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SBB Klassensystem in der Kritik: Ist die erste Klasse noch sinnvoll?

SBB Klassensystem in der Kritik: Ist die erste Klasse noch sinnvoll?

Die Forderung, die erste Klasse im öffentlichen Verkehr abzuschaffen, trifft einen Nerv – besonders bei jungen Menschen. Doch so gerecht die Idee wirkt, sie birgt auch Risiken, wie unsere Autorin in ihrem Kommentar schreibt.

Es ist eine bestechende Idee: Die erste Klasse im öffentlichen Verkehr soll abgeschafft werden. So müssten sich die Leute in der Holzklasse in den Stosszeiten im Zug nicht mehr die Beine in den Bauch stehen, während die Erste-Klasse-Abteile quasi leer in den Feierabend schaukeln.

Das fordert der Jung VCS, die Jugendgruppe des Verkehrsclubs Schweiz, in einer Petition, die er Mitte Februar mit mehr als 12 000 Unterschriften der Bundeskanzlei übergeben hat. Darin heisst es auch, dass die zweite Klasse die Luxusklasse quersubventioniere: Gemäss einem SBB-internen Dokument erziele diese pro Platz 1.7-mal mehr Einnahmen als die erste Klasse. Zahlen, die die SBB auf Nachfrage so nicht bestätigen wollen.

Das Anliegen geniesst Rückhalt: Laut einer repräsentativen Umfrage des Marktforschungsunternehmens Demoscope, über die mehrere Medien berichteten, sprechen sich sechzig Prozent der 15- bis 34-Jährigen für die Abschaffung der ersten Klasse aus.

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"Schon wenn nur wenige Zuggäst:innen aufs Auto umsteigen würden, hätte das grössere Klimaeffekte"

So sozial und sinnvoll sich das anhören mag: Aus ökologischer Sicht gibt es durchaus Argumente gegen die Abschaffung des Klassensystems. Der Zug ist in der Schweiz mit Abstand das umweltfreundlichste Langstreckenverkehrsmittel, das Auto gehört zu den umweltschädlichsten. Bedeutet: Schon wenn nur wenige Zuggäst:innen aufs Auto umsteigen würden, hätte das grössere Klimaeffekte.

Verkehrsökonomische Studien zeigen, dass gerade einkommensstärkere Reisende besonders sensibel reagieren, wenn Komfort wegfällt. Es ist also plausibel, dass ein Teil der heutigen Erste-Klasse-Passagier:innen aufs Auto oder – etwa für die Strecke Zürich–Genf – gar aufs Flugzeug umsteigen könnte.

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"Eine Zugreise zwischen Bern und Zürich verursacht bis zu 96 Prozent weniger CO2 als eine Fahrt mit dem Auto"

Aus Klimasicht ist es entscheidend, dass möglichst viele Menschen im System Zug verbleiben. Das hat nichts mit Autofeindlichkeit zu tun, wie die Stadtzürcher SVP jüngst auf Plakaten jenen unterstellte, die im motorisierten Individualverkehr wenig Zukunft erkennen – sondern mit Fakten: Eine Zugreise zwischen Bern und Zürich verursacht bis zu 96 Prozent weniger CO2 als eine Fahrt mit dem Auto, in dem eine Person sitzt (bei zwei Personen sinds bis zu 92 Prozent).

Auch wenn SVP-Bundesrat Albert Rösti den öffentlichen Verkehr in seiner Mobilitätsstrategie gegenüber der Strasse nicht bevorzugen will: Um bis 2050 Netto-Null zu erreichen – was das Stimmvolk 2023 gesetzlich verankert hat –, muss sich der fossile Verkehr stark ausdünnen. Die Bahn ist ein entscheidendes Instrument dafür.

Dennoch dürfen die Ansprüche jener nicht ignoriert werden, die keine andere Möglichkeit haben, als in der oft rappelvollen zweiten Klasse zu reisen – weil sie zu jung sind, um Auto zu fahren, oder sich keines leisten können. Ihre Anliegen ernst zu nehmen, ist nicht nur aus sozialen Gesichtspunkten wichtig. Sondern ebenso im Hinblick darauf, dass sie auch dann der Bahn treu bleiben, wenn sie später die Gelegenheit hätten, auf Auto umzusteigen.

Statt die erste Klasse abzuschaffen, könnte man sich also überlegen, sie in Spitzenzeiten flexibel zu öffnen und gleichzeitig die zweite Klasse aufzuwerten, vielleicht mit mehr Ruhezonen, besseren Arbeitsplätzen oder reservierbaren Bereichen? Aus Klimasicht jedenfalls ist die entscheidende Frage am Ende keine Klassenfrage. Sondern: Wie bleibt der Zug für möglichst viele die erste Wahl?

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