbar, kann aber zu einem grossen Teil ebenfalls erlernt werden. Im Coaching liegt der Fokus auf der Stärkung vorhandener Ressourcen, der Selbstwirksamkeit und einer proaktiven Haltung. Die Resilienzforschung verweist dabei auf die sieben Säulen, welche zwar genetisch unterschiedlich in der Persönlichkeit des Menschen angelegt sind, jedoch durch Training geweckt und weiterentwickelt werden können. (sieben Säulen: siehe Box)

Worin liegt die grösste Herausforderung, wenn Menschen an ihrer Resilienz arbeiten möchten?
In der Auseinandersetzung geht es auch darum, gewohnte Muster und Einstellungen neu zu definieren und damit zu einer neuen Haltung zu kommen. Das heisst, aus der Opferrolle, also dem Erdulder, in die Gestalter- und damit in eine aktive und selbstverantwortende Rolle zu kommen. Wichtig dabei ist, den Fokus auf das zu richten, was möglich und veränderbar ist, entsprechend zu handeln und selbst den Lebenskurs zu bestimmen.

Die Corona-Krise hat die gesamte Gesellschaft gefordert. Wie haben Sie die Welt in den letzten Wochen wahrgenommen?
Entschleunigt. Und diese Entschleunigung hat geholfen, die tragenden Werte wieder neu zu entdecken – trotz aller Angst und Ungewissheit. Werte wie beispielsweise Hilfsbereitschaft, Familie, Gesundheit, Solidarität, Nähe und Vertrauen wurden neu belebt. Vermehrt wurde die Nähe zur Natur gesucht, die Reduktion aufs Nötige und die Antwort auf die Frage: Was ist mir im Leben wirklich wichtig?

Hat die Anzahl von Anfragen für Resilienz-Coachings bei Ihnen zugenommen durch die Krise?
Es gibt Menschen, die nach einem solchen Ereignis möglichst schnell zur alten Ordnung zurückkehren möchten. Die Auswirkungen der Krise haben in vielen Menschen jedoch ein neues Bewusstsein geweckt. Diese Menschen werden sich wohl vermehrt mit den Angeboten für Resilienz-Coachings auseinandersetzen und diese in Anspruch nehmen. Die professionelle Unterstützung ist zunehmend gefragt – individuell oder auch im Kollektiv.

Was würden Sie als Coach empfehlen: Wie übersteht man so einen Shutdown, wie wir ihn erlebt haben, gesund?
Das lässt sich nicht pauschal beantworten, denn jedes Individuum weist andere Bewältigungsstrategien oder auch Ängste auf und verarbeitet die Auswirkungen auf unterschiedlichste Weise. Es ist sicher hilfreich, sich auf die sieben Säulen der Resilienz zu berufen: Vertrauen und Optimismus – jede Krise ist zeitlich begrenzt; darin gilt es, kreativ nach Lösungen zu suchen, sei es in der Arbeit, Beziehung oder Freizeit. Weiter ist es wichtig, sich der eigenen Gestaltungskraft bewusst zu werden und diese aktiv auszuüben, unternehmerisch und freudvoll den Alltag zu gestalten. Dazu gehört auch, in physischer und psychischer Hinsicht gut für sich zu sorgen, Sport, Ernährung und Regeneration bewusst zu pflegen. Tragende Beziehungen sind wertvolle Ressourcen, die gepflegt werden möchten. Und: die Ruhe nutzen, um Visionen, Pläne und Ziele für die Zukunft zu entwickeln.

Wir sollen also neue Kraft aus der Krise gewinnen. Was sind weitere Lektionen, die wir mitnehmen können?
Meine Empfehlung: Überlegen Sie, was Sie durch diese letzten Wochen an Neuem gewonnen haben, an Schönem, an Wertvollem. Überlegen Sie, was Sie davon in die Zukunft mitnehmen möchten. Nehmen Sie diese Erkenntnisse ernst und verändern sie mit Ihren Erfahrungen etwas in Ihrem Alltag. Sei es Hilfsbereitschaft gegenüber Risikogruppen oder die Stille und die daraus gewonnene Kraft. Schaffen Sie Räume und Momente, in denen Sie diese neuen Erfahrungen weiterhin pflegen. Nehmen Sie sich Zeit und stellen Sie sich selbst die Fragen: Was ist mir wirklich wichtig, gibt mir Kraft und was brauche ich nicht mehr? Welche Verhaltensweisen oder Gewohnheiten möchte ich ändern?

Wie muss man sich das konkret vorstellen? Hilft es, sich die Erkentnisse aufzuschreiben?
Wir fallen schnell wieder in alte Muster zurück. Daher ist es ratsam, Kern-Erkenntnisse und Veränderungswünsche in irgendeiner Form festzuhalten: Tagebuch, jede Art eines Manifestes oder auch die liebevolle gegenseitige Betreuung bei der Zielerreichung.

Denken Sie, es findet eine Bewusstseinsveränderung durch die Corona-Krise bei den Menschen statt?
Wir stehen vor grossen wirtschaftlichen und ökologischen Herausforderungen. Die grosse Aufgabe unserer Gesellschaft besteht schon seit Längerem darin, unsere Werte neu zu definieren und diese umzusetzen. Wo eine individuelle Bewusstseinsveränderung stattfindet, entsteht auch im Kollektiv eine Bewegung. Und wie sagt man so schön: «Sei die Veränderung, die du dir von der Welt wünschst.»

Marina Berini ist Coach für Resilienz. 

Die sieben Säulen zur Resilienz

1. Optimismus: Die Fähigkeit, nicht nur positiv in die Zukunft zu blicken, sondern auch seine eigenen Talente wertzuschätzen.

2. Akzeptanz heisst, zu den eigenen Schwächen und Stärken stehen. Ausserdem ist es wichtig, den Realitätsbezug nicht zu verlieren, wenn man Situationen nicht mehr ändern kann.  

3. Resiliente Menschen streben nach einer Lösung. Eine Lösung erfordert Kreativität, um neue Ziele zu definieren. 

4. Indem man die Opferrolle verlässt und zum Gestalter seines Lebens wird, gewinnt man an Selbstverantwortung und Gestaltungskraft

5. Selbstregulierung und Selbstfürsorge, indem man seine eigenen Emotionen wahrnimmt und sich ermächtigt zu handeln. 

6. Sich zu fragen: Welche Menschen vermitteln mir ein positives Selbstbild? Wer bringt mir Empathie entgegen und wer ist bereit, mich zu unterstützen? Doch es ist nicht nur wichtig, Beziehungen zu hinterfragen, sondern diese auch in Krisenzeiten bewusst zu pflegen.

7. Die Zukunftsplanung findet dann statt, wenn man Träume und Visionen entwickelt und sich daraus Ziele formulieren lassen. 

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