Senn & So – Die Kulturkolumne

Netflix: Jüdische Serie Shtisel als Kurzurlaub von medialer Dauerüberreizung

Text: Claudia Senn; Foto: Dor Malka 

Shtisel

Zugegeben, ich habe zwei Anläufe gebraucht, bis mich die Netflix-Serie «Shtisel» über eine ultraorthodoxe Familie in Jerusalem in ihren Bann gezogen hat. Denn erst einmal musste ich mich auf das geruhsame Tempo einstellen, das so gemächlich dahinplätschert wie ein frommes, jüdisches Leben. Es gibt keine rasanten Schnitte, kein Geballer, ja eigentlich fast gar keine Gewalt, jedenfalls keine physische (psychische: O doch, jede Menge!), und anstelle von Sex höchstens glutäugige Blicke, in die die Figuren ihre ganze Sehnsucht legen. Der Aufreger in Folge eins ist, dass die Mame des alten Rabbi Shtisel im Altersheim einen Fernseher mietet und sich damit Zugang zu frivolen amerikanischen Fernsehserien verschafft. Tönt dröge? O nein, «Shtisel» ist eine der liebenswürdigsten Netflix-Serien überhaupt. Ich bedaure zutiefst, dass ich beide verfügbaren Staffeln schon durchhabe. Bitte, bitte mehr davon!

Denn hat man sich erst einmal daran gewöhnt, dass «Shtisel» eine Art Kurzurlaub von der medialen Dauerüberreizung ist, unter der wir für gewöhnlich stehen, kehrt tiefe Zuneigung für die Figuren ein. Allen voran für den 26-jährigen Akiva Shtisel, der unter der Knute seines herrschsüchtigen Vaters Shulem steht. Keine Frau, in die der sensible Sohn sich verliebt, ist dem sittenstrengen Rabbi gut genug. Akivas künstlerisches Talent bekämpft der Vater, als handle es sich um eine peinliche Krankheit. Akiva, hin und her gerissen zwischen Selbstbehauptung und seinem Bedürfnis, dem trotz allem geliebten Vater den gebotenen Respekt zu erweisen, wird hinreissend gespielt von Michael Aloni, der in Israel – wen wunderts – eine grosse Nummer ist. Ich könnte ihm jahrelang zuschauen. Hatte ich schon erwähnt, dass er auf eine bezaubernd unmachoide Weise gut aussieht?

Der Antisemitismus nimmt zu in Europa. Das zeigen Anschläge wie jener am 9. Oktober in Halle. Das berichten orthodoxe Juden auch bei uns. Doch wer sich «Shtisel» anschaut, kann kein Antisemit werden. Denn er merkt, dass die Orthodoxen zwar eine Menge fremdartiger Bräuche haben, aber im Grunde genommen sind wie wir: Sie lieben ihre Familien und gehen einander gleichzeitig entsetzlich auf die Nerven. Sie möchten ihren Weg im Leben finden. Sie überlegen sich, ob sie genug geliebt werden. Sie machen viele Fehler, von denen sich einige nicht wieder gutmachen lassen. Sie sind unvollkommen und holen trotzdem in manchen Augenblicken das Beste aus sich heraus. Und am Ende des Lebens fragen sie sich, ob das nun wirklich schon alles war. Kaum eine Serie auf Netflix ist so zutiefst menschlich wie «Shtisel». Bitte, bitte mehr davon!

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