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Mexikos drittes Geschlecht: Muxes – weder Mann noch Frau

LGBTQIA+

Mexikos drittes Geschlecht: Muxes – weder Mann noch Frau

Mann? Frau? Muxe! Mitten in der Macho-Kultur Mexikos existiert ein drittes Geschlecht – bestens in die Gesellschaft integriert. Kompliziert ist es dennoch.

Ich bin für die Nacht in Oaxaca City und es regnet Mayates. Buchstäblich. Tausende von ihnen schwirren herum und krachen gegen die Strassenlaternen. Am Boden werden sie von Fussgänger:innen zerquetscht oder von den Ameisen verschlungen. Mayates sind Dungkäfer, diese kräftigen, pummeligen Kehrichtmänner der Natur. Ihr einziger Lebenszweck ist es, den Kot, den sie finden, zu Kugeln zu rollen. Mayate ist auch ein Wort, das im Süden Mexikos oft als Bezeichnung für Männer verwendet wird, die mit Muxes schlafen, einer Gemeinschaft von biologischen Männern, die sich weder als männlich noch als weiblich betrachten und auf heterosexuelle Männer stehen.

Wir befinden uns in einem Land, in dem ein schwuler Seitensprung mit dem Wälzen von Scheisse verglichen wird. Doch es ist auch ein Land, das extrem tolerant und frei sein kann. Letztlich ein Land der Widersprüche – sprich ein sehr menschliches Land. Das ist mein Land. Das ist Mexiko. Viele der Muxes tragen gerne folkloristische weibliche Kleidung, was aber nicht zum Schluss verleiten darf, dass sie homosexuelle Crossdresser sind.

Care-Arbeit und Parties

Es gibt in ganz Mexiko viele Regionen, die von den Debatten, Regeln und Definitionen der westlichen Kultur noch nicht beeinflusst sind – oder sich nicht beeinflussen lassen. Juchitán de Zaragoza, eine staubige, verarmte und etwas abgelegene Stadt im Südosten von Oaxaca, ist definitiv eine davon. Juchitán ist die Heimat dieser sogenannten Muxes, die oft traditionelle weibliche Rollen in Familie und Gesellschaft einnehmen.

Obwohl es sich teilweise um einen Mythos handelt, sagen viele Leute, dass es ein Segen ist, ein Muxe-Kind zu haben, da diesem automatisch die Aufgabe zukommt, sich um die alternden Eltern zu kümmern. Anders als die grosse Mehrheit der globalen LGBTQIA+-Community sind die Muxes, zumindest die der alten Schule, in der lokalen indigenen Tradition verwurzelt. Sie sind Juchitáns offizielle Zeremonienmeisterinnen und berühmt dafür, das ganze Jahr über riesige Parties, sogenannte Velas, zu organisieren, bei denen Leute aus allen Gesellschaftsschichten essen, trinken und tanzen, bis die Sonne aufgeht.

Muxes als Bestandteil religiöser Legenden

Velas waren früher tagelange religiöse Zeremonien an Feiertagen, etwa zu Ehren des Schutzheiligen Vicente Ferrer und anderer Ikonen. Sie waren ein Beispiel für den Synkretismus zwischen indigenen Ritualen und dem Katholizismus, der Mexiko durch die Eroberung Spaniens aufgezwungen wurde. Heute sind viele der Velas einfach epische Feste, die alle zusammenbringen – die einzigen Menschen, die in dieser Gesellschaft wirklich diskriminiert werden, sind diejenigen, die nüchtern bleiben.

Alle Männer müssen einen Karton Bier mitbringen, um an der Vela teilzunehmen, während die Frauen eine kleine Spende geben. Während dieser Feiern zeigen die Muxes ihre besten Kleider und krönen am Ende eine der ihren zur «reina», zur Königin. Abgesehen von den wilden Parties sind die Muxes auch Teil der religiösen Legenden der Stadt. «Man sagt, dass Gott dem Heiligen Ferrer einen Sack voller Muxes gegeben hat, um sie über Mexiko und den ganzen Kontinent zu verteilen. Aber als er in Juchitán ankam, platzte der Beutel und er verschüttete sie alle», erzählte mir eine lokale Muxe einmal.

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Nach einer Nacht in Oaxaca-Stadt komme ich endlich in Juchitán an, diesem komplizierten Ort, den ich vor fast zehn Jahren das erste Mal besucht habe, noch bevor er durch das Erdbeben 2017 gebeutelt wurde. Die Stadt hatte sich noch nicht erholt von der Katastrophe, die Hunderte von Häusern in Schutt und Asche legte, als Covid-19 einschlug – und die neue wirtschaftliche Realität der Pandemie. Die Arbeitslosigkeit hat Diebstahl und Erpressung in neue Höhen getrieben, einige Leute in den umliegenden Städten haben aus purer Verzweiflung Suizid begangen, und während sich das ganze Land auf die Zwischenwahlen vorbereitet, scheint die Stimmung besonders düster.

Der überwältigende Sieg des Linkspopulisten Andrés Manuel López Obrador und seiner Partei bei den Präsidentschaftswahlen 2018 gab einer Nation, die unter unzähligen Korruptionsskandalen, einem sprunghaften Anstieg der Gewalt im Drogenkrieg und anhaltenden sozialen Ungleichheiten leidet, kurzzeitig Hoffnung.

Viele müssen sich prostituieren

Aber seitdem hat sich nicht viel geändert. Tatsächlich fühlen sich viele Bereiche des Lebens für die Bevölkerung noch schlechter an als zuvor. «Der 1. Mai endet am 31. Mai», scherzt der lokale Kulturförderer Eder Chicuellar. Er bezieht sich auf die endlosen Velas, die normalerweise dringend benötigten Spass und Geld in die Stadt bringen. Aber die Parties wurden wegen der Pandemie alle abgesagt, was viele Muxes, die ihren Lebensunterhalt mit Styling, Hair and Make-up und Catering verdient haben, dazu veranlasst, in die mexikanische Hauptstadt und andere urbane Gebiete des Landes abzuwandern, wo bessere Löhne und mehr Möglichkeiten winken.

Sobald sie jedoch den relativen Komfort ihrer Heimatstadt verlassen, treffen viele Muxes auf eine feindliche Umgebung. Viele müssen sich prostituieren, um über die Runden zu kommen, oder kehren nach Juchitán zurück, weil sie nicht Fuss fassen konnten.«Als ich in Mexiko-Stadt ankam, verlangten die meisten Jobs, auf die ich mich bewarb, einen Nachweis über den Militärdienst», erzählt Amérika Pineda, eine Muxe, die kürzlich zu ihren Eltern zurückgekehrt ist. «Ich hatte keinen, denn als Muxe habe ich den Militärdienst verweigert – es war das Letzte, was ich tun wollte. Das hat viele Türen verschlossen für mich.» Amérika sagt, sie habe Juchitán wegen eines gebrochenen Herzens verlassen.

Verliebt in heterosexuelle Männer

«Wir Muxes verlieben uns in heterosexuelle Männer. Ich mag Machos, hart aussehende Typen. Ein Mann ist ein Mann, und ich kann mich einfach nicht in Verweichlichte verlieben. Meine Partner waren immer heterosexuell. Aber sie versteckten mich, sie hatten Angst, ihren Frauen oder Familienmitgliedern über den Weg zu laufen mit mir», sagt sie.

Amérikas Vorliebe ist eine, die bei den meisten Muxen weit verbreitet ist. Sie scheinen sich nach dem stereotypen mexikanischen Mann zu sehnen, der sie zwar ficken, aber niemals zurücklieben wird. Warum ein «heterosexueller» Macho-Mann Sex mit einer Muxe haben wollen soll? Eine der vielen falschen Fragen, die man sich hier so stellt. Wie bereits erwähnt bringen einen westliche Normen und Ansichten bei diesem Thema nicht unbedingt weiter.

«Warum hat Gott mich nicht als Mann gemacht?»

Zugegeben, die Globalisierung ist eine unaufhaltsame Kraft. Aber Juchitán ist vom aktuellen Zeitgeist bezüglich Geschlecht und Gender einigermassen unberührt. Legen wir also unsere vorgefassten Meinungen für ein paar Minuten beiseite. Wenn es nicht komplett Sinn macht, dann – und nur dann – beginnt man zu verstehen. «Ich habe mich als Muxe geoutet, als ich 15 wurde und an eine Quinceañera- Party wollte», erzählt Amérika.

«Als ich jünger war, hatte ich Angst davor, eine Muxe zu sein, weil ich wusste, dass ich eine Menge Probleme mit meinen Eltern haben würde. Warum hat Gott mich nicht als Frau gemacht? Warum hat er mich nicht als Mann gemacht? Das habe ich mich immer wieder gefragt.»

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«Eines Tages merkten meine Schwiegereltern, dass ich nicht wirklich eine Frau war, sondern nur so tat, als wäre ich eine»

Amérika

Es ist diese Dualität, die den Kern des Muxe-Seins ausmacht. Eine Dualität, die es nicht nur in Juchitán gibt – ähnliche soziale Phänomene wie die Hijras in Indien und die Kathoeys in Thailand werden als «Drittes Geschlecht» bezeichnet. «Ich habe angefangen, mir Hormone zu spritzen», verrät Amérika, wenn sie über ihre fortlaufende körperliche Verwandlung spricht, zu der auch Brustimplantate und Gesässvergrösserungen gehören.

Obwohl Amérika sich selbst als Muxe bezeichnet, erkennt sie auch an, dass ihre körperliche Metamorphose sie nun in die Kategorie der Transsexuellen stellt. «Eines Tages merkten meine Schwiegereltern, dass ich nicht wirklich eine Frau war, sondern nur so tat, als wäre ich eine. Also sagte ich, genug ist genug, ich muss eine Frau werden.» Doch Amérika ist sich bewusst, dass sie nie eine sein wird, zumindest nicht biologisch. «Mein letzter Partner hat mich verlassen, weil ich ihm kein Kind schenken kann».

Aus der traditionellen Rolle ausbrechen

Obwohl das alles sehr schmerzhaft war, hat sich Amérika inzwischen damit abgefunden, wer sie ist. «Die Einsamkeit war das Schlimmste für mich. Aber jetzt nicht mehr, ich habe keine Angst mehr vor der Einsamkeit.» Amérika versichert mir, dass sie glücklich damit ist, die traditionelle Rolle der Muxe zu übernehmen und sich um ihre Eltern zu kümmern. «Wenn ich ein Mann wäre, könnte ich meine Mutter nicht baden, und wenn ich eine Frau wäre, könnte ich sie nicht tragen. Also bin ich eine Muxe.»

Es gibt andere Muxes, die nicht daran interessiert sind, die Last ihrer Familien zu tragen, und sich in andere Bereiche gewagt haben. So wie Naomy Méndez Romero, eine junge Muxe und Aktivistin, die in der Politik tätig ist. Es ist ein übles Geschäft, voller Korruption, Hinterhältigkeit und Mord. Naomy, die hinter den Kulissen arbeitet, erzählt mir, dass sie davon träumt, in ein paar Jahren ihre eigene Kampagne zu starten und auf einer Plattform zu kandidieren, die Vielfalt und Inklusion fördert – zwei überstrapazierte Wörter, die an Bedeutung verlieren, nun da sie in der Regierung und am Arbeitsplatz mit Quoten verankert werden.

«Vielfalt und Inklusion» als PR-Masche

Naomy findet, dass zu viele Leute in Mexiko (und überall auf der Welt) die gute PR von «Vielfalt und Inklusion» ausnutzen, um sich einen Vorteil zu verschaffen. In letzter Zeit gab es in Mexiko einige politische Kandidat:innen, die aus dem Rennen ausscheiden mussten, weil sie vorgaben, einer sexuellen, geschlechtlichen oder indigenen Minderheit anzugehören. Es sei zu einem Spiel des Kästchen-Ankreuzens geworden, sagt mir Eder Chicuellar, der Kulturförderer.

«Plötzlich erhält man als Minderheit Zugang zu Geldern von der Bundesregierung oder wird im neuen politischen Klima sichtbarer. Die Welt steht Kopf.» Naomy gibt zu, dass tatsächlich viele Leute versuchen, auf den Zug des «Fortschritts» aufzuspringen. Aber sie betont, dass es trotzdem mehr Toleranz gibt, wenn jemand wie sie an der politischen Führung des Landes teilhaben will. «Früher dachte man, weil man eine Muxe ist, kann nichts aus einem werden», sagt sie. «Wir sind immer gegen den Strom geschwommen. Und jetzt ändert sich der Strom.»

Diskriminierung und Machismo

Das mag sein, aber es dauert lang, und Muxes sind immer noch vielen Bedrohungen ausgesetzt in einem Land, das für seine grausamen Frauenmorde berüchtigt ist. «Es gibt nach wie vor viel Diskriminierung und Machismo», erzählt mir Marcela Nicolás Gómez, eine lokale Muxe. «Und das von Männern genauso wie von Frauen und Muxes.» Marcela verrät, dass ihre Gemeinschaft nicht gerade geeint ist und es eine wachsende Spaltung zwischen der alten und der neuen Generation gibt – ein Echo dessen, was überall auf der Welt passiert. «Die jungen Muxes wollen alles auf dem Silbertablett serviert bekommen. Sie haben nicht so gelitten wie wir, sie haben nichts gewonnen. Wir mussten Ablehnung und schräge Blicke ertragen, wir haben unser Lehrgeld bezahlt.»

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Die Muxes haben sich ihren Platz in der sozialen Hierarchie Juchitáns, die oft als Matriarchat bezeichnet wird, tatsächlich erkämpft. «Wenn man eine Stadt kennen will, muss man ihren Markt kennen», sagt Eder Chicuellar während eines Rundgangs durch die verschiedenen Essensstände auf dem Hauptplatz der Stadt. Die meisten der Arbeitenden hier sind Frauen. Die Männer fischen und gehen früh am Tag auf die Felder, während die Frauen das Produkt zum Markt bringen und so das sichtbare Gesicht der lokalen Wirtschaft sind.

Sie sind zweifellos zäh, stark und tough, aber dennoch sind auch die Frauen hier Schlägen, sexuellen Übergriffen und Morden ausgesetzt. «Gewalt ist ein grosses Problem», sagt Gala, eine Muxe, die vor Kurzem von Juchitán nach Mexiko- Stadt gezogen ist. «Diskriminierung ist ein Witz im Vergleich zu den Morden und zum Missbrauch.» Eben – wenn es um Juchitán geht, ist nichts schwarz oder weiss. Auf den ersten Blick scheint es ein Matriarchat zu sein, aber wenn man etwas tiefer gräbt, erfährt man, dass viele der Probleme, mit denen Frauen überall auf der Welt konfrontiert sind, auch hier allgegenwärtig sind.

Traditionen bewahren

Juchitán ist widersprüchlich und letztlich auch ein Ort, an dem das Leben noch zu einem gewissen Grad durch das Gesetz der «usos y costumbres» bestimmt wird. Der Begriff, der grob übersetzt «Sitten und Gebräuche» bedeutet, umschreibt eine Form der Autonomie und Selbstverwaltung, die viele mexikanische indigene Gemeinden praktizieren, um ihre Identität und sozialen Strukturen zu bewahren.

Besonders ausgeprägt ist dies in Oaxaca, einem Bundesstaat, in dem mehr als achtzig Prozent des Landes in kommunaler Hand sind und der sich weiterhin verzweifelt an seine Traditionen klammert. «Ein Junge kann ein Kleid anziehen und seine Quinceañera-Party feiern, das finde ich faszinierend», erzählt mir Heinz Schaub, ein pensionierter Schweizer Kinderarzt, der in der Nähe von Juchitán lebt. «Hier gibt es Freiheit, vor allem was die Parties angeht. Die ganze Stadt geht zu diesen Veranstaltungen, und die Muxes koexistieren Seite an Seite mit allen anderen.»

Was genau ist eine Muxe?

Schaub stellt die Theorie auf, dass das Muxe-Phänomen vielleicht einfacher ist, als die meisten Leute und Journalist:innen (mich eingeschlossen) es sich vorstellen. «Sich als Muxe zu bezeichnen, ist vielleicht die einzige Möglichkeit, in Juchitán offen schwul zu sein», sagt er. «Der Machismo ist im Süden Mexikos sehr stark ausgeprägt. Viele Muxes sind auch sehr machohaft, also ist es bequemer, zu sagen, dass man eine Muxe ist, weil die Leute eher bereit sind, einen so zu akzeptieren.» Schaub sagt, es sei fast unmöglich, Vergleiche zu Europa zu ziehen. «Es ist schon irgendwie verrückt, was hier passiert, es ist seltsam und schwer zu erklären.»

Selbst die Anthropologie tut sich schwer damit, genau zu bestimmen, was eine Muxe ist und wie dieses Phänomen einzuordnen ist. Sami Laaksonen ist ein finnischer Anthropologe, der seit 2003 in Mexiko lebt. Er erzählt mir, dass er in seiner Heimat einen Dokumentarfilm über die Muxes gesehen hat und sofort den Drang verspürte, sie zu studieren. Laaksonen besteht darauf, dass man die Muxes nicht durch eine westliche oder amerikanisierte Linse betrachten kann.

Verschiedene Kategorien von Muxen

Er schrieb seine Masterarbeit über die Muxes und unterteilte sie darin in fünf Kategorien: Muxes, die wie traditionelle Frauen leben, Muxes, die wie traditionelle Männer leben und sich nicht wie Frauen kleiden, moderne und schwule Muxes, transvestitische Muxes und Transgender-Muxes. Letztere seien eine recht kleine Gruppe, die vor allem in Mexiko-Stadt lebe, wo zeitgenössische Einflüsse und die Kräfte der Globalisierung stärker spürbar seien.

«Den Muxes, die ich getroffen habe, ist es völlig einerlei, ob man sie ‹er› oder ‹sie› nennt»

Sami Laaksonen, Anthropologe

Als ich Laaksonen frage, wie die Muxes entstanden sind, hat er keine klare Antwort – es gebe keine soliden Daten oder Beweise, nur Theorien. Einige sagen, Muxes könnten ihre Wurzeln in der alten zapotekischen Kultur und dem zapotekischen Dialekt haben, der zufällig geschlechtsneutral ist – das hat nichts mit dem Trend um sprachliches Gendering zu tun, das ist ein prähispanischer Fakt.

«Muxes ist diese Debatte recht egal», sagt Laaksonen. «Ich bin mir sicher, dass die neuen Generationen das anders sehen, aber den Muxes, die ich getroffen habe, ist es völlig einerlei, ob man sie ‹er› oder ‹sie› nennt.» Allerdings räumt er ein, dass es hitzige Diskussionen darüber gibt, wie der Begriff entstanden ist. «Einige Linguist:innen behaupten, Muxe komme vom lateinischen ‹mulier›, was Frau bedeutet, aber ich habe nachgeforscht und herausgefunden, dass es vom zapotekischen Begriff ‹guendamuxe› stammen könnte.»

Auch hier greift die Globalisierung

Laut Laaksonen entstand der Begriff in einem der rauesten Viertel von Juchitán, als es noch kein Radio und Fernsehen gab und sich die Kinder oft zum Spass auf der Strasse prügelten. «Wenn man sich weigerte, zu kämpfen, nannten sie einen ‹guendamuxe›, was ängstlich oder verweichlicht bedeutet – es wird ähnlich gebraucht wie der Begriff Schwuchtel». Laaksonen hebt hervor, dass sich die Muxes viele dieser Schimpfwörter angeeignet haben: «Sie nennen sich oft selber ‹Schwuchtel› oder ‹locas›, verrückte Weiber».

Apropos Aneignung: Laaksonen glaubt, dass die Muxes nicht immun sind gegen die Globalisierung. «Ich denke, sie beschäftigen sich mit Ethnogenese oder der Idee, ihre Kultur der Welt zu zeigen. Die Muxes sind sehr auffällig, sie sind wichtig geworden für den Tourismus in Juchitán, eine Geldquelle.» Letzteres ist definitiv wahr. Als immer mehr Journalist:innen in die Stadt gekommen sind, um über das Muxe-Phänomen zu berichten, haben die Juchitecos und Juchitecas erkannt, dass Muxes in den Augen vieler als extravagante Freakshow gesehen werden, deren Lebensweise als Teil der globalen LGBTQIA+-Bewegung gefeiert wird.

Muxes auf Titelseiten von Modemagazinen

Die Muxes tauchen mittlerweile auf den Titelseiten von Modemagazinen auf, einige sind zu Quasi-Promis geworden und nicht wenige versuchen, für ein Interview ein Honorar zu verlangen. Viele schauen zu weltberühmten Dragqueens wie Ru Paul auf und träumen davon, ihre eigenen Shows zu haben. «Es gibt inzwischen Städte in Mexiko, die von der Hand Gottes noch nicht erreicht wurden, aber von Lady Gaga schon», erzählt mir Eder Chicuellar, als er über den Einfluss der amerikanischen Popkultur, des Fernsehens, des Internets und von Social Media spricht.

Reporter:innen scheinen darauf erpicht zu sein, die Muxes als LGBTQIA+-Heldinnen zu romantisieren, anstatt sich an die Fakten zu halten. «Muxes haben sich neu erfinden müssen und werden das auch weiterhin tun», sagt Laaksonen. Der Anthropologe behauptet, dass die alten Muxes in der Vergangenheit eine bestimmte Rolle in der Gesellschaft als «Sexuallehrerinnen» zu erfüllen hatten, ein diplomatischer Begriff, vermute ich, für eine Prostituierte.

Nicht alles muss politisiert und ideologisiert werden

«Junge Frauen mussten bis zur Heirat jungfräulich bleiben, also schliefen ihre Freunde oft mit Muxes, um ihre Jungfräulichkeit zu verlieren und um etwas über den Geschlechtsverkehr zu lernen», erklärt Laaksonen. Heutzutage ist das Ausführen sexueller Handlungen gegen Geld immer noch eine wichtige Beschäftigungsquelle für viele moderne Muxes. Aber es sind nicht immer junge, jungfräuliche Männer, die für den Sex bezahlen.

Laaksonen sagt, dass es manchmal auch umgekehrt ist: «Es gibt Muxes, die dafür bezahlen, mit jungen Männern zu schlafen, oft sind die noch minderjährig. Da kann es Missbrauch geben, Inzest, das ist eine Grenze, die schwer zu ziehen ist.» Als ich Juchitán verlasse und eine kurvenreiche Strasse hinunterfahre, denke ich, dass der Reiz, der die Muxes umgibt, wohl darin liegt, dass sie sich nicht auf ein einziges Wort, einen Satz, einen Artikel oder eine Serie von Fotos beschränken lassen. Wir verstehen nicht, was sie sein sollen. Und so versuchen wir, brave, dumme, ordnungsliebende Westler, die wir sind, ihnen einen Sinn zu verleihen.

Vielleicht sind Muxes aber auch ein Beispiel dafür, dass nicht alles politisiert oder ideologisiert werden muss. «Leben und leben lassen» hat mir Shaula, eine Muxe, einmal gesagt. Die meisten Muxes scheinen sich darauf zu konzentrieren, genau das zu tun und wertvolle Mitglieder ihrer Gemeinschaft zu sein. Und das macht sie wirklich faszinierend und einzigartig.

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