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Meinung: Es ist unfair, pauschal auf uns Männer einzuprügeln – und gefährlich

Leben

Meinung: Es ist unfair, pauschal auf uns Männer einzuprügeln – und gefährlich

Der Feminismus sei heutzutage zu verbissen, findet Reportage-Chef Sven Broder. In München hat er Tobias Haberl, Autor des Bestsellers «Der gekränkte Mann», zum Gespräch getroffen.

Ich bin weiss. Ich bin ein Mann. Dazu heterosexuell, ohne Migrationshintergrund, angestellt in leitender Position, nicht Allein-, aber seit jeher Haupternährer meiner Familie. Ich habe sechs Wochen Ferien, eine dritte Säule, bin eher über- als unterversichert, was irgendwie absurd ist, wenn man wie ich nicht wegkommt von den Zigaretten. Ich habe eine Frau, die jeweils den Koffer packt, den ich dann die Treppe hinuntertrage, wenn wir mit unseren drei Kindern in die Familienferien fahren, selten mit dem Flugzeug, meist mit dem Bus; ein Diesel, was die Sache nur wenig besser macht. Am Steuer sitze dann ich, nicht weil meine Frau nicht fahren wollte, sondern weil ich sie aus irgendwelchen fehlgeleiteten Instinkten nur selten fahren lasse.

In meiner viel zu spärlichen Freizeit bastle ich an alten Motorrädern. Und ich mag ultragern Fussball. Manchmal schreie ich von den Rängen Dinge, für die ich mich in weniger emotionalen Momenten zu Recht schämen würde. Ich bin in einem Männer-Verein, der keine Frauen aufnimmt, dessen Name ich mir trotzdem über die Rippen tätowiert habe («Arschgiige fürs Läbe») und in einer Männer-Whatsapp-Gruppe, in der ich mich über so skurrile Dinge wie die Wärmebildaufnahme eines furzenden Mannes wundere oder über Sprüche wie «I may be low income – but I’ll never be low in cum».

Zusammengefasst: Wäre ich jetzt auch noch alt, was ich mit 46 Jahren noch nicht ganz bin, wäre ich ziemlich sicher ein «alter weisser Mann»: «Ein Auslaufmodell, ein Zivilisationsirrtum, verantwortlich für jede Menge Unheil auf der Welt», wie es der deutsche Autor Tobias Haberl treffend beschreibt – aber zu ihm kommen wir später, bleiben wir zunächst noch ein wenig bei mir.

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Momentan sind andere Männer angesagt

Noch bin ich also lediglich «weiss» und «Mann» – den Zeitgeist habe ich trotzdem eher nicht auf meiner Seite. Momentan sind andere Männer angesagt. Männer, die – seien wir ehrlich – besser sind als ich. Oder so tun, als ob. Korrekter. Gesünder. Netter. Zu sich. Zu Mitmenschen. Zur Umwelt. Oder dann sollten es wenigstens Männer sein, die nicht wie ich zu den Profiteuren der letzten 5000 Jahre gehören, schwule Männer zum Beispiel. Richtig hoch im Kurs stehen aktuell jedoch vor allem Frauen. Und alles, was man gemeinhin als «weiblich» taxiert. Cool ist, was nicht wehtut. Und mustergültig, was heilt. Denn der offenen Wunden, die das Gift des «toxischen Mannes» über die Jahrhunderte in die Welt gebrannt hat, sind viele.

Immer mehr Geschädigte werden identifiziert, melden sich zu Wort, fordern ihre Rechte oder Wiedergutmachung ein. Wenige Menschen bekommen derzeit mehr Aufmerksamkeit als Leute, die sich überzeugend als Opfer präsentieren. Im Gegenzug machte man sich als Mann noch nie so schnell und so einfach zum Täter. Ein verdächtiges Foto, ein falsches Wort, ein schlechter Witz, schon explodiert was.

Verstehen Sie mich richtig. Ich bin kein reaktionärer Typ, der sich den weissen Mann zurück in die Leitzentrale wünscht und alle anderen in die Maschinenräume. Im Gegenteil, ich bin froh, ist die Welt vielfältiger, durchlässiger, ja, weiblicher geworden, wenn man so möchte. Das Erstaunliche ist nur, in welchem Tempo dieser gesellschaftliche Wandel vorangepeitscht wird. Und mit welcher Vehemenz die neuen Normen eingefordert und wie unerbittlich jede Zuwiderhandlung bestraft wird.

Alle Vorbilder plötzlich Witzfiguren oder Feindbilder

Seit einiger Zeit halte ich mich deshalb weitgehend aus öffentlichen Feminismus- und Gender-Debatten heraus, was einerseits feige und andererseits auch dumm ist, weil ich mir als weisser heterosexueller cis*-Mann ja auch viele Streicheleinheiten abholen könnte, wenn ich mich nur möglichst woke und genderkonform gäbe. Und ich bräuchte mich dafür nicht einmal zu verbiegen, sondern müsste mein Tun einfach nur nach Shitstorm- und Herzchen-Potenzial filtern. Ein Bild auf Instagram von mir und meiner Tochter beim Skateboardfahren («Close the Gaps»), mit einer Hafermilch in der Hand (#animal – love), schon hagelte es Likes. Egal, ob ich tags zuvor mit ihr auch im Stadion gewesen wäre und eine Wurst gegessen hätte, während im Hintergrund ein Chor aus Testosteron «Schiri, du Wixer, mir figged dini Mueter» sang.

Aber ich fänds verlogen, nur meine gestriegelte Seite zu zeigen. Denn es gibt eben auch noch andere. Auf viele von ihnen bin ich nicht stolz. Aber sie gehören zu mir, zu meiner ganz persönlichen Mann-Werdung. Denn hey, ich bin aufgewachsen in einer Zeit, da war Rambo noch ein Held und Adriano Celentano ein Frauenversteher, und sang Plácido Domingo «Nessun dorma», schossen meiner Mutter die Tränen in die Augen. Unterdessen jedoch sind so ziemlich alle meine Vorbilder von früher entweder Witzfiguren oder Feindbilder.

Aber verinnerlichte Vorbilder kann man nicht abstreifen wie eine aus der Mode gekommene Jeans. Und dass mir über Jahrzehnte, schon bevor es sich gelohnt hatte, überhaupt den Rasierer anzusetzen, sämtliche Rezeptoren im Hirn mit Botschaften befeuert wurden, was sexy und begehrenswert sein soll – von «Fa fresh» bis «Victoria’s Secret» –, ging auch nicht eben spurlos an mir vorbei.

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«Erstaunlich ist, mit welcher Vehemenz die neuen Normen eingefordert werden und wie uner­bittlich jede Zuwiderhandlung bestraft wird»

Sven Broder

«Jö, Sven, du tust mir aber leid.» Nein, ich möchte kein Mitleid. Mir ist durchaus bewusst, dass ich in dieser Angelegenheit keinesfalls das Opfer bin. Und wenn doch, ein bisschen vielleicht, dann gewiss nicht der Frauen. Was ich bedauere, ist der Umstand, dass der Feminismus oder sagen wir besser der dogmatische Feminismus, wie er aktuell auf so vielen Kanälen vorangetrieben wird, einen Mann wie mich langsam abzuhängen droht.

Vor allem wegen der Verbissenheit, mit der seine Vertreter:innen ihre absolute Deutungshoheit einfordern. Und wegen ihrer zunehmend humorlosen, züchtigenden und hypermoralisierenden Rhetorik, die das Feld von «gut» immer enger und das Feld von «böse» immer weiter absteckt. Ähnliches könnte ich über die Gender-Debatte sagen. Als würde ich noch auf UKW laufen, während sie längst auf DAB senden.

Dass uns, mir und der feministischen Speerspitze, so langsam die gemeinsame Wellenlänge abhandenkommt, ist doch erstaunlich, schliesslich wurde ich von Antifeministen vor nicht allzu langer Zeit noch als «lila Pudel» bezeichnet – «bei annabelle von frustrierten Männerhasserinnen auf ihre feministische Ideologie getrimmt».

Ja, ich bezeichne mich als Feminist

Denn ja, ich bezeichne mich als Feminist, damals wie heute; als Anhänger einer «Befreiungsbewegung mit dem Ziel, das Individuum aus den Fesseln althergebrachter Rollenvorstellungen zu befreien und gegen politische, juristische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu kämpfen, die ein selbstbestimmtes und gerechtes Leben auf Augenhöhe verhindern», wie ich es vor Jahren einmal formuliert habe. Doch schon damals warnte ich davor, das feministische Terrain nicht jenen zu überlassen, «die im Mann nur das Feindbild sehen, und alles, was er in der Hose trägt, ist Gefahrengut». Denn es hat durchaus auch was Sexistisches, wenn selbst die eigene Tochter irgendwann nur mehr von einem Mann träumt, nämlich vom bösen.

Pauschal auf «alte weisse Männer» einzuprügeln, scheint jedenfalls gerade voll okay zu sein. Als handle es sich dabei um eine homogene Herde von lauter degenerierten Wesen: machtgeil, narzisstisch und gefährlich. Plus: schuld an allem Unheil dieser Welt. Und wie das Blut an ihren Händen, klebt an uns, ihren männlichen Nachkommen, so was wie eine kollektive Erbschuld. Selbst wenn in diesem Narrativ durchaus auch eine gewisse Wahrheit stecken mag – manche Männer schien und scheint in der Tat der Teufel zu reiten, wie man sich gerade jetzt mal wie – der total hilflos mitansehen muss –, so sollte nicht vergessen gehen, dass Männer nicht automatisch Täter, sondern meistens Opfer anderer Männer sind. Oder Opfer eines von anderen Männern geprägten Systems.

Es gibt nicht die Männer

Denn auch dies führt uns die Tragödie, die sich in Europas Osten gerade abspielt, vor Augen. Es gibt Männer, die zetteln einen Krieg an, und es gibt Männer, die opfern ihr Leben für die Freiheit einer ganzen Nation. Die Realität ist: Es gibt nicht die Männer. Und es gibt nicht die Frauen. Es gibt nur Menschen – die dafür in allen Varianten. Das Fatale an der zunehmend fanatisch geführten feministischen Debatte ist, dass sie die Fronten verhärtet und die breite Masse entweder vergrault oder ebenfalls in die Schützengräben treibt.

Wie es tönt, wenn sich die beiden verfeindeten Lager aus ihren Echokammern heraus gegenseitig mit Hass zudecken, um anschliessend Likes und Herzchen zu zählen, kann man sich auf Twitter und in Online-Kommentarspalten täglich zu Gemüte führen. Und es sind ja nicht nur Männer wie ich, die aus einer Mischung aus Selbstschutz und Fremdscham ihre violetten Fahnen einziehen, sondern auch viele, vor allem ältere Frauen. Bei der repräsentativen Umfrage «annajetzt» im letzten Jahr bezeichneten sich fast sechzig Prozent aller Frauen explizit «nicht» oder «eher nicht» als Feministin. Ich bezweifle, dass sie alle gegen so urfeministische Anliegen wie «Gleichberechtigung», «Selbstbestimmung» oder «gleichen Lohn für gleiche Arbeit» sind.

Das Label schreckt ab

Diese Frauen muss etwas anderes abschrecken. Ich vermute mal; es ist das Label. Und wenn ein Label nicht zieht, steckten weder eine Mogelpackung dahinter, oder aber die Leute, die dafür werben, zielen mit ihrer Botschaft oder ihrem Ton am eigenen Publikum vorbei. Das ist schade. Und der Sache gewiss nicht dienlich. Richtig gefährlich ist aber was anderes – und da kommen wir allmählich zur Sache. Oder konkret zurück zu Tobias Haberl. Haberl ist Autor beim Magazin der «Süddeutschen Zeitung».

In diesen Tagen erschien von ihm das Buch «Der gekränkte Mann». Auf die Frage, ob er in drei Sätzen beschreiben kann, worum es geht, sagt er: «Es geht um die Kränkung, die viele ältere Männer empfinden, weil sich die Welt um sie herum so rasant wandelt, dass sie kaum noch hinterherkommen. Darum, dass man nicht automatisch ein reaktionärer Frauenfeind ist, nur weil man nicht mit allen Forderungen des Zeitgeists einverstanden ist. Und um eine tastende Suche nach einer Männlichkeit, die sich nicht verleugnet, aber auch nicht anbiedert.»

Das Buch ist, so lautet auch der etwas irreführende Untertitel, tatsächlich so was wie die «Verteidigung eines Auslaufmodells». Doch im Grunde ist es viel mehr als das, nämlich ein Vermittlungsversuch und insofern auch ein grosses Versöhnungsangebot. Haberl versucht nämlich gar nicht erst, gewisse Männertypen schönzureden: «Es ist ja nicht so, dass man nicht schon selbst unter einem narzisstischen Alpha-Männchen gelitten hätte.» Und schon gar nicht verteidigt er dessen Vermächtnis. Nach der Lektüre von Susanne Kaisers Buch «Politische Männlichkeit», so hält er beispielsweise fest, habe er sich derart geschämt, ein Mann zu sein, «dass ich ein paar Tage lang jede Frau, die mir auf der Strasse begegnete, um Vergebung bitten wollte».

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Die Ängste der Männer nicht ignorieren

Alice Schwarzer hat mal geschrieben: «Rechtsradikale und Islamisten sind im Grunde gleich toxisch, es geht um den gekränkten Mann.» Dieses Zitat der deutschen Altfeministin, über das Tobias Haberl zufällig stolperte, stand denn auch ganz am Anfang seines Buchprojekts. Es gab quasi die Initialzündung dafür. Nach nicht einmal sechzig Seiten kommt er zum Schluss: «Alice Schwarzer hat schon recht: Rechtsradikale und Islamisten – lauter gekränkte Männer, die an Minderwertigkeitskomplexen und Grössenwahn leiden, ihren Bedeutungsverlust durch Aggression kompensieren und den Gedanken nicht ertragen, die traurigen Überbleibsel einer untergehenden Ära zu sein, während die Frauen, auf die sie herabsehen, von einer strahlenden Zukunft geküsst zu sein scheinen.»

Und Haberl sieht noch weit mehr solcher gefährlicher Irrgänger: Amokläufer, Querdenker, Incels, homophobe Schläger – «die männliche Kränkung erklärt so vieles, was wir meinen, wenn wir über die gespaltene Gesellschaft und die Krise der liberalen Demokratie, ja der politischen Stabilität überhaupt sprechen». Doch gerade weil diese Männer so gefährlich seien, sollten wir ihre Ängste und ihren Frust nicht ignorieren. Und vor allem sollten wir nicht all jenen nur mit Spott und Verachtung begegnen, die ähnlich empfinden, aber noch weit davon entfernt sind, sich zu radikalisieren. Denn die allermeisten Männer mögen zwar keine glühenden Feministen sein, aber sie sind auch noch lang keine Frauenfeinde.

Ein politisches Problem

Es gibt diesen Satz, der einem auf Social Media ab und zu begegnet: «Wenn man Privilegien gewöhnt ist, fühlt sich Gleichheit wie Unterdrückung an.» Haberl zitiert ihn auch in seinem Buch: «Weil er stimmt!» Und dies, so warnt er, sei ein politisches Problem, «weil Millionen gekränkter Männer eine grosse Gefahr sind». All die vielen Männer, die verunsichert seien, «weil sie – während andere Identitäten aufbrechen und medial gefeiert werden – mit fragwürdigen Geschlechtsgenossen pauschal in einen Topf geworfen werden». Und, so meint Haberl weiter, einfach auch Angst vor der Entwertung der eigenen Biografie haben: «Sie wollen nicht auf ihre Lebenslügen gestossen werden, wollen sich ihr Leben nicht nachträglich schlecht reden lassen, wollen so kurz vor dem Ende nicht wahrhaben, dass sie nicht nur sich selbst, sondern auch noch den halben Planeten ramponiert haben.»

Wie alte Handys ohne Update

Anstatt diese Männer also zu behandeln wie ein altes Handy, für das es längst kein Update mehr gibt, müsse man versuchen, sie als Verbündete zu gewinnen. «Ihnen vermitteln, dass alle profitieren, wenn sich eine Gesellschaft weiter ausbalanciert, wenn Herkunft, Rasse und Geschlecht unwichtiger und Charakter, Haltung und Leistung wichtiger werden.» Auch sie selbst. Oder zumindest ihre Kinder. Aber eben: Man kann Respekt nicht verordnen. Und Charakter auch nicht. Echter Wandel muss von innen kommen. «Und deshalb gibt es gewieftere Strategien als permanente Vorwürfe, um Luft aus männlichen Egos zu lassen», so Haberl.

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«Als wir das durch­schauten, war der Schaden längst an­gerichtet – und unser Mannsbild versaut»

Tobias Haberl

Tobias Haberl kam im gleichen Jahr auf die Welt wie ich, 1975. Vielleicht liegt es daran, dass mir seine Worte derart aus der Seele sprechen, dass ich mir wohl den einen oder anderen Plagiatsvorwurf gefallen lassen muss, wenn er das hier liest. An seiner eigentlichen Sozialisation kann es jedoch nur zum Teil liegen. Haberl entstammt einer 80er-Jahre-Traumfamilie mit Muster-Papi (Arzt) und Muster-Mami (Hausfrau). Ich hingegen bin bei einer geschiedenen, alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, die die Taxiprüfung machte, nur damit sie als Schulbusfahrerin wenigstens an Mittwochnachmittagen und in den Schulferien nicht arbeiten musste, während mein Vater primär durch Abwesenheit glänzte – und allenfalls noch in meinem Kopf als idealisierte, paradoxerweise fast schon heroisierte kindliche Vaterfantasiefigur.

Unsere männlichen Vorbilder – zumindest im engsten familiären Umfeld – hätten also unterschiedlicher nicht sein können. Aber eben; da waren ja noch andere, nicht minder prägende Vorbilder in unseren beiden Adoleszenzen. Und die sogen wir beide gänzlich unreflektiert in uns auf: Silvester Stallone als Rocky Balboa, Sean Connery als James Bond, Al Pacino als Tony Montana, Michael Douglas als Gordon Gecko. Wie Tobias Haberl liess auch ich mich «von der grandiosen Mythenmaschine des weissen Mannes verführen»; eine von Männern gemachte Kultur, die uns männlichen Heranwachsenden just die Helden als Identifikationsfiguren vor die Nase setzte, die dem Erhalt und der Legitimation des Patriarchats dienten. Durchschaut haben wir das, da war der Schaden längst angerichtet – und unser Mannsbild versaut. Genauso wie unsere Vorstellung davon, wie eine Traumfrau auszusehen hat: Jody in «Ein Colt für alle Fälle», C. J. in «Baywatch». Frauen kamen durchaus vor in unserem Weltbild, «aber vor allem als Projektionsflächen für unsere Begierden».

Fast ein ganzes Kapitel über den eigenen Vater

Heute wohnt Tobias Haberl in München, wo ich ihn für diesen Artikel auch besucht habe. Aber aufgewachsen ist er wie ich auf dem Land, irgendwo im Bayerischen Wald, wo seine Eltern heute noch leben. Sein Vater war, wie gesagt, Hausarzt, seine Mutter besuchte das Musikkonservatorium, blieb nach der Geburt der beiden Kinder jedoch zuhause, gab ihren Job auf. «Schon konservativ», meint Haberl. Auch darum geht es im Buch, um das Aufwachsen in einer Familie, in der der Vater strahlen kann, weil die Mutter im Hintergrund die Fäden zieht. «Aber mein Vater war auch ein unglaublich toller Mensch, der sich aufgeopfert hat für seine Patientinnen und Patienten und für die Menschen, die er liebt.» Und der sich, auch das klischeehaft, damit fast zugrunde richtete und mit 49 Jahren am Herz notoperiert werden musste. Für den jungen Tobias eine einschneidende Erfahrung; erleben zu müssen, wie der Vater zwischen Leben und Tod schwebt.

Im Buch widmet Tobias Haberl seinem Vater, «diesem Prototyp eines alten weissen Mannes», fast ein ganzes Kapitel. Es ist so rührend geschrieben, dass ich mir beim Lesen insgeheim wünschte, einer meiner Söhne würde mal so nachsichtig von mir berichten. Dabei ist sein Vater durchaus ein Patriarch. Die elterliche Rollenverteilung beschreibt Haberl so: «Er trifft die wenigen grossen, sie viele kleine Entscheidungen: Er zahlt das Haus, sie richtet es ein. Er bestimmt, wohin die nächste Reise geht, sie packt die Koffer, auch seinen.»

Bis heute schiebt die Mutter dem Vater im Restaurant ihr Portemonnaie hin, weil er selbst nie Geld auf sich trägt. Darauf angesprochen, meint Haberl – und damit erklärt sich zu einem guten Stück sein versöhnlicher Blick auf die ältere Männergeneration: «Er ist ein Patriarch, ja, aber andererseits auch wieder nicht, weil er so weich, konfliktscheu und liebevoll ist.» Es sei einfach, aber eben auch scheusslich ungerecht und kaltherzig, diese Männergeneration mit dem Wissen von heute komplett zu entwerten und sie damit um ihre Lebensleistung und um den Respekt zu bringen, den sie auch verdient hätten – «neben all der Schelte und dem, was man ihnen zu Recht vorwirft».

Einfach nicht besser gewusst

Sein Vater habe es, wie so viele andere Männer seiner Generation, einfach auch nicht besser gewusst. Als mir Tobias Haberl das sagt, muss ich unweigerlich an meinen eigenen Grossvater denken, ein Maurer vom alten Schlag, mit Haut wie Rindsleder und Fingern dick wie Cervelats, der sich nach Feierabend aufs Sofa und vor den Fernseher legte und sich erst wieder erhob, als es Abendessen gab. «Stört ihn nicht», mahnte uns unsere Grossmutter dann jeweils und meinte dies ohne jeden Zweifel liebevoll: «Euer Grossvater hat den ganzen Tag gearbeitet.» Dass sie dabei unterschlug, dass sie an ihren eigenen, nicht minder ausgefüllten Arbeitstag da noch ein paar Stunden anhängen würde, um zu kochen, abzuwaschen, uns Enkelkinder zu betreuen und ins Bett zu bringen, leuchtete mir argumentativ schon als kleiner Bub nicht wirklich ein.

Deshalb – und weil ich die Lebensleistung meiner eigenen Mutter so bewundere, jenseits aller «männlichen» Potenzkategorien wie Geld, Macht und Ruhm (von alledem hatte sie definitiv zu wenig) – käme es mir heute nicht in den Sinn, Care-Arbeit als was Minderwertigeres zu sehen als Erwerbsarbeit. Aber war mein Grossvater ein böser Mensch? Meine Grossmutter ein armes Huscheli? Und ihre Beziehung nur ein System von Macht und Unterdrückung? Dagegen spricht schon die Tatsache, dass die eine nicht nur nicht ohne den anderen konnte – und umgekehrt. Sondern auch nicht wollte. Als meine Grossmutter starb, verlor mein Grossvater jeden Lebenswillen. Er starb nur wenige und sehr einsame Jahre später.

Im Vergleich zum Vater erfährt man über Tobias Haberls Mutter relativ wenig. Aber nicht, weil er sich keine Gedanken auch über sie und ihre Rolle gemacht hätte. Er habe sie mehrfach gefragt, ob sie sich nicht um ihr eigenes Leben betrogen fühle, ohne eigenes Geld, ohne eigene Karriere, ständig im Schatten ihres Mannes und im Dienst der Familie. «Sie hat es vehement verneint. Bis heute behauptet sie, dass sie immer genau das gemacht hat, was sie machen wollte, nämlich sich vor allem um ihre Kinder zu kümmern.» Doch ob das tatsächlich stimmt oder nicht, könne sie selbst vielleicht gar nicht so gut beurteilen: «Immerhin ist es möglich, dass sie ihre Rolle derart verinnerlicht hat, dass sie sich kaum vorstellen kann, wie es anders hätte sein können.»

«Mein Vater ist ein Patriarch, ja, aber andererseits auch wieder nicht, weil er so weich, konfliktscheu und liebevoll ist»

Tobias Haberl

Tobias Haberl ist nicht verheiratet, hat keine Kinder. Während also ich in den letzten zwei Jahrzehnten Ehe- und Familienleben an der Seite und auf Augenhöhe einer emanzipierten Frau mit eigener Berufskarriere ein paar durchaus auch sehr schmerzhafte Updates in Sachen Männlichkeitsverständnis durchlief, schrieb er Bücher und ging auf Reisen. Seit zwölf Jahren ist er mit einer gebürtigen Vietnamesin zusammen. Und schon hört man sie wieder in ihre Smartphones hämmern: «Aha, eine Asiatin! War ja logisch.» Und so muss sich Tobias Haberl von mir die Frage gefallen lassen, ob er nicht vielleicht einfach ein Problem mit der emanzipierten westlichen Frau habe?

«Nein, überhaupt nicht», antwortet er und wird im Gespräch erstmals richtig bestimmt, weil ihm das zu betonen offenbar wichtig ist: «So schön und angenehm ich es zuhause als Kind auch fand – vor allem für mich selber. Ich könnte nie so leben, wie meine Eltern gelebt haben. Mit dieser strengen Rollenverteilung. Abgesehen davon wäre es auch gar nicht möglich.» Denn seine Freundin werde in seinem Bekanntenkreis zwar tatsächlich gern als «die süsse Asiatin wahrgenommen», wie er sagt. Doch in Wahrheit sei sie die stärkste Frau, mit der er jemals zusammen gewesen sei, viel emanzipierter als viele, die den Feminismus wie eine Auszeichnung vor sich hertragen. «Gerade das finde ich ja so toll an ihr. Dass sie nicht fordert, sondern macht. Dass sie nicht jammert, sondern Risiken eingeht und sich von ihrem Chef nichts bieten lässt und von mir schon gar nicht. Würde sie mir auch nur einmal das Bier aus dem Keller holen, wäre alles aus.»

Stolz auf die eigene Männlichkeit

Sein Buch hat Tobias Haberl weder aus einer antifeministischen Haltung heraus geschrieben. Noch ist es das Ergebnis einer sexuellen Frustration. Es habe sich, so sagt er, einfach etwas aufgestaut in ihm, das herausmusste. Und er habe die aktuelle Gender- und Identitätsdebatte nicht den Männern an den politischen Rändern überlassen wollen; «weil ich Männer, die sich ihre Artigkeit wie eine Medaille um den Hals hängen, zu geschmeidig und Männer, die Feministinnen einfach nur für ‹schlecht gefickt› halten, indiskutabel finde». Der eine wolle den starken Mann zurück, dem anderen könne es nicht gendersensibel genug sein.

«Interessant aber ist es dazwischen, wo es widersprüchlich wird, uneindeutig, differenziert – und wo sich meist auch die Wahrheit versteckt.» Haberl interessierte der Standpunkt eines Mannes, der er selbst ist: Ein Mann, der irgendwie stolz ist auf seine Männlichkeit, aber auch an ihr zweifelt. Der darunter leidet, dass Männer gerade so unter die Räder kommen, es aber auch ein bisschen verstehen kann. «Viele Männer und Frauen kommen in dieser Debatte gar nicht vor, weil sie sich nicht äussern wollen, sich nicht zu äussern getrauen oder schlicht Wichtigeres zu tun haben, als den ganzen Tag Meinungen zu twittern.»

Ein ganzes A4-Blatt voller Fragen

In ihrem Namen habe er dieses Buch auch ein wenig geschrieben – und für sie nehme er auch einen möglichen Shitstorm in Kauf: «Aufrichtigkeit kann wehtun, Aufrichtigkeit kann auch mal danebengehen, aber ich finde nicht, dass wir deswegen auf sie verzichten sollten.» Tobias Haberl hatte mich für das Treffen in eine Bar im Münchner Zentrum bestellt. Ein ganzes A4-Blatt hatte ich mit Fragen vollgeschrieben, doch schon nach wenigen Minuten war mein Vorhaben Makulatur, aus dem Interview ein offenes Gespräch geworden.

Wir lachen viel. Und staunen oft. Vor allem darüber, wie ähnlich wir uns in vielen Dingen sind. Nicht äusserlich. Haberl ist gefühlt zwei Meter gross. Beim Essen muss ich mir unter dem Tisch den Platz für meine eher zu kurz geratenen Beine erkämpfen. Er hatte sich «nur was Kleines» bestellt. Als er fertig ist, reiche ich ihm den Rest von meinem Essen, weil es offensichtlich zu klein gewesen ist. Ihm ist das unangenehm. Er greift erst nach der vierten Aufforderung zu.

Kein Macho, kein Typ nach altem weissem Muster

Nein, dieser Mann ist kein Macho, kein Typ nach altem weissem Muster. Er hat weder ein Problem damit, offen über seine Gefühle zu reden, noch Schwächen zuzugeben oder jemanden in seine Seele blicken zu lassen. Auch Haberl selbst hält sich im Grunde oft für «zu nett», «zu weich», «irgendwie zu zivilisiert». Manchmal wünsche er sich, offenbart er mir am Ende des Abends, als wir in seinem schwarzen Audi noch ein wenig durch die Stadt fahren, er wäre ein «wenig mehr Zlatan», «etwas weniger Kultur und ein bisschen mehr Natur». Doch das, so schiebt er sogleich hinterher, sei nur so eine Vermutung, eine gelegentliche Fantasie. Denn letztlich gehe es ohnehin nicht darum, ein alter Mann zu sein. Oder ein moderner Mann: «Sondern nur darum, ein guter Mensch zu sein.» Und dies wiederum gilt universell.

 

Der gekränkte Mann. Von Tobias Haberl, ca. 35 Fr.

Was meint ihr zum Text? Schreibt in die Kommentare – wir sind gespannt!

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Stefan Erb

Vielem Dank Sven Broder für diesen Artikel. Sie schreiben hier viele Worte die viele Männer denken aber sich nicht (mehr) getrauen auszusprechen.

Nele

Die armen geprügelten Männer…im Ernst. Der Artikel ist Nonsens und verrät den Wunsch nach zurück zum frauenverachtendem, -unterdrückenden Patriarchat. Hört doch mal auf, Eure komische „Männlichkeit“ zu kultivieren und fangt an Mensch zu sein.

Tabea

Sie haben den Inhalt des Textes ganz offensichtlich nicht verstanden. Oder wollen ihn schlicht nicht wahrhaben. Sie offenbaren mit ihrem Kommentar genau jene pauschalisierte und undifferenzierte Sichtweise der Realität, die Sven Broder für gefährlich hält. Seltsam, dass gerade Sie das „Menschsein“ anpreisen.