Als Baby vertauscht

Die Wahrheit nach 24 Jahren: Als Baby vertauscht

Text: Ruedi Leuthold; Fotos: Renzo Gostoli

Bei der Geburt vertauscht: Elton (l.) und Dimas
Elton kam nach der Geburt zu den falschen Eltern.
Dafür wuchs der blonde Dimas bei Eltons Eltern auf.
Der kleine blonde Exot: Dimas wurde von seinen dunkelhaarigen Schwestern oft gehänselt
An Eltons Hochzeit vereint: Die leiblichen Eltern Zilda und Antonio Aliprandi (l.), Dimas, Ehefrau Silvana und die Zieheltern Niusa und Adelson Plaster.
e
f

Bei der Geburt vertauscht: Elton (l.) und Dimas

Elton kam nach der Geburt zu den falschen Eltern.

Dafür wuchs der blonde Dimas bei Eltons Eltern auf.

Der kleine blonde Exot: Dimas wurde von seinen dunkelhaarigen Schwestern oft gehänselt

An Eltons Hochzeit vereint: Die leiblichen Eltern Zilda und Antonio Aliprandi (l.), Dimas, Ehefrau Silvana und die Zieheltern Niusa und Adelson Plaster.

Von wem hat Elton bloss seine Plattfüsse? Warum ist Dimas blond? Die Eltern wundern sich, die Nachbarn tuscheln. 24 Jahre später bringt ein Gentest Licht ins vermeintliche Dunkel zweier Biografien.

Von wem hat Elton bloss seine Plattfüsse? Warum ist Dimas blond? Die Eltern wundern sich, die Nachbarn tuscheln. 24 Jahre später bringt ein Gentest Licht ins vermeintliche Dunkel zweier Biografien.

Weit im Südosten Brasiliens, im tropischen Bergland des Bundesstaats Espírito Santo, in der lutheranischen Kirche von Barra do Rio Claro, eröffnet die Pastorin den Hochzeitsgottesdienst mit einem Lied an den Heiligen Geist: Komm, verbinde uns, in allen Sprachen versammle uns. Die Sprache, welche die Mehrheit der Hochzeitsgäste und auch das Brautpaar sprechen, ist das Pommeranische, eine Form des Plattdeutschen, das in der ehemaligen Heimat am Baltischen Meer ausgestorben ist. Aber in Brasilien fesselt sie, 150 Jahre nach der Flucht aus der verarmten Heimat im damaligen Preussen, noch immer die Nachkommen der Auswanderer an ihre Geschichte und ihre Kultur.

Dimas Aliprandi, geboren am 19. Oktober 1985, spricht kein Pommeranisch. An seinem Hemd trägt er ein Stoffband, dessen violette Farbe ihn für alle Gäste als Bruder des Bräutigams kenntlich macht. Tatsächlich hat sich Dimas angewöhnt, Elton als Bruder zu bezeichnen, obwohl die beiden gar nicht verwandt sind. Dimas ist bleich, dünn und so blond wie der Rest der Kirchenbesucher. Elton, der jetzt mit feuchten Augen seine Silvana zum Altar führt, ist klein und schwarzhaarig; er sieht aus wie ein italienischer Fliegengewichtsboxer und nicht wie der Nachkomme preussischer Stallknechte. Dimas Aliprandi und Elton Plaster, die sich Brüder nennen, haben keine gemeinsamen Eltern. Sie wurden am gleichen Tag geboren und bei der Geburt vertauscht. Und das erfordert eine geringfügige Änderung des Hochzeitsprotokolls.

Die Kirche von Barra do Rio Claro liegt über einem grünen Tal voller Gemüsegärten und Erdbeerfelder, das bis heute nur über eine einfache, nicht asphaltierte Landstrasse zu erreichen ist. Zwischen 1859 und 1874 kamen etwa 2200 Einwanderer aus Pommern nach Vitória, der Hauptstadt von Espírito Santo. Zuerst mussten sie mit harter Arbeit die Überfahrt abzahlen, und dann wurden sie wegen ihres lutheranischen Glaubens diskriminiert. Die Siedler zogen sich in abgelegene Bergtäler zurück, wo sie kaum Portugiesisch lernten, sich dafür kräftig vermehrten. Heute gibt es im Bundesstaat Espírito Santo etwa 200 000 Pommeraner, und eine Hochzeit ist immer Anlass, die gemeinsame Identität zu stärken. 450 Familien sind zu Elton und Silvanas Hochzeitsfest eingeladen, und wie es der Brauch will, hat der Bräutigam jede Einladung persönlich vorbeigebracht. Die vorderste Bank ist für die Eltern des Hochzeitspaars reserviert, und dort haben, anders als je zuvor bei einer pommerschen Hochzeit, sechs Personen Platz genommen, alle in einfacher bäuerlicher Kleidung. Ihnen überreicht das Brautpaar einen Blumenstrauss, zuerst den Eltern der Braut, dann jenen des Bräutigams Elton: Niusa und Adelson Plaster, so heissen Eltons Zieheltern, Zilda und Antonio Aliprandi die leiblichen. Dimas, das Kind, das die Aliprandis aufgezogen haben, in Tat und Wahrheit aber der Sohn der Plasters ist, sitzt in einer hinteren Reihe neben seiner Frau. Die beiden haben vor zwei Jahren geheiratet, zivil und ohne jede Feierlichkeit.

Nie zweifelte Antonio an der Treue seiner Frau

Bis auf einige wenige Brocken Italienisch haben sich in der Familie Aliprandi die Erinnerungen an die norditalienische Heimat verloren. Die italienischen Auswanderer kamen ungefähr gleichzeitig mit den Pommeranern nach Espírito Santo, sie liessen sich in benachbarten Tälern nieder. Antonio Aliprandi, eben sechzig geworden, war eines von zehn Kindern eines kleinen Kaffeepflanzers, er ging nie zur Schule, heiratete Zilda, das Nachbarsmädchen. Sie bewohnten ein einfaches Holzhaus in den Bergen, pflanzten Kaffee, und als seine Frau zum dritten Mal schwanger war und die Wehen einsetzten, fuhr er sie mit seinem VW Käfer in die nächstgelegene Stadt, Santa Teresa, ins Spital Zur Mutter vom guten Rat, von katholischen Ordensfrauen geführt. Noch am gleichen Abend, um zwanzig Uhr, kam ein Sohn zur Welt, dem sie den Namen des Arztes gaben, der die Geburt begleitet hatte: Dimas. Schon am anderen Morgen fuhren sie zurück. Antonio wunderte sich ein bisschen, dass der Sohn blaue Augen hatte und einen Schädel, der so kahl war wie sein eigenes Knie. Je grösser das Kind wurde, desto weniger glich es seinen dunkelhaarigen Schwestern. Nie zweifelte Antonio an der Treue seiner Frau. Er, der von sich selber weiss, dass er in 37 Ehejahren nie über den Hag gefressen hat.

Eine Woche dauerte die Vorbereitung zur Hochzeit. Nachbarinnen und Hilfspersonal buken 400 Kuchen, verarbeiteten 425 Kilogramm Hühnerfleisch, der Ochse, der dran glauben musste, wog 450, das Schwein 150 Kilogramm. Auch Zilda Aliprandi stand für ihren Sohn, den sie erst 24 Jahre nach der Geburt kennen gelernt hat, täglich in der Küche, und sie fragte sich, als sie die Unmenge von Fleisch sah, ob das nicht eine Verschwendung sei. Aber man sagte ihr, das sei eine pommersche Hochzeit, und fehlte es an Fleisch, käme Unglück über die Brautleute.

Schon wenige Monate nach der Geburt war ihr Mann gekommen, um zu berichten, was eine seiner Schwestern flüsterte: Ob ihr Kind nicht ein vertauschtes sei? Aber Zilda hatte schon zwei Mädchen geboren und sich so sehr einen Buben gewünscht, dass sie sagte: Das ist mein Sohn! Und damit war die Diskussion beendet. Und wenn der Bub, der böse wurde, wenn die Schwestern den Bleichling hänselten, weil er so anders aussah, wenn dieser ungeduldige Bub ihr mit seinen Zweifeln in den Ohren lag, sagte sie: Gott weiss, was er tut, und umarmte ihren Dimas.

Der Gottesdienst ist beendet, die grünen Berge, wo noch der Jaguar haust, sind wolkenverhangen, und die Dorfjugend, auf der Ladebrücke eines Lastwagens versammelt, führt unter viel Gejohle und Böllerei die Hochzeitsgesellschaft zurück zum väterlichen Hof. Hier wird Kuchen serviert, die Brautleute nehmen Glückwünsche entgegen, sie bekommt ein Küsschen auf die Wange, er einen Geldschein in die Hand gedrückt, so ist es Brauch bei den Pommeranern. Auch die Mütter des Bräutigams stellen sich neben den Bräutigam, um sich fotografieren zu lassen. Aber Dona Niusa, die Elton aufgezogen hat, spricht nicht über das, was damals geschehen ist, diese Geschichte, sagt sie, sei eine zu grosse Last, als dass man darüber sprechen könne. Für Dimas, ihren bleichen Sohn, der mit seiner Frau Vanessa zu Besuch gekommen ist, holt sie eine Kopfwehtablette. Als Kind waren seine Kopfschmerzen oft fast unerträglich. Seit er denken kann, hatte Dimas das Gefühl, nicht in seine Familie zu gehören. Nicht nur, weil seine dunkelhaarigen Schwestern ihn hänselten. Auch nicht, weil ihm, schon als er elf war, jemand sagte, seine Mutter habe ihrem Mann Hörner aufgesetzt mit einem Deutschen aus dem Nachbartal, der sei sein Vater.

Es waren seine eigenen Beobachtungen, die ihm sagten, er sei anders als der Rest der Familie, und die seinen Schädel fast zum Platzen brachten. Als er 14 war, bat er seine Eltern, einen DNA-Test zu machen. Aber seine Mutter war dagegen, und sein Vater sagte, sie hätten kein Geld für solche Dinge. Mit 16 verliess er die Schule, er arbeitete in einer Autowerkstatt, mit 22 verliebte er sich in Vanessa, aber erst nach einem Jahr erzählte er ihr von den Zweifeln an seiner Identität. Mit 24, an einem Sonntagnachmittag, versammelte er die Familie am Küchentisch und sagte, er habe genügend Geld gespart, um einen DNA-Test zu machen. Die Mutter weinte und fragte ihn, ob er sie, wenn das Ergebnis sei, wie er denke, verlassen werde. Wie könnte ich, sagte Dimas, du bleibst immer meine Mutter. Zu dritt gingen sie ins Labor, und als eine Zeitung erfuhr, dass es im Spital Zur Mutter vom guten Rat vor 24 Jahren zu einer Vertauschung zweier Kinder gekommen sein musste, waren es die Medien, die auf eine Aufklärung drängten; Dimas hat die Zeitungsausschnitte gesammelt: 4. 2. 2009: «Spital untersucht Kindertausch»; 17. 2. 2009: «Spital findet die alten Archive»; 30. 4. 2009: «Spital identifiziert Babys, DNA bestätigt Kindertausch»; 11. 5. 2009: «Muttertag vereinigt vertauschte Kinder» 17. 6. 2010: «Vertauschte Kinder wollen eine einzige grosse Familie gründen»

Der Hof füllt sich mit immer mehr Gästen, bleiches, bäurisches, kräftiges Volk, und unablässig tönt die Concertina, ein Bandoneon, das die Pommeraner mit auf ihre Fahrt über den Atlantik genommen hatten. Adelson Plaster, Vater des Bräutigams, hat für die Hochzeit das Haus, in dem das frisch getraute Paar wohnen wird, neu streichen lassen, und den Gästen, die es noch nicht wissen, erzählt er gern, wie alles angefangen hat. Mit nichts als einem alten Velo ist er in dieses Tal gekommen, hat sich als Arbeiter verdingt und die Tochter des alten Brun geheiratet, des reichsten Bauern der Umgebung. Nach überliefertem Brauch gehen die Mädchen leer aus beim Verteilen des Erbes, und so war es allein sein Geschick bei der Suche nach Aquamarin-Kristallen, die ihn zu einem wohlhabenden Mann machten. Dreissig Hektar Land bewirtet er, viel mehr als die meisten anderen Bauern in der Umgebung, und schon nächste Woche kommen wieder tausend Kisten Randen auf den Markt, zwei Tonnen.

Ein Muttermal als Zeichen der Zusammengehörigkeit

Obwohl er niemanden in der Familie kannte, der Plattfüsse hat wie er, kam es Elton Plaster nie in den Sinn, er gehöre nicht auf diesen Hof, nicht zu diesem Volk, nicht zu diesem Vater. Zwar hatte er immer eine Vorliebe für italienische Familiennamen, die gefielen ihm, weil sie mehrsilbig und wohlklingend waren. Aber er trägt ein Muttermal auf der Brust, sein Vater ein ähnliches auf dem Bauch, und das war immer ihr Zeichen der Zusammengehörigkeit. Er sei vom gleichen Blut wie der Onkel Franzl, sagte ihm der Vater, auch der sei dunkelhaarig gewesen. Elton war ein guter Schüler, aber statt ein Studium zu beginnen, arbeitete er auf dem elterlichen Hof, sein Fleiss und sein Arbeitseifer werden weit herum gerühmt. Elton, klein und schwarz gelockt, erinnert sich noch genau an den Tag, an dem ein fremdes Auto vorfuhr, es war ein Montag, die Sonne stand schon tief, er arbeitete gerade im Garten, und die Unbekannten fragten nach Niusa Brun. Er wunderte sich, denn kaum jemand kannte den Mädchennamen seiner Mutter.

Am 19. Oktober 1985 waren im Spital Zur Mutter vom guten Rat fünf Kinder zur Welt gekommen, zwei Buben und drei Mädchen. 24 Jahre später ergab ein DNA-Test, dass Dimas Aliprandi nach der Geburt vertauscht worden sein musste. Das Spital konnte nicht erklären, wie so etwas möglich gewesen war. Die Suche nach dem wirklichen Sohn zog sich in die Länge, weil die andere Mutter, die am gleichen Tag einen Sohn geboren hatte, ihren Mädchennamen hinterlassen hatte, der auf eine deutsche Abstammung hinwies. Im Land der Pommeraner zogen die Emissäre des Spitals von Hof zu Hof, bis sie auf Niusa Plaster stiessen, geborene Brun. Die Medien hatten die Suche begleitet, und auch Elton hatte in der Zeitung Bilder dieser Familie gesehen, auf denen ein blonder Junge, der so gar nicht seinen vier schwarzhaarigen Schwestern glich, seine wahren Eltern suchte. Er dachte, dass der Sohn mit diesem Aussehen deutschstämmig sein könnte, ein Pommeraner. Aber es war ihm nicht in den Sinn gekommen, dass er das fehlende Stück im Puzzle war, der Bruder dieser vier Mädchen. Als die Abgesandten des Spitals dann sagten, dass es möglicherweise zu einer Vertauschung gekommen war, und um einen Labortest baten, war seine Mutter nicht sehr erfreut. Aber dem Argument, dass sie rechtlich dazu gezwungen werden könnte, mochte sie sich nicht widersetzen.

Die Idee, dass sein Sohn bei der Geburt vertauscht worden sein könnte, hatte seinen Erzeuger Antonio Aliprandi begleitet wie ein Gerücht, dem er keine grosse Bedeutung beimass. Erst als der DNA-Test bestätigte, dass das Kind, das sie aufgezogen haben, nicht ihres ist, stellte er sich die bange Frage: Was ist aus meinem Sohn geworden? Trägt er Schmuck an den Ohren? Ist er den Drogen verfallen? Alles gibt es auf dieser gottlosen Welt, Männer, die es zu Männern zieht. Was mache ich in diesem Fall? Antonio fand seinen Schlaf erst wieder, als er einen jungen arbeitsamen Mann kennen lernte, der seiner Mutter aus dem Gesicht geschnitten ist und ausserdem Plattfüsse hat wie sie. Es störte ihn nur, dass der Junge seine Eltern mit «Alte» anredete und nicht mit einem höflichen «Herr Vater» und «Frau Mutter», so wie er es den Kindern in seinem Haus beigebracht hatte. Aber für erzieherische Massnahmen, so sah er ein, war es jetzt zu spät. Das Spital hatte, um den moralischen Schaden zu begleichen, an ihre Familien 30 000 Franken bezahlt. Die Hälfte davon überliessen Zilda und Antonio Aliprandi ihrem Sohn Dimas, mit der andern Hälfte kauften sie ein Haus im Tal der Pommeraner und ihres wiedergefundenen, leiblichen Sohnes. Elton freute sich, als sich seine biologischen Eltern entschieden, in seine Nähe zu ziehen, und nur wenige Hundert Meter von seinem Hof entfernt ein Haus kauften. Den Eltern, die ihn aufgezogen haben, so sagte er ihnen allerdings, fühle er sich immer noch näher. Alle einigten sich darauf, dass dies wohl normal sei.

Immer wieder war Dimas im Traum einem Mann begegnet, der ihn ansieht und mit ausgestreckten Armen sagt: Das ist mein Sohn. Und so war es, als er am Muttertag 2009, aufgeboten vom Spital, seine Familie kennen lernte. Der Mann, gross, bleich und bärtig, sah ihn an und sagte: Das ist mein Sohn. Dimas fühlte sich wie neugeboren. Das Kopfweh war auf einmal weg. Er verliess die Autowerkstatt, wo er Pneus geflickt hatte, zog hundert Kilometer weiter ins Tal, wo die Leute aussahen wie er. Der Vater gab ihm ein Stück Land, wo er Kaffee anbauen konnte. Und seine Mutter offenbarte ihm ihr Drama. Wie sie schlecht behandelt worden war vom katholischen Personal des Spitals, sie, die protestantische Deutsche, die kaum Portugiesisch sprach. Erst sieben Stunden nach der Geburt habe man ihr das Kind übergeben, mit einem Bändchen am Arm, auf dem ein fremder Name stand. Aber das habe sie erst später von einer Verwandten erfahren, denn sie selber könne nicht lesen. Und sie sagte ihm, dass nach diesem Spitalaufenthalt ihre Gebärmutter so verletzt gewesen sei, dass sie keine Kinder mehr haben konnte.

Über 1000 Gäste 

Mittlerweile sind über tausend Gäste eingetroffen. Die Reihe der Leute, die zum Abendessen anstehen, ist noch lang, aber auf der Bühne, wo sonst der Kaffee gelagert wird, fängt schon der Hochzeitstanz an. Die weiblichen Gäste drehen eine Walzerrunde mit dem Bräutigam, gratis und franko, während die Männer, die mit der Braut tanzen, einen Geldschein in eine Schatulle legen. Dafür bekommen sie eine Zigarette oder ein Gläschen Schnaps. Das alles wird begleitet von einem Dutzend jungen Burschen, die mit langen Holzstangen unablässig den Fussboden behämmern und damit die bösen Geister vertreiben. Bei der Anzahl von Gästen dauert das Ritual stundenlang, ergeben schlurft Elton mit seinen Plattfüssen über den Tanzboden, stumm dreht sich seine Frau im Kreis, die Burschen hämmern und saufen.

Als Dimas Vanessa kennen lernte, war er 22 und sie 17, und vom ersten Moment an hatte er das Gefühl, sie seien füreinander geschaffen. Sie arbeitete in einem Supermarkt, abends studierte sie, um Lehrerin zu werden. Zuerst zog er allein ins Haus seiner wiedergefundenen Eltern. Er hatte Mühe, die Frau, die ihn geboren hatte, mit «Mutter» anzureden, und deshalb hielt er es wie Elton: Er nannte sie «Alte». Viel Besuch kam, um den verlorenen Sohn anzugucken, und erst mit der Zeit fiel ihm auf, dass viele Mädchen dabei waren, alle im heiratsfähigen Alter, und dann ahnte er auch, wer all die Besuche arrangiert hatte. Sowieso sprach die Alte viel vom «Blut» und davon, dass «die anderen» anders seien und dass es nicht gut sei, sich mit «den anderen» zu mischen.

Dimas liebte Vanessa, und deshalb fuhr er mit seinem Motorrad rasch zurück in die Stadt, wo sie sich, ohne weitere Feierlichkeit, auf dem Standesamt vermählten. Mit seiner Frau kehrte er ins Elternhaus zurück, und das war mehr oder weniger der Zeitpunkt, wo die Magenschmerzen begannen. Es war nicht mehr das Kopfweh, das ihn plagte, jetzt brannten ihm die Schmerzen ein Loch in den Bauch. Es gab Leute, die den Kopf wegdrehten, wenn sie Vanessa begegneten. Und dann hörte er das Wort: «Eine Schwarze …» Das war es. Dimas und Vanessa verliessen das Tal seiner Ahnen wieder, er ging zurück in die Autowerkstatt, sie in den Supermarkt. Eine Zeit lang besuchte er einen Psychologen, und dann verschwanden auch die Magenschmerzen.

Mehr aus der Rubrik

Wie ist es eigentlich ...

Als Eltern halbe-halbe zu machen?