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Mental Health: Naomi Osaka verlässt die French Open – und beweist Mut

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Mental Health: Naomi Osaka verlässt die French Open – und beweist Mut

  • Text: Kerstin Hasse
  • Bild: Alamy

Die zweitplatzierte Frau im Tennis, Naomi Osaka, zieht sich von den French Open zurück. Dass der Disput mit den Verantwortlichen des Turniers nicht besser gelöst wurde, ist eine verpasste Chance, schreibt unsere stellvertretende Chefredaktorin Kerstin Hasse.

Der Entscheid von Naomi Osaka ist einzigartig – und das in vielerlei Hinsicht. Es ist das erste Mal im Profi-Tennis, dass eine bedeutende Figur wie Osaka – ohne körperliche Verletzung – ein Grand-Slam-Turnier vorzeitig verlässt. Der Grund, den sie für ihren Rückzug nannte: ihre psychische Gesundheit. Damit bricht Osaka ein weiteres Tabu, denn noch immer werden Mental-Health-Themen im Spitzensport oft totgeschwiegen.

Osakas Entscheid geht ein tagelanger Disput mit den mächtigsten Funktionären der Tennis-Welt voraus. Die 23-jährige Tennis-Spielerin hatte letzte Woche angekündet, dass sie nicht an den obligatorischen Pressekonferenzen während der French Open teilnehmen werde, da sie die Fragen der Presse zu sehr belasten würden. «Ich habe oft das Gefühl, dass die Leute keine Rücksicht auf die mentale Gesundheit von Sportlern nehmen», schrieb die vierfache Grand-Slam-Siegerin auf Twitter. «Wir sitzen oft da und bekommen Fragen gestellt, die uns schon mehrfach gestellt wurden, oder Fragen, die Zweifel in unseren Köpfen sähen, und ich werde mich nicht Leuten aussetzen, die an mir zweifeln.»

Osaka wusste bereits, dass ihre Entscheidung sehr wahrscheinlich abgestraft werden würde, und schloss mit den Worten: «Ich hoffe, dass die beträchtliche Summe, mit der ich dafür bestraft werde, an eine Wohltätigkeitsorganisation für psychische Gesundheit geht.» Kurz darauf wurde über sie eine Strafe von 15 000 Euro verhängt.

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Druck auf Osaka wurde noch erhöht

Doch mit dieser Strafe war die Sache noch nicht erledigt. Das Management aller vier Grand-Slam-Turniere tat sich zusammen und verfasste ein Statement. Darin hiess es, dass Osaka Gefahr laufe, von zukünftigen Turnieren ausgeschlossen zu werden, wenn sie ihren medialen Pflichten nicht nachgehe. Ein bedauerlicher Schritt, hätten die Funktionäre doch genau in diesem Moment zeigen können, dass sie bereit sind, sich mit dem Thema Mental Health im Spitzensport ernsthaft auseinanderzusetzen. Stattdessen wurde der Druck auf eine Person, die öffentlich bat, auf ihre psychische Gesundheit Rücksicht zu nehmen, noch erhöht.

Depressionen und Angst-Zustände

Osaka zog nun heute die Konsequenz. Auf Instagram gab sie ihren Rückzug von den French Open bekannt: «Ich denke, dass es jetzt das Beste für das Turnier, die anderen Spieler und mein Wohlbefinden ist, dass ich mich zurückziehe, damit sich alle wieder auf das Tennis in Paris konzentrieren können.» Weiter erklärte die Spielerin, dass sie bereits seit über drei Jahren an Depressionen und Angst-Zuständen leide.

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Support von Serena Williams

Nicht wenige Stimmen im Internet und im Sportjournalismus warfen die Frage auf, ob Osaka mit ihrem Verhalten ihren Job verweigere. Die zweifache Grand-Slam-Siegerin Victoria Azarenka etwa erklärte gegenüber der «New York Times», dass die Presse und die Spieler ganz grosser Turniere «Hand in Hand» gingen. «Ich denke, es ist sehr wichtig für die Entwicklung und Förderung unseres Sports.» Sie fügte jedoch auch hinzu, dass es Momente gebe, in denen die Medien mehr Mitgefühl zeigen müssten.

Auch Serena Williams äusserte sich: «Ich fühle mit Naomi, und ich wünschte, ich könnte sie umarmen, weil ich auch schon in solchen Situationen gewesen bin», sagte die 23-fache Grand-Slam-Siegerin. «Man muss sie damit so umgehen lassen, wie es für sie stimmt.» Williams selbst verliess erst vor ein paar Monaten eine Pressekonferenz unter Tränen, nachdem sie mehrfach danach gefragt wurde, ob sie nun zurücktrete.

Dass ihr Berufsethos infrage gestellt wird, ist bizarr

Osaka hat enormen Mut bewiesen – mit einer Entscheidung, die ihrer Karriere alles andere als förderlich sein wird. Dass nun ihr Berufsethos infrage gestellt wird, ist bizarr. Natürlich gehören Pressetermine zur Arbeit einer Spitzensportlerin dazu – genau so, wie sie beispielsweise zur Arbeit einer Schauspielerin gehören. Der Unterschied: Während grosse Stars aus Kino und Musik nicht selten Journalistinnen und Journalisten in schicken, abgeschirmten und klimatisierten Hotelzimmern zu zehnminütigen «Q&A»-Sessions einladen, um die Fragen zu beantworten, die die PR-Abteilung zuvor abgesegnet hat, stellen sich Spitzensportlerinnen wie Osaka während eines Turniers den Medien. Und diese gehen in der Tat nicht immer zimperlich mit den Sportlerinnen und Sportlern um.

Das wäre, als würde man Lady Gaga mal kurz zwischen den Dreharbeiten zum neuen Gucci-Film abfangen und sie fragen, ob sie tatsächlich denkt, dass sie als Schauspielerin gleich viel Talent habe wie als Sängerin. Und ob Adam Driver sie denn nicht an die Wand spiele mit seiner fantastischen Mimik. Ein eher unwahrscheinliches Szenario? Allerdings. Natürlich ist die Abschirmung solcher Hollywood-Stars – vor allem aus journalistischer Sicht – nicht die Lösung, ganz im Gegenteil. Wir würden keine Geschichten mehr erzählen können. Das Ziel muss ein respektvoller Umgang miteinander sein.

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