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Warum fällt mir das Loslassen plötzlich so schwer?

Warum fällt mir das Loslassen plötzlich so schwer?

Unsere Autorin dachte bis vor Kurzem, recht gut loslassen zu können. Doch je älter sie wird, desto mehr scheint sie zum Klammeraffen zu mutieren – als Mutter, als Tochter, als Frau.

Die Schnur hätte eine Garantie sein sollen. Um mich einen Strandtag lang verlässlich mit meinem Spielzeugboot zu verbinden. Vielleicht waren meine vierjährigen Finger von der Sonnencrème zu glitschig, vielleicht hatte ich die geknotete Schlaufe auch einfach nicht fest genug gehalten, jedenfalls bedurfte es nur einer einzigen Welle und das Meer hatte mein Bötchen mit dem roten Baumwollsegel entführt.

Ich weinte. Mein Vater nahm mich auf den Schoss und erzählte mir eine Geschichte: Am nächsten Tag würde auf der anderen Seite des Meeres ein Kind das kleine Boot am Strand finden. Genau so alt wie ich und schrecklich arm. Das Boot sei sein allererstes Spielzeug und es werde vor Freude im Sand tanzen. Meine erste bewusste Erinnerung an den Schmerz des Loslassens, wenn er unvermittelt trifft. Und die Erkenntnis, dass Teilen sich viel besser anfühlt als Verlust.

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"Sex mit dem Ex? Lass gut sein. An die Traumwohnung ketten? Lieber elfmal umziehen"

Nun dachte ich bis vor Kurzem, dass ich vergleichsweise gut darin bin, Adieu zu sagen. Sex mit dem Ex? Lass gut sein. An die Traumwohnung ketten? Lieber elfmal umziehen und die Zuversicht erlangen, dass sich alles irgendwann wie Zuhause anfühlt (okay, bis auf die Zeit in Heidelberg vielleicht).

Ich habe gelernt, dass man die alte Heimat nicht aufgeben muss, um eine neue finden zu können, kann spontan Ferienpläne über den Haufen schmeissen, Essgewohnheiten umstellen, TikTok löschen und was Materielles anbelangt, bin ich über die Jahre von einer Bewahrerin zur angehenden Minimalistin geworden (echte Vertreter:innen dürfen laut lachen).

Ich habe akzeptiert, dass es ein «Nie wieder» geben darf, etwa, was das Häkelkleid vom Hippiemarkt auf Ibiza anbelangt, und dass – wenn wir ehrlich sind – ein «Gar nicht erst» ohnehin die bessere Wahl gewesen wäre. Nachdem ich mit Chat GPT hochrechne, was eine durchschnittliche Mittelschichtsfrau um die Fünfzig in einem Wohlstandsland so alles anschafft, bin ich peinlich berührt.

Spoiler: Ein Stapel von dreissig Tonnen Müll, genug, um ein dreistöckiges Haus zu füllen. Also verschenke ich, befülle Gratis-zum-Mitnehmen-Kisten und bin fest entschlossen, nie wieder Kleiderschränke mit Zukunftsvisionen eines idealen Ichs zu verstopfen. Lediglich unser Vorratskeller offenbart den Rest Prepper in mir. Schwieriger wird es, wenn das Gehenlassen an ein Müssen gekoppelt ist. Genauer: Ich bin dieses Jahr fünfzig geworden, bin Mutter eines Teenagers und Tochter einer 81-jährigen Mutter.

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"Warum finde ich mich beim Anblick alter Fotos zeitversetzt immer schöner als im Hier und Jetzt?"

Loslassen ist naturgemäss mehr denn je mein Thema und um es gleich vorwegzunehmen: Es stinkt mir mehr und mehr. Gerade der nicht beeinflussbare Schwund. Sehstärke. Kollagen. Festes Bindegewebe. Den Glauben, dass die Welt auf mich gewartet hat. Nach 14 Stunden Schlaf ohne Kissenabdruck in den Spiegel schauen. Nach drei Stunden Schlaf übermütig in den Spiegel schauen. Die Vorstellung von mir. Als Souveräne. Unversehrte. Sorgenfreie. Stets Mutmachende. Warum finde ich mich beim Anblick alter Fotos zeitversetzt immer schöner als im Hier und Jetzt?

"Ist dieser unbeschwerte Teil meines Lebens unwiederbringlich vorbei?"

Noch tiefer sinke ich nur, wenn ich mich frage: Wars das? Ist dieser lustige, unbeschwerte und übermütige Teil meines Lebens unwiederbringlich vorbei? Und wie kam es eigentlich, dass ich an diesem Punkt im Leben gelandet bin, an dem man sich plötzlich bewusst etwas gönnt, Kalorien, Küsse, Kiffen?

Ich will nicht zu denen gehören, aber manchmal überkommt mich angesichts der vorbeifliegenden Jahre eine gewisse Gier und ich sehne mich zurück in das Reich der unbeschwerten Unvernunft. Beknackt eigentlich. Ist doch herrlich, ohne Kater Sonntagmorgen um fünf Uhr den ersten Tee im Garten zu trinken. Ein Bild von mir loslassen zu können, hat viel damit zu tun, ob ich mag, wer ich jetzt bin. Tu ich. Sogar mehr als früher.

"Was aber, wenn sich jemand abnabelt, den ich selbst am liebsten ganz, ganz nah bei mir behalten würde?"

Was ich aber ebenfalls stabil weiss: Es ist in Ordnung, wenn ich nicht alles embrace. Niemand behauptet, dass Loslassen widerspruchsfrei daherkommt. Was aber, wenn sich jemand abnabelt, den ich selbst am liebsten ganz, ganz nah bei mir behalten würde? Kleinlaut erinnere ich mich an meinen Nacht- und-Nebel-Auszug direkt nach der Matura, bestens gelaunt und aufbruchsbereit mit wirklich null Komma null Mitgefühl für meine Eltern.

Payback time: Mein Instagram-Feed ist inzwischen voll von Müttern, die vergebens um die Aufmerksamkeit ihrer heranwachsenden Kinder buhlen, natürlich untermalt mit emotionaler Musik. Nicht umsonst bin ich inzwischen erschreckend textsicher, was den Song «Let It Go» aus Disneys «Frozen» anbelangt. Ich habe unzählige Male gefühlsduselige Reels angeschaut, in denen das «Nie wieder» in Szene gesetzt wird, und jedes Mal aufs Neue ende ich mit verschmierter Mascara.

"Manche Bilder und Erinnerungen an früher versuche ich zu konservieren – auch wenn das nach Dosenravioli und Ersticken klingt"

Nie wieder meinen Sohn bei den ersten wackeligen Schritten stützen, zusammen Duplo bauen und bei heisser Schoggi Geschichten von einer unterirdisch lebenden Eichhörnchenfamilie ausdenken. Die Zeit, in der er seine Eltern allen anderen vorgezogen hat, ist vorbei. Und natürlich ist das auch genau richtig so und ich finde Trost darin, zu wissen, dass dieser Spitzenjunge Freund:innen hat, die eben auch sein Zuhause sind.

Manche Bilder und Erinnerungen an früher versuche ich zu konservieren – auch wenn das nach Dosenravioli und Ersticken klingt. Wenn ich etwa ein altes Video von meinem kleinen Sohn anschaue, wie er stolz in Ringelstrumpfhosen von einem Turnbock runterhüpft und mich dabei anstrahlt, halte ich kurz den Atem und damit auch gewissermassen die Zeit an.

Ich wähne mich in einem Moment der Schwerelosigkeit, geborgen kehre ich an den Ort der Erinnerung zurück. Ich bin traurig, um vieles, was unwiederbringlich vorbei ist. Wenn aber diese Endlichkeit nicht wäre, hätte ich mich nie mitfreuen können über jede einzelne Etappe seines Wachsens, ihn nie kennenlernen können, so wie er jetzt ist, und begleiten dürfen, wie er sein wird. Ausserdem wäre ich ein völlig übermüdeter Zombie.

Während das deutsche «Loslassen» oft nach Verlust, nach einem Entgleiten klingt, schwingt im englischen «release» eine andere Nuance mit. Release bedeutet nicht nur loslassen, aufgeben, sondern auch: freigeben – ein Akt der Öffnung. Es ist der Moment, in dem etwas nicht nur endet, sondern neu beginnt.

Nicht umsonst sprechen wir von einem release date, wenn ein neues Buch oder ein Film erscheint. Es ist der Moment, in dem etwas in die Welt entlassen wird, um ein eigenes Leben zu führen. Und wenn mein Teenie-Sohn mir sagt, dass er am Freitagabend mit ein paar Freunden in der Stadt essen geht, entlasse ich ihn ohne beleidigte Visage in die Freiheit und mache damit Platz. Ihm, aber auch mir.

"Vielleicht sollte ich mir ein Hobby suchen. Die Welt retten, zum Beispiel"

Bislang bewege ich mich in dieser neuen Freiheit so geschmeidig wie ein Legomännchen auf Acid, aber es wird sicher bald besser. Vielleicht sollte ich mir ein Hobby suchen. Die Welt retten, zum Beispiel. Zumindest in meiner Bubble grassiert eine kollektive Verlustangst angesichts der implodierenden Werte und Glaubenssätze rund um den Globus und manchmal weiss ich gar nicht, wohin mit meiner Sorge und Ohnmacht.

Was wir bislang als universal gültig betrachtet haben – Demokratie, Menschenrechte, eine regelbasierte Welt –, steht nicht mehr selbstverständlich über allem. «Welt in Aufruhr» bezeichnet es der Politologe Herfried Münkler in seinem gleichnamigen Buch und beschreibt uns als Zeitzeug:innen eines fundamentalen Wandels. Was heisst es, wenn die USA nicht mehr «Hüter der liberalen Ordnung» sind?

Bedeutet es, dass wir uns verabschieden müssen von der Vorstellung, dass unsere Werte universell sind? Oder müssen wir sie nur selbst verteidigen, anstatt darauf zu vertrauen, dass andere es für uns tun? Ich frage mich, was Europa tun soll und gleichzeitig auch: Was kann ich tun? Bei der Flüchtlingshilfe arbeiten, im Klimaschutz aktiv werden, mich ehrenamtlich in meiner Gemeinde engagieren – auch auf die Gefahr hin, naiv zu wirken.

"Ich versuche, informiert zu bleiben und nicht zu erstarren"

Aber wenn ich daran festhalte, Politik auch als Summe all der kleinen Entscheidungen zu betrachten, die Menschen jeden Tag treffen, muss ich die Hoffnung auf eine bessere Welt nicht ziehen lassen. Ich versuche, informiert zu bleiben und nicht zu erstarren. Wissen gibt Handlungsspielraum. Haltung zeigen, wenn Halbwahrheiten, Verschwörungsmythen oder stillschweigende Akzeptanz für Autoritäres Einzug halten.

Ich kann überdenken, wohin mein Geld fliesst, ob ich weiter bei Amazon kaufe, welche Produktionsbedingungen ich dulde. Und wie ich Atempausen schaffe, in denen ich meine Resilienz pflege. Das punktuelle Loslassen auch von Kämpfen, die ich nicht gewinnen kann, als bewusste Entscheidung – und nicht als Ohnmacht vor dem Unvermeidlichen. Apropos unvermeidlich: In einen Essay übers Loslassen gehören für mich auch Gedanken zum Tod.

Bislang habe ich niemanden vor der Zeit verlieren müssen und hatte noch dazu das Glück, im Guten auseinanderzugehen. Und trotzdem habe ich viel geweint und kenne es, ganz starr vor Traurigkeit zu sein. Ich habe in Feuerritualen versucht, die Trauer um meinen Vater in Flammen aufgehen zu lassen, und wollte mich vor Tränen schützen, indem ich seine Fotos umgedreht habe.

In «Psychologie heute» bin ich auf einen Artikel gestossen, der sich dem Abschiednehmen widmet. «Haben wir einen geliebten Menschen verloren, geht es nicht darum, die Beziehung zu kappen. Sondern zu pflegen», heisst es dort. Weiter geht es darum, dem oder der geliebten Verstorbenen Briefe zu schreiben.

Die dänische Verhaltensforscherin und Psychologin Lene Holm Larsen erklärt, warum das einen sicheren Ort bietet, um ehrlich seine Gefühle auszudrücken und gleichzeitig schöne Erinnerungen festzuhalten. Im Gegensatz zu Sigmund Freud, der noch die Ansicht vertrat, man müsse im Trauerprozess die Bindung zur verstorbenen Person überwinden und loslassen, um Neues zu schaffen, weiss man heute, dass die geliebten Toten mit uns verbunden bleiben: Die Beziehung bleibt bestehen. Ist das nicht wunderbar?

"Als Einzelspross weiss ich: Das Auflösen des Elternhauses wird meine ultimative Challenge im Loslassen"

Es gilt nur, die Trauer ziehen zu lassen. Oder wie meine Grossmutter Anna stets sagte: «Nicht traurig sein, dass es vorbei ist, sondern freuen, dass etwas war.» Meine Mutter hat mir letzten Monat einen kleinen Stapel Briefe aus dem Nachlass ihrer Mutter mitgebracht. Darin auch einer, den ich Anna als 19-Jährige schrieb: «Ich habe wahnsinnig Angst, dass du stirbst, aber Omi, ich bin so so froh, dich kennengelernt haben zu dürfen.» Das hatte ich vergessen. Ich freue mich, dass meine Mutter so viel aus dem Nachlass aufbewahrt hat. Gleichzeitig weiss ich, dass mir als Einzelspross mit der Auflösung meines Elternhauses die ultimative Challenge des Loslassens bevorsteht.

Nervös denke ich an meine Freundin A., deren Haus mit drei riesigen Sofas vollgerummelt ist, weil sie es auch acht Jahre nach dem Tod ihrer Eltern nicht schafft, zumindest eines davon gehen zu lassen. Ich verstehe sie. Auf eben diesem Sofa haben ihre Eltern zuletzt gesessen, gekuschelt, gekrümelt. Und schaue ich mich in meinem Elternhaus um, sehe ich all die Serviergabeln und Sekretäre, als wohliger Kokon meiner Kindheit.

Wer bin ich, die über Jahre hinweg liebevoll zusammengestellten Dinge zu entrümpeln? Als wertlos, hässlich oder unbrauchbar zu entwerten und damit das Erbe meiner Eltern, aber auch mein eigenes Aufwachsen zu beschmutzen? In einer Sendung auf Deutschlandfunk höre ich dann von einem ganz wunderbaren Tipp.

Nach dem Umzug der Mutter ins Seniorenheim hatte die Tochter an der nächstgelegenen Universität Zettel ausgehängt und zu einer Art Flohmarkt eingeladen. Man könne gratis so viel aus der Haushaltsauf lösung mitnehmen, wie gewünscht. Einzige Bedingung: Römertopf, Bohrmaschine und Vase mögen bitte in ihrem neuen Zuhause fotografiert und mit einer kleinen Notiz der ehemaligen Besitzerin im Seniorenheim geschickt werden.

Es wurden voradressierte Umschläge verteilt und die Mutter habe noch monatelang kleine Briefe bekommen. Ich bin gerührt und erzähle meiner Mutter davon. Eine tolle Idee, finden wir beide. Bei meinem nächsten Besuch fange ich an, meine alten Kindersachen auszumisten. Als ich mein Playmobilwohnmobil in die Kiste fürs Brockenhaus packe, schreit mein Sohn auf: «Das behalten wir für meine Kinder!» So wie schon bei der Spielesammlung, der Hot-Wheels-Bahn, den Monchichis… Ich probiere es anders. Für meinen Schoss ist er inzwischen viel zu gross. Nicht aber für eine Geschichte: Am nächsten Tag würde auf der anderen Seite der Stadt ein Kind das Wohnmobil finden…

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