Senn & So

Diese Netflix-Serie rettet unser Weihnachtsfest

Text: Claudia Senn; Foto: Netflix

eine kleine Lüge

Graut Ihnen vor einer Überdosis Familie an den Feiertagen? Da haben wir die richtige Therapie für Sie.

Zu den wichtigeren Erkenntnissen meines Erwachsenenlebens gehört, dass einem auch Menschen, die man innig liebt, schrecklich auf die Nerven gehen können. Das gilt insbesondere für die Mitglieder der eigenen Familie. Lieben und genervt sein voneinander sind keine Gegensätze, sondern bloss zwei unterschiedliche Farben auf der Gefühlspalette familiärer Zuneigung. Seit ich das weiss, ertrage ich Weihnachten wesentlich besser.

Wenn es nun bald wieder so weit ist, und die Glöckchen erklingen, und der Braten im Ofen duftet, und die Kinderaugen leuchten, und Sie Ihrem Bruder eine reinhauen könnten, weil auch seine neue Freundin wieder aussieht wie eine ukrainische Edelprostituierte, und Ihre Mutter Sie mit bekümmertem Hundeblick fragt, wie lang sie denn noch auf einen Enkel warten muss, und Grossonkel Alfred zum tausendsten Mal seine infantilen Gedichte rezitiert, wenn also Weihnachten mal wieder so ist wie immer, dann hätte ich da was für Sie: Ziehen Sie sich dezent in ein stilles Zimmer zurück und schauen Sie sich die französische Mini-Serie «Eine kleine Lüge» an. Es geht in diesem Kleinod von Fabrice Gobert («Les Revenants») um Elvira, eine frustrierte Mutter, die ihre Lieben so richtig satt hat. Der Ehemann betrügt sie mit einer feschen Apothekerin, der älteste Sohn will lieber ein Mädchen sein, die Mittlere muss nach entgleisten Sauf-Spielen auf dem Polizeiposten abgeholt werden, die Kleinste hat rätselhafte Hautausschläge, und alle vier erwarten von Maman perfekte Dienstleistungen rund um die Uhr. «Ich bin gut genug, um die Wäsche zu waschen, den Kühlschrank aufzufüllen. Ich bin ein Automat für Futter und für Liebe», sagt Elvira in der letzten Folge, als endlich die Wahrheit auf den Tisch kommt. Aber zuvor wird erst einmal kräftig gelogen.

Am Anfang der Serie lässt Elvira nämlich einen Knoten in ihrer Brust untersuchen, der sich zum Glück als gänzlich harmlos herausstellt. Trotzdem erzählt sie ihren Lieben, sie leide an Brustkrebs. Und siehe da, im Angesicht des potenziellen Verlustes bricht in der geschockten Familie sogleich eine wundervolle Harmonie aus. Wie ein köstlicher Balsam regnen die so lang vermisste Liebe und Wertschätzung auf Elvira herab. Papa lässt nun selbstverständlich die Hände von der Apothekerin, die Kinder benehmen sich wie Lämmchen und sogar der dauerübergriffige Nonno, ein italienischer Pizzabäcker, will für seine Tochter nur noch das Allerbeste. Dass das auf Dauer nicht gut gehen kann, liegt auf der Hand. Doch «Eine kleine Lüge» ist keine deprimierende Studie zwischenmenschlicher Kollateralschäden, sondern eine anrührende und manchmal hochkomische Serie mit herrlich schrägen Figuren. Das quietschbunte Dekor erinnert an die Wisteria Lane aus «Desperate Housewives», die Musik changiert zwischen Trip-Hop und fetzigen Chansons, die Serie strotzt nur so vor witzigen Regieeinfällen und überraschenden Filmzitaten. Trotz des schweren Themas ist «Eine kleine Lüge» ein grosser Spass.

Warum Sie sich das gerade jetzt anschauen sollten? Weil ich glaube, dass diese Serie an den Feiertagen geradezu therapeutische Wirkung entfalten könnte. Ein, zwei Folgen werden Sie in die notwendige Grundentspannung versetzen. Danach machen Sie den Fernseher aus, lauschen ein bisschen den Stimmen vor Ihrer Tür und stellen sich vor, Ihre Lieben hätten einen Tumor. Lassen Sie sich so richtig reinfallen in diesen Gedanken. Keine halben Sachen, malen Sie sich die Tragödie mit all ihren drastischen Details aus! Genau wie Elviras Familie wird Ihnen augenblicklich wieder einfallen, warum Sie die Menschen, die Ihnen eben noch so auf die Nerven gegangen sind, lieben, und was für ein Verlust es wäre, wenn Sie sie verlieren würden. Es ist ein kleiner Schock, aber ein heilsamer, der Ihnen helfen wird, tolerant zu sein, wenn Sie gleich wieder rein gehen in die gute Stube.

Sind Sie so weit? Dann gesellen Sie sich jetzt wieder zu Ihren Lieben. Machen Sie der Freundin Ihres Bruders ein Kompliment für Ihre künstlichen Brüste. Trösten Sie Ihre Mutter über Ihre Enkellosigkeit hinweg, es gibt schliesslich Schlimmeres. Giessen Sie Grossonkel Alfred noch ein Eierlikörchen ein. Weihnachten wird super!

Empfehlungen der Redaktion

Senn & So – Die Kulturkolumne von Claudia Senn

Wie der Podcast Paardiologie meine Wahrnehmung von Charlotte Roche veränderte

Von Claudia Senn

Mehr aus der Rubrik

North feiert auf der Luxus-Ranch

Die verrücktesten Kindergeburtstage der Kardashians

Von Vanja Kadic