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Pro und Contra: Ist es okay, während einer Pandemie Ferien zu machen?

Zeitgeist

Pro und Contra: Ist es okay, während einer Pandemie Ferien zu machen?

  • Text: Kerstin Hasse, Vanja Kadic
  • Bild: Unsplash

Stars und Normalos gleichermassen entfliehen dem Pandemie-Alltag und fliegen in die Ferien. Ist es moralisch vertretbar, während der Corona-Krise zum Spass ins Ausland zu reisen? Ein Pro und Contra von Kerstin Hasse und Vanja Kadic.

Contra – von der Stv. Chefredaktorin Kerstin Hasse

Erst mal vorweg: Natürlich würde ich grad lieber an irgendeinem Strand in Costa Rica liegen und Rosé schlürfen. Ich bin Bündnerin, ich bin ein Sonnenkind. In meiner Wahlheimat Züri in einer Stadtwohnung eingesperrt zu sein, macht mich fertig. Seit Januar machte der Himmel viel zu oft einen auf fifty shades of grey, ich habe es satt. Am meisten vermisse ich Italien, sozusagen meine zweite Heimat, in die ich sonst mindestens alle zwei Monate reise. Ich will natürlich weg. Aber trotzdem sitze ich jetzt nicht im Flieger nach Malle.

Ja, es ist anstrengend. Ja, das Leben in Mexiko ist vielleicht grad bunter, der Himmel in Bali blauer, das Meer auf den Malediven strahlender. Mein Gott, wir haben ja nicht mal ein Meer. Aber noch immer gilt vom Bund her die Empfehlung, nicht zu reisen. Und das hat einen einfachen Grund: Wir wollen die Verbreitung dieses Virus verhindern. Wir wollen – so dramatisch es klingt – Corona endlich besiegen. Das wird unmöglich, wenn wir durch die Welt tingeln.

Nein, ich fühle mich gegenüber Menschen, die jetzt reisen, nicht moralisch überlegen. Das kann ich auch gar nicht. Ich war letzten Sommer in Süditalien und seither regelmässig in der Schweiz unterwegs, ich war im Tessin, im Engadin, in Adelboden oder Zermatt – natürlich immer mit Maske. Ich weiss auch nicht, was nächsten Monat ist. Ganz ehrlich: Diese Pandemie nimmt uns doch alle so mit – wenn es jemandem so schlecht geht, dass nur noch der Strand auf Ibiza hilft, dann so be it. Ich weiss selbst, wie es ist, depressive Phasen durchzumachen. Mir geht es hier aber nicht um die Personen, die so leiden, dass sie es nicht mehr aushalten, sondern um die, die aus lauter schweizerischer Wohlstandsverwöhntheit ihre Köfferchen packen.

Diesen Hipster-Imperialismus finde ich furchtbar. Mal schnell nach Mallorca, um die Seele baumeln zu lassen. Ja, ich weiss, dass der Tourismus leidet. Ich weiss, dass viele Ferienorte hoffen, dass die Touris wieder kommen. Aber dieses Problem zu lösen, ist nicht unsere Aufgabe, sondern die der Politik. Und meiner Meinung nach ist es alles andere als ideal, dass wir uns einfach von einem Lockdown zum nächsten hangeln – und gleichzeitig irgendwelche Leute in Tulum Caipis nippen oder sich auf Bali selber finden.

Es geht doch um die Frage der Solidarität – für ein Mal müssen auch wir Schweizerinnen und Schweizer unser eigenes Wohl dem der anderen, der Gemeinschaft, unterordnen. Das mussten wir bis jetzt praktisch nie tun. Ich bin so unglaublich privilegiert aufgewachsen. Ganz ehrlich: Noch im Februar vor einem Jahr hatte ich das Gefühl, ach, die Schweiz, die wird schon irgendwie drum herumkommen um diese Corona-Sache. Weil wir immer um alles drum herumkommen. Weil es uns schon immer verdammt gut ging.

Ich bleibe vorerst in der Schweiz. Aus Rücksicht gegenüber all den Ländern, die ich bald wieder besuchen möchte. Aus Überzeugung, dass diese Pandemie nur dann ein Ende findet, wenn wir uns solidarisch an die Regeln halten. Hab ich die Berge satt? Ja. Will ich raus aus der Schweiz und in Mailand drei bis fünf Aperitivi trinken? Assolutamente, sì. Aber für ein Mal geht es halt nicht darum, was ich – hart arbeitende, fleissige, brave Schweizerin, die doch die Entspannung verdient hat – will. Es geht um mehr.

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Pro – von Redaktorin Vanja Kadic

Wer heute zum Spass ins Ausland verreist, riskiert einen Shitstorm. Als «Travel Shaming» bezeichnete die «Washington Post» als Erste dieses soziale Phänomen. Und ich gebe zu, noch vor rund zwei Monaten verurteilte ich ausnahmslos alle, die bei Instagram fröhlich Fotos von Strand und Palmen posteten. Hässig und frustriert scrollte ich in meiner Wohnung in Zürich durch meinen Insta-Feed. Ich hatte, wie alle anderen auch, keinen Bock mehr auf News über Mutationen, steigende Zahlen, Lockdown-Verschärfungen. Doch während ich im verschneiten Wiedikon sass, sonnten sich Influencer und Normalos, denen ich folge, auf den Malediven oder in Mexiko. «Wie egoistisch», dachte ich jeweils. Niemals hätte ich ein «Pro» zu dieser Thematik geschrieben. Aber hey, hier sind wir jetzt, denn ich bin kein «Travel Shamer» mehr. Warum? Der Lockdown hat mich dermassen runtergeknüppelt, dass ich mittlerweile alle verstehen kann, die einfach nur abhauen wollen.

Als Disclaimer: Ich will an dieser Stelle nicht dazu aufrufen, jetzt unbedingt zu reisen. Bestenfalls bleibt man zuhause – denn nur weil Reisen möglich ist, heisst es nicht, dass man es auch tun sollte. Aber: Travel Shaming ist unnötig und Reisen für viele einfach nur ein dringend benötigtes Pflaster für die von der Pandemie gebeutelte Psyche. Ich fühle mit allen, die jetzt in den Flieger Richtung Mexiko steigen, um dem tristen Pandemie-Alltag zu entfliehen.

Das Problem ist, dass sich die Pandemielage jederzeit schlagartig ändern kann. Wer weiss, wann alles endgültig vorbei ist? Und wann es wieder komplett unbedenklich ist, ins Ausland zu verreisen? Ja, dank den Impfungen gehts voran – aber es könnten Jahre vergehen, bis wir wieder normal reisen dürfen. Fakt ist: Unsere Bedürfnisse bestehen trotz Corona weiter. Lockdowns, Existenzängste und Unsicherheit dürften Unzählige psychisch an ihre Grenzen bringen. Viele Menschen brauchen jetzt einen Lichtblick, weil sie die Situation nicht mehr ertragen. Wenn dieser Lichtblick zwei Wochen Ferien auf den Malediven bedeutet, go for it.

Solang man dabei die Sicherheitsmassnahmen beachtet und sich korrekt verhält, sehe ich kein Problem. Denn: Nur weil man im eigenen Land bleibt, bedeutet das nicht automatisch, dass man sich an die Corona-Regeln hält – und umgekehrt. Vielleicht ist die Frage also nicht nur, ob man wegfahren sollte, sondern wie. Wer jetzt nach Malle fliegt, um mit 15 anderen aus dem gleichen Kübel zu trinken oder in Ibiza ohne Maske und Abstand auf den Tischen tanzt, wird sich wohl auch zuhause nicht wirklich um Hygienemassnahmen scheren.

Das Commitment, sich zu informieren, Rücksicht zu nehmen und sich an Regeln zu halten, sollten wir alle haben – egal ob zuhause in der Schweiz oder unter Palmen im Ausland. Ich für meinen Teil bin nicht mehr hässig, wenn ich Ferienfotos von Fremden in meinem Feed sehe. Nur noch neidisch.

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Sandra P.

Ich schreibe eigentlich nie Leserkommentare. Aber jetzt zwickt es mich unter den Nägeln, dass ich in die Tasten hauen (muss). Voller Emotionen, als Vorwarnung 😉
Vorweg: ich gehöre mit einer Autoimmunerkrankung zur Risikogruppe und ich halte mich nach bestem Wissen und Gewissen an alle Regeln, aus Solidarität und natürlich meiner eigenen Gesundheit zu Liebe. Grosse Ausnahme: ich bin in der gesamten Pandemiezeit mehrmals verreist. Jawohl. Und ich plane gerade die nächste Reise. Erst Recht nachdem mir heute Mittag, notabene auf dem Weg zum Arzt, wieder einmal vor Augen geführt wurde, dass sich hier in der Schweiz, explizit in Zürich, sehr Wenige um die Richtlinien scherren. Da sitzen Menschenmassen dichtgedrängt am Seeufer, ohne Masken, umarmen sich etc.
Wenn ich in ein Flugzeug steige, fühle ich mich sicherer als hier in Zürich!! Immerhin sind die Reisenden im Flieger zu 95 – 100% negativ getestet (ohne negativen PCR-Test darf man bekanntlich in den meisten Ländern nicht einreisen). Und am Urlaubsort nimmt man es mit den Hygiene-Massnahmen um einiges genauer als hier bei uns in der Schweiz! Bei der Rückreise muss man auch wieder einen negativen COVID-Test vorweisen. Also, wenn es um Solidarität geht, dann beginnt diese mE vor der eigenen Haustüre. Und nicht beim bashen von gesunden Menschen, die sich tatsächlich an die Richtlinien halten, und entsprechend auch ohne schlechtes Gewissen und unter Berücksichtigung der Einreiserestriktionen der Urlaubsländer, verreisen.

Last edited 4 months ago by Sandra P.
Barbara Wohlfarth

Man soll sich zurück halten, weil man später wieder Urlaub machen will. Ich war letzte Woche Beruflich in Jordanien.Komentare von den lokalen Menschen, die sagen Sie haben die Wahl zu Verhungern oder an Covid zu sterben? Bilder von Geschäften die im Ausland Pleite sind? Freunde die vor Ort nicht nur mehr durch bestimmte Strassen gehen, weil dort ihre Freunde ALLES! verloren haben. Leute die seit fast 1 Jahr keine Erträge mehr haben. Jetzt kommt der Schweizer und sagt wir bleiben zu Hause und warten bis dannach. Das es dannach das kleine Geschäft und das kleine Restaurant nicht mehr gibt, weil der Besitzer alles inkl. seinem Dach verloren hat sagt kaum einer. Wenn plötzlich nur 15-20 Touristen pro Tag kommen anstatt 300, macht das relativ viel aus. In Jordanien gibt es keine Hilfe, viele lokale Händler haben mittlerweile hohe Schulden für Strom oder Miete.
Wenn wir den Tourismus erhalten wollen, müssten wir auch zeichen setzten. Durch gute Schutzkonzepte ist ein Verantwortungsvoller Tourismus möglich und zwar auch während der Pandemie. Dieser Unterstützt das kleine lokale Geschäft, das weder Kurzarbeitsgeld noch andere Hilfen erhält. Hilft aber beim simplen überleben.

Peter M.

Danke für den Beitrag. Das ist natürlich irre tragisch! Dennoch hoffe ich persönlich, dass die Welt etwas aus dieser Pandemie mitnimmt, nämlich vernünftiger, nachhaltender und vor allem weniger, aber gezielter zu verreisen. Diese total überflüssigen Shoppingreisen für ein paar Tage nach USA oder sonstwohin, oder Türmchenschau in Dubai, all das ist nicht nur ökologisch ein Irrsinn, sondern auch überflüssig. Grüsse.

Kerstin Hasse

Hallo Peter – danke für deinen Kommentar! Ich denke auch, dass es wichtig ist, dass wir uns Fragen zu unserer Mobilität stellen. Wie reisen wir in Zukunft und wohin? Wir wurden zu einem Umdenken gezwungen und irgendwann in – hoffentlich – naher Zukunft müssen wir uns als Gesellschaft überlegen, welche Schlüsse wir aus dieser Pandemie ziehen. Liebe Grüsse, Kerstin Hasse

Barbara Wohlfarth

Ich bin für Nachhaltigkeit. Aber eben wenn ich höre, jetzt bleibt zu Hause und nachher können wir wieder reisen und finden alles vor, dem ist leider nicht so. Nachhaltigkeit bedeutet das wir jetzt auch an die Denken die keine Hilfe erhalten. Nachhaltigkeit bedeutet in Ausbildung zu investieren und das geht nur wenn die Leute vor Ort Geld haben um sich Nahrung etc zu kaufen. Ich kenne gerade in Jordanien viele die quasi die Schule verlassen mussten, weil das Geld fehlt. Weltweit leben über 100 MIo Menschen vom Tourismus. Manchmal hab ich das Gefühl diese Toten sind weniger wert als die Menschen hier.

Kerstin Hasse

Danke für deinen Kommentar Barbara! Ich glaube aber tatsächlich, dass es an der Politik ist, andere Lösungen zu finden, um den Tourismus zu unterstützen. Von Armut betroffene Regionen zu besuchen, evtl dort Menschen anzustecken – die dann nicht vom CH-Gesundheitssystem profitieren können, finde ich äusserst problematisch. Liebe Grüsse, Kerstin Hasse

Barbara Wohlfarth

Beim Reisen steckt man kaum jemanden an, das ist erwiesen durch diverse Studien. In Jordanien sind viele die im Tourismus arbeiten bereits geimpft! Zudem braucht es negative Test zur Einreise. (Ein Test 72h vor Einreise), ebenso wird ein Test bei der Einreise gemacht und bevor nicht das 2te negative Test Ergebnis vorhanden ist, ist kein Reisen möglich. Zudem ist es logisch für alle, dass jeder Tourist sich an die Massnahmen hält und auf Abstand geht. Sprich wir haben an kritischen Orten Maske getragen und wenn da es kaum Leute hat, geht Abstand super. Gleiches gilt für die Rückreise. Hier wird vor der Abreise getestet und sonst geht kein Flieger. Nochmals der Tourismus ist gemäss mehren Studien sowohl vom BAG, als auch vom RKI als auch von der WHO kein Pandemietreiber. In meinem Umfeld auf jeden Fall, geht jeder bevor auf reise geht, da es der Test negativ sein sollte, in freiwillige Absonderung vor den sozialen Kontakten. Ich fühlte mich auf jeden Fall in Jordanien sicherer als in der Schweiz am Sonntag am Zürichsee. Verantwortungsvoller Tourismus ist möglich.

Renate Kuonen

Ich arbeite hier in der Schweiz im Dienstleistungsbereich in einer Tourismusregion. Selten halten sich die Leute an die Vorgaben/Regeln. Oft gab es deswegen gehässige Worte. Wen man denkt das Herr oder Frau Schweizer die Eintrittsampeln beachten,- nein machen sie nicht!
Daher sehe ich nicht ein wieso ich nicht Reisen sollte? Ich bin jetzt 3x in die Türkei gereist…nicht um zu chillen oder Party zu machen…sondern um im Tierschutz mitzuarbeiten. Den viele dort haben aus finanziellen Nöte ihre Tiere auf die Strasse “geworfen”. Es leiden alle Lebewesen unter dem Reiseverbot.
Zudem muss ich sagen das ganze Konzept gegen Corona wird in der Türkei ohne wen und aber umgesetzt. Ich habe mich dort Coronamässig sicherer aufgehoben gefühlt als hier in der Schweiz.

Beatrice Strässle

Wer hofft, dass – vor allem bei Reisen ins nahe Ausland – alles wie früher sei, der irrt. Wir sind davon direkt betroffen, erhalten keine staatliche Hilfe, und das eigentlich volle Reservationsbuch leert sich wieder. Mit ein Grund ist, dass eine grosse Unsicherheit vorhanden ist, ob und wie man reisen darf, was übrigens mit einem neg. Test sehr einfach ist. Es gibt hier im Piemont bereits viele für immer geschlossene Betriebe, obwohl das Reisen und Wandern durch dieses wunderbare Land meiner Meinung nach sicherer ist, als mit vielen anderen beispielsweise im Tessin die Frühlingstage zu geniessen.