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Die Geschlechterrollen im Krieg in der Ukraine

Politik

Die Geschlechterrollen im Krieg in der Ukraine

Wenn Bomben fallen, scheinen alte Geister wieder aufzuleben. Kriegsreporterin Andrea Jeska über sorgende Mütter, toxische Krieger und die Hierarchie der Betroffenheit im Westen. Ein Kommentar.

Bereits in der dritten Woche des Kriegs in der Ukraine füllten sich die Betten einer Spezialklinik für Kinder in der Stadt Lwiw mit Krebspatient:innen und anderen Schwerkranken, die in den Westen der Ukraine geflohen waren, als die Spitäler in ihrer Heimat – in Charkiw, Cherson, Mariupol, Irpin und Kiew – bombardiert wurden.

Die jungen Patient:innen im Kindes- und Teenageralter waren auf Beatmungs- und Dialysegeräte, auf Chemotherapie angewiesen. Manche waren mit den Evakuierungszügen gekommen, viele mit dem Auto. Fast alle von ihnen hatten nur die Mütter an ihrer Seite. Wenn man sie nach dem Vater fragte, dann sagten sie: Er kämpft.

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Traditionelle Aufgabenverteilung

Auf den Strassen von Lwiw sah man in jenen Tagen viele Autos, deren Kennzeichen zeigten, dass sie aus den umkämpften Gebieten kamen. Doch nicht nur das Nummernschild war Zeichen einer langen Reise, auch der Zustand der Wagen war es. Bei vielen waren die Fenster zerbrochen, sie hatten Einschusslöcher in den Türen und im Heck. Auf allen diesen Autos stand mit grossen Buchstaben: «djeti» – Kinder – und an den Aussenspiegeln waren weisse Tücher befestigt. Jene, die auf sie schossen, hatte das offenbar wenig interessiert.

Der Krieg in der Ukraine, der nunmehr seit drei Monaten andauert, hat die Geschlechterrollen der ukrainischen Gesellschaft retraditionalisiert. Die Männer sind an der Front, die Frauen retten Hab und Gut, vor allem aber ihre Kinder. Sie warten tagelang auf Bahnhöfen, um einen Platz in den Zügen zu ergattern, sie wagen sich mit dem Familienauto auf Kamikaze-Fahrten durch die Kampfgebiete, stehen schliesslich viele Stunden an den Grenzübergängen in den sicheren Westen. Dort angekommen, müssen sie mit ihren Kindern allein ein neues Leben aufbauen und geduldig hoffen, dass ihre Männer überleben.

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«Der kriegerische Mann wurde über Jahrzehnte demontiert – jetzt wird er wieder gefeiert »

Diese Verteilung der Last und Aufgaben ist in Kriegen üblich. Doch analog zur Ukraine wird die lang erkämpfte Gleichstellung der Geschlechteridentitäten nun auch in unserer Gesellschaft hinterfragt, ja, neu debattiert. Über Jahrzehnte wurde das Modell des kriegerischen Mannes mit allen dazugehörigen Eigenschaften – Aggressivität, Machogebaren, Todesmut – demontiert oder es nutzte sich selber ab, weil auch die Männer ein anderes Rollenverständnis entwickelten.

Sensibel wurde die Norm, und Männer, die sich nicht friedfertig oder unsexistisch benehmen konnten, galten als Überbleibsel eines lächerlichen Patriarchats. Ebenso galt die ewig sorgende Frau, die wieder heilte, was Männer zerstörten, als Auslaufmodell. Und nun – ziehen auch westliche Männer in die Ukraine, um dort Demokratie und Freiheit zu verteidigen, zu töten und eventuell zu sterben. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selinski, der seit Wochen in Camouflage-Kleidung auftritt und den Kampfgeist nicht nur der Ukrainer:innen, sondern aller Welt einfordert, wird gefeiert wie sonst nur Stars.

In Krisenzeiten zählen plötzlich wieder toxische Eigenschaften

Der Krieg in der Ukraine hat nicht nur unsere Illusion eines friedlichen Europas und unser Gefühl von Sicherheit wie weggefegt, er scheint auch unseren Blick darauf verschoben zu haben, welche Skills wirklich wichtig sind, um angesichts der neuen Realität zu überleben. Als taugte der gezähmte Mann nur für Friedenszeiten, für Zeiten der Bedrohung leider nicht. Denn in diesen zählen offenbar wieder Eigenschaften, die man gemeinhin männlich nennt, die aber in den Ruf kamen, toxisch zu sein.

Doch nun scheint man verwundert festzustellen, dass Frieden nicht mit Frieden zu erreichen, Massenvernichtung und Massenvergewaltigung nicht mit guten Worten allein beizukommen ist, der diplomatische Dialog angesichts der Lügen und der Grausamkeit eines Despoten mit psychopathischen Zügen hilflos wird. Selbst Politikerinnen, die stets betonten, eine feministische (Aussen-)Politik zu betreiben, wie etwa Schwedens Premierministerin Magdalena Andersson, wollen schwere Waffen an die Ukraine liefern und dem Morden Russlands mit aller (männlichen) Härte entgegentreten – ja, selbst ein Nato-Beitritt ist plötzlich nicht mehr tabu.

Sexuelle Gewalt als Kriegswaffe ist nichts Neues

Dieser jähe ideologische Wechsel ist sicherlich der Einsicht geschuldet, dass der friedlichste Mensch nicht friedlich sein kann, wenn sein Nachbar ein Mörder und Vergewaltiger ist. Doch das vehemente Umschwenken zu einem gesellschaftlichen Diskurs, in dem Laien Militärstrategien debattieren und, als sei es ein Spiel, auf Fotos nach Beweisen für Kriegsverbrechen suchen, ist doch verwunderlich.

Denn sexuelle Gewalt als Kriegswaffe und Moral-Booster für die Soldaten wurde nicht erst in der Ukraine erfunden. Ebensowenig die Massentötung von Zivilist: innen, das Aushungern ganzer Städte, die Verschleppung von Menschen, der Einsatz von chemischen Waffen. All das hat es in unserer Zeit bereits gegeben: etwa im Irak, in Tschetschenien, in Georgien, in Syrien, im Jemen, im Kongo, im Südsudan. Dennoch blieben wir über all die Jahre erstaunlich unberührt, teilnahmslos – und drehten uns vornehmlich um uns selbst, während die Politik fragwürdige Wirtschaftsbeziehungen unterhielt.

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Wir kämpfen nur für unsere eigene Gleichstellung

Warum geht erst jetzt, angesichts der grausamen Menschenrechtsverletzungen in der Ukraine, ein Aufschrei durch unsere Gesellschaft? Warum fehlte es bisher an Empörung, Teilnahme, Hilfsbereitschaft und der Überzeugung, dass es für Frieden mehr braucht als Hashtags und political correctness – eine Staatenvereinigung wie die EU etwa und ein klares Bekenntnis aller europäischen Länder – auch der Schweiz – zu den Werten, die sie vertritt? Warum wird erst jetzt überdeutlich, dass es Millionen von Menschen braucht, die sich gegen den Krieg stellen, eine Front, und zwar keine kriegerische, sondern eine aus Solidarität und Betroffenheit?

Womöglich, weil die westliche Gesellschaft – und mit ihr auch der westliche Feminismus, egal ob von Frauen oder Männern getragen – stets eine ziemlich geschlossene Gesellschaft war. Neben all dem Konsum und dem Wahren unserer wirtschaftlichen Interessen reichte die Kraft der Kämpfe gerade mal noch für die eigene Gleichstellung, denn in dem Punkt gab und gibt es schliesslich genügend zu tun. Lohnungleichheit, Elternzeit und häusliche Gewalt sind grosse und wichtige Themen, zweifellos. Doch man muss sich die Frage gefallen lassen, ob sie im Vergleich nicht vielleicht doch zu viel Raum eingenommen haben. Zwar gibt es grosse Fortschritte in der Berücksichtigung von Fraueninteressen in der Sicherheitspolitik und bei der Mitentscheidung von Frauen bei Verhandlungen über die Nachkriegsordnung.

Eine Hierarchie der Betroffenheit

Die Uno-Resolution 1325 zu «Women, Peace and Security» war bahnbrechend und basiert auf der Erkenntnis, dass nachhaltiger Frieden und Wohlstand nur erreicht werden können, wenn Frauen auf allen Ebenen gleichgestellt sind, gerade auch in der Sicherheitspolitik. Doch eine globale Schwesternschaft, die sich auch denen verpflichtet fühlt, die sich nicht um Frauenquoten sorgen, sondern darum, wie sie ihre Kinder satt bekommen, Malaria, Cholera und Ebola von ihnen fernhalten und der durch klimawandelbedingte Dürren immer kargeren Erde noch Ertrag abringen oder wie sie in Kriegsgebieten ihren Kindern Stabilität vermitteln können, so eine Schwesternschaft gab es nicht wirklich.

In den Ländern des Westens sind noch nie Menschen in grosser Zahl auf die Strasse gegangen, um gegen das Verhungern von Kindern im Jemen, die Versklavung der Jesid:innen, die Zwangsprostitution und Folter von Flüchtlingen, die in Libyen strandeten, die Vertreibung der Rohinga und all die anderen Zustände zu protestieren, die Gesundheit, Leben und Seelen ruinieren.

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«Wir können nicht auf neue Männer hoffen, die für unsere Versäumnisse zu sterben bereit sind»

Nicht weil wir von all diesem Leid nicht wissen. Sondern weil eine Hierarchie der Betroffenheit herrscht. Mittellose und bildungsarme Frauen auf anderen Kontinenten oder am Rande unserer Gesellschaft werden selten wahrgenommen, nicht einmal vom westlichen Feminismus. Eine Bewegung, deren Kernthema Repräsentanz ist, macht sich rar, wenn es um Repräsentanz von geografisch fernen Frauen geht. Diesen zu Hilfe zu eilen, wird humanitären Organisationen überlassen.

Wir wollen nicht hinsehen

Vor ein paar Jahren recherchierte ich im Kongo und in Äthiopien über Fisteln, das sind Risse und Löcher in den dünnen Wänden, die die Vagina vom Darm und der Blase trennen. Sie entstehen durch brutalste Vergewaltigungen oder durch Geburten bei Frauen, die unterernährt oder zu jung sind, die man nicht ins Spital bringt, wenn das Kind feststeckt, weil ein Frauenleben eben nicht wirklich zählt.

Die betroffenen Frauen werden von ihren Männern und aus ihren Gemeinschaften verstossen, weil ihnen Kot und Urin die Beine hinabläuft und sie keine Kinder mehr bekommen können. Nur wenige kleine Organisationen kümmern sich um diese Frauen, nur eine Handvoll Chirurg:innen gibt es, die Fisteln vernähen können. Diese Recherchen zu veröffentlichen war damals schwer. Das sei, so wurde mir von den verantwortlichen Redaktionen erklärt – nicht nur von Männern –, den Leser:innen nicht zuzumuten. Dennoch konnten wir vor diesem und anderen Leiden den Raum rechtfertigen, den wir etwa der Diskussion über eine gendergerechte Sprache geben.

Wir marschierten nicht für Frauen, die durch Vergewaltigungen für immer zerstört sind. Nicht für die Mütter von Beslan, die bis nach Moskau reisten, um Aufklärung über den Tod ihrer Kinder zu fordern, nachdem diese einem Terroranschlag zum Opfer gefallen waren. Wir standen nicht auf der Seite der Mütter in Palästina, die ihre halbwüchsigen Söhne zu Grabe trugen. Wir schwenkten keine tschetschenischen Fahnen, als Russland das Land zerbombte, mindestens ein Zehntel der Bevölkerung tötete und grausamste Foltermethoden anwandte.

Wir wendeten uns der Unterdrückung der Frauen in Afghanistan erst zu, als es zu spät war und die westliche Politik auf der ganzen Linie versagt hatte. Wir erbleichen nicht angesichts der Bilder verhungernder Kinder im Jemen. Wir lesen lieber Dutzende von Büchern über die Erziehung unserer Kinder, als unsere Zeit darauf zu verwenden, die in Kriegen, Konflikten und Hungersnöten gestorbenen Kinder anderer Eltern öffentlich zu betrauern und auch dafür «Stop the War» auf Plakate zu schreiben.

Wer nicht kämpft, gilt als feige

Nun, wo uns alles vor die Füsse kracht, nehmen wir die Dekonstruktion von Geschlechterrollen wieder zurück. Dabei ist dies nur ein bequemer, dafür umso gefährlicherer Ausweg. Denn der Frieden, den wir bislang für umsonst hielten, kommt nicht wieder, wenn wir Scharen von neuen Kriegern ausbilden und auf neue Männer hoffen, die für unsere Versäumnisse nun zu sterben bereit sind. Auf meiner letzten Reise in die Ukraine hatte ich einen sehr jungen Fahrer, 22 Jahre alt, also in dem Alter, in dem man dort von einem Mann erwartet, in den Krieg zu ziehen. An jedem Check-Point wurde unser Auto durchsucht. Schliesslich gerieten wir in eine Situation, in der mein Fahrer verdächtigt wurde, ein russischer Spion zu sein, man ihn aus dem Auto zerrte, zum Verhör davonfuhr. Dort, so erzählte er es, beschimpfte man ihn als Feigling, weil er nicht kämpft, schlug ihn, verband ihm die Augen und entliess ihn schliesslich mit der Aufforderung, sich wie ein Mann zu benehmen und Russen zu erschiessen.

Wie ihn gibt es Tausende von Männern, die nicht kämpfen wollen, die sich verstecken oder versuchen, ausser Landes zu fliehen. Tausende, die sich nicht opfern wollen. Denn in jedem Krieg werden Opfer auch zu Täter:innen und Täter:innen zu Opfern. Die Literaturnobelpreisträgerin Svetlana Alexievich berichtet in einem ihrer Bücher von einer Frau, die ihr erzählt: «Nach dem Gefecht gehst du übers Schlachtfeld. Da liegen sie … alle jung und so schön. Sie tun dir leid, einer wie der andere.»

Jeder Krieg gebiert Ungeheuer, die nicht mit dem Frieden wieder verschwinden. Die Ungeheuer, die in der Ukraine aus den Trümmern der zerbombten Städte, den Massengräbern und den Kriegsverbrechen steigen, sind so gross, dass es unmöglich erscheint, Russland jemals wieder zu trauen und an ein friedliches Europa zu glauben. Aber vielleicht sind sie auch so mächtig, dass sie uns ein für alle Mal erwecken. Rechtzeitig. Bevor Blut mit Blut vergolten wird. Das kann gelingen, wenn wir Solidarität nicht nach geografischer Nähe bemessen, sondern im Leid der anderen auch unseres sehen. Als Mütter und Väter, Schwestern und Brüder, als Feminist:innen und den Frieden Fordernde. Als Menschen.

Journalistinnen an der Front

Manche sind süchtig nach dem Adrenalin, andere geraten ganz unverhofft in ihre Rolle: Reporterinnen und Fotografen, die aus Kriegsgebieten berichten. Wie arbeitet man im Krieg? Wie viel Nähe und Distanz nimmt man ein zu den Opfern? Und welche Spuren hinterlässt das, was man sieht und erlebt?

Die Sendung ist die dritte Folge der «Club»-Sommerserie unter dem Titel «Krieg und Frieden». Zu Gast sind u.a.: Andrea Jeska, freie Journalistin und Kriegsreporterin, und Luzia Tschirky, Russland-Korrespondentin SRF und Journalistin des Jahres 2021.

Ausstrahlung: Dienstag 2. August, 22:25 Uhr, SRF 1

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