Werbung
Hausärztin: «Ich werde fast täglich nach Ozempic gefragt»

Zeitgeist

Hausärztin: «Ich werde fast täglich nach Ozempic gefragt»

In Hollywood wird das Diabetesmedikament Ozempic als Abnehmwunder gehypt. Aber wie sieht es in der Schweiz aus? Wir haben bei Marisa Keller*, Hausärztin aus dem Kanton Zürich, nachgefragt.

«Der Hype um Ozempic hat den Alltag von uns Ärzt:innen verändert. Seit einigen Jahren gibt es das Medikament – seit etwa einem halben Jahr ist es so bekannt, dass fast täglich Patient:innen in die Praxis kommen, die nur einen Wunsch haben: dieses neue Wundermittel. Und was soll ich sagen? Sie bekommen es auch.

Wenn sie keine Diabetiker:innen sind, geben wir aber seit Anfang 2023 kein Ozempic mehr ab, sonst hätten wir unsere Patient:innen mit Diabetes nicht mehr ausreichend damit versorgen können, wie es aktuell in manch anderen Ländern der Fall ist. Stattdessen erhalten alle anderen Rybelsus. Das ist der gleiche Wirkstoff, einfach als Tablette und momentan noch ohne Lieferengpässe. Wenn es dazu kommen würde, müssten wir natürlich reagieren und die Medikamente nur an Diabetiker:innen abgeben.

Auch wenn Ozempic in der Presse meist verteufelt wird, mache ich als Ärztin eher positive Erfahrungen. Man könnte es so zusammenfassen: Endlich haben wir Ärzt:innen die Möglichkeit, auf Gewichtsprobleme mit einem Präparat zu reagieren, das funktioniert. Und obwohl diese Tabletten und Spritzen bei Nicht-Diabetiker:innen nicht von der Krankenkasse übernommen werden, sind die meisten begeistert. Es gibt aber auch die, die es nicht vertragen und wieder abbrechen.

«Einige leiden unter heftiger Übelkeit»

Die bekannteste Nebenwirkung ist Übelkeit – bei einigen ist sie so heftig, dass sie häufig erbrechen müssen. Dennoch sind die Nebenwirkungen aus ärztlicher Sicht im Rahmen. Wir müssen zum Beispiel nicht kontrollieren, ob die Leber- oder Nierenwerte unter diesen Präparaten leiden.

Wir geben es ab, off-label natürlich (Red: ausserhalb des durch die Arzneimittelbehörden zugelassenen Gebrauchs), und im besten Fall kommt die Patientin einige Monate später in die Praxis, 15 Kilo leichter und hochzufrieden. Das ist natürlich auch für mich als Ärztin schön. Ich muss gar nicht fragen, ob das Medikament gewirkt hat – die Tür geht auf und ich sehe eine deutlich veränderte Person hereinkommen.

Die Kosten von etwa 140 Franken im Monat schrecken die Menschen ebenso wenig ab wie die Vorstellung, dieses Medikament von nun an permanent nehmen zu müssen. Denn ja: Wer aufhört, Ozempic zu spritzen oder Rybelsus zu nehmen, nimmt meistens wieder zu. Für mich ist das aber kein Grund, an den Medikamenten zu zweifeln. Schliesslich gibt es auch viele Menschen, die dauerhaft Antidepressiva nehmen müssen, doch das Leben mit diesen Medikamenten ist für sie trotzdem besser als das ohne.

«Die Menschen, die mich um Hilfe bitten, haben längst alles probiert»

Die grosse Frage ist natürlich, ob wir nun einfach allen, die mit ihrer Figur unzufrieden sind, Semaglutide, wie diese appetitzügelnden Medikamente in der Fachsprache heissen, verkaufen. Ich persönlich habe keine Grenze, dass ich zum Beispiel sage, ich gebe es erst ab einem BMI von 28 ab – was vermutlich eine ganz gute Richtschnur wäre.

Aber wenn ich jetzt einen Patienten mit einem BMI von 26 vor mir habe, der seit Jahren versucht abzunehmen und einen starken Leidensdruck entwickelt hat, dann würde ich ihm dieses Präparat nicht vorenthalten wollen.

Ich muss sagen, dass ich bisher noch nicht mit Anfragen konfrontiert war, die ich grenzwertig fand. Alle, die mich bisher nach diesem Medikament gefragt haben, waren übergewichtig und es hat mich für sie und ihren allgemeinen Gesundheitszustand gefreut, dass ich ihnen etwas geben konnte, das relativ zuverlässig beim Abnehmen helfen kann. Für mich ist das oft auch eine Art Diabetes-Prophylaxe – die Patient:innen haben häufig schon einen Blutzucker, der kritisch ist.

Dass jetzt plötzlich Magersüchtige nach diesen Appetitzüglern fragen oder Normalgewichtige damit noch die letzten vier Kilo für den Strandurlaub verlieren wollen, beobachte ich nicht. Sowieso glaube ich, dass es, was Übergewicht angeht, ein Missverständnis gibt.

Die Menschen, die mich um Hilfe bitten, haben längst alles probiert, wissen meistens sehr gut über Ernährung und Bewegung Bescheid. Trotzdem scheitern sie immer wieder. Wenn ich mir vorstelle, dass ich jemandem, der seit Jahrzehnten mit seinem Gewicht kämpft, empfehle, Gemüse zu essen und Sport zu machen, fände ich das irgendwie zynisch.

Wir verkaufen Rybelsus übrigens direkt an unsere Patient:innen. Es ist aber kein Präparat, mit dem wir grosse Gewinne machen. Wer dieses Medikament einmal erhalten hat, bekommt es meistens auch dauerhaft. Das einzige, was wir kontrollieren, ist die Menge: Mehr als den Eigenbedarf erhält bei uns niemand.

Die kritischen Medienberichte habe ich auch verfolgt, teile aber die meisten Sorgen nicht. Ich beobachte nicht, dass es sich um eine Lifestyle-Droge handelt, mit der Normalgewichtige ihr Aussehen optimieren wollen – zumindest bei meinem eher ländlichen Patientenstamm sehe ich das nicht. Vielleicht macht eine Praxis an der Bahnhofstrasse in Zürich andere Erfahrungen.»

 

* Name von der Redaktion geändert

Du leidest an einer Essstörung oder hast eine betroffene Person in deinem Umfeld? Bei der Schweizerischen Gesellschaft für Essstörungen (SGES) gibt es mehr Informationen zum Thema. Und hier findest du konkrete Anlaufstellen.

Subscribe
Notify of
guest
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments