Arbeiten im Flow

Ich, im Alpha-Zustand

Text: Jessica Prinz; Foto: Daniel Valance

Ich, im Alpha-Zustand

Leistungsbereitschaft auf Knopfdruck. Geht das? annabelle-Reporterin Jessica Prinz hat es in einem Seminar ausprobiert.

Wir sitzen an u-förmig angeordneten Tischen, vor uns Texte, die wir mitgebracht haben. Das Ziel: in kürzester Zeit mehr Informationen aufnehmen und verarbeiten zu können, ohne müde zu werden. Wer diese Balance schafft, so die Idee, hat den Alpha-Zustand erreicht, jenen Zustand, der topfit und leistungsfähig machen soll.

«Entspannt nach innen, präsent gegen aussen», so wird diese Verheissung beworben. Eigentlich kann ich solche Phrasen nicht mehr hören, denn längst übt sich der urbane Mensch in Achtsamkeit oder macht Yoga. Und nun also der Alpha-Zustand. Der, erklärt Seminarleiterin Caroline Wilhelm, sei jedoch nichts Aussergewöhnliches: «Wir alle befinden uns immer wieder in diesem Zustand, und zwar dann, wenn uns Arbeit, Hobby oder Sport besonders leicht fallen – sprich: wenn wir im Flow sind.» Der Flow lässt sich zwar mit konventionellen Meditationsgstechniken erreichen, doch die brauchen viel Zeit. Heute gelte es vielmehr, quasi auf Knopfdruck leistungsbereit zu sein.

Mit der Entwicklung des Elektro-Enzephalogramms (EEG) vor gut hundert Jahren erlangte der Alpha-Zustand, ein Zustand zwischen Tagesbewusstsein und Traum, die Aufmerksamkeit der Forscher. Untersuchungen zeigen, dass Menschen dabei eine erhöhte Leistungs- und Wahrnehmungsfähigkeit haben. Der Grund: Die rechte, visuelle Gehirnhälfte ist mit der linken, dem Sprach-Zentrum, besser verschaltet, wodurch mehr Gehirnpotenzial aktiviert werden soll.

Zur Aktivierung des Alpha-Zustands visualisieren wir einen Punkt ausserhalb des Kopfs, und zwar «zehn Zentimeter mittig über dem Hinterkopf», instruiert Caroline Wilhelm. Die Position dieses Punkts soll die visuellen Gehirnfunktionen mit dem Sprach-Zentrum verbinden und dadurch Konzentration und Aufnahmefähigkeit erhöhen. Solche mentalen Techniken sind wissenschaftlich umstritten, dessen ist sich Wilhelm bewusst. «Erfahrungswissenschaften sind nach objektiven Kriterien kaum belegbar», sagt sie. «Doch sind Mentaltechniken selbst bei Spitzensportlern längst zum Teil des Trainings geworden.»

Um eben diesen Zustand zu erreichen, richten wir unsere innere Wahrnehmung also auf jenen imaginären Punkt über dem Hinterkopf. So eingemittet machen wir uns an unsere Texte heran. Ich habe Reiseberichte, andere Teilnehmer haben E-Mails, sogar Texte aus dem Obligationenrecht mitgebracht. Wir sollen «visuell lesen», heisst es, « fliessend durch die Texte gehen und uns nur da mit den Augen einhängen, wo wichtige Informationen sind.»

An den Punkt zu gehen entschleunigt das Gedankenkarussell und schärft den Fokus, so die Seminarleiterin. Das wiederum hat Auswirkungen auf den ganzen Körper: Er wird ruhig, bleibt aber aktionsbereit. Und das sei entscheidend für die Informationsverarbeitung. «Unter Stress schaltet das Hirn auf Flucht, Kampf oder Erstarrung. Damit werden alle Fähigkeiten, die man im Arbeitsalltag braucht, wie Planen, Entscheiden oder Ideen generieren, reduziert.» Stress und Gehirnleistung vertragen sich nicht. Nur im entspannten Zustand kann das Gehirn seine volle Leistung erbringen.

Ein Gong auf dem Computer erinnert uns alle zehn Minuten daran, dass wir an den Punkt gehen müssen. Daran zu denken ist nicht immer einfach. Bis man diese Technik im Alltag abrufen kann, braucht es viel Übung. Seit dem Seminar gehe ich jedoch immer wieder an den Punkt und inzwischen nehme ich tatsächlich einen Unterschied wahr. Zwar bin ich vom verheissenen Flow auf Knopfdruck noch weit entfernt, doch gelingt es mir immer öfter, konzentrierter zu arbeiten. Immerhin. Ich werde mal dranbleiben.

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Jessica Prinz ,
Junior Editor
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