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Das Disgusting Food Museum will unseren kulinarischen Horizont erweitern

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Das Disgusting Food Museum will unseren kulinarischen Horizont erweitern

Schlangen in Reiswein, Käse, auf dem Milben krabbeln, oder Augäpfel mit Tomatensaft – das Disgusting Food Museum in Berlin führt die Menschen an ihre persönlichen Ekelgrenzen heran. Museumsdirektor Martin Völker erklärt den Reiz an vermeintlich ekligen Lebensmitteln und plädiert für mehr Offenheit.

Martin Völker, welche Exponate Ihres Museums finden die Leute besonders eklig?
Die schottische Spezialität Haggis, eine Mischung aus verschiedenen Schafsinnereien, die im Schafsmagen serviert wird. Ausserhalb von Schottland gilt Haggis als eines der schlimmsten Nahrungsmittel überhaupt. Im Netz gibt es Videos, in denen die Leute mit Grausen vor einem Teller Haggis sitzen. Wenn die Besucher:innen dann bei uns daran schnuppern, merken sie, dass Haggis wie eine sehr gute, grobe Leberwurst riecht. Man braucht keine Angst vor diesem Produkt zu haben.

Sie wollen Ekel also eher abbauen als auslösen?
Wir möchten den kulinarischen Horizont unserer Gäste erweitern. Normalerweise nimmt man ja nur eine sehr begrenzte Auswahl an Lebensmitteln zu sich. Wir zeigen den Leuten, dass es da noch sehr viel mehr gibt. Man muss sich nur trauen. Nehmen Sie zum Beispiel die Durian…

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«Den Geschmack der Kotzfrucht können Sie simulieren, indem Sie auf einem Schneidebrett Zwiebeln hacken und danach auf demselben Brett Ananas schneiden»

Die berühmte Kotzfrucht, die auch gern im «Dschungelcamp» serviert wird?
Genau. In Wirklichkeit ist die natürlich gar nicht so schlimm. Sie hat aber einen sehr eigentümlichen Geschmack. Den können Sie simulieren, indem Sie auf einem Schneidebrett Zwiebeln hacken und danach auf demselben Brett Ananas schneiden. Die Ananas wird ziemlich stark nach Zwiebeln schmecken – eine sehr ungewöhnliche Mischung, auf die wir von unseren Essgewohnheiten her gar nicht vorbereitet sind. Beim ersten Mal ist das seltsam, aber schon beim zweiten Mal stellen sich Nase und Geschmacksinn darauf ein.

Sie zeigen in Reiswein eingelegte Schlangen aus Japan und Tomatensaft mit Augäpfeln vom Schaf, auch bekannt als «Mongolische Mary». Da ist dann aber Schluss mit Ausprobieren.
Natürlich geht es nebenbei auch ums Gruseln. Doch dieser Trash-Effekt ist nur ein Trigger, um die Leute an grundsätzlichere Fragen heranzuführen, zum Beispiel: Was muten wir für unseren Wohlgeschmack der Umwelt und dem Klima zu? Europäische Produkte sind nicht weniger eklig. Nehmen Sie nur die Gänsestopfleber: Da liegt der Ekel in der Art und Weise, wie quälerisch mit den Gänsen umgegangen wird. Oder Eierlikör aus Strausseneiern – das ist in Deutschland gerade der neue heisse Scheiss. Viele lehnen ihn ab, weil er diesen spermaartigen Eiweissgeschmack hat. Noch schlimmer ist aber, dass man ihn aus ganz kleinen Gläsern trinkt, die man, sobald sie leer sind, mit der Zunge ausleckt. Das sieht furchterregend aus, geradezu widerwärtig.

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Am Ende der Ausstellung gibt es eine Tasting-Bar, an der man sich an seine persönliche Ekelgrenze herantasten kann. Hat sich schon einmal jemand an der Theke übergeben?
Darauf legen wir es nicht an. Trotzdem kommt es natürlich vor, dass man mit bestimmten Geschmacksrichtungen oder Konsistenzen überfordert ist und das, was man gerade im Mund hat, ausspucken will – sei das nun ein grosser Käfer oder ein Stückchen des berühmten Würchwitzer Milbenkäses, auf dem lebende Milben krabbeln. Dafür bekommen alle Besucher:innen am Eingang eine Kotztüte statt einer Eintrittskarte.

Ihr persönlicher Horror-Geschmack?
Der Mäusewein aus China. Dabei handelt es sich um Alkohol in einer grossen Flasche, in der zahllose Mäuse ertränkt worden sind. Diese Mäuseleichen geben Verwesungsgeruch und -geschmack an den Alkohol ab. Im Museum kann man das nicht probieren, aber klar fragt immer mal jemand, wie es schmeckt, da muss ich Auskunft geben können.

Und?
Widerlich. Schmeckt irgendwie nach Medizin, aber auch ganz stark nach Benzin, nach Tankstelle. Eigentlich wollte ich das nicht probieren, aber es musste eben sein.

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Martin Völker (geb. 1972) ist Autor, Kulturwissenschafter und Ästhetiker sowie Gründungsdirektor des Disgusting Food Museum Berlin. Seine ekelhafteste Vorliebe in der Ausstellung: Three Penis Liquor

Disgusting Food Museum Berlin, Schützenstrasse 70, Berlin, disgustingfoodmuseum.berlin

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