Golden Globes 2026: Warum so unpolitisch?
Zum 83. Mal wurden am Sonntag in Los Angeles die Golden Globes verliehen. Mit «One Battle After Another» und «Sinners» standen zwei Filme im Fokus, die sich sehr nah an der amerikanischen Realität abarbeiten. Die Preisverleihung blieb jedoch schmerzhaft unpolitisch. Ein Kommentar.
- Von: Jacqueline Krause-Blouin
- Bild: Dukas
Schauen wir uns die Filme, die im Vorfeld der Golden Globes für Gesprächsstoff gesorgt hatten, einmal an: Neun Mal nominiert war «One Battle After Another» von Regisseur Paul Thomas Anderson. Der Film verhandelt erschreckend nah an der amerikanischen Wirklichkeit Themen von Razzien und Abschiebungen.
Am 7. Januar wurde bei Protesten gegen die Einwanderungsbehörde ICE in Minneapolis die 37-jährige Renée Good auf brutale Weise erschossen. Das war genau fünf Tage vor der Verleihung. «One Battle After Another» war neunmal nominiert und gewann vier Preise.
«Sinners» von Ryan Coogler war siebenmal nominiert, spielt in der Jim-Crow-Ära und thematisiert strukturelle Gewalt und Rassismus. Er gewann zwei Auszeichnungen.
Der umstrittene Comedian Ricky Gervais, der bereits mehrfach durch die Golden Globes führte, vertrat wiederholt die Ansicht, Künstler:innen – und insbesondere Celebrities – sollten sich mit politischen Stellungnahmen zurückhalten. Sie seien «in keiner Position, der Öffentlichkeit etwas zu erklären» und hätten «keine Ahnung von der wirklichen Welt». «Wenn ihr gewinnt, nehmt euren kleinen Preis, dankt eurem Agenten und eurem Gott und verschwindet», sagte Gervais 2020 und traf damit einen Nerv.
Aber die Zeiten in den USA sind sechs Jahre später andere. Filmemacher Judd Apatow wies fast beiläufig darauf hin, dass man ja jetzt in einer Diktatur lebe, machte danach aber fröhlich weiter mit seinen Spässen. Die meisten Preisträger:innen dankten brav den Studios und ihren Kindern und machten sich dann schnell auf in Richtung Champagner-Bar.
"Die Preisträger:innen dankten brav den Studios und machten sich dann auf in Richtung Champagner-Bar"
Das ist erschreckend, in einer Zeit, in der in den USA fast jede News alarmierend ist. Es gab den kläglichen Versuch, mit Pins mit den Aufschriften «ICE out» oder «Be Good» auf die Situation aufmerksam zu machen, getragen haben diese Anstecker aber gefühlt drei B-Lister. Und Mark Ruffalo, den ich, ich gebe es zu, bislang offenbar unterschätzt hatte. Auf dem roten Teppich sagte Ruffalo, dass die USA sich an einem gefährlichen politischen Wendepunkt befänden und es gerade jetzt notwendig sei, sich klar gegen autoritäre Tendenzen, Abschiebungspolitik und den Abbau der Demokratie zu positionieren. Trump nannte er «einen verurteilten Straftäter, einen verurteilter Vergewaltiger, einen Pädophilen – den schlimmsten Menschen überhaupt.»
Leider stand Ruffalo mit seiner deutlichen Meinung weitgehend alleine auf dem Teppich. Nur noch die Rede von Teyana Taylor, die ihren Preis ihren «brown sisters and little brown girls» widmete, sowie der relativ harmlose «Rant» der 74-jährigen Jean Smart, die für «Hacks» nominiert war, gehörten zu den schärferen Momenten des Abends.
Smart gab immerhin zu, dass diese glamouröse Verleihung doch sehr vom derzeitigen Weltgeschehen überschattet würde. Auf der Bühne selbst schien die Schauspielerin dann aber auch gezähmt und brachte nur noch ein müdes «wir sollten alle das Richtige tun» über die Lippen. Als hätte jeder Star, der die Bühne betrat, vorher ein Briefing bekommen, bloss leicht und luftig zu bleiben. Send in the clowns.
Ernüchternd war es, über drei Stunden und 18 Minuten hinweg diesem Schauspiel verpasster Chancen zuzusehen.
"Wenn sich eine Preisverleihung um hochpolitisches Kino dreht, darf man klare Positionierung erwarten"
Nein, Schauspieler:innen müssen nicht ständig das politische Geschehen besprechen und nur weil man berühmt ist, muss man nicht zu allem eine Meinung haben – schliesslich sind Promis keine Nachrichtenkommentator:innen. Wenn sich aber eine Preisverleihung um solch hochpolitisches Kino dreht, das noch dazu so schmerzhaft nah an der amerikanischen Realität spielt, dann erwartet man doch zumindest in diesem Kontext klare Positionierung. Nicht einmal der Gewinner des Abends Paul Thomas Anderson hatte etwas Einschneidendes zu sagen. Vier Mal nicht.
Es stimmt mich traurig, dass die globale Plattform einer solchen Preisverleihung mit geballter Starpower ungenutzt blieb und es darf bezweifelt werden, dass dies bei den Oscars im März anders sein wird. Das Argument, dass Künstler:innen durch ihre Kunst und nur durch ihre Kunst auf Missstände aufmerksam machen, ist in diesen Zeiten eine schwache Ausflucht. Schliesslich weiss jeder: Wenn die Rede eines Stars viral geht, erreicht sie weit mehr Menschen als jeder Film.