Werbung
Jede zweite Frau wurde Opfer: Diese Kampagne macht häusliche Gewalt sichtbar

Politik

Jede zweite Frau wurde Opfer: Diese Kampagne macht häusliche Gewalt sichtbar

Fast jede zweite Frau in der Schweiz hat schon Gewalt in der Partnerschaft erlebt. Dies zeigt eine neue Umfrage zu häuslicher Gewalt, die begleitend zur neuen Kampagne der Frauenhäuser Schweiz und Liechtenstein durchgeführt wurde.

Medikamente, Ausweis, Portemonnaie und kaum mehr – gerade einmal 14 Objekte hatte Natascha* dabei, als sie Zuflucht im Frauenhaus fand. Vier gewaltbetroffene Frauen, die aus ihrer Situation ausbrachen, zeigen für die neue Kampagne der Dachorganisation der Frauenhäuser Schweiz und Liechtenstein (DAO), welche Gegenstände sie auf ihre Flucht mitnahmen. Die Kampagne ist erste gesamtschweizerische Öffentlichkeits- und Sensibilisierungskampagne zu häuslicher Gewalt. Sie soll das Thema ins öffentliche Bewusstsein rücken und die Politik zum Handeln bringen.

Werbung
Werbung

Frauen zwischen 26 und 45 Jahren am häufigsten betroffen

Begleitend zur Kampagne führte Sotomo im Herbst dieses Jahres eine Bevölkerungsumfrage (3‘597 Teilnehmende, 69% weiblich, 31% männlich) zum Thema Gewalt in Paarbeziehungen durch. Die Ergebnisse sind erschreckend: Die repräsentative Studie zeigt, dass mit 42 Prozent fast die Hälfte der befragten Frauen in der Schweiz schon Gewalt in der Paarbeziehung erlebt haben.

Dabei kann es sich um psychische, physische oder/und sexuelle Gewalt handeln. Am häufigsten betroffen sind Frauen zwischen 26 und 45 Jahren – fast die Hälfte aller weiblichen Befragten in dieser Altersgruppe gibt an, schon Gewalt in der Partnerschaft erlebt zu haben. Bei den befragten Männern gaben rund ein Viertel an, schon Opfer von Gewalt geworden zu sein. 15 Prozent der Umfrage-Teilnehmenden gaben zu, selbst schon einmal gewalttätig geworden zu sein.

Gewalt in der Beziehung ist der Trennungsgrund Nr. 1

Rund ein Drittel der Befragten vermuteten schon Gewalt in der Partnerschaft bei einem Paar im näheren Umfeld und knapp die Hälfte hat schon von Betroffenen erfahren, dass diese Gewalt erlebten. Die meisten Befragten würden beim Verdacht auf häusliche Gewalt gerne etwas unternehmen – die Hälfte der Umfrage-Teilnehmenden gab aber an, Angst vor dem Eingreifen zu haben, weil dies die Situation verschlimmern könnte. Dies wird von der Hälfte der Befragten ausserdem als Grund angegeben, warum sie nicht eingreifen würden.

Zwei Drittel der Befragten würden die gewalterfahrende Person darauf ansprechen – Frauen häufiger als Männer. Frauen würden dem Opfer ausserdem deutlich häufiger Informationen über Hilfeleistungen zukommen lassen. Männer gaben dafür mehr als doppelt so an, dass sie die gewaltausübende Person darauf ansprechen würden.

Die Studie zeigt auch, dass Gewalt in einer Paarbeziehung eigentlich nicht geduldet wird: Für drei Viertel der Befragten ist Gewalt in der Beziehung der Trennungsgrund Nr. 1.

Hälfte der Befragten: Was zu Hause passiert, ist Privatsache

Spannend sind auch die Ergebnisse zu Werthaltungen und Einstellungen, die beim Beurteilen von Geschlechterrollen und dem Beziehungsverhalten eine zentrale Rolle spielen: Neun von zehn Befragten stimmen der Aussage (eher) zu, dass eine gewaltausübende Person für ihr Verhalten die volle Verantwortung trägt.

Und: Die Hälfte der Befragten ist der Ansicht, dass das, was zu Hause passiert, Privatsache ist. Männer sind eher dieser Ansicht als Frauen, politisch rechts Positionierte deutlich mehr als politisch links eingestellte Personen. Die grosse Mehrheit stimmt der Aussage zu, dass häusliche Gewalt ein gesellschaftliches Problem ist.

Werbung
Werbung

Mitverantwortung für Belästigung

Gut jede fünfte Person findet, dass es in einer besonders leidenschaftlichen Liebesbeziehung auch einmal zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung kommen kann. Und: Fast gleich viele finden, dass eine sexy angezogene Person mitverantwortlich ist, wenn sie belästigt wird.

Knapp jeder vierte Mann ist dieser Ansicht aber nur gut eine von zehn Frauen. Es zeigen sich ausserdem je nach politischer Einstellung markante Unterschiede: Drei von zehn politisch rechts eingestellte Personen sehen eine Mitverantwortung bei den Opfern. Dieser Meinung sind nur vier von hundert politisch links verortete Personen.

Auch diverse Annahmen zur Problematik von Vergewaltigungen – die teilweise seit Längerem widerlegt sind – finden im rechten Lager nach wie vor Anklang. Links positionierte Personen stimmen diesen kaum zu. Von den formulierten Annahmen, wie «Wenn keine lebensbedrohliche Gewalt angewandt wird, ist eine Vergewaltigung weniger gravierend» oder «Eine Person, die sexuelle Gewalt erlebt, kann mitschuldig sein», trafen aber im Allgemeinen keine auf mehrheitliche Zustimmung unter den Befragten. Und: Sechzig Prozent der Umfrage-Teilnehmenden wissen, dass sich Vergewaltigungen mehrheitlich zwischen Personen, die sich kennen, ereignen.

Die maximale Eskalation der Gewalt gegen Frauen sind Femizide. Sie stehen fast immer in Verbindung mit vorhandenen Grundüberzeugungen vonseiten des Täters. Acht von zehn Umfrage-Teilnehmenden unterstützen die Forderung, Femizide in der Kriminalstatistik als eigene Kategorie zu führen.

Politik muss mehr gegen häusliche Gewalt tun

Die Studie liefert auch Ergebnisse zu konkreten Massnahmen und Forderungen. So möchten nahezu alle Befragten, dass Gewaltprävention vermehrt ein Thema an Schulen und Ausbildungsorten ist. Und dass Mitarbeitende von Polizei, Justiz und Sozialdiensten eine obligatorische Schulung zu häuslicher Gewalt und dem Umgang mit Opfern erhalten.

Mehr als acht von zehn Befragten sind der Meinung, dass die Politik mehr gegen häusliche Gewalt tun muss. Gleich viele würden es begrüssen, wenn bei ärztlichen Kontrollen standardmässig nach erlebter häuslicher Gewalt gefragt würde. Über neunzig Prozent fordern, dass Steuergelder in die Prävention von häuslicher Gewalt investiert werden.

Den gesamten Bericht gibts hier als PDF zum Download.

*(Name aus Schutzgründen geändert)

Mehr Informationen und Hilfsangebote zum Thema häusliche Gewalt findet ihr hier:

Frauenhäuser in der Schweiz

Opferhilfe Schweiz

143 – Die Dargebotene Hand

BIF – Beratungsstelle für Frauen 

Männerhäuser in der Deutschschweiz und in Genf

Wie gefällt dir dieser Artikel?

Loading spinner
Subscribe
Notify of
guest
3 Comments
Oldest
Newest Most Voted
Inline Feedbacks
View all comments
Daria

“Drei von zehn politisch rechts eingestellte Personen sehen eine Mitverantwortung bei den Opfern. Dieser Meinung sind nur vier von zehn politisch links verortete Personen.”

??

Daria

danke 🙂
dann wähl ich weiterhin links 😉