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Was für ein Match! Die wichtigsten Spielmomente im persönlichen Rückblick

Zeitgeist

Was für ein Match! Die wichtigsten Spielmomente im persönlichen Rückblick

  • Text: Kerstin Hasse
  • Bilder: Micha Freutel, Instagram/swiss_nati_men

Ihr habt das Fussballspiel Schweiz gegen Frankreich gestern verpasst? Kein Problem. Unsere Fussball-Aficionada Kerstin Hasse fasst für euch die wichtigsten Momente zusammen.

Als ich gestern auf Instagram eine Story hochlud mit ein paar meiner Gedanken zum Schweiz-Frankreich-Spiel konnte ich förmlich darauf warten. Auf die Kommentare irgendwelcher User:innen, die sich überrascht zeigten, dass ich als Frau erstens Fussball schaue und zweitens auch noch etwas davon verstehe.

«Du kapierst ja richtig was», hiess dann auch die erste Nachricht von irgendeinem Typen. «Wir sollten uns treffen». Don’t think so. «Gut aussehen und Fussball mögen!?», schrieb ein anderer. Wusste nicht, dass sich das ausschliessen kann.

Aber, ich muss auch ganz ehrlich sein: Auch viele Frauen zeigen sich nach wie vor erstaunt darüber, dass ich Fussball liebe (Und mit lieben meine ich, dass ich schon auch mal nach Rom reise für ein Champions-League-Spiel.). Und wenn einen ein Match mitreissen konnte, dann war es die Partie von gestern Abend. Sie hatte alles, was ich an diesem Sport so schätze: ein Duell von Klein gegen Gross, Wahnsinnstore und pathetische Gesten, ein Penalty-Schiessen mit einem unglaublichen Finale und einen Sieg, mit dem niemand gerechnet hatte.

Perfekter Stoff für Smalltalk

Falls du, liebe:r User:in, den Match jedoch nicht gesehen hast, fasse ich dir dieses Spiel gern zusammen – in fünf wichtige Momente, die gleichzeitig auch erklären, warum dieser Match ein klein wenig in die Geschichtsbücher eingehen wird. Perfekter Stoff, um beim nächsten Smalltalk ein paar Fakten fallen zu lassen. Ein leidenschaftlicher Spielbericht dieser unglaublichen, fantastischen Partie – geschrieben von einer Frau. Es geschehen noch Wunder!

1. Alles fing so gut an oder: Haris! Haris! Haris!

Bereits in der 15. Minute gelingt der Schweiz das, wovon kaum ein Fan zu träumen wagte: Die Nati geht in Führung. Haris Seferovic köpft das 1:0. Haris Seferovic hat bereits gegen die Türkei getroffen – und er wird auch später in der Partie wieder treffen. Für viele ist er der wichtigste Mann dieser Partie, seinen Namen zu kennen, scheint von Vorteil diese Tage.

2. #TeamRodriguez oder: Sascha Ruefer, hast du schon mal den Druck einer ganzen Nation auf dir gespürt?

Die Schweiz erhält einen Penalty und Ricardo Rodríguez, von seinen Fans liebevoll Rici genannt, setzt zum Schuss an. Das hat sehr wahrscheinlich nicht er allein entschieden. Eigentlich definiert eine Mannschaft gemeinsam vor dem Match, wer einen Penalty schiesst. Es ist also nicht so, als hätte er sich diesen Ball gekrallt. Trotz aller Ruhe, die dieser Rodríguez ja immer ausstrahlt, verschiesst er. Schade. Sehr schade. Aber kann passieren. Passiert den Besten, wie wir später noch merken werden.

Sascha Ruefer, Moderator beim SRF, sieht das anders. Wenige Minuten nach dem Penalty zieht er über Rodríguez her. Es sei unverständlich – gar unverantwortlich gewesen –,  ihn schiessen zu lassen. Er stellt damit einen einzigen Spieler an den Pranger. Es scheint, als verstünde er nicht ganz das Prinzip des Mannschaftssports. Meine Vermutung: Ruefer ist leidenschaftlicher Golfer. Erst gegen Ende der Partie zeigt sich der SRF-Moderator wieder versöhnlicher. Rodríguez habe das sicher nicht extra gemacht, so die Profi-Einschätzung aus dem Off. No shit, Sherlock.

3. Weniger tanzen, mehr spielen oder: Arroganz steht euch nicht gut, liebe Franzosen.

Nach dem verschossenen Penalty geht es turbulent zu und her. Die Schweiz bekommt innerhalb von fünf Minuten zwei Tore, es steht plötzlich 2:1. Die Schweizer sind komplett von der Rolle, die Franzose zeigen, wie überlegen sie sind (was sie schlicht sind, ihr Kader liest sich wie das Who is Who der Fussballelite). Dann kommt Paul Pogba. Er knallt den Ball aus 25 Meter Entfernung ins Tor. Das ist weit. Das ist schwierig. Das ist ein Goal, das in ihrer Karriere wenigen Spieler:innen je gelingen wird. Pogba, nicht unbedingt bekannt für seine bescheidene Art, tänzelt auf dem Feld, er legt eine richtige Performance hin. Er scheint davon auszugehen, dass das der Moment des Spiels wird. Dass sein Tanz zum Meme wird, das am nächsten Tag viral geht. Tja, falsch gedacht. Stattdessen hat sich dieses Meme durchgesetzt:

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4. 90. Minute oder: Es ist erst zu Ende, wenn es zu Ende ist.

Der Schweiz gelingt nämlich das Unglaubliche: Sie kämpft sich zurück. Später im Interview wird Granit Xhaka, der Captain der Mannschaft – und der mit den blonden Haaren, aber diese Büchse der Pandora wollen wir hier nicht öffnen – sagen, dass er in seinem Herz spürte (awwwww), dass sein Team es schaffen kann. Zuerst trifft Haris per Kopfball. Dann 90. Minute. Mario Gavranović schiesst den Ausgleich zum 3:3. Für all die Menschen, die unter einem Stein leben: Eine Partie hat nur 90 Minuten – plus die wenigen Minuten Nachspielzeit. Es war also ein sehr, sehr, sehr knappes Ding.

5. Das perfekte Drama oder: Sommer verdirbt Mbappé den Sommer.

Die Schweiz und Frankreich spielen sich durch zwei Verlängerungen von je 15 Minuten. Die Spieler werden müde, die Franzosen haben ein paar unverschämte Chancen, dazu gehört eine wirklich heisse Tormöglichkeit wenige Sekunden vor dem Ende der zweiten Verlängerung. Dann ist klar: Es gibt Penalty-Schiessen. Das weckt bei den meisten Schweizer Fans keine guten Erinnerungen. Die Schweizer haben bereits 2006 gegen die Ukraine und 2016 gegen Polen ein Penalty-Schiessen verloren. Doch dieses Mal wird alles anders. Die Schweiz trifft fünf Mal. Frankreich hat noch einen Schuss offen und schickt seinen Star Kylian Mbappé nach vorn. Der Mbappé, der Millionen wert ist. Der auf dem Fussballmarkt gehandelt wird wie ein Nachfolger Jesu. Und dieser Mbappé schiesst – und Yann Sommer hält. Es folgen zwei Schrecksekunden, weil die Videoüberwachung kontrolliert, ob Sommer richtig stand (Als hätte noch irgendjemand im Publikum Nerven übrig). Doch alles stimmt. Die Schweiz ist zum ersten Mal seit 1954 wieder in einem Viertelfinale einer Europa- oder Weltmeisterschaft. Am Freitag wird die Nati auf Spanien treffen. Und ich werde garantiert zuschauen.

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snam

haha cute 🙂 der amüsanteste sportbericht, den ich je gelesen habe!

Dave

Die Schweiz ist nicht zum ersten mal in einem Viertelfinal! WM 1934, 1938 und 1954 zum letzten mal;)

Rebecca

hat Kerstin so geschrieben. Gel.

Sabrina

Ein toller Bericht zu einem der meiner Meinung nach besten EM-Spiele ever. Die Schweizer haben den Sieg sehr verdient. Die Franzosen trafen bei unzähligen Chancen nicht nur das Tor nicht. Ihre Spieler machten dabei zudem auf Ego, anstatt den Ball an den Kollegen in besserer Lage zu passen. Zudem finde ich es sehr bewundernswert wenn ein Team bis zum Ende alles und nicht aufgibt.