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Wie ist es eigentlich, für eine Abtreibung vor Gericht zu ziehen?

Wie ist es eigentlich, für eine Abtreibung vor Gericht zu ziehen?

Rebecca Mendes (38) war die erste lateinamerikanische Frau, die vor einem obersten Gericht versucht hat, das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch einzuklagen. Sie hat uns von ihrer Erfahrung erzählt.

"Meine Söhne waren sechs und neun Jahre alt, als ich 2017 zum dritten Mal schwanger wurde. Ich selbst war dreissig, hatte mich von meinem Mann getrennt und studierte dank eines Stipendiums Jura. Die Miete bezahlte ich mit einem befristeten Job.

Als ich mich für eine Abtreibung entschied, dachte ich an meine Familie, unser finanzielles Überleben und meine Zukunft. Nach aktuellem Recht in Brasilien sind Schwangerschaftsabbrüche eine Straftat. Abtreibungen sind nur nach einer Vergewaltigung erlaubt, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist oder der Fötus eine schwere Fehlbildung hat.

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"Alle fünf Tage stirbt in Brasilien eine Frau an den Folgen einer unseriösen Abtreibung"

Doch das Verbot verhindert Abtreibungen nicht: Jedes Jahr lassen mindestens eine halbe Million Brasilianerinnen einen Schwangerschaftsabbruch durchführen – fast jede Minute eine. Alle fünf Tage stirbt eine Frau an den Folgen einer unseriösen Abtreibung. Ich wollte weder die Schwangerschaft fortzusetzen noch den Eingriff illegal durchführen lassen. Zu gross war meine Angst vor einer Verhaftung oder Komplikationen.

Im Internet fand ich eine Anlaufstelle, die ich anschrieb. Eine Frau namens Debora Diniz antwortete mir sofort: «Ich werde versuchen, dir zu helfen.» Sie zeigte mir eine dritte Möglichkeit auf: kämpfen. Sie wollte meinen Fall vor das oberste Gericht bringen. Sie warnte mich, sagte, dass ich mir gut überlegen soll, ob ich mich so exponieren wolle. Es war das kleinste Übel für mich.

Mit einem Team von Anwältinnen bereiteten wir den Fall vor. Wir versuchten anhand von Beurteilungen aus der Schule meiner Söhne aufzuzeigen, dass ich eine integre Person bin. Wir legten dar, dass ich meine Spirale neu einsetzen lassen wollte und dafür über sechs Monate hatte warten müssen. In Brasilien ist es möglich, Verhütungsmittel über das staatliche Gesundheitssystem zu erhalten, nur funktioniert dieses schleppend.

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"Menschen nannten mich eine Mörderin, sagten, dass meine Kinder es verdient hätten, zu sterben"

Das Gericht jedoch stellte fest, dass ich keine ausreichenden rechtlichen Gründe für die Klage hatte, und lehnte es ab, darüber zu entscheiden. In den Tagen und Wochen danach wurde ich bedroht und in den sozialen Medien verunglimpft. Menschen nannten mich eine Mörderin, schrieben mir, dass meine Kinder es verdient hätten, zu sterben.

Vor meiner Wohnung tauchte ein Abtreibungsgegner auf, der mir sagte, dass ich schizophren werden würde, sollte ich abtreiben. All das bloss deswegen, weil ich über meinen eigenen Körper entscheiden wollte. Mein Glück war, dass ich kurz darauf legal in Kolumbien abtreiben konnte. Es war mir egal, was die Leute über mich sagten.

Ich habe Interviews gegeben, aber nie die hasserfüllten Online-Kommentare über mich gelesen. Ich stand in der Öffentlichkeit, weil ich die erste lateinamerikanische Frau war, die vor einem obersten Gericht versuchte, das generelle Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch einzuklagen.

Viele Frauen kontaktierten mich und fragten um Rat. Ich wünsche keiner Frau, dass sie dasselbe durchmachen muss. 2020 gründete ich darum mit Debora Diniz und anderen die Organisation Projeto Vivas, die Frauen und Mädchen bei Abtreibungen in Brasilien unterstützt und Zugang zu legalen Abtreibungsdiensten im Ausland verschafft." – Rebeca Mendes (38), arbeitet als Anwältin und lebt in São Paulo

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