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Wie geht feministischer Widerstand im Alltag?

Zeitgeist

Wie geht feministischer Widerstand im Alltag?

Unsere Gesellschaft ist noch lange nicht gleichberechtigt. Was können wir als einzelne Personen im Alltag für mehr Gleichberechtigung tun?

Als «Drecksschlampe» musste sich meine Kollegin Vanja Kadic erst kürzlich beschimpfen lassen – sie schrieb anschliessend einen  Kommentar zu geschlechtsspezifischen Übergriffen. Der Text hat mich wütend gemacht und hilflos. Was können wir tun, um einer Gesellschaft zu begegnen, in der solche Verhaltensweisen die Norm sind? Woher nehmen wir die Kraft, nicht zu resignieren, sondern uns immer wieder aufs Neue über solche Ungerechtigkeiten aufzuregen? Was kann ich als Individuum tun, um diese Strukturen zu verändern?

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«Woher nehmen wir die Kraft, nicht zu resignieren?»

Mit diesen Fragen im Kopf setzte ich mich in eine Podiumsdiskussion, die im Rahmen des Zürcher Theaterspektakels stattfand. Die Autorin Franziska Schutzbach, das chilenische Künstler:innen-Kollektiv Las Tesis und die argentinisch-brasilianische Anthropologin Rita Segato unterhielten sich über feministischen Widerstand im öffentlichen Raum und über die Frage, mit welchen Mitteln wir den patriarchalen Strukturen entgegentreten können. Im Gespräch kristallisierten sich für mich vier zentrale Elemente feministischen Widerstands heraus.

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1. Protest hat viele Erscheinungsformen

«Das Patriarchat ist keine Religion, es ist kein Naturgesetz, es ist ein politisches System», sagt Rita Segato, eine der wichtigsten feministischen Intellektuellen Lateinamerikas. Ihre Analysen und Theorien zu geschlechterspezifischer Gewalt und antirassistischem, antikolonialem Widerstand sind eine der Inspirationsquellen für Las Tesis und Grundlage zahlloser feministischer Kämpfe in Lateinamerika. «Der Kampf gegen das Patriarchat ist darum ein politischer Kampf», betont sie. Deshalb sei es wichtig, den feministischen Widerstand auf die Strasse und ins tägliche Leben zu tragen. «Unsere Körper können den öffentlichen Raum besetzen, sie können politische Forderungen in die Öffentlichkeit tragen und in uns ganz viel politisches Potenzial aktivieren», ergänzen Las Tesis.

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«Genuss, Freude, Tanz, Feiern, dies alles können legitime Protestformen sein»

Das Künstler:innen-Kollektiv aus Valparaíso will mit seinen Performances den öffentlichen Raum für Frauen zurückerobern. Durch ihre Performances sollen feministische Theorien in den Alltag überführt werden. Dazu setzen sie ihre Körper ein, denn diese sind gemäss Rita Segato sowohl der Schauplatz geschlechterspezifischer Gewalt als auch ein Instrument im Kampf gegen patriarchale Unterdrückung.

Dabei seien laut Las Tesis traditionelle Protestformen wie Demonstrationen und Märsche nur eine Art, wie man feministischen Aktivismus im Alltag leben könne. «Genuss, Freude, Tanz, Feiern, dies alles können legitime Protestformen sein. Alle diese Dinge wurden den Frauen in der Menschheitsgeschichte so oft abgesprochen, sie zurückzuerobern ist ein Akt des Widerstands.»

Wir leisten also Widerstand, wenn wir am Frauenstreik lautstark durch die Stadt ziehen. Aber auch, wenn wir ausgelassen feiern. Dass sich dies in einem patriarchalen System für eine «anständige» Frau nicht gehört, haben wir mit der Aufregung um die Party-Videos der finnischen Ministerpräsidentin Sanna Marin wieder einmal vorgeführt bekommen. Ihr wurde nach der Veröffentlichung eines privaten Videos, in dem sie ausgelassen singt und tanzt, mangelnde Professionalität vorgeworfen.

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«Mässigung, Sittsamkeit, Zurückhaltung, diese Eigenschaften dürfen und sollen wir ablegen»

Wenn wir unsere Sexualität selbstbestimmt ausleben, wenn wir unsere Körper so annehmen, wie sie sind, wenn wir Sätze sagen wie: «Du hast mich gerade unterbrochen», oder auf der Strasse nicht automatisch ausweichen, wenn uns ein Mann entgegenkommt – mit all diesen scheinbar belanglosen Dingen bestehen wir auf unserem Raum. Mässigung, Sittsamkeit, Zurückhaltung, diese Eigenschaften dürfen und sollen wir ablegen. Dabei sollten wir uns bewusst machen, dass wir unbequem sein dürfen.

«In einer Gruppe von Menschen kämpfe ich ganz oft gegen meine weibliche Sozialisierung, es allen recht machen zu wollen», sagt Franziska Schutzbach. Sie ist spätestens seit dem Erscheinen ihres Buches «Die Erschöpfung der Frau» eine bekannte Grösse im feministischen Diskurs. In ihrer Aussage erkenne ich mich sehr stark wieder.

Nein zu sagen, meine Bedürfnisse klar zu kommunizieren, zu protestieren, wenn mein Gegenüber eine sexistische oder rassistische Aussage macht, fällt mir wahnsinnig schwer. Aus Angst davor, die Stimmung kippen zu lassen, oder aus Angst, als moralinsaure humorlose Spassbremse bezeichnet zu werden.

Ich muss mir dringend abgewöhnen, immer die Harmonie wahren zu wollen. Der lebenslangen Konditionierung entgegenzusteuern ist nicht einfach, aber wie alle Verhaltensmuster ist auch dieses veränderbar, solange wir hartnäckig genug sind. Nicht vergessen dürfen wir allerdings, dass dem Patriarchat ein weiteres Problem zugrunde liegt.

2. Feminismus muss antirassistisch sein

«Im weissen Europa fehlt das Verständnis dafür, dass Rasse, der globale Süden und Norden, die christliche Religion alles menschliche Erfindungen sind, die bis heute als hegemoniale Unterdrückungsstrukturen bestehen», sagen Las Tesis. «Das Patriarchat ist eng mit kolonialen und rassistischen Strukturen verknüpft», bekräftigt Rita Segato.

Gerade unter Leuten, die sich selber als liberal bezeichnen, erlebe ich immer wieder eine schockierende Ignoranz eigenen rassistischen Stereotypen gegenüber. Bemerkungen wie: «Du schaust gar nicht wie eine Chilenin aus» oder «Sie sprechen aber sehr gut Deutsch» machen mich regelmässig wütend. Auch als ich meine Mutter im Spital besuchte und die Pflegefachfrau bei meinem Anblick meinte, jetzt wisse sie, warum meine (offensichtlich weisse) Mutter einen spanischen Nachnamen habe, musste ich kurz nach Luft schnappen. Die Leute, die solche Bemerkungen von sich geben, wären bestimmt allesamt empört gewesen, hätte ich ihre Aussagen als rassistisch bezeichnet.

«Die Situation heute ist trotz aller Missstände besser, als sie das vor Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten war»

Solange aber solche Stereotype völlig unreflektiert in den Köpfen herumgeistern, stossen wir in der Diskussion gar nie bis zum Kern der Sache vor. Zuhören, Kritik annehmen, eigene Positionen und Überzeugungen hinterfragen ist nicht einfach, gehört aber ebenso zum feministischen Widerstand wie das Bestehen auf gleichem Lohn für gleiche Arbeit. Hier erwarte ich eindeutig mehr Selbstreflexion von meinen weissen Mitstreiter:innen, auch wenn diese zweifellos unbequemen Tatsachen über sich selbst ins Auge sehen müssen. Ich meinerseits werde versuchen, diese Dinge häufiger anzusprechen, statt wie bisher vor allem leer zu schlucken, wenn sie mir begegnen.

Trotzdem wäre es falsch, nicht anzuerkennen, wie weit wir es schon gebracht haben. Die Situation heute ist trotz aller Missstände besser, als sie das vor Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten war. Das rief mir das Podiumsgespräch in Erinnerung. Darum erschien mir ein drittes Element ebenfalls zentral.

3. Die Hoffnung niemals aufgeben

«Die Veränderung geschieht in mikroskopisch kleinen Schritten», sagt Rita Segato. Deshalb klingt die wichtigste Botschaft, die ich an diesem Tag mitnehme, schon fast banal: dranbleiben. So mühsam, so anstrengend, so zäh es sich anfühlen mag, der Fortschritt geschieht nicht über Nacht. Wenn ich einen schlechten Tag habe und an den herrschenden Machtstrukturen verzweifle, tut ein Blick in die Vergangenheit gut.

Wie lange dauerte der Kampf der Frauen in der Schweiz für das Stimm- und Wahlrecht, wie lange der Kampf für die Ehe für alle. Diese Veränderungen wurden möglich, weil Tausende von Vorkämpfer:innen in winzigen Schritten an den Mauern des Systems gekratzt haben, bis sie an manchen Stellen einzustürzen begannen. Dieser Gedanke spornt mich an, ebenfalls weiter am System zu kratzen. Indem ich hinschaue, wo Dinge schieflaufen, sie benenne und nicht aufhöre, den Status quo zu hinterfragen. Mit Texten wie diesem, aber auch im Gespräch mit Freund:innen und Kolleg:innen.

4. Im Kern ist die Liebe

Manchmal kann es auch helfen, sich vor Augen zu führen, was eigentlich die treibende Kraft hinter feministischem Aktivismus ist. Feministische Kraft entsteht zwar viel über Wut. Dennoch sollten wir gemäss Rita Segato die Wut niemals zur Grundlage des feministischen Widerstands machen: «Wut und Hass sind die Basis der reaktionären Rechten und des Neofaschismus. Feminismus muss dagegen die Politik der Liebe sein. Das Schlechte kann niemals mit Schlechtem überwunden werden. Darum müssen wir einen anderen Weg finden und das Patriarchat mit Liebe besiegen.»

Dieses Ziel können wir laut Las Tesis nur gemeinsam erreichen, indem wir uns mit anderen Feminist:innen verbünden und so eine netzartige Struktur schaffen, die sich ausdehnen und wachsen kann. Zum Glück gibt es unzählige Wege, wie wir uns mit unseren Mitstreiter:innen vernetzen können. Ob wir uns in einer Partei engagieren, mit Freund:innen einen feministischen Buchzirkel gründen oder uns mit unserer Online-Community austauschen, spielt eigentlich keine Rolle.

«Wenn das Streben nach mehr Gerechtigkeit nicht Liebe ist, was dann?»

Wichtig ist der Austausch, das Wissen, dass wir nicht allein sind. So können wir uns gegenseitig stärken und Kraft schöpfen für die vielen kleinen Kämpfe des Alltags, die aber schlussendlich das System verändern werden. Oder in den Worten von Las Tesis: «Der Feminismus ist der Weg des Gemeinwohls, der Weg zu einer gemeinschaftlichen Gesellschaft, die keine Ausgrenzung oder Unterdrückung kennt. Wenn das Streben nach mehr Gerechtigkeit nicht Liebe ist, was dann?»

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Tina Asriel

Gut gebrüllt, Löwin!