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Alles Liebe aus Burma

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Alles Liebe aus Burma

  • Text: Astrid Joosten; Fotos: Chris Wise

Vor sechs Jahren hat sich das geheimnisvolle Land in Südostasien der Welt geöffnet. Heute umarmt es seine Besucher.

Als wir an der letzten Palme vorbeifahren und sich nur noch Reisfelder über die Ebene ziehen, hören wir auf einmal ein zweites Motorrad. Min Soe Wai schaut in den Spiegel, ich drehe mich auf dem Rücksitz der alten Honda um. Ein Mann in T-Shirt und braunem Wickelrock, eine dunkle Sonnenbrille im Gesicht, rattert hinter uns her. Merkwürdig, immer im selben Abstand auf der breiten, einsamen Schotterstrasse. Ockerfarbene, abgeerntete Felder gleiten an uns vorbei, kein Bauer ist zu sehen, als wären wir in einem Niemandsland. Nur unser Verfolger klebt an unserem Hinterrad wie an einem langen Gummiband. Nach einer halben Stunde tauchen hinter einem Bambushain die Häuser eines Dorfs auf. Der Mann auf dem Motorrad überholt und stoppt, herrisch winkt er uns an den Strassenrand. Willkommen in einem Land, das über ein halbes Jahrhundert von der Aussenwelt abgesperrt war.

Wo mein Pass sei, bellt der Mann. Wo ich herkomme, und wo ich hinwill? Zum Meer? Er ist der Sicherheitschef vom Distrikt Thaton, und Touristen, die zu den Fischern fahren, statt die goldene Shwezayan-Pagode in der Stadt zu besichtigen, hat er noch nie getroffen. Er holt sein Handy hervor, wir hocken uns in den Schatten eines Unterstands aus Palmblättern, während der Mann aus Thaton hektisch telefoniert. Dann entspannt sich sein Gesicht – ich bin wohl nicht als Staatsfeindin in Burma registriert. Wir dürfen weiter, zum Indischen Ozean. «Kennt ihr den Weg?» – «Nein.»

Ein Netz aus Pfaden spannt sich hinter dem Dorf Mayangon zwischen den Reisfeldern übers Land, schmal wie die Ochsenkarren der Bauern. Der Sicherheitschef meint, er könnte uns durch das Labyrinth begleiten. Min Soe Wai, mein Guide, arbeitet sich hinter ihm durch Schlaglöcher und Zuckersand. Unsere Honda wirbelt so viel Staub auf, dass ich den Dreck abends selbst in meiner Unterhose finden werde. Wasserbüffel stromern durchs Bauernland auf der Suche nach Futter, Farmer sitzen vor ihren Strohhütten und grüssen nickend, ab und an fliegt ein Ibis auf. Als wir am Meer ankommen, sieht selbst der Mann von der Staatssicherheit auf einmal zufrieden aus.

Mit seinem Handy schiesst er Fotos, als würde er den Ozean das erste Mal sehen. Er hält es auf die beiden Fischerboote, die am Ufer liegen, auf den platingrauen Glitzerteppich aus Wasser, der sich bis zum Himmel dehnt und einem das Gefühl von Grenzenlosigkeit gibt. Und er hält es auf mich – wahrscheinlich um seinen Kollegen zu zeigen, was für Spinner die neue Zeit nach Burma bringt.

Vor sechs Jahren hat sich das Land der Welt geöffnet und begonnen, sich von der Militärdiktatur zum demokratischen Staat zu wandeln. Mit harter Hand hatten die Generäle Burma an den Rand des wirtschaftlichen Abgrunds regiert und von der Weltgemeinschaft isoliert. Seit es wieder Parteien gibt und ein Parlament, in dem sie vertreten sind, seit die Menschen ihre Meinung sagen dürfen, kommen mehr und mehr Besucher nach Burma. «Frühling» nennt Min Soe Wai den Aufbruch im zweitgrössten Staat Südostasiens.

Wie ein Chant, ein burmesisches Eichhörnchen, hockt Burma am Indischen Ozean. Die Füsse an der Küste abgestützt, die Brust und den Schwanz am Wasser ausgebreitet, während der Kopf sich in die Bergregion zwischen Indien und China zwängt. Im schmalen Schweif bin ich mit meinem Guide unterwegs, im tiefen, weniger bekannten Süden. Min Soe Wai ist 24 und lebt in der Grossstadt Rangun, auch für ihn ist die Gegend kein vertrautes Terrain. Kein Problem, unser Fahrer Tun Lin bringt uns von Ort zu Ort. Eine Woche wird er hinter dem Steuer unseres Hyundai sitzen, schweigend, weil er eigentlich immer den Mund voller Betelnüsse hat. Er navigiert zwischen Lastern, dreirädrigen Traktoren und Velos durch. Umkurvt voll besetzte Pick-up-Busse und Kuhherden, die gemächlich über das Asphaltband trotten, ohne dass irgendwo ein Hirt zu sehen ist. Wenn ich das Fenster öffne, riecht es nach herb-süssen Blüten, nach verbranntem Laub, nach Kokosöl, Dieselruss, Trockenfisch – nach dem alten Asien. Sobald wir halten, weil ein liegen gebliebener Bus den Weg versperrt oder sich ein Hund auf der Strasse sonnt, geht das Handschuhfach auf, und Tun Lin steckt sich eine neue Nuss in die Backen.

Goldfarbene Pagoden, Stupas und Tempel – Heiligtümer des Buddhismus – säumen unsere Route wie glitzernde Leuchttürme. Am Berg Kyaikhtiyo windet sich eine Strasse zu einem Heiligtum hinauf. Es ist ein von Wind und Wetter rund gewaschener Findling, der hoch oben am Gipfel so nah am Abgrund hängt, als würde er gleich herunterkollern. Drei Haare Buddhas hindern den Fels angeblich daran, aus 1102 Meter Höhe herunterzufallen. Der Brocken, aus Ehrfurcht komplett mit Blattgold überzogen, ist einer der drei wichtigsten heiligen Schätze des Landes. «Jeder in Burma versucht, einmal im Leben zum Goldenen Felsen zu kommen», erklärt Min Soe Wai. Seit ein paar Jahren fahren die Pilger auf Lastern den Berg hinauf, auf einer neu gebauten rumpeligen Betonpiste. «Wo ist der alte Pfad?», frage ich meinen Guide – ich will zu Fuss da hinauf. Min Soe Wai stutzt kurz, dann nickt er – die Westler mit ihren Wünschen.

Goldfarbene Pagoden, Stupas und Tempel: Heiligtümer des Buddhismus säumen unsere Route wie glitzernde Leuchttürme

Die Sonne steht als rote Scheibe am Horizont, als wir nach fünf Stunden auf dem Gipfel ankommen. Ich bleibe erst mal am Löwentor stehen, dem Eingang zum Goldenen Felsen. Es ist Wochenende, und auf der Terrasse, die rund um den heiligen Felsen gebaut wurde, sieht es nicht nach innerer Einkehr aus, sondern nach einer grossen Sause. Überall Menschen, sie flanieren über den Platz, essen ihr mitgebrachtes Curry, hören Musik und plaudern. Ein lautes Summen liegt über dem Berg. An die 10 000 Besucher kommen an schönen Tagen auf den Kyaikhtiyo, um vor der Kulisse des haushohen Felsens etwas für ihr Karma zu tun. Eine Frau drückt mir Räucherstäbchen in die Hand, die ich in den Sand einer Bronzeschale stecke und anzünde. Ein Mönch zeigt mir Messingglöckchen, ich soll sie an ein schmiedeeisernes Gitter hängen, damit sie in der leichten Brise klingeln und unseren Geist und unseren Verstand friedlich stimmen. Irgendwann verliere ich Min Soe Wai im Gedränge. Egal. Hier beginnt, was ich das Burma-Gefühl nenne und das mir erst langsam in den Bauch kriecht und dann in den Kopf steigt. Es ist das Gefühl, dass dieses Land mich komplett umarmt.

Jeden Tag kommt das Gefühl wieder, denn jeden Tag ist etwas los an der Strasse Nummer 8, die wir Richtung Süden fahren. Sobald wir anhalten, weil wir Musik hören oder eine Menschenansammlung sehen, werden wir überschwänglich herangewunken. Beim Dorf Don Wun feiert ein Paar Hochzeit in einem Festzelt, das vor ihrem Pfahlhaus aufgeschlagen wurde. «Kommt zu uns», ruft der Bräutigam, als wir vorsichtig durchs Autofenster gucken. Im Zelt stehen Tische und Stühle, auf einer Bank grosse Töpfe mit Reis, Gebratenem und Gesottenem. Sofort bekommen wir zwei volle Teller in die Hand gedrückt, obwohl wir eben erst gefrühstückt haben. «Das müssen wir essen», weist mich Min Soe Wai an, «sonst wäre das eine Beleidigung.» Also probiere ich den Kohl mit Ingwer und Schweinefleisch, während ich den Frauen zuschaue, die an einer offenen Feuerstelle Nachschub kochen. In Kawh Nat, einem hübschen alten Dorf der Mon-Minderheit mit einem fantastischen alten Kloster, esse ich: Nudelsuppe mit Okraschoten, Kürbis in würziger Sauce, Chili-Bohnen, Jackfrucht mit Knoblauch, Fischbällchen, Poulet süss-sauer.

Die 20-jährige Mya Thin feiert mit 500 Gästen den Umstand, dass sie für zwei Monate ins Kloster geht. In Kwanlamaing komme ich mit einem Cola davon. In einem Palmenhain an der Hauptstrasse des Orts hat die Familie eines reichen Bauern ein Nat-Fest organisiert. Nats sind Geister, die in Burma neben Buddha verehrt werden und über grosse Kräfte verfügen. Um sie bei Laune zu halten, damit sie zum Beispiel die Geschäfte günstig beeinflussen, engagieren Familien Tänzer, die Kontakt mit den Geistern aufnehmen und sie beschwören. Berühmtheiten wie U Win Hlaing, der fürs Militär und die High Society tanzt, verdienen 10 000 Dollar am Tag und schmücken sich für das Nat Pwe mit Seidenrobe und Diamantringen, Goldketten und Perlendiadem. Hier, in diesem kleinen Ort, sieht alles etwas einfacher aus: Die beiden Tänzer tragen T-Shirt und Wickelrock und drehen und winden sich, als wären sie eher betrunken als in Kontakt mit den Geistern. Dafür spielt die Band ohrenbetäubend laut. Ein Musiker bearbeitet 21 verschiedene Trommeln, die in einem goldenen Ring aufgehängt sind. Ein anderer hockt vor einem Koffer voller Gongs, auf die er wie ein ekstatischer Drummer seine Holzklöppel schlägt. Dazu stürmt eine E-Gitarre vorwärts. Ich setze mich mit meinem Cola auf einen Grasfleck und fürchte, dass mein Trommelfell davonfliegt. Die Gastgeber, eine neunköpfige Familie, wippen mit dem Oberkörper. Selbst die Palmen scheinen sich im Takt der Musik zu wiegen.

Dschungel und Berge, Kautschukwälder und Reisfelder, schnell wechselt die Landschaft, während wir durch Burma fahren – obwohl wir ständig stoppen und in fünf Tagen gerade mal 340 Kilometer schaffen. Mawlamyine ist unser südlichster Punkt und mit 400 000 Einwohnern die viertgrösste Stadt des Landes. Sie zieht sich am Thanlwin entlang. In den Geschäften am Fluss stapeln sich Taue. Fischer sortieren im Schatten von Mangobäumen ihre Netze. An einem Büro hängt ein Plakat der National League for Democracy. «Lass uns mal reingehen», schlage ich Min Soe Wai vor. Kurz flackern seine Augen, aber schon stapft er die Stufen zum Büro hinauf. Hinter einem grossen Schreibtisch sitzt eine zierliche ältere Frau. «Daw Tin Ei», stellt sie sich freundlich nickend vor. An einer Wand klebt eine riesige Collage mit dem Aushängschild der Partei: Aung San Suui Kyi. Die 70-jährige Politikerin und Friedensnobelpreisträgerin setzte sich massgeblich für eine gewaltlose Demokratisierung ihres Landes ein. Auf den Fotos hält sie Reden, schüttelt Hände, lächelt mit Barack Obama und David Cameron in die Kameras.

Ihre Oppositionspartei hatte bei den Wahlen im vergangenen November einen überwältigenden Sieg davongetragen, auch wenn Aung San Suui Kyi selbst nicht als Präsidentin gewählt werden kann: Die Verfassung Burmas schliesst Politiker vom Amt aus, die ausländische Familienangehörige haben (die Polit-Ikone hat zwei Söhne mit britischem Pass). Für Min Soe Wai geht das in Ordnung. Die «Lady», sagt er, als wir wieder auf der Mango-Allee stehen, sei zu alt, um die Probleme im Land zu lösen. «Besitz und Geld teilen sich in Burma immer noch das Militär und wenige reiche Familien. Für normale Menschen ist es schwer, vom Wandel zu profitieren.» Zwar hat mein Guide ein Handy und er trägt jetzt öfter Jeans statt Wickelrock, aber ein besseres Einkommen zu erwirtschaften, sei für die meisten Burmesen schwer. «Banken vergeben kein Geld, nur weil jemand ein kleines Geschäft aufmachen will.» Wer Glück hat, erhalte von einer Hilfsorganisation einen Mikrokredit, um eine Garküche oder einen Betelnuss-Stand einzurichten. Manchmal fragt sich Min Soe Wai, wie es möglich sein wird, ein Land zu reformieren, in dem 135 verschiedene Ethnien leben. «Es wird ein langer Weg», sagt er, aber immerhin lebe er nicht mehr ohne fliessendes Wasser und Strom, so wie seine Eltern. Und so wie über sechzig Prozent der Bevölkerung: in Hütten, gebaut aus Palmblättern, Bambus und Holz.

Mawlamyine sieht aus wie die Kulisse in einem Film, der im 19. Jahrhundert spielt. Einst war die Stadt das Zentrum der britischen Kolonialverwaltung. Dunkle Flecken haben sich in die Farbe der alten viktorianischen Häuser gefressen und lassen sie aussehen wie Greise. Kaum Autos sind unterwegs, und als es Abend wird, geben die wenigen Strassenlaternen nur ein Funzellicht ab, Neonreklamen gibt es keine. Irgendwo glimmen Holzkohlefeuer, auf denen Maiskolben grilliert werden und Spiesse mit Crevetten. Vor einfachen Restaurants kauern Gäste auf Hockern. Im Hotel frage ich nach einer Bar. Der Mann an der Réception schaut mich entsetzt an: «So was haben wir hier nicht.»

Am nächsten Morgen fühle ich mich zerschlagen. Min Soe Wai lacht. Er kennt einen Tempel unweit der Nationalstrasse 8, in dem ich mich richtig entspannen könne. Drei Stunden später sehe ich an einem Karstberg viele goldene Türmchen, die sich in einem See spiegeln. Es sind die heissen Quellen von Bayin Nyi, die hier gestaut werden. Während die Männer sich in Unterhosen im grossen See aalen, wurde das Frauenbad mit einer Betonwand abgeteilt. Der Teppich aus Kreischen und Kichern verstummt, als ich um die Ecke komme, und springt nach ein paar Minuten wieder an. In einem Wickeltuch, das ich auf dem Markt gekauft habe, lege ich mich, so wie die Frauen und ihre Kinder, in die Quelle. Die Menschen kichern und reden. Ich fühle mich erneut komplett umarmt. Von der Sonne, den Stimmen und dem warmen, weichen Wasser.

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