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Queeres Digital-Musical gegen einsame Weihnachten

LGBTQIA+

Queeres Digital-Musical gegen einsame Weihnachten

Queere Menschen können an den Feiertagen besonders von Einsamkeit betroffen sein. Der Schweizer Musical-Spielfilm «Community» soll Leuten, die dieses Jahr wegen Corona nicht mit ihrer Wahlfamilie feiern können, etwas Halt geben.  

Die Weihnachtszeit kann hart sein. Besonders queere Menschen können sich wegen fehlender Akzeptanz oder anderer Konflikte in der Familie an den Feiertagen oft einsam fühlen. Der Schweizer Musical-Spielfilm «Community», in dem unter anderem Nationalrätin Tamara Funiciello zu sehen ist, erzählt die Weihnachtsgeschichte neu – und soll Menschen aus der LGBTQIA+-Community an den Feiertagen etwas Licht geben. Das Drehbuch zu «Community» stammt aus der Feder von Regisseurin und Autorin Luisa Ricar und Bühnenkünstler Tim Hunziker. Mit annabelle sprachen die beiden über die Bedeutung einer Wahlfamilie und die Idee hinter dem Musical-Spielfilm.

annabelle: Mit «Community» haben Sie ein queeres Weihnachtsspiel geschrieben. Warum?  
Tim Hunziker: An Weihnachten leiden viele Leute besonders unter ihrer Einsamkeit, aber gerade queere Menschen haben in dieser Zeit oft mit familiären Konflikten zu kämpfen. Dieses Jahr ist es für diese Leute schwierig, mit der selbstgewählten Familie zu feiern, weil durch Corona Events abgesagt wurden. Deshalb wollten Milky Diamond (Anm. d. Red.: Visual Artist und Drag Performer) und Florian Vock (Anm. d. Red.: Vorstandsmitglied von Pink Cross und Organisator des Lila-Queer-Festivals) etwas schaffen, um der Community etwas Halt zu vermitteln. So kamen sie auf die Idee, ein Musical zu schreiben, und holten Luisa und mich an Bord. Wir merkten schnell, dass wir ein Stück schreiben wollen, das sich um die selbstgewählte Familie dreht. Wir finden, dass diese auch mal im Zentrum stehen darf.

Was definieren Sie als Wahlfamilie?
Tim Hunziker: Man unterscheidet zwischen der biologischen und der selbstgewählten Familie. Die Wahlfamilie besteht aus Freunden und Leuten, die man sich selbst ausgesucht hat und die einen unterstützen. So, wie es manchmal bei einer biologischen Familie nicht der Fall ist. Bei queeren Menschen kann dies etwa wegen religiöser Ansichten oder konservativer Normen zutreffen. Dadurch finden viele queere Menschen zuhause bei der biologischen Familie oft einfach nicht so viel Halt und suchen diesen in der selbstgewählten Familie. An Weihnachten ist diese Tatsache noch präsenter, weil die familiäre Liebe konstant Thema ist. Viele queere Menschen haben diese vielleicht nicht – sie haben dafür eine andere Art von Liebe, die genauso wichtig ist.

Braucht es für das Konzept der Wahlfamilie in unserer Gesellschaft mehr Akzeptanz? 
Luisa Ricar: Ich fürchte, wen man als Familie bezeichnet und wen nicht, ist sehr abhängig davon, in welcher Bubble man sich bewegt. Ich glaube, dass Liebe für Menschen unabhängig davon, wie man biologisch zueinander steht, seinen Wert haben darf und soll. Das ist sicher noch nicht überall der Fall. Die einen Menschen hatten Glück mit der Familie, in die sie geboren wurden, und andere wählen sich dann halt eine neue, die Halt bietet. Und diese Wahlfamilie soll auch ihren Stellenwert in der Weihnachtszeit haben.

Worum geht es in «Community» konkret?
Luisa Ricar: Die beiden Hauptfiguren haben ein beunruhigendes Erlebnis an Weihnachten. Beide gehen auf unterschiedliche Art damit um. Eine Figur wünscht sich einen Moment der Ruhe und einfühlsamer Zweisamkeit, während die andere Figur Ablenkung sucht. Beide Bedürfnisse sind legitim und relevant. Auf ihrer Reise begegnen die Figuren verschiedenenen Stücken – und wie ich gelernt habe, repräsentieren die verschiedenen Musiknummern in einem Musical das Innenleben einer Figur. In diesen Nummern sind jeweils ganz andere Themen präsent.

Tim Hunziker: Zum einen geht es klar um die Ablehnung der Eltern, die die Queerness ihrer Kinder nicht anerkennen und nicht versuchen, sie zu verstehen. Eine Frage, die wir behandeln, ist: Warum haben sich die Eltern nicht auf ihr Kind vorbereitet? Wenn das Kind nicht klar der Norm entspricht, die sie sich vorstellen, warum können sich die Eltern dann nicht von sich aus mit dieser Thematik beschäftigen? Aber auch Themen wie Regenbogenfamilien, Einsamkeit von queeren Leuten, queere Kunst und Sexwork kommen in «Community» vor.

Das Projekt entstand in kürzester Zeit: Vom ersten Treffen bis zur letzten Klappe vergingen nur vier Wochen.
Tim Hunziker: Beim ersten Meeting waren wir zu sechst, dann kamen immer mehr Leute dazu. Wir haben stark darauf geachtet, dass unser Team aus queeren Menschen besteht. Ziel war sicher auch, mit dem Film queeren Artists, die durch die Krise momentan keine Arbeit haben, eine Entschädigung zu zahlen.

Luisa Ricar: Wir drehten den Film in drei Tagen, er ist etwa vierzig Minuten lang. Für konventionelle Spielfilm-Verhältnisse waren wir sehr wenig Leute, maximal ein Viertel an Personal. Das gesamte Team hat wahnsinnig viel Arbeit in das Projekt gesteckt.

Wie wurde «Community» finanziert?
Luisa Ricar: Anders als bei der konventionellen Spielfilmförderung kamen parallel zur Produktion nach und nach Fördergelder über Stifungen, Sponsoren und Interessensgemeinschaften rein. Auch während des Drehs kam immer wieder Nachrichten, dass wir einen zusätzlichen Beitrag erhalten haben. Aber es war tatsächlich mit der Unsicherheit verbunden, ob wir wirklich Löhne ausbezahlen können.

Welche Botschaft wollen Sie mit «Community» senden?
Tim Hunziker: Die Kernaussage ist, dass die Liebe für die selbstgewählte Familie in dieser Zeit im Zentrum stehen darf. Und dass es in Ordnung ist, dass es das Zentrum dieser Menschen ist. Nicht nur die familiäre Liebe muss all die Bedürfnisse erfüllen, die man hat. Man hat generell das Gefühl, dass man Weihnachten mit seiner Familie verbringen muss. Aber diese kann man sich auch selbst aussuchen. Und dass man die Aufgaben annehmen darf, die das mit sich bringt: Natürlich ist es nicht einfach, es hat viel mit Zurückweisung und existenziellen Fragen zu tun. Ich hoffe, wir können mit «Community» Halt, Unterhaltung und Weihnachtsgefühle vermitteln.

Das Musical «Community» ist am 24. Dezember 2020 um 22 Uhr auf community-musical.ch zu sehen. 

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Luisa Ricar ist Regisseurin und Autorin, Türsteherin, feministische Aktivistin und Kuratorin des Filmkunstfestivals Porny Days. Tim Hunziker ist Bühnenkünstler im Fachbereich Musical.

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