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Social-Media-Detox

Text: Tanja Ursoleo; Foto: Nicole Honeywill / Unsplash

Social-Media-Detox als Selbstversuch

Ein Selbstversuch: Unsere Autorin Tanja Ursoleo verzichtet 30 Tage lang auf Social Media.

Eines vorab: Ich bin nicht nur ohne Social Media aufgewachsen, sondern ganz ohne digitale Technologien. Meine Generation, Gen X, wird im Marketing und in Studien als Digital Immigrants bezeichnet. Während mein Sohn, ein Digital Native, bereits seit er ein Baby war, weiss, was ein Touchscreen ist und wie ein iPhone funktioniert, musste ich den Umgang mit der neuen Technologie erst erlernen. Trotzdem habe ich mich bereits 2007 bei Facebook angemeldet, der Mutter aller Social Networks.

Ich muss zugeben, dass ich in den Social Media erst seit den letzten Jahren richtig aktiv bin, vor allem aus professionellen Gründen. Als Journalistin poste ich regelmässig eigenen Content, teile meine Artikel und recherchiere auf Plattformen wie Facebook, Instagram, Twitter, Linkedin, Youtube und Veer – einer jungen Plattform für 360°-Video-Content.

Seit einiger Zeit habe ich aber ein zunehmend gespaltenes Verhältnis zu den Social Media. Besonders auf Facebook wird das Scrollen im Feed zur mentalen Tortur: Der unberechenbare, sich ständig ändernde Algorithmus verwandelt meinen Feed in eine lärmige Abfolge überdimensionierter Egos, offensiver Selbstvermarktung, streitender Menschen, Memes, Selfies und Clickbait-Artikel. Auch mit Facebook-Tochter Instagram habe ich zunehmend ein Problem: Mit den Vanity Metrics – den Zahlen der Eitelkeit, also Likes und Follower, lässt sich nicht nur die eigene Popularität messen, sie sind auch immer öfter für unser Selbstwertgefühl verantwortlich. Kein Wunder also, dass viele ihre Accounts mithilfe von spezialisierten Klickfarmen pimpen und Like-Zahlen nach oben treiben. Eine Studie der Universität Pennsylvania hat ergeben, dass eine limitierte Social-Media-Nutzung auf zehn Minuten pro Tag Einsamkeits- und Depressionssymptome drastisch reduziert.

Auch ich fühle mich nicht verbundener durch die Netzwerke. Im Gegenteil. Ich habe das Gefühl, Zeit zu vergeuden. Kurz noch einmal durch den Feed scrollen, wer kennt das nicht. Ablenkung pur – und schon sind 20 Minuten völlig sinnlos verbraucht. Schlecht für uns, gut für Zuckerberg & Co., die mit unserer Verweildauer und Aktivität viel Geld verdienen. In der Schweiz surfen laut einer Erhebung von Statista 86 Prozent der Bevölkerung regelmässig im Internet. Die Hälfte davon nutzen regelmässig Social Networks. 2018 nutzten über 83 Prozent aller Social-Media-User Facebook, gefolgt von Instagram und Twitter.

Sind Privat- und Berufsleben ohne Social Media überhaupt möglich? Ich habe es 30 Tage lang ausprobiert.
Zuerst habe ich alle E-Mail-Einstellungen meiner genutzten Netzwerke angepasst, um keine Benachrichtigungen mehr zu erhalten. Danach wurden alle Links gelöscht und schliesslich die entsprechenden Apps inklusive Messenger von meinem Handy entfernt. Erstaunlich ist vor allem, wie wenig mich die bewusste Vermeidung beeinträchtigt hat. Meine Newsfeeds habe ich nicht vermisst. Klar ist auch: Die Social Media haben auch mich nicht vermisst – ausser vielleicht die Werbeabteilungen der Plattformen, die auf meine Angst etwas zu verpassen, spekulierten. Die schönste und wichtigste Erkenntnis während meiner Social-Media-Pause waren die gesteigerte Produktivität und der Gewinn an Zeit. Da ich den Detox unter anderem auf die Festtage gelegt habe, verbrachte ich bewusst Zeit mit meiner Familie, ohne daraus Content zu produzieren. Auch eine alte Liebe konnte ich wieder aktivieren: Das Lesen. Während dieser Zeit habe ich drei Bücher gelesen.

Den Social Media komplett abschwören möchte ich aber nicht, schliesslich ist die Digitalisierung mein Lieblingsthema, und Netzwerke können ideale Plattformen sein, um zu experimentieren und Neues auszuprobieren. Social Media gehören zu meinem Leben und meinem Job. Die Plattformen haben mir die Möglichkeit gegeben, eigenen Content, Ideen und Gedanken zu teilen. Ich werde diese Möglichkeiten weiter nutzen – aber anders. Ich kontrolliere die Plattformen, nicht die Plattformen mich. Ich bin meinem Sohn keine Hilfe, wenn ich mich davor verschliesse, denn wir prägen unsere Kinder mit dem, was wir machen und wie wir mit diesen Medien umgehen. 

Konkret heisst das für mich: Virtuelle Freunde und Follower werden ausgemistet. Qualität statt Quantität steht auf dem Plan. Ausserdem möchte ich meinen Fokus aufs Machen und weniger aufs Konsumieren legen. Mein Wissen und meine Gedanken mit Gleichgesinnten teilen, mich austauschen, Mehrwert bieten statt mich zu inszenieren. Und ich werde versuchen, die Nutzungszeiten klar zu definieren und zu limitieren.

Tanja Ursoleo ,
Pariskorrespondentin
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