Gedächtnisforscher: "Ein Ferienbild pro Tag reicht"
Viele haben Tausende Fotos auf dem Handy – doch nicht jedes Bild hilft uns beim Erinnern. Gedächtnisforscher Fabian Hutmacher erklärt, wie digitale Erinnerungen unser Gedächtnis verändern und weshalb ein einziges Ferienbild pro Tag reichen kann.
- Von: Kristina Reiss
- Bild: Death to Stock
annabelle: Herr Hutmacher, in welcher Form halten Sie Ihre Erlebnisse fest?
Fabian Hutmacher: Was moderne Medien betrifft, vor allem über Fotos. Ich schreibe aber auch Tagebuch in Form eines Word-Dokuments. Praktisch finde ich ausserdem meine WhatsApp-Chats. Diese lege ich natürlich nicht mit dem Ziel an, sie als Erinnerungsreservoir zu nutzen. Aber sie sind sehr nützlich zum Nachschauen («Was hat mir jene Freundin geschrieben, warum ist sie noch gleich in Paris?»).
"Das Leben von Kindern wird heute beinahe lückenlos dokumentiert"
Tatsächlich haben sich die Möglichkeiten, Erinnerungen festzuhalten, in den letzten Jahrzehnten sehr gewandelt – was ist dabei die grösste Veränderung?
Eindeutig die Menge an Informationen, die uns heute zur Verfügung steht. Während es von unseren Grosseltern nur wenige Kinderfotos gibt, wird das Leben von Kindern, die heute geboren werden, beinahe lückenlos dokumentiert. Weil wir uns in digitalen Welten bewegen, legen wir ausserdem unglaublich viele Datenspuren an – etwa durch Posts auf Social Media oder durch Fitness-Tracker, die unsere Schritte und den Standort aufzeichnen. Zudem ist das Ganze multimedialer geworden: Wir haben nicht nur Texte und Bilder, sondern auch Sprachnachrichten und Videos. Und dank Smartphones haben wir alles stets dabei – während früher das Fotoalbum zu Hause im Regal stand.
Wir sammeln also ständig Daten aus verschiedenen Medienquellen – was zu einer erhöhten Dichte aufgezeichneter Lebensepisoden führt. Verändert dies die Art und Weise, wie wir unser Leben erinnern?
Tatsächlich haben Menschen niemals zuvor mehr Informationen über ihr Leben gespeichert als heute. Das Positive daran: Diese Infos über Erlebnisse, die wir ausserhalb unseres Gedächtnisses abgelegt haben – in Form von Fotos, Sprachnachrichten oder quantifizierten Daten aus beispielsweise Fitness-Tracking – können hilfreich sein. Denn Vergangenes zu rekonstruieren hilft, uns selbst zu verstehen, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen und mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, indem wir etwa gemeinsam in Erinnerungen schwelgen. Das wissen wir aus der psychologischen Forschung. Die vielen Informationen aus den unterschiedlichsten Erinnerungsquellen sind also nützlich. Allerdings hat das Ganze auch eine Kehrseite.
Und die wäre?
All diese Infos sind nur dann hilfreich, wenn sie eine gewisse Systematik aufweisen.
Sie meinen, das Ganze nützt nur, wenn die Tausenden Fotos auf dem Smartphone geordnet und auffindbar sind?
Genau. Aber wir wissen eben auch, dass Menschen recht zögerlich darin sind, Zeit in die Ordnung von diesen Daten zu investieren. Was allerdings nichts Neues ist: In meiner Kindheit gab es bei uns zu Hause immer viele Fotos von Ferien. Anfangs wurden diese sorgfältig in Alben eingeklebt, doch irgendwann lagen die Fotos nur noch in irgendwelchen Papiertütchen – weil schon damals niemand den Aufwand betreiben wollte. Heute jedoch – wo wir noch viel mehr Infos von zurückliegenden Ereignissen haben, die ebenfalls alle ungeordnet sind – wird es noch viel schwieriger, das zu finden, was ich wirklich brauche.
Was könnte ein Ausweg sein?
Dass wir uns als einzelne Individuen genauer überlegen: «Welche Daten will ich überhaupt aufzeichnen?». Oder: «Welche Daten sind nützlich, wenn ich mich erinnern will?» Und dann selber Ordnung schaffen. Wer beispielsweise zehnmal den gleichen Sonnenuntergang fotografiert hat, setzt sich im Idealfall sofort hin und löscht die unscharfen Exemplare. Netterweise gibt es hierfür ja auch schon technologische Lösungen.
"Vielleicht wollen wir ja gar nicht immer an alles aus der Vergangenheit erinnert werden"
Woran denken Sie da?
Viele Smartphones verfügen mittlerweile über Features, die Bilder automatisch in Kategorien sortieren. Das Kuratieren wird dabei also an Algorithmen abgegeben. Was einigermassen gut funktioniert, schliesslich können diese Systeme Fotos nach objektiven Parametern bestimmen – etwa ob eine Aufnahme scharf und gut belichtet ist. Allerdings – und hier sind wir beim Nachteil solcher Systeme – mag es vielleicht verwackelte Fotos geben, die wir trotzdem nicht aussortiert haben wollen, weil sie für uns einen emotionalen Wert haben. Dies erkennt der Algorithmus aber natürlich nicht. Oder er wählt Fotos aus, die zwar den objektiven Parametern entsprechen, aber nicht zum Kontext passen.
Können Sie ein Beispiel dafür geben?
Mir wurde mal ein Album angezeigt mit dem Titel «Schneetage im Laufe der Jahre». Neben schönen Fotos von Spaziergängen im dicht verschneiten Wald tauchte dabei plötzlich ein Foto vom Grab meiner Oma auf – das zwar auch im Winter mit Schnee aufgenommen worden war, aber überhaupt nicht in die Stimmung der übrigen Bilder passte. Womit wir bei einem weiteren Nachteil der grossen Datendichte wären, die wir täglich ansammeln: Vielleicht wollen wir ja gar nicht immer an alles aus der Vergangenheit erinnert werden.
Wie meinen Sie das?
Es hat schon seinen Sinn, dass wir in unserem Erinnern manchmal selektieren – ob bewusst oder unbewusst. Schliesslich kann es auch unangenehm sein, wenn man an gewisse Dinge erinnert wird. Zum Beispiel, wenn Sie auf einer Social-Media-Plattform den Hinweis bekommen: «Schau mal, was du vor fünf Jahren gemacht hast!», und plötzlich taucht ein Beitrag mit dem Expartner auf oder mit einer verstorbenen Person. Das kann verstören.
Werden wir uns später besser an Ereignisse aus unserem Leben erinnern können als unsere Grosseltern, die nicht auf so eine riesige Datenmenge zurückgreifen konnten?
Darauf hätte ich auch gerne eine Antwort. Tatsächlich wissen wir das heute noch nicht. Das Ganze hängt sehr davon ab, ob es uns gelingt, die Vorteile der Datenflut zu nutzen und die genannten negativen Effekte zu minimieren. Dann werden wir uns vielleicht besser erinnern können. Es kann aber auch passieren, dass wir in der Datenmenge untergehen und in Sachen Erinnerungen viel weniger weit sind als vorherige Generationen. Zudem ist nicht klar, wie lange diverse Social-Media-Plattformen Bestand haben. Wenn ich heute regelmässig aus meinem Leben auf Instagram poste – wird es die Plattform in ähnlicher Form noch geben, wenn ich 80 bin? Und falls nicht: Sind meine Daten dann weg? Oder habe ich trotzdem noch Zugriff darauf?
"Infos, die mit anderen Menschen geteilt werden, insbesondere auf Social Media, sind in der Regel für die Selbstdarstellung optimiert"
Macht es denn einen Unterschied, ob ich nur für mich Erinnerungen festhalte oder dies mit dem Wissen tue: «Das werde ich nachher posten»?
Wir wissen aus der Forschung: Infos, die mit anderen Menschen geteilt werden, insbesondere auf Social Media, sind in der Regel für die Selbstdarstellung optimiert. Im Mittelpunkt steht bei der Aufnahme in diesem Fall die Frage: «Welches Bild, welche Facette möchte ich von mir zeigen?», «Wie will ich von anderen wahrgenommen werden?» Bei Fotos hingegen, die ich nur für mich aufnehme, fokussiere ich nicht so stark darauf.
Wenn wir diese Fotos oder Videos bearbeiten und mit Filtern versehen – verfälschen wir dann unsere Erinnerungen von morgen?
Erinnern ist ja sowieso immer rekonstruktiv. Was bedeutet: Dinge, die geschehen, legen wir nicht genau so im Gedächtnis ab, wie sie passiert sind, und rufen sie auch nicht so ab. Stattdessen hängt dies stark von unserer jeweiligen Lebenssituation ab. Das gilt auch für extern aufgezeichnete Erinnerungen: Denken Sie etwa an Ölbilder von Adeligen – diese wurden ebenfalls stets idealisiert porträtiert. Auch Fotograf:innen haben schon immer Bilder nachbearbeitet. Der Unterschied ist nur, dass diese Techniken heute allen zur Verfügung stehen und man dazu keine Expertise mehr braucht.
Idealisierte Erinnerungen gab es also schon immer?
Genau! Die entscheidende Frage lautet jedoch: Bin ich mir bewusst, dass das, was ich auf Social Media teile, eine positiv verzerrte Version meiner selbst ist? Oder halte ich dies für die Realität? Es geht also darum, auseinanderhalten zu können, dass es einerseits das Leben in seiner ganzen Komplexität gibt und andererseits meine kuratierte Selbstdarstellung.
Ist es eigentlich ratsam, fast jede Sekunde unseres Lebens per Foto oder Video festzuhalten?
Bin ich auf einem Konzert und nehme das Ganze nur durch den Smartphone-Bildschirm wahr, weil ich die ganze Zeit damit beschäftigt bin, darauf zu achten, dass der Ausschnitt stimmt, bekomme ich sicher sehr viel weniger von der Vorstellung mit. Nicht umsonst bitten manche Künstler:innen mittlerweile ihr Publikum, Smartphones wegzulegen und sich wieder mehr auf den Moment zu konzentrieren. Solche Bewegungen gegen das Digitale lassen sich immer öfter beobachten. Ich denke da auch an Geburtstage, an denen die Gastgebenden beschliessen, das Fest nur mit der Polaroidkamera zu dokumentieren – auch dies gibt dem Moment seine Einzigartigkeit wieder zurück.
"Ein einziges Ferienbild kann schon ausreichen, um ein Gefühl zu transportieren"
Sie haben eben erzählt, wie wichtig es für das autobiografische Erinnern ist, Ordnung in seine unzähligen Daten zu bringen. Wie handhaben Sie das persönlich?
Ich bin tatsächlich ganz gut im Aussortieren. Im Urlaub gehe ich zum Beispiel jeden Abend meine Fotogalerie durch und lösche diejenigen Bilder, die es nicht braucht. Weil ich weiss: Mache ich das nicht sofort, werde ich das nie schaffen. Gut finde ich auch den etwas radikalen Ansatz eines Kollegen: Dieser behält von jedem Urlaubstag immer nur genau ein Foto. Er setzt sich also jeden Abend hin und überlegt: «Welches ist das eine?» Seine Begründung für dieses Vorgehen: Fährt er zweimal pro Jahr für jeweils zwei Wochen in die Ferien, hat er am Ende des Jahres immer noch 28 Bilder alleine aus Urlauben. Die Angst, dass am Ende eines langen Lebens zu wenig Bildmaterial vorhanden ist, ist seiner Meinung nach unbegründet.
Zumal es ja vielleicht auch gar nicht darum geht, eine Reise lückenlos zu dokumentieren.
Genau. Unter Erinnern versteht man schliesslich sehr unterschiedliche Prozesse – die wiederum beeinflussen, welche Daten ich aufzeichne. Will ich etwa reine Fakten rekonstruieren, kann es wichtig sein, möglichst viele aufgezeichnete Informationen zu haben. Geht es hingegen eher ums Schwelgen in Erinnerungen, ist nicht die Menge der Daten entscheidend. Ein einziges Ferienbild kann dann schon ausreichen, um ein Gefühl zu transportieren.
Zur Person:
Fabian Hutmacher ist Psychologe und Gedächtnisforscher. An der Universität Würzburg beschäftigt er sich unter anderem damit, wie digitale Medien unser autobiografisches Erinnern verändern.