Reportage

Oma ist meine Mutter

Text: Barbara Bachmann; Fotos: Maria Feck

Oma ist meine Mutter
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Sie trug das Kind ihrer Tochter aus: Anastasia Ontou mit ihrer Enkelin Maria

Seit der Gesetzesänderung 2002 «haben wir über 40 000 Babies gezeugt»: Konstantinos Pantos (Foto rechts), Chef der Genesis Athens Clinic

Mit 67 Jahren brachte Anastasia Ontou (r.) ihre Enkelin zur Welt

Konstantinos Pantos’ Sprechzimmer gleicht einer Kapelle: Geschenke von hoffenden Paaren und dankbaren Eltern

Links: Von den Möglichkeiten und Konflikten der Fertilisationsmedizin hat Hippokrates noch nichts geahnt

Rechts: Undenkbar, wenn es sie nicht gäbe: Mutter und Grossmutter halten die Hand ihrer Tochter Maria Anastasia

Leihmutterschaft ist das letzte Tabu in der Reproduktionsmedizin – nicht so in Griechenland. Dort ist sie gesetzlich klar geregelt und auch unter Verwandten gängige Praxis.

Anastasia Ontou hat drei Kinder zur Welt gebracht. Ihre Tochter Konstantina, da war sie 23 Jahre alt. Ihren Sohn Labros, vier Jahre später. Und mit 67 Jahren Maria Anastasia, ihre Enkelin. Ein sommerlicher Tag Ende Mai in Larisa, 355 Kilometer nördlich von Athen: Eben ist Maria Anastasia noch durchs Wohnzimmer gesaust, vorbei am goldenen Sofa und an der gold-weissen Tapete. Müde liegt die Zweieinhalbjährige nun auf dem Schoss ihrer Grossmutter. Die kleinen Füsse in den mit rosa Maschen verzierten Schuhen baumeln in der Luft, der rote Haarreif sitzt ein wenig schief. Dann schläft sie ein, in Anastasias von der Sonne gegerbten Armen. Minuten später trägt sie ihre Mama Konstantina in das Zimmerchen, wo ein Heer aus rosa Stofftieren auf sie wartet.

«ES GIBT EIN SPRICHWORT
IN GRIECHENLAND: “DAS
KIND MEINES KINDES IST
DOPPELT MEIN KIND.”
AUF WENIGE GROSSELTERN
MAG DAS SO ZUTREFFEN WIE
AUF OMA ANASTASIA»
 

Ihren ersten Namen hat Maria Anastasia von der Heiligen Jungfrau, zu der ihre Mutter Konstantina (46) jahrelang für ihre Existenz gebetet hat. Den zweiten von ihrer Grossmutter, die das Wunder ermöglicht hat. Es gibt ein Sprichwort in Griechenland: «Das Kind meines Kindes ist doppelt mein Kind.» Grosseltern, so besagt es, würden alles für ihr Enkelkind tun. Auf wenige mag das so zutreffen wie auf Oma Anastasia. Während in Ländern wie der Schweiz, Deutschland oder Österreich die Leihmutterschaft als eines der letzten Tabus der Reproduktionsmedizin gilt und verboten ist, ist sie in Griechenland im Familienrecht fest verankert, geregelt in Artikel 1458 des Zivilgesetzbuches. Tradition hat die Leihmutterschaft vor allem unter Familienangehörigen. Schwestern, Cousinen, Mütter tragen das Kind ihrer unfruchtbaren Verwandten aus – so wie im Falle der Ontous.

Konstantina ist 37 Jahre alt, als sie zwei künstliche Befruchtungen vornehmen lässt, beide erfolglos. Zuvor hatte sie fünf Jahre lang mit ihrem Partner vergeblich versucht, auf natürlichem Weg ein Kind zu bekommen. Ein neuer Arzt führt fünf weitere künstliche Befruchtungen durch, in nur sieben Monaten. Nie wird Konstantina schwanger. Während der Periode verliert sie immer mehr Blut. Die jahrelangen Hormontherapien fordern ihren Tribut, ihr Körper ist erschöpft. Mit 42 Jahren hört Konstantina von Konstantinos Pantos, einem erfahrenen Fortpflanzungsmediziner in Athen. Das Myom, das er entdeckt, ist zwar klein, sitzt jedoch wie eine Spirale in der Gebärmutter. Es macht eine Schwangerschaft unmöglich. Noch schlimmer: Die vermeintlich ungefährliche Geschwulst stellt sich als bösartig heraus, Konstantina hat Krebs. Pantos muss ihren Uterus entfernen.

Aufgrund ihres Alters und ihrer Erkrankung ist für Konstantina eine Adoption unterdessen nahezu aussichtslos. Für ein eigenes Kind gibt es nur noch eine Lösung – und wie bei vielen anderen Frauen steht die ganz am Ende eines langen Leidenswegs: die Leihmutterschaft.

Ist eine Frau unter fünfzig und kann auf natürlichem Wege keine Kinder bekommen, ist es ihr in Griechen- land erlaubt, eine Leihmutter dafür zu beauftragen. Vor Eintritt der Schwangerschaft wird im Namen der werdenden Mutter ein entsprechender Gerichtsantrag gestellt. Verfügt die Antragstellerin über keine eigenen Eizellen, können jene einer dritten Frau eingesetzt werden.

Vor der Gebärmutterentfernung hat Konstantina sechs Embryonen einfrieren lassen: ihre Eizellen, befruchtet mit dem Samen ihres Mannes. Über Bekannte findet sie drei Frauen, die diese austragen könnten: zwei Griechinnen und eine Albanerin. Obwohl sie laut Gesetz kein Honorar verlangen dürften, fordern sie zwischen 30 000 und 50 000 Euro. Da sagt Konstantinas Mutter Anastasia: «Ich kann die Leihmutter sein.» Die Tochter denkt: Ihr Alter! Der Schwiegersohn: Ihre Gesundheit! Aber Pantos sagt: «Theoretisch ist es möglich.» Denn entscheidend sei nicht das Alter des Uterus, sondern dasjenige der Eizelle.

Genesis Athens Clinic hat Konstantinos Pantos (62) seine Praxis genannt, sie liegt unweit der Kifisias Avenue, einer verkehrsstarken Strasse im Grossraum Athen. An einem Donnerstagvormittag rauscht geschäftiges Personal an geduldigen Patientinnen vorbei. Ab und an auch ein Arzt in Hemd und Jeanshose: Konstantinos Pantos. 2002, als das Gesetz für künstliche Befruchtung verabschiedet wurde, hat er die Klinik gegründet, zwei Jahre später ging sie in Betrieb. «Seither haben wir über 40 000 Babies gezeugt», sagt er. Jedes einzelne mithilfe künstlicher Befruchtung. Erzählen tun davon die vielen Babyfotos an den Wänden. Und die kleinen und grossen Heiligenbilder, die überall in der Klinik verteilt sind. Auch Pantos’ Büro gleicht einer Kapelle, dabei ist er nicht einmal besonders gläubig. «Es sind Geschenke von hoffenden Paaren und dankbaren Eltern», sagt er. Die Rezession, die Griechenlands Wirtschaft in den letzten Jahren dominierte, hat die Genesis Athens Clinic nicht getroffen. 2010 zählte sie 35 Angestellte, mittlerweile sind es 125. Und mit ihnen haben auch die Eingriffe zugenommen; 6673 In-vitro-Fertilisationszyklen waren es allein im Jahr 2018. Ein Drittel davon sind heute Babies.

«Jede Frau, egal ob mit oder ohne Mann, hat ein Recht auf ein eigenes Kind», sagt Pantos, selbst Vater von acht Kindern. «Solang die ethischen und gesetzlichen Bedingungen gegeben sind.» Dafür, dass er diese bis zu ihren Grenzen ausschöpft, wird er von seinen Patientinnen verehrt. In ihren Memoiren bezeichnet ihn die griechisch-australische Schauspielerin Mary Coustas als den «Elvis der Fertilität». Konstantina Ontou aus Larisa sagt: «Dr. Pantos ist ein Gott für mich.» Nachdem die Wahl auf Anastasia, Konstantinas Mutter, gefallen ist, muss sie als Leihmutter in spe Körper und Psyche ein Jahr lang verschiedenen Tests unterziehen. Ihr Organismus ist gesund, biologisch nicht älter als sechzig Jahre alt – und erst mit 58 in die Menopause eingetreten. Konstantinos Pantos kann daher mit 

Hormonen einen künstlichen Zyklus erzeugen. Ihre neuerliche Regelblutung ist wie damals mit zwanzig: viel Blut, keine Schmerzen. Beim ersten Versuch setzen die Ärzte drei Embryonen ein. Nichts passiert. Sie probieren es mit den letzten drei. Eines überlebt. Anastasia ist schwanger, mit 66 Jahren. Die älteste Leihmutter der Welt.

Jede Woche muss sie nun zum Arzt in Larisa, alle paar Wochen zu Konstantinos Pantos nach Athen. Den ersten Herzschlag des Babys hören sie und ihre Tochter gemeinsam. Die Schwangerschaft verläuft problemlos, nur Tomaten schmecken Anastasia nicht mehr. Den Babybauch sieht man kaum, weil Anastasia eine kräftige, mollige Frau ist. In der 31. Schwangerschaftswoche aber machen sich Konstantinos Pantos und sein Team Sorgen. Anastasia bekommt Herzprobleme. Sie entscheiden, das Baby per Kaiserschnitt zu holen. Am 20. Dezember 2016 wird Maria Anastasia um 7 Uhr in einer Privatklinik in Athen geboren. Sie wiegt 1200 Gramm, ist 39 Zentimeter gross. Die erste, die sie in den Armen hält, ist ihre Mutter Konstantina.

In manchen Fragen des Familienrechts könnte man Griechenland durchaus als konservativ bezeichnen. Alleinerziehende dürfen nicht adoptieren, die Ehe unter Homosexuellen ist verboten. Aber das Land ist ein Pionier in der medizinisch assistierten Reproduktion geworden, weil es einen fortschrittlichen institutionellen Rahmen dafür geschaffen hat. Dimitra Papadopoulou-Klamaris, Professorin an der Juristischen Fakultät der Universität von Athen, war eine von neun Professoren, die das Justizministerium Anfang der 2000er-Jahre damit beauftragte, einen Gesetzesentwurf für die Regelung von jeglicher Form von künstlicher Befruchtung zu schaffen. Die Juristen hörten Experten an: Biologen, Ärzte, Soziologen, Psychologen, Vertreter der orthodoxen Kirche, eine Ethikkommission. 14 Monate lang trafen sie sich alle zwei Wochen. «In diesen Gesprächen haben wir beschlossen, auch einen gesetzlichen Rahmen für die Leihmutterschaft zu schaffen», sagt Papadopoulou-Klamaris. Bis dahin war die Leihmutterschaft in Griechenland nämlich nicht reguliert, wurde innerhalb von Familien aber ab und an praktiziert.

«GRIECHENLAND HAT
IM MEDIZINTOURISMUS
EINE GROSSE WACHSTUMS-
CHANCE ERKANNT UND
DEN SEKTOR LAUFEND
AUSGEBAUT, INSBESONDERE
IN DER ZAHN-, AUGEN- UND
RUCHTBARKEITSMEDIZIN»
 

Das griechische Parlament diskutierte nur über zwei Punkte des Gesetzes wirklich kritisch, erinnert sich die Juristin, die seit den 1990er-Jahren Vorlesungen zur rechtlichen Regelung von künstlicher Befruchtung hält: Über die Post-mortem-Insemination – also die Verwendung von Spermien eines verstorbenen Mannes – und über die Leihmutterschaft. Letztlich stimmte das Parlament aber bereits im ersten Anlauf für das Gesetz 3089/2002. Und drei Jahre später auch für das Gesetz 3305/2005, das unter anderem die Rechte und Pflichten der In-vitro-Fertilisationszentren regelt. Neben der IVF-Klinik von Konstantinos Pantos gibt es mittlerweile um die sechzig, verteilt im ganzen Land. Anfangs schrieb das Gesetz einen griechischen Wohnsitz sowohl den künftigen Eltern als auch der Leihmutter vor. Seit 2014 ist dieser nur noch für eine der beteiligten Parteien Pflicht, was ausländischen Paaren ebenfalls den Zugang zum Verfahren ermöglicht hat. Diese Öffnung passt zu einer grundsätzlichen Entwicklung im Land: Griechenland hat im Medizintourismus schon vor Jahren eine grosse Wachstumschance erkannt und den Sektor seither laufend ausgebaut, insbesondere in den Bereichen Zahn-, Augen- und Fruchtbarkeitsmedizin. Inzwischen gibt es sogar schon einen griechischen Medizintourismusrat. Beliebt sei das Land aus drei Gründen, sagt Pantos, ebenfalls Mitglied dieses Gremiums: wegen des medizinischen Fortschritts, der vergleichsweise niedrigen Kosten und aufgrund der liberalen Gesetze, die in der Fertilitätsmedizin zum Beispiel auch Eizellenspende oder Prä-Implantationsdiagnostiken möglich machen.

An der gesetzlichen Liberalisierung von 2014 war Dimitra Papadopoulou-Klamaris nicht beteiligt. Sie sagt: «Essenziell für uns in der Gesetzgebungskommission von 2001 war der altruistische Gedanke – aber der ist ja nur bei Familienangehörigen oder engen Freunden gegeben.» Eine Untersuchung der 173 Anträge, die zwischen 2005 und 2015 vor dem Athener Gericht in erster Instanz genehmigt wurden, zeigt, dass in 113 Fällen die Leihmütter keine Griechinnen, sondern im Land lebende Ausländerinnen etwa aus Polen, Georgien, Bulgarien waren. 19 Leihmütter verband zuvor ein Angestelltenverhältnis mit der Antragstellerin. 52 gaben an, freundschaftliche Beziehungen zu pflegen. Lediglich 39 der Fälle betrafen Familien wie die Ontous. Im Dezember 2016 wird Grossmutter Anastasia zur Schlagzeile in griechischen Medien. Auf den Bildern, die Fotografen noch im Spitalbett von ihr machen, sieht sie älter aus als heute. Weil ihr fortgeschrittenes Alter auch unter Fachleuten ein Streitpunkt ist, kommt es zur Einführung einer Alterslimite: Leihmütter dürfen nicht jünger als 25 und nicht älter als 45 Jahre sein. In ihrem Heimatdorf aber wird Anastasia gefeiert, der Bürgermeister überreicht ihr eine Urkunde: «Zu Ehren der heldenhaften Grossmutter». Die Nachbarinnen schenken ihr das Bild eines Engels. «Ich würde es immer wieder für meine Familie tun», sagt Anastasia. Sie habe nicht nur ihrer Tochter den grössten Wunsch erfüllt, sondern auch sich selbst: ihr erstes Enkelkind. «In Griechenland bedeutet Kinderlosigkeit ein grosses Pech», sagt Juristin Papadopoulou-Klamaris. Also werde oft alles akzeptiert, um das zu verhindern.

Nach der Entbindung erholt sich Oma Anastasia schnell, fünf Tage bleibt sie im Spital. Das Baby kommt für zwei Monate in den Brutkasten. Am 20. Februar darf Mama Konstantina Maria Anastasia endlich mit nachhause nehmen. Dort hält Oma Anastasia die Kleine zum ersten Mal in den Armen.

Nichts an ihr erinnert heute an das zerbrechliche Geschöpf von damals, Maria Anastasia ist ein aktives, gesundes Mädchen. Ein Wirbelwind, der alles nachplappere, was er höre, sagt die Mutter und lacht. In ihrer Tochter erkennt sie zu allererst ihren Ehemann. Die beiden haben dieselben mandelförmigen Augen, dieselbe weisse Haut, die dunklen, glatten Haare. Dass sie sie nicht selbst zur Welt gebracht hat, sondern ihre Oma, will Konstantina ihrer Tochter nicht verschweigen. Aber vorerst erzählt sie ihr davon in Form eines Märchens: «Es war einmal eine Ente, die wollte gern Küken bekommen, aber es war ihr nicht möglich. Also half ihr ihre Mutter dabei.» Maria Anastasia hört die Geschichte gern, am liebsten abends vor dem Schlafengehen.

Die Recherche wurde durch das Stipendium «Reporters in Field» ermöglicht, ein Programm der Robert-Bosch-Stiftung, das zusammen mit Medien-NGO N-Ost veranstaltet wird

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