Gloria Steinem ist tot: Diese 5 Dinge verdanken wir ihr
Gloria Steinem machte den Feminismus populär und wurde für Generationen von Frauen zur Identifikationsfigur. Nun ist die US-amerikanische Journalistin und Aktivistin im Alter von 92 Jahren gestorben. Diese fünf Dinge (und noch viele mehr!) haben wir ihr zu verdanken.
- Von: Jacqueline Krause-Blouin
- Bild: Action Press
1.
Wir sind nicht das Problem – die Strukturen sind es
Frauen wurde lange eingeredet, sie müssten den Fehler bei sich selbst suchen. Zu ehrgeizig, zu empfindlich, nicht belastbar genug. Steinem richtete den Blick stattdessen auf die Verhältnisse. 1963 arbeitete sie elf Tage lang undercover als «Bunny» im New Yorker Playboy Club und schrieb über versteckte Lohnabzüge, entwürdigende Untersuchungen, unbequeme Kostüme und sexuelle Belästigung. Später setzte sie sich unter anderem mit ungleicher Bezahlung, fehlender Kinderbetreuung und der wirtschaftlichen Abwertung sogenannter Frauenarbeit auseinander. Ihre zentrale Botschaft: Wenn Millionen Frauen dieselben Erfahrungen machen, liegt das Problem nicht bei jeder Einzelnen, sondern im System.
2.
Frauen brauchen eigene Medien – und eine öffentliche Stimme
Frauen fehlten nicht die Geschichten. Es fehlten Medien, die sie erzählen wollten. Deshalb gründete Steinem 1971 gemeinsam mit anderen Journalistinnen und Aktivistinnen «Ms.», zunächst als Beilage des «New York Magazine». Das Magazin schrieb über Abtreibung, häusliche Gewalt, sexuelle Belästigung und die Lohnlücke; Autorinnen wie Alice Walker, Audre Lorde, Toni Morrison, Margaret Atwood, Adrienne Rich und Angela Davis veröffentlichten darin. Die 300’000 Exemplare der Vorschauausgabe waren nach acht Tagen ausverkauft: Der Feminismus hatte den Sprung vom Versammlungsraum an den Kiosk geschafft. Absolut sehenswert ist die Doku "Dear Ms.: A Revolution in Print".
3.
Unser Körper gehört uns
Für Steinem war der Kampf um reproduktive Rechte persönlich: Mit 22 Jahren hatte sie in London eine Abtreibung. 1969 besuchte sie in New York ein Speak-out, bei dem Frauen öffentlich über ihre illegalen Abtreibungen sprachen; später bezeichnete sie diesen Abend als Beginn ihres Aktivismus. Bereits die Vorschauausgabe von «Ms.» enthielt die Aktion «We Have Had Abortions»: 53 prominente Amerikanerinnen, darunter Steinem, unterschrieben für die Abschaffung restriktiver Abtreibungsgesetze. Nicht alle hatten selbst abgetrieben, einige setzten ihren Namen aus Solidarität darunter. Die Aktion berief sich auf das französische Manifest der 343; in Deutschland hatte Alice Schwarzer bereits im Juni 1971 im «Stern» 374 Frauen erklären lassen: «Wir haben abgetrieben.»
4.
Frauen gehören in die Politik
Sichtbarkeit allein war Steinem nicht genug. Frauen sollten nicht nur gehört werden, sondern selbst mitentscheiden. 1971 gründete sie deshalb gemeinsam mit Shirley Chisholm, Bella Abzug, Fannie Lou Hamer, Betty Friedan und mehr als 300 weiteren Frauen den National Women’s Political Caucus. Die überparteiliche Organisation bildete feministische Kandidatinnen aus und unterstützte sie auf dem Weg in politische Ämter. Sie existiert bis heute.
5.
Feminismus funktioniert nur solidarisch
Der frühe Mainstream-Feminismus hatte ein Problem: Er zeigte vor allem weisse Frauen aus der Mittelschicht. Auch «Ms.» war davon nicht ausgenommen. Alice Walker beendete 1986 nach zwölf Jahren ihre Mitarbeit, weil auf den Covern des Magazins viel zu selten Women of Color vorkamen. Es wäre trotzdem falsch, Steinems Auseinandersetzung mit Rassismus als späte Einsicht darzustellen: Schon rund um die Gründung von «Ms.» absolvierte sie Hunderte Auftritte mit den Schwarzen Feministinnen Dorothy Pitman Hughes, Florynce Kennedy und Margaret Sloan. Mit Hughes gründete sie zudem die Women’s Action Alliance, die sich unter anderem für eine nicht sexistische und multikulturelle Bildung einsetzte. Und vielleicht liegt darin die wichtigste Lektion, die uns Gloria Steinem hinterlässt: Solidarität bedeutet, zuzuhören, Fehler anzuerkennen und immer weiterzulernen.