Romance Scam: Wie drei Frauen dem gleichen Liebesbetrüger zum Opfer fielen
Am Anfang gab er den Charmeur, doch dann wollte er immer mehr Geld: Drei Frauen fallen auf den gleichen Betrüger rein. Die Rekonstruktion einer Enttäuschung.
- Von: Vanja Kadic
- Bild: Noma Bar/Dutch Uncle
Für Isabelle war er «ein Hauch von Liebe». Paula sagt: «Er konnte mir teilweise genau das geben, was ich in einem Mann suche.» Und Rahel erzählt: «Ich dachte, wir werden zusammen alt.»
Sprachgewandt sei er gewesen, sagt Isabelle, wenn man sie weiter nach diesem Mann fragt – wir nennen ihn im Text Severin. Auch die drei Frauen heissen in Wirklichkeit anders. Sie habe Severin als äusserst charmant wahrgenommen, erzählt Isabelle. Es ist ein idyllischer Sommerabend 2024 im Garten eines Restaurants, irgendwo im Zürcher Oberland, als sie versucht, annabelle und auch sich selbst zu erklären, was eigentlich passiert ist.
Isabelle – 63 Jahre alt, freundlich, geerdetes Auftreten – wirkt herzlich, wie einer dieser Menschen, die anderen sofort helfen wollen. Die gelernte Pflegefachfrau, geschieden und Mutter von zwei erwachsenen Kindern, spricht bereitwillig und mit tiefer Stimme. Ab und zu zündet sie sich eine dünne Menthol-Zigarette an. Nur anonym möchte sie bleiben. Auch, weil nicht mal alle Familienmitglieder wissen, was passiert ist. «Ich habe mich geschämt, in Grund und Boden», sagt sie und wendet den Blick ab.
Isabelle ist seit drei Jahren Single, als ihre Tochter ihr 2021 vorschlägt, sich bei Tinder anzumelden. «Und da ist er aufgetaucht.» Er ist Severin. Heute 61 Jahre alt, aus Deutschland stammend und laut Isabelle seit etwa sechs Jahren in der Schweiz wohnhaft. Als die beiden sich kennenlernen, gibt er an, in der IT-Security tätig zu sein. Auf Bildern, die noch heute bei Google unter seinem Namen erscheinen, ist der damals 57-Jährige als Geschäftsmann im Anzug zu sehen.
«Ich hatte sofort ein ungutes Bauchgefühl»
Noch vor ihrem ersten Date im November 2021 ruft Severin Isabelle an. Sie hatte ihm erzählt, dass sie auf dem Weg nach Zürich sei. Auch er sei zufällig gerade in der Stadt, sagt Severin am Handy. Spontan beschliessen sie, sich an der Bahnhofstrasse zum Kaffee zu treffen. Zunächst geht Isabelle an Severin vorbei, weil sie ihn nicht erkennt. Doch als sie ihn erspäht, denkt sie: Das passt gar nicht. «Er war kleiner, als er auf seinem Profil angegeben hat. Ich hatte sofort ein ungutes Bauchgefühl», sagt sie. Dennoch bleibt Isabelle. Severin lädt sie zum Kaffee ein, sie reden über ihre ehemaligen Beziehungen und bummeln durch die Stadt, stundenlang. Sie wird den Abend als schönes Treffen abspeichern.
Am nächsten Tag sehen sie sich zum ursprünglich vereinbarten Treffen wieder, gehen spazieren und kochen danach bei Isabelle ein Fondue. «Wir konnten uns gut unterhalten und viel lachen. Das gefiel mir an ihm», sagt Isabelle.
Er habe sein Portemonnaie verloren
Ab diesem Punkt sehen die beiden sich regelmässig. Fünf Tage nach dem Kennenlernen bittet Severin Isabelle erstmals um Geld. Er habe sein Portemonnaie verloren. Severin fragt, ob sie ihm aushelfen könne, all seine Karten seien weg. «Ich dachte, ich kann ja jetzt nicht so sein», sagt Isabelle. Es sind die ersten 300 Franken, die sie ihrem neuen Partner gibt. Severin beklagt sich, dass es lange dauert, neue Bankkarten zu bekommen, und verlangt in den Tagen darauf noch mehr.
Etwa zwei Monate, nachdem sich die beiden kennengelernt haben, will Severin wieder Geld von Isabelle; sein Bankkonto sei gehackt worden. Den Betrag, den Isabelle ihm zu diesem Zeitpunkt bereits geliehen hatte, hat er noch nicht zurückgezahlt. Sie gibt ihm trotzdem Geld. Obwohl er über ein eigenes Einkommen verfügt: Severin hat, wie er ihr erzählte, kurz zuvor eine gut entlöhnte Stelle bei einer grossen Firma in der IT-Branche angefangen.
«Er reihte eine Ausrede an die nächste»
«Er drängte jeweils: Du musst mir Geld geben!», sagt Isabelle. «Wenn ich einwarf, dass er doch gut verdiene, sagte er, dass er alles für Rechnungen oder Essen ausgeben müsse. Es kam mir schon dubios vor, dass er angeblich nie Geld hatte.» Manchmal hinterfragt sie seine Erklärungen und konfrontiert ihn damit. «Dass er mir Geld schuldet, hat mich sehr belastet. Er fand jeweils, dass ich übertreibe und dass er mir ja alles zurückzahlen werde», sagt sie. «Ich pochte immer wieder auf mein Geld, aber er reihte eine Ausrede an die nächste.»
Für alles hat Severin eine Begründung: auch dafür, dass Isabelle während zwei Jahren Beziehung niemanden aus seinem Bekanntenkreis kennengelernt hat. Die Freunde hätten einfach keine Zeit, erklärte er. Severin ist hingegen fest in Isabelles Leben integriert.
Isabelle"Ich wusste, ich mache einen Fehler, wenn ich bleibe und ihm Geld gebe. Aber ich war wie ferngesteuert"
Am Anfang ihrer Beziehung wohnt Severin in einer WG. Mit wem, erfährt Isabelle nie. Es scheint ihr ungewöhnlich, dass jemand in seinem Alter und aus der oberen Einkommensklasse keine eigene Wohnung mietet. Später hilft Isabelle ihm beim Umzug in eine Viereinhalb-Zimmer-Wohnung und staffiert ihn mit Hausrat und Möbeln aus ihrem eigenen Lagerbestand aus. Ausser ein paar Kleidungsstücken und wenigen Habseligkeiten besitzt Severin nicht viel, die Inneneinrichtung ist auffallend spärlich. Ein Umstand, der einfach nicht zu seinem Verdienst und seiner Vorliebe für einen gehobenen Lifestyle passen will.
Etwa ein halbes Jahr, nachdem er seinen neuen Job angefangen hat, sieht Isabelle bei Severin zu Hause zufällig ein Kündigungsdokument. Mit dem Chef sei er gar nicht ausgekommen, erklärt er ihr. Isabelle merkt: Stets sind bei ihm andere schuld. Ihr Unterbewusstsein signalisiert ihr, dass in ihrer Beziehung mit Severin etwas nicht stimmt. Sie überlegt, sich zu trennen – aber schafft es nicht, zu gehen. «Ich wusste, ich mache einen Fehler, wenn ich bleibe und ihm Geld gebe. Aber ich war wie ferngesteuert», sagt sie.
Selbst an ihrem Geburtstagsmorgen, den sie ohne ihn mit Freundinnen in Madrid verbringt, bittet Isabelles Partner sie per Whatsapp um 200 Franken, die sie ihm sofort überweisen soll. «Nicht einmal, wenn ich weg war, liess er mich in Ruhe», sagt sie. Zum Geburtstag schenkt er ihr das Versprechen einer Wochenendreise nach Paris, das er nie einlöst. Selbst eine Karte kriegt Isabelle nicht.
Bis zu zwanzig Mal hintereinander ruft er sie an, wenn er Geld braucht. Weil sie seine Anrufe nicht empfangen kann, während sie arbeitet, fährt Severin zu ihrer Arbeitsstelle, damit sie in der Mittagspause mit ihm zum Bankomat geht. Die Zeit mit Severin wird Isabelle langfristig schaden, nicht nur finanziell und psychisch: Der konstante Stress löst bei ihr eine mit starken Schmerzen verbundene und schuppende Hauterkrankung aus, eine Psoriasis. Später wird bei ihr zusätzlich eine palmoplantare Pustulose diagnostiziert: Pusteln befallen Hände und Füsse. Die Erkrankung schränkt sie beim Gehen ein. Die mentalen und körperlichen Folgen des psychischen Drucks, den Isabelle durch die Beziehung spürt, führen dazu, dass sie wochenlang krankgeschrieben und noch heute in ärztlicher Behandlung ist. «Dieser Druck, unter dem ich stand, war extrem», sagt sie. «So habe ich das vorher in einer Beziehung noch nie erlebt.»
«Ich kam mir schäbig vor, mit ihm in Verbindung zu stehen»
Nachts schläft Isabelle kaum noch. Ihre Zweifel wachsen. Sie wird Severin gegenüber kälter, hinterfragt ihren Freund und seine Absichten mehr und mehr. Etwa, als sie in seiner Wohnung fremde Frauenkleider findet. Als sie merkt, dass er immer wieder ihr Nécessaire aus dem Spiegelschrank entfernt. Oder als sie in seinem Bad ein fremdes Duschgel sieht. «Gibt es eine andere Frau?», fragt sich Isabelle. Severin zieht sich immer weiter von ihr zurück, auch sexuell. «Da wird er Rahel kennengelernt haben», sagt Isabelle. Die Frau, deren Duschgel da bereits in seinem Badezimmer stand.
Zwei Jahre sind seit ihrer ersten Begegnung mit Severin vergangen, als Isabelle im Oktober 2023 genug hat: Nachdem Severin bei ihrem Garagisten auf ihren Namen ein Auto mieten möchte und sich mehrfach weigert, dafür zu bezahlen, schafft sie es, sich von ihm zu lösen. «Der Garagist sagte zu mir, dass Severin ein ganz grosser Gauner sei», erinnert sie sich. «Es war schlimm, das von einem Aussenstehenden zu hören. Ich kam mir schäbig vor, mit ihm in Verbindung zu stehen.»
Isabelle"Ich habe mir schon vorher überlegt, die Beziehung zu beenden, aber ich schaffte es nicht"
Ein Wendepunkt für Isabelle. Sie beschliesst, sich ihrer erwachsenen Tochter anzuvertrauen. «Ich sagte ihr weinend, dass Severin mich um 72 300 Franken betrogen hat, peu à peu», erzählt Isabelle. Das Geld war ihr Erspartes. Jeden Betrag, den sie ihm lieh, hat sie sich notiert. Ihre Tochter reagiert empathisch, fragt, warum sie nicht früher zu ihr gekommen sei. «Ich habe bis heute keine Antwort darauf», sagt Isabelle. «Ich habe mir schon vorher überlegt, die Beziehung zu beenden, aber ich schaffte es nicht», sagt sie.
Warum? «Er hat mich eingelullt, es war pure Manipulation. Und weil ich dachte, dass er mir irgendwann mein Geld zurückgibt, wenn ich mit ihm zusammenbleibe», sagt Isabelle, die sich zum damaligen Zeitpunkt noch fragt: Wofür braucht Severin das ganze Geld? Nachdem ihr Schwager den Verdacht aufwirft, Severin könnte spielsüchtig sein, konfrontiert sie ihn bei einem letzten Treffen mit dem Vorwurf. Er bestätigt ihn. Was wäre passiert, wenn sie Severin kein Geld mehr gegeben hätte? «Vielleicht wäre er gegangen.»
Alles nur Fassade?
Rahel, 58, sitzt im Restaurant eines Luxushotels in Zürich, direkt am See. Sie trägt einen Leinenanzug, neben ihr steht ein Rollkoffer, sie kommt gerade von der Arbeit. Rahel tritt selbstbewusst auf, spricht mit fester, klarer Stimme. «Ich brauche keinen Mann», betont sie. Als Geschäftsfrau arbeite sie viel und sei oft unterwegs. «Ich war monatelang allein auf Weltreise, bringe alles selbst auf die Reihe.»
Etwa zehn Monate sei sie mit Severin zusammen gewesen, erzählt sie. Sie sei jung Witwe geworden und vermögend gewesen. Seit damals begleitet Rahel das Bewusstsein, dass sie jemanden anziehen könnte, der vor allem an ihren Finanzen interessiert ist. Rahel lernt Severin 2022 auf der Datingapp Bumble kennen. «Er erinnerte mich ein wenig an Daniel Craig», sagt sie und zeigt Fotos von ihm. Auf den Bildern ist er mal beim Kochen, mal grinsend beim Wandern mit Rahel zu sehen. «Severin ist sehr eloquent und charmant, gibt sich als Gentleman», erinnert sie sich. Dass er zum Zeitpunkt des Kennenlernens mit Isabelle in einer Beziehung ist, weiss Rahel nicht: Severin erzählt ihr stattdessen, dass seine letzte Partnerschaft fünf Jahre zurückliegt.
«Es war für ihn logisch, dass ich zahle»
Zum ersten Date holt er Rahel in einem SUV ab, «ein richtiger Panzer», wie sie sagt. Sie gehen essen, Severin übernimmt die Rechnung. Er rückt Rahel den Stuhl zurecht, hält ihr die Tür auf. Alles Fassade, wird Rahel später lernen. Genau wie der SUV, der Severin nie gehörte, sondern nur geleast war und schliesslich im November 2023 gepfändet werden sollte.
Langsam entsteht eine Beziehung zwischen den beiden. Dass er eigentlich kein Geld hat, merkt sie nicht – Severin gibt einfach Isabelles Geld aus. Und dann, am Ende des ersten gemeinsamen Wochenendes, bittet er Rahel erstmals um 100 Franken. Im Zug sei ihm das Portemonnaie aus der Tasche gefallen. Das passiert ihm während ihrer Beziehung gleich mehrmals. Rahel leiht ihm das Geld. Drei Mal muss sie ihn darum bitten, ihr den Betrag zurückzugeben, ehe er ihn schliesslich nach zwei Wochen retourniert, so erzählt sie es.
Der Sommer kommt und das Paar unternimmt viel, kocht oder geht wandern. Severin gibt ungern Geld aus. Er lässt sich oft von Rahel einladen. «Es war für ihn logisch, dass ich zahle», sagt sie. Auch sie erlebt wie Isabelle, dass er stets Ausreden bereithält: Er werde ihr den Betrag natürlich zurückzahlen, habe nur gerade kein Geld dabei. Oder er habe Probleme mit der Kreditkarte, wechsle gerade die Bank. Kurz nachdem sie sich kennenlernen, wird Severin arbeitslos, was er Rahel zunächst aber verschweigt.
Rahel"Ich trank morgens Kaffee bei ihm, der nicht bezahlt war"
2022 machen die beiden einen Wochenendausflug und besuchen zum Apéro das 5-Sterne-Hotel The Chedi Andermatt. «Da fing es an, mich zu nerven», erinnert Rahel sich. Im «Chedi» habe er einen Kaffee und einen Campari bezahlt, sie jedoch den Rest des Trips, zwei Übernachtungen und das Essen in einem anderen Hotel. Ihr fallen Unstimmigkeiten auf. «Für jemanden, der angeblich viel Geld verdiente, hatte er eine auffällig kleine Garderobe», sagt Rahel. Severin habe subtil vorgegeben, dass er vermögend sei, sagt Rahel. Indem er ihr etwa Pläne für Eigentumswohnungen gezeigt oder von seinem Aufenthalt in einem Luxushotel erzählt habe.
Die Realität aber sieht anders aus: Severins Betreibungsregister, das annabelle vorliegt, umfasst laut Auszug im Januar 2025 Forderungen in der Gesamthöhe von rund 212 000 Franken, dazu kommen nicht getilgte Verlustscheine aus Pfändungen der letzten zwanzig Jahre im Gesamtbetrag von rund 69 400 Franken. Die Auflistung der Gläubiger:innen erstreckt sich über drei Seiten, darunter Privatpersonen, Versicherungen, eine Autovermietung, die SBB, verschiedene Kantone. Sogar eine Betreibung für Nespresso-Kapseln ist erfasst. «Ich trank morgens Kaffee bei ihm, der nicht bezahlt war», sagt Rahel und lacht ungläubig.
«Es war schwierig für mich, den Schlussstrich zu ziehen»
Im Herbst 2022 kommt es bei einer gemeinsamen Reise auf Sylt zum grossen Bruch. Entgegen der Abmachung muss Rahel Restaurantbesuche und den Hotelaufenthalt übernehmen. «Ich wurde so wütend», sagt sie. «Und ich schämte mich.» Sie bezahlt die Rechnung an der Hotelrezeption, lässt sich von Severin aber handschriftlich einen Schuldschein schreiben. Zurück zuhause überlegt sie, wie es mit der Beziehung weitergeht. Eigentlich will sie nur noch ihr Geld, insgesamt rund 2000 Franken, die sie heute im Betreibungsverfahren von ihm zurückfordert. Mittlerweile hat er ihr rund die Hälfte des Betrags zurückgezahlt.
Wenn Rahel heute von Severin erzählt, spricht sie distanziert und spöttisch über ihn. Verletzlichkeit lässt sich höchstens erahnen, als sie die letzte, lange Nachricht zeigt, die sie ihm damals schickt. «Ich dachte, wir wären ein grossartiges Team», schreibt sie darin. «Ich war mir sicher, wir haben eine gemeinsame Zukunft. Es war schwierig für mich, den Schlussstrich zu ziehen, und es tut mir im Herzen weh.» Severin reagiert auf diese Mitteilung: Er wolle sich Zeit für eine würdige Antwort nehmen. Diese kommt nie.
Paula"Ich rege mich über mich selbst auf. Warum hörte ich nicht auf mich?"
«Schräg», nennt Paula Severins Verhalten oft, wenn sie über ihren Ex-Freund spricht. Sie ist 56, arbeitet im kaufmännischen Bereich und kommt aus dem Kanton Aargau. Auch ihr schuldet Severin Geld, rund 1600 Franken, auch sie ist eine selbstbewusste Frau. Dazu wirkt Paula aufgeweckt und meinungsstark, wie jemand, der sich nicht scheut, kritische Fragen zu stellen. Im März 2023 lernt sie Severin auf Tinder kennen, wo er sich als Single ausgibt.
Wie Isabelle hat auch Paula bei der ersten Begegnung mit Severin in einer Zürcher Weinbar ein ungutes Gefühl. «Er kam mir entgegen und ich dachte sofort: Das ist überhaupt nicht mein Typ», erinnert sie sich. Aber weil Severin charismatisch und aufmerksam ist, bleibt sie. Nur selten erlebe sie, dass sich ein Mann beim ersten Date ehrlich interessiert zeige. «Er hörte zu, fragte nach. Das hat mich gecatcht.» Kurz darauf treffen sie sich erneut. Ihr gefällt, wie vielseitig Severin ist. Gemeinsam besuchen sie Konzerte, gehen in die Berge, ins Kino.
Kontakt haben die beiden täglich, sie treffen sich drei oder vier Mal pro Woche – die Beziehung mit ihm habe sich «einfach so entwickelt», sagt sie. Während Paula es langsam angehen will, sagt er ihr bereits nach wenigen Wochen, dass er sie liebe und ihr seinen Wohnungsschlüssel geben möchte. Was Severin Paula nicht sagt: Er ist in einer Beziehung mit Isabelle, von Rahel ist er zu diesem Zeitpunkt schon getrennt. «Isabelle hat es am härtesten von uns dreien getroffen», sagt Paula. «Er hat sie gleich mit mindestens zwei Frauen betrogen.»
Balkonmöbel im Wohnzimmer
Auch Paula wird stutzig, als sie Severin zuhause besucht. Balkonmöbel im Wohnzimmer? Seltsam. Ein Provisorium, erklärt Severin auf ihre Nachfrage, bis die neu bestellten Möbel kommen. Sie treffen nie ein. Doch Severin findet immer neue Erklärungen, spricht von Lieferverzögerungen. Paula redet sich ihr schlechtes Bauchgefühl selbst klein. Es könne ja gut sein, dass seine Geschichte stimme. Sie ist verunsichert. Heute sagt sie: «Ich rege mich über mich selbst auf. Warum hörte ich nicht auf mich?»
Isabelle"Für Aussenstehende ist es schwierig, das Geschehene nachzuvollziehen. Wir verstehen einander und das, was uns passiert ist"
Etwa zwei Monate, nachdem sie sich kennengelernt haben, sagt Severin zu Paula, dass er einen neuen Job suche. Bei seiner aktuellen Arbeitsstelle laufe es nicht gut. Er bittet sie erstmals um Geld: 200 Franken, angeblich für ein Zugticket nach Deutschland, er habe dort ein Bewerbungsgespräch.
Zögerlich gibt sie ihm den Betrag. Wenig später verlangt er noch mehr. Wenn Paula Severin kein Geld geben will, schickt er ihr «panische» Sprachnachrichten, wie sie sagt. «Er war ausser sich, völlig aufgelöst und sehr fordernd», erzählt sie. Severin pocht darauf, dass sie ihm unbedingt helfen müsse. Er bittet sie darum, ihm nachts Geld in den Briefkasten zu legen, damit er es am nächsten Morgen direkt abholen könne. Bei Paula läuten die Alarmglocken: All das lässt sie eine Spielsucht erahnen.
Paula schildert, wie Isabelle, ein doppeltes Empfinden: Sie sei hin- und hergerissen gewesen, erzählt sie, habe zwar gespürt, dass etwas faul sei, habe ihren Partner aber auch nicht hängen lassen wollen. Auch sie hat nie jemanden aus Severins Umfeld kennengelernt. Das Geld, das sie ihm geliehen hat, verlangt sie mehrfach vergebens zurück. Und als Paula nach etwa einem Jahr Beziehung auch noch zufällig herausfindet, dass ihr Partner gar nicht mehr unter seiner gemeldeten Adresse wohnt, fängt sie an, zu recherchieren.
Das Trio trifft sich
Beim Betreibungsamt macht sie sich kundig über Severins Schulden. Auf dem Registerauszug sieht Paula unter anderem die Namen von Isabelle und Rahel. Sie kontaktiert sie über Linkedin. Paula will wissen, ob Severin auch ihnen Geld schuldet. It’s a match: Fünf Stunden lang tauschen sich die Frauen bei ihrem ersten Treffen über ihre Erfahrungen aus. Obwohl sie drei unterschiedliche Persönlichkeitstypen sind – die gutmütige Isabelle, die toughe Geschäftsfrau Rahel, die kritische Paula –, verbindet sie eine grosse Gemeinsamkeit: Alle drei wünschten sich eine Beziehung und schenkten auf der Suche nach Liebe einer Person Vertrauen, die dieses ausnutzte.
Laut cybercrimepolice.ch, der Webseite, mit der die Kantonspolizei Zürich in Zusammenarbeit mit der Kantonspolizei Bern für Gefahren im Internet sensibilisiert, entspricht der Fall Severin dem Muster eines «Romance Scams», also eines Liebesbetrugs übers Internet – nur, dass er sich im Falle der drei Frauen auch offline zugetragen hat. Bei einem «Romance Scam» wird im Netz die «grosse Liebe vorgegaukelt»: Die Täter suchen sich ihre Opfer auf Datingseiten und in anderen sozialen Netzwerken aus. Nachdem sie sich das Vertrauen erschlichen haben, bitten sie ihr Opfer wegen angeblicher Notlagen um Geld.
«Das Schamgefühl bei Betroffenen ist gross»
Fabian Ilg, Geschäftsleiter der Schweizerischen Kriminalprävention, sieht bei Severin Elemente, die an einen sogenannten Heiratsschwindler erinnern – also an einen Betrüger, der seinem Opfer eine gemeinsame Zukunft in Aussicht stellt, um sich materiell zu bereichern. Ilg sagt: «Den betroffenen Frauen würde ich empfehlen, Strafanzeige wegen Betrugs einzureichen.» In der Schweiz werden «Romance Scam»-Delikte in der Polizeilichen Kriminalstatistik erfasst: Jährlich werden rund 700 Fälle gemeldet, man schätzt die tatsächliche Zahl laut Ilg allerdings auf das Zwanzigfache. «Romance Scam ist ein Phänomen mit einer hohen Dunkelziffer, denn das Schamgefühl bei Betroffenen ist gross», sagt er.
Rahel, Isabelle und Paula, die sich inzwischen «das Trio» nennen, stehen heute in regelmässigem Kontakt, treffen sich zum Apéro oder auf eine Runde Tapas. «Für Aussenstehende ist es schwierig, das Geschehene nachzuvollziehen. Wir verstehen einander und das, was uns passiert ist», sagt Isabelle. «Wir sind nicht naiv oder dumm», sagt Paula. «Severin war in seinen Lügen sehr organisiert.»
Rahel ist davon überzeugt, dass das, was sie erlebt haben, allen widerfahren könne. Sie will nun andere Frauen vor Severin und Männern mit ähnlichem Verhalten warnen. «Ich spreche mehrere Sprachen, bin weder auf den Kopf gefallen noch leichtgläubig», hält sie fest. «Und dennoch hat er es geschafft, dass ich ihm immer wieder Geld gegeben habe.»
Rahel"Er ist für mich nichts weiter als ein schlechter Mensch und ein Schmarotzer"
annabelle konfrontiert Severin mit den Anschuldigungen, schriftlich per E-Mail sowie mehrmals telefonisch. Ans Telefon geht er nicht. Stattdessen versucht er in mehreren E-Mails zu verhandeln, unter welchen Umständen er zu einem Austausch bereit wäre: Er wird belehrend, diktiert, was beim Verfassen des Artikels zu beachten sei, droht mit rechtlichen Schritten. In seinen E-Mails erklärt er, dass man den «Gesamtkontext» seiner Situation beachten müsse, erläutert diesen aber nicht weiter. Dass er Frauen unter falschen Vorwänden für Geld ausgenutzt habe, stimme so nicht, schreibt er.
Sie hätten schliesslich um seine «berufliche Situation» gewusst: «Wenn die drei genannten Damen mit mir in den Ausgang gehen wollten, zum Essen, ins Openair-Kino oder anderes, wussten sie, dass ich mir dies nicht unbedingt finanziell leisten konnte. Zudem habe ich die Damen auch verschiedene Male eingeladen oder in meiner Wohnung bekocht!», schreibt er.
Severin äussert sich schriftlich auch zu seiner Spielsucht. Er gibt zu: «Ich habe aufgrund der Tatsache gespielt beziehungsweise damit begonnen, um meine finanziellen Probleme zu lösen und nicht weiter in einer finanziellen Abhängigkeit von jemandem – sprich meiner Freundin – zu stehen, mir nicht weiter Geld leihen zu müssen.»
Den Vorwurf, dass er heimlich und parallel Beziehungen zu verschiedenen Frauen führte, um sich zu bereichern, bezeichnet er als «Unterstellung», der er sich «verwahrt». Er schreibt: «Hierzu sage ich nur, dass es mir nicht darum ging, mich zu bereichern.» Er bestehe darauf, dass er «weder absichtlich, geplant oder aus einem anderen Grund» von den Frauen «Geld erschleichen wollte».
Wie weiter?
Zu dritt überlegen Rahel, Isabelle und Paula nun, ob sie gemeinsam eine Strafanzeige wegen Betrugs gegen Severin erstatten wollen. Paula hält als Einzige der Frauen noch Kontakt zu ihm. Er wirke ungepflegt, es gehe ihm schlecht, sagt sie. Paula ist zwiegespalten. Sie zweifle daran, je einem Mann wieder vertrauen zu können. Es sei traurig, sich romantisch auf jemanden einzulassen und derart betrogen zu werden. Gleichzeitig hat sie Mitleid. Er stecke in einer schlimmen Situation. «Ist das nicht Strafe genug?» Paula sagt, sie habe ihm vergeben.
Severin ist gemäss der Pfändungsurkunde vom November 2023 hoch verschuldet, seit Juli 2022 arbeitslos und lebt heute mit 1200 Franken monatlich am Existenzminimum. Die Urkunde sagt auch, dass er aus gesundheitlichen Gründen nur zu fünfzig Prozent arbeitsfähig ist und von seiner Mutter finanziell unterstützt wird. Wovon er ansonsten lebt, ist nicht klar.
Im vergangenen Dezember wurde ein Strafbefehl gegen ihn eröffnet, wegen Betrugs und versuchten Betrugs – eine vierte Frau hatte Severin angezeigt. annabelle stand auch mit ihr in Kontakt. Sie sagt, dass der Strafbefehl Severin nicht habe zugestellt werden können, weshalb er noch nicht rechtskräftig sei. Er werde diesen nicht akzeptieren, schreibt Severin annabelle auf Rückfrage. Er habe «eine feste Meldeadresse», und es sei nie seine Intention gewesen, «jemanden absichtlich zu betrügen».
Rahel sagt: «Er ist für mich nichts weiter als ein schlechter Mensch und ein Schmarotzer.» Sie hat das Kapitel Severin für sich abgeschlossen. Isabelle hat keine Hoffnung mehr, dass sie ihre 72 300 Franken jemals zurückbekommt. Eine Herausforderung sei für sie vor allem, je wieder zu vertrauen. Im Gegensatz zu Paula kann und will sie Severin nicht verzeihen. «Er hat so vielen Menschen Schlechtes angetan», sagt Isabelle. Sie will das Geschehene hinter sich lassen, sich auf die Zukunft fokussieren. So gut es eben geht.
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Informationen und Hilfsangebote zum Thema häusliche Gewalt findest du hier:
Informationen zu Romance Scam
143 – Die Dargebotene Hand (Crisis support in English: heart2heart.143.ch)
BIF – Beratungsstelle für Frauen
Männerhäuser in der Deutschschweiz und in Genf