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Warum sich Fleischesser:innen über Vegis nerven

Zeitgeist

Warum sich Fleischesser:innen über Vegis nerven

Bekannt ist: Viele Fleischesser:innen nerven sich gerne mal auch über die stillsten Vegis. Grund dafür ist das Fleisch-Paradoxon. Unsere Redaktorin Stephanie Hess erklärt, was dahinter steckt.

Will man zuverlässig Verärgerung auslösen, reicht es oftmals, in Gesprächen, auf Social Media oder in Kommentarspalten kurz zu erwähnen, dass man kein Fleisch isst oder – noch explosiver – gar keine tierischen Produkte. Es ist ein Reflex, den die australischen Psychologen Brock Bastian und Steve Loughnan 2016 untersucht haben. Sie erkannten in der schnell aufschäumenden Wut ein kollektives psychologisches Phänomen: das Fleisch-Paradoxon.

Es beschreibt den Umstand, dass die allermeisten Menschen Tieren oder anderen Lebewesen kein Leid zufügen wollen. Zugleich bevorzugen jedoch ebenso viele Menschen eine fleischhaltige Ernährung, die aber eben nicht hergestellt werden kann, ohne dass Tiere zu Schaden kommen. Diese Unvereinbarkeit erzeugt den unangenehmen Zustand, der in der Psychologie als kognitive Dissonanz bezeichnet wird und der danach drängt, baldmöglichst überwunden zu werden.

Veränderung oder Rechtfertigung

Üblicherweise stehen dafür zwei Möglichkeiten zur Verfügung: Wir ändern unser Verhalten. Oder unsere Einstellung. Wir reduzieren also den Fleischkonsum. Oder lassen uns Gründe einfallen, warum er moralisch in Ordnung ist. Die Psychologen stellten etwa fest, dass sich Menschen beim Fleischessen besser fühlen, wenn sie den Tieren, die sie verspeisten, kaum Intelligenz, emotionales Erleben oder moralischen Wert zusprechen.

Eine weitere Taktik, den inneren Konflikt zu umgehen, sieht die US-amerikanische Sozialpsychologin Melanie Joy darin, dass wir die mitunter brutale Herstellung von Fleisch kollektiv verdrängen. Die Tiere liegen sauber zerlegt und in Plastik eingeschweisst im Regal. Kein Blut, keine Hufe, kein Haar. Diese Gedanken-Trickserei wird nun infrage gestellt vom wachsenden Teil der Bevölkerung, der sich vegetarisch oder vegan ernährt. Unverschämterweise erinnert er die Fleischesser:innen an ihre moralische Ambivalenz. Und darum schäumt die Wut so schnell, darum nerven die Vegis so. Selbst wenn sie still und leise ihre Beyond-Burger futtern.

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Stephanie Hess (36) ist annabelle- Redaktorin. Ihr Buch «Ökologisch! Fakten, Wissen, Tipps – nachhaltiger konsumieren in der Schweiz» ist in der Beobachter-Edition erschienen

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Ursula Kaspar

Ich stimme nicht grundsätzlich zu. Wer den “christlichen” Ansatz lebt, dass die Tiere dem Mensch untertan seien und ihm zu dienen hätten, kommt grundsätzlich nicht in den Klinsch, sich beim Fleischessen schlecht zu fühlen. Denn schliesslich ist er/sie ja von höherer Macht her autorisiert. Auch bei der Ernährung fleischfressender Haustiere wird dieser Konflikt nicht auftauchen, denn c’est la Vie und die fleischlose Ernährung eines Fleischfressers ist unnatürlich und tierquälerisch.

Was den “Fleischfresser” wohl eher nervt ist der implizite Mahnfinger von Vegis und Veganern. Denn weshalb würden sie ihre Konsumgewohnheiten auf den sozialen Medien kundtun, wenn sie sich nicht a) entweder dafür gelobt werden möchten oder b) sich moralisch über die anderen heben möchten?

Dieses interessante Phänomen zeigt sich auch bei Tierbesitzern. Jene, die den einäugigen oder dreibeinigen Hund retten, sind gut, die, die sich für ein “hübsches” Tier aber zumindest adoptiert entscheiden, weniger und ganz schlecht sind die, die bei einem Züchter eines kaufen ….

Es wäre doch wunderschön, wenn grundsätzlich auf das Moralisieren verzichtet würde…