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Gleichstellung: Warum ein neues Rentensystem überfällig ist

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Gleichstellung: Warum ein neues Rentensystem überfällig ist

Auch Männer wollen ihre Arbeitspensen reduzieren. Zeit, dass wir das Rentensystem hinterfragen. Ein Kommentar von Unternehmerin Nadine Jürgensen.

Würden wir in einem Raum mit hundert Müttern fragen, wer von ihnen Teilzeit erwerbstätig ist, würden achtzig von ihnen die Hand heben. Sässen dort hundert Väter, wären es bloss 13. Warum ist das so und wieso stört sich offenbar kaum jemand daran?

Als ich Mutter wurde vor bald elf Jahren, war es für meinen damaligen Chef selbstverständlich, dass ich mein Pensum reduzieren würde; er offerierte es mir sogar von sich aus. Mein Mann jedoch? Keine Chance.

Es hätte ihn beruflich aufs Abstellgleis gestellt, ganz abgesehen davon wäre es auch gar nicht möglich gewesen. Mir liess das keine Ruhe und ich rief sogar in meiner Funktion als Journalistin in der Personalabteilung seines Arbeitgebers an, ein grosses amerikanisches Unternehmen. Dort beschied man mir, dass sie Angestellte nur in Hundertprozent-Pensen beschäftigten. Bei Frauen würden sie manchmal Ausnahmen machen, nicht aber bei Männern.

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«Auch Männer stellen zunehmend die patriarchalen Arbeitsstrukturen infrage, die auf männlichem Vollzeiterwerb basieren»

Während die Hälfte der teilzeiterwerbstätigen Mütter sogar in einem Pensum von weniger als fünfzig Prozent arbeiten und damit für die Kinderbetreuung und das Erledigen der Haushaltspflichten verantwortlich sind, arbeiten die meisten Männer als Väter hochprozentig weiter.

Väter schneiden dabei auch im Vergleich zum durchschnittlichen Lebenserwerbseinkommen aller Männer sehr gut ab, sie verdienen bis zu zwanzig Prozent mehr als Männer ohne Kinder.

Dabei würden Männer ihre Arbeitspensen eigentlich gerne reduzieren. Das belegt die Studie «Verliebt, verlobt, versorgt?» von Swisslife, dem grössten Schweizer Lebensversicherungsunternehmen. Untersucht wurde unter anderem, welches Erwerbspensum die Befragten in einer idealen Welt «ohne Sachzwänge» am liebsten hätten.

Das Resultat: Das ideale Pensum von Frauen liegt durchschnittlich bei 62 Prozent, was quasi gleichauf mit dem tatsächlich gearbeiteten Pensum von 63 Prozent liegt. Männer hingegen würden mit 73 Prozent deutlich weniger Erwerbsarbeit leisten wollen, als sie es mit 87 Prozent effektiv tun.

Auch Männer würden also lieber weniger Zeit mit Erwerbsarbeit verbringen. Die Studie macht sichtbar, dass auch Männer zunehmend die patriarchalen Arbeitsstrukturen infrage stellen, die auf männlichem Vollzeiterwerb basieren. Manche leiden unter dem Druck, ständig performen zu müssen, und hinterfragen ihre beruflichen Zwänge.

Klar, nicht alle haben die Wahl oder die Kapazität, sich mit solchen Fragen auseinanderzusetzen. Umso mehr ist es an der Zeit, dass wir eine gesamtgesellschaftliche Diskussion darüber anstossen, was es braucht, um betreffend Arbeitsstrukturen eine grössere Flexibilität und damit auch eine verbesserte Geschlechtergerechtigkeit zu erlangen, für Frauen genauso wie für Männer.

Die Krux ist: Die heutige Asymmetrie im Umfang von männlicher und weiblicher Erwerbsarbeit ist beeinflusst vom Rentensystem, das im Jahr 1947, unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, geschaffen wurde. Dieses baute auf dem damaligen Rollenmodell auf: Die Ehefrau schaut zu den Kindern, der Ehemann bringt das Geld nach Hause.

Heute ist die Realität anders. Die allermeisten Mütter leisten ebenfalls Erwerbsarbeit, doch sind ihre Lebensläufe geprägt von Unterbrüchen und kleinen Teilzeitpensen – was dazu führt, dass sie im Vergleich zu den Männern viel weniger in ihre Rententöpfe einzahlen können. Das Resultat: Frauen erhalten heute in der Schweiz durchschnittlich mindestens einen Drittel weniger Rente als Männer.

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«Was, wenn nicht-lineare Lebensläufe zur neuen Norm erhoben würden?»

Die Prämisse, auf der das Rentensystem aufbaut, ist überholt. Und hier müssen wir ansetzen, eine neue Vision entwerfen: Was wäre, wenn das, was bisher im Rentensystem als Unterbruch im Lebenslauf bestraft wird, wie die Familiengründung, die Pflege von Angehörigen oder eine berufliche Umorientierung, als willkommene Lebensschlaufe miteinkalkuliert würde? Was, wenn nicht-lineare Lebensläufe zur neuen Norm erhoben würden?

Man könnte ein Rentensystem entwickeln, das nicht länger darauf aufgebaut ist, dass man das ganze Erwerbsleben lang hundert Prozent erwerbstätig ist. Eines, das sich an Menschen orientiert, die sich mit vielfältigen Aufgaben und Engagements in unsere Gesellschaft einbringen und damit einen Mehrwert stiften für alle.

Dieses Modell hätte zur Folge, dass wir die Arbeitszeit zwischen den Geschlechtern freier aufteilen könnten. Eine flexiblere Steuerung des Arbeitspensums zwischen fünfzig und hundert Prozent für alle gäbe die Möglichkeit, im Job eine Zeit lang runterzufahren, um sich Angehörigen oder Kindern zu widmen, ohne gleich die soziale Absicherung zu verlieren.

Frauen erhielten damit auch die Chance, finanziell selbstständiger zu bleiben, und Männer bekämen mehr Zeit für unbezahlte Care-Arbeit, die ja unbestritten auch ihren Wert hat.

Natürlich, dafür müsste das Sozialversicherungssystem neu konzipiert werden – eine gigantische innenpolitische Aufgabe. Doch es wäre ein Ansatz für mehr Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern in einer sich immer schneller verändernden Gesellschaft.

Wohlgemerkt, es geht hier nicht darum, Frauen, die gerne als Hausfrauen zu Hause sind, zu verurteilen. Entscheidet sie sich freiwillig, keiner Erwerbsarbeit nachzugehen und ist sie für den Fall einer Scheidung oder Trennung finanziell gut abgesichert, ist dem nichts entgegenzusetzen. Ebenso wenig geht es darum, Vätern einen Vorwurf zu machen, die sich im traditionellen Modell wohlfühlen.

Vielmehr geht es darum, die Gesinnung und den politischen Willen dafür zu schaffen, dass die Menschen in unserer Gesellschaft ihr Leben gleichberechtigter gestalten können. Das gilt für Frauen und gerade auch für Männer.

Nadine Jürgensen ist Journalistin, Anwältin und Gründerin von ellexx.com.

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