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Corinne Rufli: «Viele junge Leute haben nach wie vor Angst, sich zu outen»

LGBTQIA+

Corinne Rufli: «Viele junge Leute haben nach wie vor Angst, sich zu outen»

Lang mussten sich Lesben und Schwule in der Schweiz verstecken. Inzwischen habe sich viel geändert, sagt die Historikerin Corinne Rufli. Dennoch: Wirklich sichtbar sind viele noch immer nicht.

annabelle: Corinne Rufli, noch bis vor wenigen Jahrzehnten waren homosexuelle Menschen in der Öffentlichkeit unsichtbar, sie mussten sich, ihre Liebe verstecken.
Corinna Rufli: Für einige gilt das noch heute. Und ja, viele Homosexuelle haben alles dafür getan, dass niemand davon erfuhr, weil sie Angst vor Konsequenzen hatten, und das mit gutem Grund. Es drohte ihnen der Ausschluss aus der Familie, Job- oder Wohnungsverlust und gesellschaftliche Stigmatisierung. Allerdings gab es immer schon Homosexuelle, die sich ganz gut arrangieren konnten in dieser heteronormativen Gesellschaft, sie schufen sich eine lebbare Welt.

Wann begann der Kampf für gleiche Rechte?
Erste Zusammenschlüsse von frauenliebenden Frauen gab es bereits zu Beginn der 1930er-Jahre in Zürich. Wie der Zweite Weltkrieg dieses Netzwerk zerstören konnte, wissen wir noch nicht, darum forsche ich dazu. Ein wichtiger Schritt auf rechtlicher Ebene war die Strafrechtsrevision 1942, nach der gleichgeschlechtliche Handlungen nicht mehr kriminalisiert wurden – Staat und Sittenpolizei fanden jedoch auch so Wege, Schwule und Lesben zu bestrafen. In den 1970er-Jahren entstanden politische Bewegungen, die viel dazu beitrugen, dass homosexuelle Männer und Frauen in unserer Gesellschaft sichtbarer wurden. Die feministischen Lesben kämpften an vorderster Front in der Frauenbewegung und prägten so auch das Bild der «Lesbe», mit dem sich viele frauenliebende Frauen nicht identifizieren können. Erst 2007 führte der Kampf endlich zur ersten Etappe auf dem Weg zur Gleichstellung, zur Einführung des Partnerschaftsgesetzes. Was ein Kompromiss war, denn das Schweizer Stimmvolk hätte damals wohl Nein gesagt zur Ehe.

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Inwiefern unterschieden sich damals lesbische und schwule Biografien?
Frauen wurden nicht bloss diskriminiert, weil sie lesbisch waren, sondern vor allem, weil sie Frauen waren. Und als solche mussten sie bis weit in die 1970er-Jahre sehr rigiden Bildern entsprechen, gute Ehefrauen und Mütter sein. Hinzu kam die Abhängigkeit. Frauen hatten weniger Bildungschancen und kaum genug Lohn für einen eigenen Haushalt. Deshalb gab es unter Lehrerinnen viele lesbische Frauen. Sie durften lang von Berufes wegen nicht verheiratet sein, waren anerkannt und verdienten genug Geld zum Leben.

Was ist mit den Männern?
Männer waren selbstbewusster; dass ihre Bedürfnisse wichtig sind, wussten sie – so wurden sie sozialisiert. Sie waren unabhängiger und haben auch mehr verdient. Das hatte praktische Auswirkungen. Viele Homosexuelle trafen sich in Bars, für Geselligkeit, aber auch, um andere kennenzulernen. Wohl bis in die 1980er-Jahre gab es dort immer mehr Männer als Frauen, denn sie konnten es sich leisten. Auch war es für Männer kein Problem, sich abends noch allein auf der Strasse zu bewegen. Waren Frauen noch spät unterwegs, galten sie als anrüchig – oder als Prostituierte.

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«Es ist immer noch so, dass jene, die eine heteronormative Rollenzuteilung verweigern, mit Diskriminierung oder gar Gewalt rechnen müssen»

Und wie ist es heute um die gesellschaftliche Akzeptanz bestellt?
Es hat sich einiges getan. Dennoch haben viele junge Menschen nach wie vor Angst, sich bei den Eltern zu outen, andere können am Arbeitsplatz nichts sagen, oder ältere, pflegebedürftige Menschen befürchten, dass sie in Alters- und Pflegeheimen schutzlos der Homophobie ausgesetzt sind. Und es ist immer noch so, dass jene, die eine heteronormative Rollenzuteilung verweigern, mit Diskriminierung oder gar Gewalt rechnen müssen. Maskuline Lesben werden angepöbelt, den femininen wird ihr Lesbischsein abgesprochen. Und Männer, die Hand in Hand spazieren, laufen auch heute noch Gefahr, verprügelt zu werden, wie kürzlich in Zürich wieder geschehen.

Wo orten Sie Verbesserungen?
Durch die vielen schwulen, lesbischen und queeren Organisationen stehen Netzwerke und Informationen zu Verfügung. Es gibt vermehrt Personen in der Öffentlichkeit, die lesbisch, schwul, queer oder trans sind, ohne dass es deswegen viel Wirbel gibt. Sie sind wichtig als Vorbilder. Doch wir müssen uns immer wieder die Frage stellen: Wer wird in unserer Gesellschaft sichtbar?

 

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Was meinen Sie damit?
Es ist wohl kein Zufall, dass lesbische Frauen, die einem weiblichen Idealbild entsprechen, eher wahrgenommen werden. Oder der adrette Schwiegersohn-Schwule. Diese Bilder werden produziert durch Staat, Medien und Mainstream – und können den Blick auf diejenigen versperren, die nicht dem akzeptierten Aussehen entsprechen. Diese starren Rollenverständnisse zeigen sich auch in der Gegenkampagne zur «Ehe für alle». Die Gegner:innen zeichnen ein Bild der Familie, das durch die gleichen Rechte für homosexuelle Paare angeblich bedroht wird. Ehen und Familien sind keine heiligen, geschützten Orte, und sie waren es auch nie. Auch in der Ehe werden Frauen vergewaltigt oder getötet.

Warum braucht es die «Ehe für alle», über die die Schweizer Bevölkerung Ende September abstimmt?
Um endlich gleiche Rechte zu bekommen. Gleichgeschlechtliche Paare und ihre Kinder sind in der Schweiz gesetzlich weniger gut abgesichert, obwohl die Bundesverfassung das Recht auf Ehe und Familie garantiert und jegliche Diskriminierung aufgrund der Lebensform verbietet. Mit der Ehe für alle wird diese Diskriminierung endlich beseitigt. Dass die «Ehe für alle» Frauenpaaren den Zugang zu Samenspenden in der Schweiz ermöglicht und damit auch die originäre Elternschaft beider Mütter, ist ein grosser Fortschritt. Bisher war die Situation für Regenbogenfamilien unerträglich. Nur ein Elternteil war anerkannt, die Stiefkindadoption, die es erst seit drei Jahren gibt, ist ein sehr mühsamer und teurer Spiessrutenlauf.

Wo stehen wir denn heute in puncto Gleichstellung?
Es braucht noch mehr Aufklärung und mehr möglichst diverse Vorbilder. Wir müssen weiterkämpfen für eine vielfältige Welt, die Platz hat für ganz unterschiedliche Lebensentwürfe.

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Corinne Rufli (41) forscht am IZFG der Universität Bern zur Lesbengeschichte der Schweiz. Die Autorin von «Seit dieser Nacht war ich wie verzaubert. Frauenliebende Frauen über siebzig erzählen» (2015), in dem auch Liva Tresch porträtiert ist, sammelt auch weiterhin Geschichten dieser Art. Kontakt via annabelle oder corinne.rufli@gmail.com.

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