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Ukraine: «Die Flucht wird für Frauen und Kinder immer gefährlicher»

Politik

Ukraine: «Die Flucht wird für Frauen und Kinder immer gefährlicher»

Zum heutigen Weltfrauentag haben wir mit der Schweizer Geschäftsleiterin von Amnesty International gesprochen. Alexandra Karle über die verheerenden Gefahren einer Flucht, Ukrainerinnen an der Front – und drei Dinge, die wir jetzt alle tun können.

annabelle: Alexandra Karle, was machen Frauen in der Ukraine gerade durch? 
Alexandra Karle: Viele harren derzeit mit ihren Kindern in Luftschutzbunkern, Kellern oder Metrostationen aus – ohne zu wissen, ob sie mit Lebensmitteln versorgt werden und in der ständigen Angst, dass sie eine Bombe trifft. Nicht alle können oder möchten fliehen. Einige fürchten, sobald sie einen Bus oder Zug besteigen, vom russischen Militär getroffen zu werden. Oder sie wollen ihre Männer oder erwachsenen Söhne nicht zurücklassen, die per Anordnung der ukrainischen Regierung im Land bleiben müssen. Andere versorgen ihre alten oder kranken Eltern, mit denen eine Flucht undenkbar wäre.

Dann gibt es die herzzereissenden Bilder von Frauen, die sich verabschieden und auf die Flucht begeben. 
Das muss man sich mal vorstellen: Nicht zu wissen, ob man seinen Partner, Bruder oder den eigenen Sohn jemals wiedersehen wird. Die Situation ist verheerend.

Was erwartet die Frauen, sobald sie sich auf den Weg machen? 
Der Fluchtweg wird von Tag zu Tag gefährlicher, weil sich das russische Militär immer mehr ausbreitet. An der Grenze angekommen, müssen Flüchtende teils tagelang ohne Versorgung ausharren. Vor allem mit Kindern oder einem Baby ist das unvorstellbar. Man vergisst schnell, dass auch Schwangere auf der Flucht sind. Oder Frauen mit gesundheitlichen Problemen, bei denen plötzlich Medikamente fehlen und die ärztliche Versorgung wegbricht. Für Frauen und Kinder ist eine Flucht immer hochriskant. Frauen of Color, Schwarze Frauen und Romnja sind aktuell besonders gefährdet – sie werden zum Teil gar nicht über die Grenze gelassen. Das ist Wahnsinn. Der Einlass von Flüchtenden muss diskriminierungsfrei sein.

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«Die Hilfsbereitschaft ist enorm»

Wo lauern weitere Gefahren? 
Frauen sind generell auf der Flucht einem höherem Gewaltrisiko ausgesetzt als Männer – gerade sexualisierte Gewalt ist eine grosse Gefahr. Immer wieder werden Frauen von Schleppern vergewaltigt. Von Berichten aus Flüchtlingslagern wissen wir, dass sich junge Mädchen und Frauen bei Einbruch der Dunkelheit nicht mehr aus den Zelten trauen, um die sanitären Anlagen aufzusuchen, weil auch da Gewalt droht. Diese Gefahren betreffen Frauen und Mädchen aus der Ukraine jetzt zum Glück weniger, denn sie sind weder auf Schlepper angewiesen, noch landen sie in unsicheren Flüchtlingscamps.

Privat irgendwo X-beliebiges unterzukommen, wie derzeit von vielen Menschen in ganz Europa angeboten wird, bedeutet aber auch nicht zwangsläufig, in Sicherheit zu sein. 
Die Hilfsbereitschaft und Solidarität der Menschen ist enorm. Viele haben angeboten, Menschen aus der Ukraine privat bei sich aufzunehmen und zu unterstützen – auch in der Schweiz. Man muss aber darauf achten, dass Familien möglichst zusammenbleiben und alleinstehende Frauen und Mädchen in einem geschützten Rahmen sind. In der Schweiz koordiniert unter anderem die Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH die private Unterbringung.

2015 kamen mit der Flüchtlingswelle vor allem junge Männer nach Europa. Warum das? 
Aus Syrien sind damals viele Familien gemeinsam geflohen. Dieses Bild der unzähligen jungen Männer stimmt aber auch – Männer, die sich aus Afghanistan oder aus dem Norden Afrikas auf den Weg machten. Häufig sammeln Familien für die Flucht eines Familienmitglieds Geld, damit zumindest schon mal eine:r entkommen kann und den Weg bereitet für den Rest der Familie. Und dies sind dann eben häufig die Söhne, weil für Frauen und Kinder die Flucht meist noch gefährlicher ist. In der Ukraine haben die Familien derzeit gar keine Wahl – die Männer müssen aufgrund der allgemeinen Wehrpflicht bleiben.

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«Frauen lassen sich nicht mehr in eine Rolle drängen – auch im Krieg nicht»

Sind Frauen, die selbst in den Krieg ziehen, eine Seltenheit? 
Nicht mehr. Es gibt inzwischen zahlreiche Armeen auf der Welt, zu denen auch Soldatinnen gehören.

Wie sieht es diesbezüglich in der Ukraine aus? 
Aktuell sind 15 Prozent des ukrainischen Militärs Frauen. Erst Ende 2021 verpflichtete Kiew Frauen im Alter von 18 bis 60 Jahren aus bestimmten Berufen zu einer Registrierung – darunter Anwältinnen und Journalistinnen.

Gibt es auch freiwillige Kämpferinnen? 
Ja, wir wissen von einigen Ukrainerinnen, die bleiben und kämpfen möchten. Frauen lassen sich heutzutage nicht mehr in eine Rolle drängen – auch im Krieg nicht. Sie greifen immer öfter ins Geschehen ein. Ich habe da zum Beispiel auch die Bilder aus Belarus vor Augen, als unzählige Frauen gegen Lukashenko demonstriert haben und riskierten, verprügelt und eingesperrt zu werden. In Liberia drängte die Women’s Peace Initiative erfolgreich auf die Entwaffnung der kämpfenden Gruppen vor der Unterzeichnung eines Friedensabkommens. Frauen sind auch immer öfter an Lösungen von Konflikten beteiligt – das darf man nicht vergessen.

Was muss jetzt für die Frauen getan werden, die in der Schweiz ankommen? 
Sie müssen durch Sofortmassnahmen gestärkt werden. Es braucht also Wohnraum und sie müssen mit allem, was sie zum Leben benötigen, versorgt werden. Ausserdem ist psychologische Hilfe unerlässlich. Wir von Amnesty International plädieren immer wieder dafür, dass Traumata so schnell wie möglich erkannt und behandelt werden. Nur so haben die geflüchteten Personen eine Chance, nach all den Grausamkeiten, die sie gesehen und erlebt haben, weiterzumachen.

Wenn ich selbst keinen Wohnraum zur Verfügung stellen kann, aber etwas für die Frauen und Kinder auf der Flucht tun möchte – was empfehlen Sie? 
Es gibt drei Möglichkeiten: Geld spenden zum Schutz der Zivilbevölkerung und Menschen auf der Flucht – zum Beispiel via Amnesty, Rotes Kreuz, Caritas oder UNICEF. Zweitens: Waren spenden. Es gibt zahlreiche lokale Initiativen, die unter anderem in Facebook-Gruppen nach Kleidern, Medikamenten und anderen wichtigen Gegenständen suchen. Die meisten Frauen haben auf der Flucht nur eine kleine Tasche dabei – keine Wechselkleider, keine Windeln für die Kinder, nichts. Drittens: Die Frauen solidarisch in Netzwerken unterstützen. Heisst, den Frauen, die es bis zu uns geschafft haben, im Alltag helfen, sie integrieren. Die Schweizerische Flüchtlingshilfe hat hier einige Ideen zusammengetragen.

Alexandra Karle arbeitete 15 Jahre lang als politische Fernsehjournalistin für verschiedene deutsche TV-Sender und berichtete wiederholt aus Konflikt- und Krisengebieten der Welt. Heute ist sie Geschäftsleiterin der Schweizer Sektion von Amnesty International.

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