Meinung

Die Schweizer Armee muss sich dringend neu erfinden

Text: Helene Aecherli; Bild: Keystone

Bis 2030 soll der Frauenteil in der Schweizer Armee auf zehn Prozent erhöht werden. Dies kann nur gelingen, wenn sich die Armee vom Geflecht aus patriarchaler Tradition und nationaler Folklore befreit, ist sich Redaktorin Helene Aecherli sicher.

Es war die grösste Mobilmachung seit dem Zweiten Weltkrieg. Und auch wenn beim coronabedingten Einsatz der «besten Armee der Welt» nicht alles reibungslos ablief, so konnte das Schweizer Militär der Nation doch vor Augen führen, dass sie bei Bedarf Gewehr bei Fuss steht. Oder besser: den zivilen Behörden die Hand reicht.

«Helping Hands», so hiess denn auch die auf den Corona-Einsatz bezogene Ausbildung in den Rekrutenschulen dieses Frühjahrs. Doch kaum ist der Einsatz vorbei, gilt es für die Armee, die Bevölkerung erneut zu überzeugen. Diesmal vom Kauf neuer Kampfflugzeuge. Bemerkenswert ist, dass es in der Kampagne zur Abstimmung vom 27. September nicht nur darum geht, die Gründe für ein Ja hervorzuheben, sondern besonders auch darum, jene Zielgruppe für sich zu gewinnen, die die Armee für ihr Fortbestehen als unerlässlich erklärt hat: die Frauen.

Hypermaskuline Organisation

Mit gutem Grund. Denn bis 2030, so rechnete der «Tages-Anzeiger» vor, werden der Armee rund 30 000 Soldaten fehlen, gut ein Viertel des Bestands. Und wenn Not am Mann ist, was liegt da näher, als nach Frauen zu rufen? Zudem verharrt der Frauenanteil seit Jahren bei knapp einem Prozent – in Zeiten des Wettbewerbs um die besten Talente geradezu fahrlässig. Ergo hat Verteidigungsministerin Viola Amherd ihr Kader damit beauftragt, bis Ende Jahr eine Gender-Strategie zu erarbeiten. Ziel ist, bis 2030 den Frauenanteil auf zehn Prozent zu erhöhen.

Doch wird eine blosse Gender-Strategie genügen, Frauen dazu zu bringen, sich für eine hypermaskuline Organisation zu interessieren, die seit Jahren sogar Mühe bekundet, Männer zu begeistern? Wohl kaum. Vielmehr bedarf es einer mutigen und gleichzeitig visionären Diskussion darüber, welche Armee die Schweiz im 21. Jahrhundert braucht. Denn gemäss Sicherheitsexperten sind klassisch kinetische Kampfhandlungen für die Länder Westeuropas höchst unwahrscheinlich geworden – auch wenn Russland als Feindbild gerade eine Renaissance erlebt.

Muss die Wehrpflicht neu gedacht werden?

Viel realistischer sind gesellschaftliche Destabilisierungsszenarien wie Pandemien oder Umweltkatastrophen, aber auch Terrorattentate, gekoppelt mit Cyberattacken auf zivile Netzwerke. Dies ist die Ausgangslage. Es stellen sich also die Fragen: Welche neue Art von Soldatinnen und Soldaten mit welchen Kenntnissen und Fähigkeiten wird benötigt? Gilt es, die Wehrpflicht neu zu denken? Altersbeschränkungen aufzuheben? Die Neutralität neu zu definieren? Den Fokus gar vermehrt auf Peace Support Operations in Gebieten wie Afghanistan oder Mali zu legen, um zur Konfliktlösung vor Ort beizutragen? Und nicht zuletzt gerade auch die «Helping Hands» zu professionalisieren?

Solche Debatten werden helfen, die Armee vom Geflecht aus patriarchaler Tradition und nationaler Folklore zu befreien, in das sie sich über all die Jahre verheddert hat; unter anderem mit der so hartnäckig beschworenen Heimaufbewahrung des Sturmgewehrs oder dem Mythos, für potenziell territoriale Kriege gewappnet zu sein. Diese Befreiung ist zwingend. Gelingt ihr das nicht, wird sie ihre Attraktivität für Frauen und Männer kaum erhöhen. Sie würde, wie es ein in der Schweiz lebender Nato-Offizier ausdrückt, zum Anachronismus. Zum Museumsstück.

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