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Helena Jeppesen-Spuhler: «Die katholische Kirche muss viel mehr mit Betroffenen sprechen»

Zeitgeist

Helena Jeppesen-Spuhler: «Die katholische Kirche muss viel mehr mit Betroffenen sprechen»

  • Text: Sandra Brun
  • Bilder: Privat, Unsplash; Collage: annabelle

Helena Jeppesen-Spuhler vom katholischen Hilfswerk Fastenaktion nimmt als eine der ersten Frauen überhaupt an der Weltsynode, der Versammlung von Katholik:innen in Rom, teil. Wir haben mit ihr über die Missbrauchsfälle, Feminismus und die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche gesprochen.

annabelle: Sie nehmen im Oktober an der Weltsynode der katholischen Kirche in Rom teil. Eine Versammlung, bei der 370 Katholik:innen – Bischöfe ebenso wie Lai:innen – ähnlich einer Parlamentssitzung über die Zukunft der Kirche debattieren. Ich habe bewusst gegendert, denn erstmals nehmen auch Frauen an einer solchen Synode teil.
Helena Jeppesen-Spuhler: Genau, es ist das erste Mal überhaupt, dass Frauen mit Stimmrecht dabei sind. Mit externen Beraterinnen sind es 56 Frauen. 45 davon können also aktiv abstimmen und mitentscheiden.

Was ist für Sie das Ziel dieser Synode?
Es ist eine Frage der Glaubwürdigkeit: Wir müssen in der katholischen Kirche an gerechteren Strukturen arbeiten, in denen alle Menschen vollwertig akzeptiert und einbezogen werden – und nicht als halbwertig abgeschrieben oder ganz ausgeschlossen werden. Und für diese Veränderungen setze ich mich ein, denn es ist die einzige Chance, wie die Kirche und wir von Fastenaktion als katholisches Hilfswerk überhaupt überleben können.

Kann es denn so etwas wie eine feministische, intersektionale Kirche geben, die tatsächlich alle Gläubigen miteinbezieht?
Da gibt es bereits viele Gruppierungen, die sich dafür einsetzen. Aber es muss auch die unmissverständliche Botschaft der katholischen Kirche sein, dass alle Menschen – unabhängig ihres Geschlechts und ihrer sexuellen Orientierung – vollwertige Kirchenmitglieder sind. Ich war bereits Teil der Schweizer Delegation an der europäischen Synode, weshalb ich wohl auch für die Weltsynode in Rom nominiert wurde. Und da war unser Statement klar: radikale Inklusion von allen.

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«Die Botschaft muss klar sein, dass alle Menschen – unabhängig ihres Geschlechts und ihrer sexuellen Orientierung – vollwertige Kirchenmitglieder sind»

Wie wurde dieses Anliegen an der europäischen Synode aufgenommen?
An der europäischen synodalen Versammlung in Prag haben viele westeuropäische Delegationen, aber auch einige osteuropäische unserem Anliegen zugestimmt.

Wie fühlt es sich an für Sie, zu den ersten Teilnehmerinnen mit Stimmrecht zu gehören?
Es freut mich sehr, aber ich habe auch grossen Respekt davor. Wir sind wenige und werden hart kämpfen müssen für unsere Anliegen. Wir haben Verbündete, auch unter den Bischöfen, und trotzdem stehen wir erst am Anfang. Vergleichbar mit den Kämpferinnen für das Frauenstimmrecht in der Schweiz damals. Ich denke, wir werden gewisse Schritte erreichen können, aber es liegt viel Arbeit vor uns.

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In welchen Bereichen erwarten Sie, dass sich etwas bewegen wird?
Beim Zugang von Frauen zu den geweihten Ämtern in der Kirche: Frauen können in der katholischen Kirche momentan weder ständige Diakonin noch Priesterin noch Bischöfin werden. Die Rolle der Frauen war in allen kontinentalen Befragungen von Katholik:innen, die als Basis für die Synode dienen, eines der wichtigsten Themen. Wir haben also breite Unterstützung unter den Katholik:innen weltweit.

Wo sind Sie eher pessimistisch gestimmt?
Bei der Inklusion queerer Menschen, weil da die ganze veraltete Sexualmoral der katholischen Kirche dranhängt. Da braucht es leider viel Arbeit, da Homophobie innerhalb der katholischen Kirche noch weit verbreitet ist – auch in Europa. Allenfalls können wir kleine Schritte erreichen – wie in der katholischen Kirche in Deutschland, die zukünftige kirchliche Angestellte seit kurzem endlich nicht mehr nach ihrer privaten Lebenssituation fragt. Das erhoffe ich mir übrigens bald auch in der Schweiz, das ist für mich in der heutigen Zeit unhaltbar.

«Es darf doch kein Thema sein, ob ich jetzt eine Frau liebe, ein Mann einen Mann liebt, ein Priester heiraten will»

Wie gelingt es, veraltete Denkweisen und Regeln der Kirche mit Ihrer persönlichen Einstellung zu vereinbaren?
Ich vertrete als Synodalin nicht nur mich selbst, sondern als europäische Delegierte die katholische Kirche Europas. Das bestärkt mich, diese Anliegen einzubringen. Denn ich kämpfe nicht allein, sondern habe Tausende hinter mir, die der gleichen Meinung sind.

Darf ich fragen, wie es Ihnen persönlich als Gläubige geht?
Mir ist es wirklich ein Herzensanliegen, dass die katholische Kirche gleichberechtigt wird. Ich erhalte auf Social Media viele Hasskommentare dafür, dass ich mich für mehr Gleichberechtigung und für die Inklusion queerer Menschen ausspreche. Aber es darf doch kein Thema sein, ob ich jetzt eine Frau liebe, ein Mann einen Mann liebt, ein Priester heiraten will.

Gab es schon Momente, in denen Sie an der katholischen Kirche zweifelten?
Ja, viele. Gute Freund:innen, die dieselbe Haltung wie ich vertreten, sind ausgetreten. Ich versuche aber, von innen weiterzukämpfen. Ich möchte nicht Traditionalist:innen die Definition überlassen, was wirklich katholisch ist.

Veränderung von innen sozusagen.
Genau. Ich nutze meine Stimme für alle, die nicht mitreden können. Stehe auf den Schultern von Frauen, die vor mir schon kämpften – wie meine Mutter, meine Tante, Frauen in allen Ecken der Welt, die sagen: Es muss sich endlich etwas ändern in der katholischen Kirche.

Da kommen wir auch nicht umhin, über die unzähligen Missbrauchsfälle zu sprechen. Wie lassen sich solche in Zukunft vermeiden?
Es braucht eine Gewaltenteilung in der katholischen Kirche. Die Bischöfe dürfen nicht mehr absolutistische Monarchen sein, wie sie es jetzt sind. Bistumsleitungen dürfen nicht mehr nur beratende Gremien des Bischofs sein, sondern müssen mitentscheiden können. Ausserdem braucht es ein Aufsichtsorgan für die Bistumsleitungen. Und wir brauchen die volle Gleichberechtigung von Frauen in Leitungspositionen der Kirche. Ich bin überzeugt: Mit Frauen und auch mit verheirateten Männern in den Entscheidungsgremien wären Missbräuche früher aufgedeckt und aufgearbeitet worden.

«Die katholische Kirche muss viel mehr mit Betroffenen sprechen, um dieses dunkle Kapitel schonungslos aufarbeiten zu können»

Wie schafft man eine Bereitschaft, offen über Lösungsansätze zu sprechen, wenn man von unzähligen Beteiligten und Mitwissenden innerhalb der Kirche ausgehen muss?
Da müssen wir in der Weltsynode über neue, partizipative Entscheidungsstrukturen sprechen. Und zwingend die Sicht der Betroffenen einholen und sie in der Synode sprechen lassen. Wenn das dieses Jahr noch nicht gelingt, dann muss es im zweiten Teil der Synodenversammlung im Oktober 2024 ermöglicht werden.

Was wünschen Sie sich von der katholischen Kirche im Umgang mit Betroffenen?
Den Einbezug von Betroffenenverbänden. Bistumsleitungen müssen viel mehr mit Betroffenen sprechen. Ihre Sicht und ihre Inputs sind notwendig, um dieses dunkle Kapitel schonungslos aufarbeiten zu können. Es müssen Gelder von der Kirche gesprochen werden – auch für Therapien, allfällige Kompensationen Betroffener. Es darf keinen weiteren Missbrauch mehr geben.

Wie verliert man nicht den Glauben?
Mir persönlich geben die Gemeinschaft und der Austausch mit Gleichgesinnten Kraft in dieser katastrophalen Situation in der katholischen Kirche. Mich für Gerechtigkeit für die Betroffenen einzusetzen, mit ihnen für eine Veränderung der Kirche zu kämpfen, zusammen mit allen Menschen guten Willens, das nährt meinen Glauben.

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