Psyche

Wir haben Singles gefragt, wie sehr ihnen Corona zu schaffen macht

Redaktion: Marie Hettich; Bild: Getty Images

Paare und Familien waren in den vergangenen Monaten immer wieder Thema. Doch wie geht es eigentlich Singles mit der Corona-Pandemie? Das haben wir auf Instagram gefragt – und einige Antworten bekommen. Hier eine Auswahl.

«Der Lockdown war superhart für mich. 2.5 Monate ohne jegliche Berührungen und keine einzige Umarmung. Dazu kommt nach das Alleinewohnen... Der Sommer hat dann richtig gutgetan, weil man wenigstens wieder Freunde treffen durfte. Jetzt wo es aber wieder kälter wird und man nicht mehr draussen vor Bars sitzen kann, spüre ich langsam die Angst wiederkommen. Ich merke, wie die Nähe langsam wieder schwindet (meine Engsten habe ich zwischenzeitlich wieder umarmt). Ich will das nicht nochmals alleine durchmachen und suche mir nun wohl eine WG. Nicht selbstbestimmte Einsamkeit macht definitiv etwas mit einem.»
– Anonym, 33 

«Ich bin gern Single. Corona hat mir aber vieles von dem genommen, was ich am Singlesein so schätze: Plötzlich konnte ich nicht mehr hier und da sein, neue Leute kennenlernen, nicht mehr in den Ausgang und nicht mehr Reisen gehen – ich wurde auf mich und meine Wohnung zurückgeworfen. Natürlich sind all diese Dinge auch für Menschen in Beziehungen weggefallen, aber in einer Beziehung hat man wenigstens jemanden, mit dem man diese neue Lebensrealität teilen kann. Im Moment fühle ich mich nicht einsam – ich kann auch der zum Teil wirklich harten Zeit des Lockdowns rückblickend viel Positives abgewinnen: Ich hatte so viel Raum und Zeit für mich, dass ich in meiner persönlichen Entwicklung sehr viel weitergekommen bin. Wenn ich allerdings daran denke, dass in den kommenden Monaten wieder viel weniger los sein wird, man nur Leute trifft, die man eh schon kennt, es selten ausgelassen ist und selten Unvorhersehbares passiert – dann bekomme ich Angst. Sagen wir es so: Wenn ich mein altes Leben zurückhaben könnte, wäre das Singlesein nichts, worüber ich aktiv nachdenken würde. Wenn die Zustände aber länger so eingeschränkt bleiben, könnte es auf Dauer einsam werden.»
– Karin, 29 

«Als Single schätze ich mich eher glücklich ein in Zeiten von Corona – ich habe Zeit und Raum für mich und nicht den Stress, welche viele Familien zuhause aktuell erleben. Aber ich bin realistisch: Die Chance, jemanden kennenzulernen, gestaltet sich aktuell schwierig. Jedoch gehe ich mit offeneren Augen und bewusster durchs Leben. Wer weiss – vielleicht steigen die Chancen sogar und die Singles flirten plötzlich wieder vermehrt im Migros und im täglichen Leben, da der persönliche Austausch wieder mehr Wert bekommt.»
– Bianca, 38 

«Wegen Corona bin ich überhaupt erst Single. Gut möglich, dass mich meine Freundin auch ohne Pandemie vor ein paar Monaten verlassen hätte, aber der Lockdown mit seinen einschneidenden Einschränkungen und der grossen Verunsicherung, die er mit sich brachte, war der Katalysator fürs Beziehungsaus. Die sich erneut aufbäumende Pandemie macht mir Bauchweh. Ich spüre wieder eine Verunsicherung in mir und fürchte mich davor, erneut ins Homeoffice in meiner kleinen 1,5-Zimmer-Wohnung gezwungen zu werden, die es sich dann auch nicht mehr wirklich zu verlassen lohnt, falls die Cafés, Restaurants und Clubs wieder schliessen müssen. Durchs plötzliche Single-Dasein habe ich mir zwar wieder ein robusteres Freund*innen-Netz aufgebaut, aber ob das in den kommenden Monaten ausreichen wird? Ich weiss es nicht. Während der ersten Welle gab mir meine Beziehung viel Sicherheit. Ich wusste: Die Welt kann untergehen, aber wir tun es nicht, weil wir einander haben. Oder ich dachte zumindest, dass es so wäre. Dieses Grundvertrauen habe ich jetzt nicht mehr. Aber Corona hat mich nun schon mehrmals heftigst durchgeschüttelt – nochmals lasse ich das nicht zu. Auch wenn es eine grosse Herausforderung wird.»
– Schimun, 34 

«Ich hatte kurz vor dem Lockdown im Frühling einen Tinder Match. Der Kontakt mit ihm hat sich immer mehr gesteigert, ohne dass wir uns getroffen haben. Und dann Mitte Mai ein erstes Date. Der erste Eindruck war nicht wie erhofft. Aber durch das nachhaltige Kennenlernen während des Lockdowns haben sich eine Neugier aufeinander und auch Gefühle entwickelt, die ohne Lockdown wahrscheinlich gar keinen Platz gehabt hätten. Das oberflächliche Dating mit dem schnellen Urteilen kann manchmal sehr kontraproduktiv sein, wenn es um die Suche nach der Liebe geht. Auf jeden Fall sehen wir uns immer noch und werden uns, glaube ich, auch noch sehr lange sehen wollen.»
– Anonym, 32 

«Die erste Welle hat in Lissabon eine Liebschaft verunmöglicht, jetzt wo ich mich in Berlin verkuckt habe, kommt die nächste...»
– Claudio, 36 

«Von einer Arbeitskollegin habe ich gehört, dass sämtliche ihrer Single-Freundinnen dieses Jahr die grosse Liebe gefunden hätten. Für mich hat sich – sehr zu meinem Verdruss – rein gar nichts geändert. Mehr als ein Date gibt es selten und Ghosting ist immer noch hoch im Kurs. Zudem sind auch immer mehr in einer offenen Beziehung und haben das Gefühl, dass sie neben der Liebe und Zuneigung ihrer Freundin auch noch ein heisses, aber unbedingt unverbindliches Abenteuer mit einer gutaussehenden Frau verdient haben. Als Single geht man da meistens leer aus. Meine beste Freundin wird nach wie vor von alten Typen angebaggert, um später herauszufinden, dass sie entweder verheiratet oder in einer Beziehung sind. Das Einzige, was sich durch Corona für uns beide geändert hat, ist die Tatsache, dass wir dieses Jahr so wenig Sex hatten wie nie – leider. Das Singleleben ist definitiv mühsamer geworden. Man ist auf Plattformen wie Tinder angewiesen, wenn man jemanden kennenlernen möchte.»
– Corinne, 30 

«Ich war bis 2019 in einer langjährigen Beziehung. Nach der Trennung habe ich mich neu finden müssen. Und dann kam Corona. Im März habe ich meinen Job verloren. Die Welt stand still – und ich musste mich mehr denn je mit mir selbst auseinandersetzen. Ich kann aber heute mit Stolz sagen, dass ich mittlerweile in einer guten Beziehung mit mir bin. Im Hinblick auf den Winter und die aktuellen Fallzahlen habe ich gemischte Gefühle. Man muss die Strategien kennen, um bei sich bleiben zu können.»
– Regula, 37 

«Für mich waren die letzten Monate sehr, sehr heftig. Das hat auch damit zu tun, dass ich mit Herzschmerz in die Zeit reingegangen bin – der wahrscheinlich durch diesen Ausnahmezustand der Pandemie noch viel länger als sonst angedauert hat. Keinen Körperkontakt zu haben war heavy. Ich habe mich sehr oft einsam gefühlt. Es ist krass – aufgrund der fehlenden Berührungen hatte ich manchmal fast das Gefühl, ich löse mich auf. Ein paar Mal habe ich mich auch dabei erwischt, wie ich im Bett sass und mein Kissen umarmt habe. Als die Massnahmen gelockert wurden, habe ich wieder mit dem Daten angefangen. Das tat extrem gut – nur schon zu wissen, dass man jemanden ja auch kennenlernen kann, indem man sich erstmal draussen trifft und auf Abstand bleibt. Diese Erkenntnis nehme ich jetzt auch mit in die zweite Welle. Auch wenn ich natürlich, wie wir alle, immer wieder aufs Neue abwägen muss, was ich moralisch vertreten kann und was nicht.»
– Melanie, 34 

Nächste Woche auf annabelle.ch: Wir sprechen mit der psychosozialen Beraterin Beatrice Bucher, deren Angebot sich auch explizit an Singles richtet.

Marie Hettich ,
Redaktorin
Alle Beiträge von Marie Hettich

Empfehlungen der Redaktion

Spiritualität

«Wir Menschen tragen eine Sehnsucht in uns, die beantwortet werden will»

Von Marie Hettich

Mehr aus der Rubrik

Beziehungskoller

9 Tipps, um als Paar heil durch die Coronazeit zu kommen

Von Sandra Huwiler