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Kantonsratskandidatin Mandy Abou Shoak: «Der Beruf meiner Mutter veränderte alles»

Politik

Kantonsratskandidatin Mandy Abou Shoak: «Der Beruf meiner Mutter veränderte alles»

Mandy Abou Shoak kandidiert für den Zürcher Kantonsrat – mit der Begründung, es brauche dort «mindestens eine Schwarze Person». Ein Gespräch über Sarah Akanjis Rücktritt und Vorbilder.

annabelle: Im September hat Kantonsrätin Sarah Akanji ihren Rücktritt bekanntgegeben. Auf Instagram schrieb sie: «Ein Mitgrund ist Hate Speech / Diskriminierung. Als Frau und als Person of Color nahmen diese ein Ausmass an, das ich nicht mehr tolerieren konnte und wollte.» Wie ging es Ihnen, als Sie davon erfahren haben? 
Mandy Abou Shoak: Von Sarah Akanjis Rücktritt zu erfahren, war schlimm für mich. So ein grosser Verlust! Ich war enttäuscht und ich war wütend – vor allem auch auf die Partei. Die SP hat es nicht geschafft, Sarah Akanji zu schützen.
 
Das war Ihr erster Gedanke? Gar nicht die Wut über die Hate Speech an sich? 
Nein. Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, sind es gewohnt, mit sexistischer Hate Speech konfrontiert zu werden. Bei Frauen of Color kommt der Rassismus noch dazu. Wir wissen alle, dass Hate Speech existiert. Aber wenn wir sehen, dass keine Massnahmen ergriffen werden, die uns schützen – gerade wenn wir uns in den Dienst einer grösseren Sache stellen –, dann ist das beängstigend, verletzend und gewaltvoll.

Und jetzt kandidieren Sie für den Kantonsrat – ohne zu wissen, ob es Ihnen genau gleich ergehen wird. 
Ja, das ist so.

Haben Sie Angst? 
Angst spielt immer eine Rolle, wenn ich öffentlich auftrete. Aber gleichzeitig will ich optimistisch bleiben. Ich hoffe, dass wir aus Sarah Akanjis Rücktritt lernen können.

Was würde das konkret bedeuten? 
Es braucht einen Massnahmenkatalog, um Politiker:innen aus marginalisierten Gruppen zu schützen: Welche Rahmenbedingungen sind seitens der Partei nötig, damit sie in Ruhe ihren Job machen können? Damit sie bleiben? Es kann nicht sein, dass immer wieder Frauen, Schwarze Frauen, queere, behinderte oder migrantische Menschen in die Politik einsteigen und dann dazu gezwungen werden, sich wieder zurückzuziehen, weil sie schlicht nicht mehr können. Das sind keine Einzelfälle; das Problem ist strukturell. Deshalb braucht es strukturelle Lösungen.

Für alle Parteien? 
Absolut – für mich ist das eine überparteiliche Aufgabe. Wir in der SP führen diese Gespräche immerhin schon; in manch anderen Parteien fehlen die Strukturen grundsätzlich.

Sie stehen seit Jahren als Rassismusexpertin und Aktivistin in der Öffentlichkeit. Wir gehen Sie persönlich mit Hate Speech um? 
Wir als Schwarz feministische Community haben ein grosses Wissen im Hinblick auf diese Kämpfe. Ein Beispiel: Wann immer ich weiss, dass ich bald wieder verstärkt öffentlich auftreten werde, gebe ich vorher Jolanda Spiess-Hegglin, der Gründerin von «Netzcourage», Bescheid. Der Verein unterstützt Betroffene digitaler Gewalt. Wenn es dann soweit ist, gebe ich mein Mail-Postfach ein paar Wochen lang in die Hände einer anderen Person. Diese säubert die Mails für mich – und leitet Nachrichten, die strafrechtlich relevant sein könnten, an Jolanda Spiess-Hegglin weiter.

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«Ohne die Sichtbarkeit von Sarah Akanji wäre ich wahrscheinlich selbst gar nicht auf die Idee gekommen, zu kandidieren»

Was ist das für eine Person, die Ihre Mails aussortiert? 
Eine Person aus meinem nahen Umfeld – je nachdem, wer Zeit hat.

Sind diese Personen, die Ihnen hierbei helfen, Schwarz? 
Nein.

In der Pressemitteilung zu Ihrer Kandidatur steht: «Es braucht mindestens eine Schwarze Person im Kantonsrat.» Ich frage mal ganz plump: warum? 
You can be what you can see. Wenn du als Schwarzes Kind nur Schwarze Menschen in Angestelltenjobs siehst, kommst du gar nicht auf die Idee, Politiker:in, Professor:in oder Architekt:in zu werden. Oder anders: Wenn eine Person ständig abgewertet wird, glaubt sie irgendwann, dass sie weniger wert ist. Der britische Soziologe Stuart Hall nannte das die «Internalisierung des Selbst als Anderes».

Sie kandidieren also in erster Linie, um ein Vorbild für Schwarze Mädchen und Frauen zu sein?
Das ist für mich ein mega wichtiger Punkt – ohne die Sichtbarkeit von Sarah Akanji als Schwarze Politikerin wäre ich wahrscheinlich selbst gar nicht auf die Idee gekommen, zu kandidieren. 40% der Menschen, die im Kanton Zürich leben, haben eine Migrationsgeschichte! Wo sind diese Menschen in diesem Rat? Ich sehe sie nicht!  Gleichzeitig geht es mir natürlich auch um das Amt an sich: Kaum jemand wird sich für die Anliegen von migrantischen, muslimischen, Schwarzen FLINTA einsetzen, wenn wir es nicht selbst tun. Wir müssen an die Tische sitzen, an denen unsere Leben verhandelt werden.

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«Wir sind eine geflüchtete Familie, ja – aber wir sind auch sehr privilegiert»

An wem haben Sie sich als kleines Mädchen orientiert? 
Ich war zwei, als meine Familie in die Schweiz geflüchtet ist. Meine Mutter hat die Maturität nachgeholt, Medizin studiert und ihre eigene Praxis eröffnet. Zu sehen, dass meine Schwarze Mutter Zahnärztin ist, war für mich extrem wichtig – eine Perspektive. Der Beruf meiner Mutter hat Situationen immer wieder komplett verschoben.

Wie meinen Sie das? 
Allermeistens, wenn die Leute nicht wussten, was meine Mutter beruflich macht, haben sie mit ihr herablassend gesprochen – auf Elternabenden in der Schule zum Beispiel. Aber sobald zur Sprache kam, dass sie Zahnärztin ist, war der Tonfall wie ausgewechselt. Ganz im Sinne von: «Ahaaa! In dem Fall …!» Ihr Titel hat alles verändert. Ich spüre heute noch, wie sich der Blick auf mich verschiebt, wenn ich erzähle, dass meine Mutter Zahnärztin ist.

Tatsächlich? 
Ja, sofort geht eine neue Schublade auf. Wir sind eine geflüchtete Familie, ja – aber wir sind auch sehr privilegiert. Es ist kein Zufall, dass gerade ich als Lokalpolitikerin kandidiere. Denn leider ist es selten die eigene Leistung, die zum Erfolg führt. Es sind die Lebensumstände.

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Mandy Abou Shoak (33) hat Soziokultur und Menschenrechte studiert. Hauptberuflich arbeitet sie als Expertin und Co-Geschäftsführerin für Gewaltprävention bei Brava und berät als Selbstständige Organisationen zu Themen rund um Diskriminierung und rassismussensible Strukturen. Sie ist zudem im Schwarz Feministischen Netzwerk Bla*Sh, im Berufsverband der Sozialen Arbeit Avenir Social und in der SP engagiert. Mandy Abou Shoak kandidiert aktuell für den Zürcher Kantonsrat.

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