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Selbstversuch Eisbaden: Warum es sich lohnt, den Wintersport auszuprobieren

Zeitgeist

Selbstversuch Eisbaden: Warum es sich lohnt, den Wintersport auszuprobieren

An Schweizer Seen, Weihern und Flüssen sieht man dieser Tage wieder Menschen ins kalte Wasser steigen. Warum tun die das? Unsere Autorin wagt einen Erklärungsversuch.

Dieser Artikel ist erstmalig im Januar 2023 erschienen.

 

Der Tag hat noch gar nicht richtig angefangen, als mein Mann und ich durch den winterlichen Park Richtung See gehen. Eine kristallene Schicht Eis hat das Laub auf dem Boden erstarren lassen. Christoph trägt die Badetasche, ich habe all meinen Mut zusammengerafft. Heute baden zu gehen war meine Idee. Aber das heisst nicht, dass ich keine Angst davor habe.

Die Luft hat heute zwei Grad, der See vielleicht sechs oder sieben. Die Vorstellung, in das brennend kalte Wasser zu steigen, bringt mein Herz zum Vibrieren. Doch ich weiss auch, dass der Schmerz nur ein Teil der Erfahrung ist und der flüchtigste noch dazu. Halte ich ihn aus, wartet auf mich ein Zustand, der drogengleich glücklich macht – und das ohne harte Landung und ganz legal.

Winterbaden war, zumindest dort wo die Menschen nicht Hildur oder Vitali heissen, bis vor wenigen Jahren ein nischiger Extremsport. Mittlerweile kann man es fast schon als Breitensport bezeichnen, mit eigenen Hashtags und prominenten Fans wie Talk-Ikone Oprah Winfrey oder US-Präsident Joe Biden. Die Pandemie hat sicher zur Verbreitung beigetragen.

Wie ein Selbsterfahrungstrip

Geschlossene Fitnessstudios, verwaiste Clubs und gestrichene Flüge – wer etwas erleben wollte, war auf sich selbst und die eigene Umgebung angewiesen. So ging es auch bei mir los: Während des Lockdowns fuhr ich bei blitzblauem Himmel mit einer Freundin raus zum zugefrorenen See. Wir badeten in einem Eisloch, tranken danach Tee in der Sonne. Ein Badeausflug, wie wir ihn im Sommer schon oft gemacht hatten. Nur fühlte es sich diesmal an wie ein Selbsterfahrungstrip.

Wer sich fürs Eisbaden, Selbsterfahrung oder einfach für Gesundheit interessiert, landet früher oder später auch bei Wim Hof. Der Niederländer, der etliche eisige Rekorde hält, ist nicht nur in der Kaltbade-Szene gerade der heisse Scheiss. Mit seinem Gesundheitsprogramm aus Atemtechnik, Meditation und Kälteexposition war er unter anderem in Gwyneth Paltrows Netflix-Serie «Goop Lab» zu sehen.

Gemeinsames Gefühl der «Fürsorge und Zugehörigkeit»

Hof bezeichnet sich selbst als «global health leader», ein Titel, mit dem die WHO eigentlich Menschen ehrt, die in Kriegsgebieten gegen Polio impfen oder mit Sport Kinder von der Strasse holen. Dass Hofs Technik wirklich das Immunsystem pusht, ist bislang nicht bewiesen. Aber der Kälteguru bringt Menschen zusammen.

In vielen Schweizer Kantonen gibt es bereits Winterschwimmgruppen, darunter einige von Hof inspiriert, die sich in den kalten Monaten regelmässig treffen. Gemeinsam ins Wasser zu gehen ist nicht nur sehr viel sicherer als ein Alleingang – immerhin gibt es Risiken wie Kreislaufzusammenbruch und Herzstillstand. Es verbindet. Der britische Wissenschafter Mark Harper schreibt, dass Winterbaden mit anderen «die soziale Isolation verringert und ein gemeinsames Gefühl der Fürsorge und Zugehörigkeit vermittelt».

In meinem Kopf schrillt es: Raus da!

Am Seeufer schläft ein Entenpaar. Der Himmel ist silbergrau. Das Seewasser, das im Sommer hellgrün leuchtet, sieht aus wie Schlamm. Ich ziehe mich schnellstmöglich aus – als wäre das Geschlotter erledigt, sobald ich im Bikini dastehe. Unsere Mützen lassen wir auf. Auch wenn das nicht viel ändert: Dass die meiste Wärme über den Kopf verloren geht, ist ein Mythos. Handschuhe und Neoprenfüsslinge hingegen machen wirklich einen Unterschied. Nichts kühlt so schnell und anhaltend aus wie Finger und Zehen.

Wir waten ins Wasser. Die Kälte beisst in meine Knöchel, meine Waden. Ich schnappe nach Luft. In meinem Kopf schrillt es: Raus da! Rette dich! Doch diese Angst ist nur eine Schutzreaktion meines Körpers. Ich weiss: Wenn ich nicht auf sie höre, geht sie vorbei. Reicht mir das Wasser bis zur Brust, bleibe ich stehen. Verschränke die Hände auf dem Hinterkopf. Bringe meinen Atem zur Ruhe. Verharre.

Abtauchen soll mit Trauer, Angst, Depression helfen

Es gibt Winterbadende, die Kopf über in den See hechten. Manche schwimmen eine Runde, wie sie es auch im Sommer tun. Andere, so wie ich, halten einfach für ein paar Minuten im Wasser stehend inne. Der Effekt ist wohl bei allen ähnlich: Überwindung, Schreck – und dann einzigartige Ruhe. Überwältigt von Empfindungen, ist der Körper völlig im Hier und Jetzt. Im anrührenden Dokumentarfilm «The Ponds» berichten Schwimmer:innen, wie ihnen dieses Abtauchen hilft, mit Trauer, Angst, Depression und Krankheit fertig zu werden. Noch fehlen jedoch grosse Studien, um diese Wirkung zu belegen.

Mark Harper begleitete über zehn Woche eine Gruppe Kaltbadende. Er schreibt: «Kaltwasserschwimmen vereint einige der besten und wirksamsten Aspekte der Präventivmedizin und, was noch wichtiger ist, der gesunden Lebensweise. Dazu gehören die Verringerung von Bluthochdruck, Entzündungen und chronischen Schmerzen sowie Gewichtsabnahme, besserer Schlaf und eine engagiertere und optimistischere Einstellung.» Vorausgesetzt natürlich, man badet regelmässig.

Organismus auf Hochtouren

Im See stehend bin ich zuerst nur Fleisch, Fleisch in Aufruhr. Tief und gleichmässig atmend hole ich mir die Kontrolle zurück. Ich fühle, wie mein Körper über die geweiteten Blutgefässe Hitze abgibt. So viel, dass sich um mich eine fluide Schicht aus wärmerem Wasser bildet. Oder eher: aus weniger kaltem Wasser. Mein Organismus arbeitet auf Hochtouren, um mich am Leben zu halten. Nie spüre ich das so deutlich wie beim Winterbaden. Es macht mich dankbar.

Während die Minuten vergehen, beobachte ich die Wolken, die sich im Wasser spiegeln. Die Sommersprossen auf Christophs Schulter. Die kommenden Stunden werde ich damit verbringen, wieder warm zu werden: schlotternd unter der heissen Dusche stehen. Tee trinken. Mit Mütze auf dem Kopf und Decke bis zum Kinn auf dem Sofa sitzen und zufrieden vor mich hinstarren, bis ich einschlafe. Aber jetzt gerade bin ich hellwach und vollkommen ruhig. Es geht mir gut. Ist das nicht Grund genug, um wiederzukommen?

Lesetipp: Mark Harper: Rein ins kalte Wasser! Warum das Schwimmen in kaltem Wasser nicht nur körperlich fit macht, sondern auch mental stärkt. VAK Verlag.

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