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Dries van Noten, ein ewiger Wert der Modeszene

Stil

Dries van Noten, ein ewiger Wert der Modeszene

  • Text: Kai JünemannFotos: Imaxtree

Dries van Noten (52), ewiger Wert der Modeszene, erlebt ein Karrierehoch. Der Stilkolumnist Alix Sharkey hat einst mit dem Belgier zusammengearbeitet – und für annabelle eine persönliche Würdigung verfasst.

In den drei Jahrzehnten, in denen ich über Mode schreibe, habe ich etwas über die grossen Modedesigner gelernt, etwas Einfaches, aber doch sehr Bemerkenswertes. Sie erlangen erst dann wahrhafte Grösse, wenn sie durch die Wüste gegangen sind. Erst wenn sie abgeschrieben wurden und zurückgefunden haben, wenn sie vergessen und ein zweites Mal entdeckt wurden, öffnet sich ihnen das Pantheon. Jeder Titan hat diese Erfahrung gemacht: von der Modewelt als bedeutungslos oder überholt abgetan zu werden. Und dann, wie aus heiterem Himmel, sind sie wieder da. Die Modebranche überschlägt sich vor Begeisterung, die Kenner geben sich zerknirscht: Wie konnten wir nur so dumm, so vergesslich gewesen sein!

Man denke an Vivienne Westwood, Yohji Yamamoto und Azzedine Alaïa, um nur drei Beispiele zu nennen. Sie alle wurden im Lauf ihrer sagenhaften Karriere Opfer einer launenhaften Branche, wurden verstossen und ignoriert, nur um später mit hymnischen Lobpreisungen abermals anerkannt zu werden. Vielleicht ist das ganz normal. Auch Designer können, wie die Mode selbst, in sein oder plötzlich out. Wie die Kleidung, die sie tragen, unterliegen sie den unvorhersehbaren Schwankungen und Zyklen dieser eigenwilligen Welt.

So war in den letzten Monaten auch die allmähliche Wiederauferstehung von Dries van Noten zu beobachten, der nun, nach einer Phase relativer Marginalisierung, endlich anerkannt wird als einer der originellsten und wagemutigsten Modeschöpfer des letzten Vierteljahrhunderts. Suzy Menkes, die scharfsinnigste Modekritikerin der Welt, überhäufte seine letzte Frühjahr/Sommer-Kollektion mit Lob und sprach von der «Reife seiner Entwürfe». Kritiker und Einkäufer waren begeistert von seinen kühnen Farben, den kraftvollen Karos und den asiatisch inspirierten Mustern. Maggie Gyllenhaal trug bei der diesjährigen Oscar-Verleihung eine blau-schwarze schulterfreie Robe von ihm, und selbst jüngere Mitglieder des Hollywoodsets wie Mary-Kate Olsen schwören auf den Belgier.
Meiner Meinung nach ist eine Neubewertung von Dries van Notens Schaffen längst überfällig. (Ich gestehe, ich bin parteiisch, seit ich 2004 einige Monate eng mit ihm an «DVN 1–50» zusammengearbeitet habe, einem Buch über seine ersten 50 Schauen.) Seit 1986, als er sein Label gründete, hat dieser bescheidene und zurückhaltende Belgier regelmässig wegweisende Kollektionen präsentiert, die bei aller Experimentierfreudigkeit nie vergessen, dass es im wesentlichen um feminine Eleganz geht. Jeder anständige Stylist kann etwas Nettes und Schickes hinbekommen, und jeder talentierte Textildesigner kann etwas mit exotischen Stoffen machen. Aber beides zu einer unverwechselbaren Handschrift zu kombinieren, gleichzeitig ein globales Label zu führen und die eigenen Produkte in mehr als 500 Geschäften weltweit zu verkaufen – und zwar ganz ohne Werbung – das verlangt schon ein ziemliches Talent, man könnte fast sagen: Genie.

Dries van Noten ist natürlich berühmt für seine Edelsteinfarben, Ethnoprints und Stickereien und für seine komplexen, innovativen Materialien, die oft eingefärbt, chemisch behandelt, künstlich gealtert oder zerknittert sind. Selbst ein schlichtes Metallic kann von atemberaubender Intensität und zugleich Tiefe und Subtilität sein. Aber vorrangig geht es ihm nicht um starke, eindrucksvolle Silhouetten. Er interessiert sich weniger für Linien oder Formen, sondern für die Textur, die stoffliche Beschaffenheit eines Kleidungsstücks. Am besten liesse sich sein Ansatz wohl mit dem Wort Feeling beschreiben, im umfassendsten Sinn. Seine sinnlichen Materialien wollen angefasst werden, seine Farben und Volumen sollen emotional berühren. Diese unorthodoxe Auffassung von Design ist Lichtjahre entfernt von den lauten und schrillen Sachen für Statusbewusste, die viele namhafte Designer bevorzugen.

Dries van Noten hat aber schon immer auf Understatement gesetzt, auf leise Raffinesse. Diese Zurückhaltung hat natürlich viel mit seiner Persönlichkeit zu tun. «Ich weiss nicht, ob ich mich reif fühle», antwortet er, angesprochen auf das Lob von Suzy Menkes. «Es gibt noch so viel zu entdecken. Ich bin ständig auf der Suche. Aber ich habe in diesen 24 Jahren auch viel gelernt. Ich würde also eher von Erfahrung als von Reife sprechen.»

Wie erklärt er sich seine Wiederentdeckung durch die Branche und seinen neuen Status als Designer der Stunde? «Wir wussten irgendwie, dass es Zeit wurde, ein entschlossenes Statement zu machen», sagt er. «Für Ethnoprints und Edelsteinfarben und gestickte Blumen gibt es immer Kunden, ganz klar. Aber ich will mich nicht dauernd wiederholen, nur damit der Umsatz stimmt.» Und in der letzten Saison habe er das Gefühl gehabt, «dass es der richtige Zeitpunkt war, einen neuen Blick auf die so genannten ethnischen Stoffe zu werfen, mit den Farben etwas weiter zu gehen, auch eine neue Eleganz zu entwickeln, sodass es fast zu einem Konflikt von Volumen und Funktion kommt». Am deutlichsten zeigte sich das in Modellen, die Ethnomaterialien und Farben mit unverkennbar pariserischen Silhouetten und Schnitten kombinierten, deren kühle Eleganz an Coco Chanel erinnerte.
«Ich fand diesen Stilmix besonders interessant, diese Kombination von traditionellen und klassischen Formen mit einer sehr avantgardistischen Materialbehandlung und intensiven,
unorthodoxen Farben. Wir haben auch viele kunsthandwerkliche Elemente verwendet, etwa handgemalte Blumen, die dann eingefärbt werden, um ihnen Tiefe und etwas Geheimnisvolles zu geben. Aber in der letzten Zeit habe ich sehr spontan gearbeitet, es gibt viel Freiheit. Und wie immer arbeiten wir mit den Stoffen, entwickeln sie weiter, experimentieren mit Textur, Farben und Mustern, sind immer auf der Suche nach einem neuen Feeling.» Auf die Frage, was er unter Feeling genau versteht, sagt er: «Anfassen, fühlen, sich berühren lassen.»

Auch wenn Dries van Noten nicht so gern von Reife spricht, seiner Fähigkeiten und seines Geschmacks ist er sich sicherer denn je. Der entscheidende Moment war Anfang 2009, während der globalen Finanzkrise, als die Modewelt ins Schwanken geriet und viele Leute ihr Ende prophezeiten. «Wir waren natürlich genau so betroffen wie alle anderen. Aber im Gegensatz zu vielen Unternehmen hielten wir es für einen Fehler, auf Nummer sicher zu gehen und zahme, kommerzielle Sachen zu machen. Wenn die Leute schon weniger für Mode ausgeben, wollen sie mehr für ihr Geld bekommen und nicht weniger. Man muss ihnen einen überzeugenden Grund liefern, etwas Neues zu kaufen.» Und so schuf Dries van Noten eine sehr kühne und drastische Kollektion, deren Farben und Themen von Francis Bacon inspiriert waren.

Nachdem es ein, zwei Jahre relativ still um ihn geworden war, stand er mit seiner Herbst/Winter-Kollektion 2009/10 wieder im Rampenlicht. Aber es war, sagt er, nicht nur das kraftvolle Statement, das den Erfolg brachte, sondern auch eine neue Objektivität. «Früher bin ich in die Welt des Künstlers eingetaucht, vielleicht etwas zu tief», sagt er, «und habe mich von der Fantasie fortreissen lassen. Fast war es, als würde ich Kostüme für einen Film entwerfen, der in meinem Kopf ablief. Inzwischen bin ich mir viel bewusster, wie meine Stücke in der Realität getragen werden. Heute denke ich beim Zeichnen ganz bewusst an die konkrete Pariserin und wie sie ein bestimmtes Stück trägt. Ich überlege ganz realistisch, wie sie geht und sitzt und sich bewegt, wo sie isst, wo sie ihre Freundinnen trifft.»

Das erinnert mich an eine Geschichte, die Dries mir einmal erzählte. Auf der Rückfahrt nach einer Pariser Schau tauchte auf der Autobahn plötzlich ein Cabrio neben ihm auf, mit einer eleganten älteren Dame am Steuer, die eine Aura verblichenen Glanzes ausstrahlte. Ihr Jaguar aus den Sechzigern war ebenfalls von verblichener Farbe, sie selbst trug eine Ray-Ban, die sie offensichtlich schon lange besass, und ein Hermès-Kopftuch ähnlichen Alters. «Ja», sagt er und lacht, «diese Frau spukt noch immer in meinem Kopf herum. Es ist schon eine Weile her, seit ich sie gesehen habe, aber sie ist noch immer präsent.»
Dries van Noten wurde in die Welt der Mode hineingeboren. Zwischen den Kriegen eröffnete sein Grossvater das erste Männerkonfektionsgeschäft in Antwerpen, sein Vater führte in den Siebzigern ein grosses Modegeschäft in der Stadt, wo es Ungaro, Ferragamo und Zegna zu kaufen gab. Seine Mutter sammelt nicht nur alte Spitzenstoffe, sondern hatte auch ihre eigene Frauenboutique. Als Kind begleitete er seinen Vater zu Modeschauen und Textilmessen nach Mailand und Paris und kam schon früh in Kontakt mit dem Branchenalltag. Er studierte an der renommierten Königlichen Akademie der Schönen Künste in Antwerpen und arbeitete anschliessend als freier Designer, ehe er 1986 sein eigenes Label gründete.

Zusammen mit vier anderen früheren Studierenden (darunter Ann Demeulemeester) und seinem Landsmann Dirk Bikkembergs fuhr er nach London, wo die Gruppe gemeinsam präsentierte und als Antwerp Six sogleich für Aufsehen sorgte. Dries van Noten hatte zu dieser Zeit schon seine erste Boutique und verkaufte seine Sachen an Barneys New York und renommierte Läden in London, Paris und Amsterdam.

1989 eröffnete er in Antwerpen sein eigenes Warenhaus (Het Modepaleis), zwei Jahre später seinen Pariser Showroom im Herzen des Marais. Im Juli 2000 bezog das rasch expandierende Unternehmen seinen Hauptsitz in einer ehemaligen Lagerhalle im renovierten Antwerpener Hafenviertel. Wie gut es dem Unternehmen heute geht, erkennt man daran, dass noch immer Läden eröffnet werden, letztes Jahr zwei in Tokio, in diesem Sommer ein neuer Shop im New Yorker Luxuswarenhaus Bergdorf Goodman, und kürzlich wurde der Flagship Store in Hongkong komplett umgestaltet.

Zwar haben sich immer mehr Designer aus Kostengründen vom Modekalender verabschiedet, aber Dries van Noten ist fest entschlossen, weiterhin jährlich vier Schauen in Paris abzuhalten, jeweils zwei pro Frauen- und Männerkollektion. «Für mich ist das noch immer die ideale Form, eine Kollektion zu präsentieren, die Emotionen zu zeigen, die in den Arbeiten stecken. Natürlich stellen Modeblogger schon Minuten nach der Schau Fotos ins Netz, aber diese Bilder können die Qualität der Kleider längst nicht so gut vermitteln, wie wenn man die Models leibhaftig sieht, wie sie die Sachen tragen und sich darin bewegen.»

Seine letzten Schauen waren nicht mehr ganz so opulent wie einige frühere – Dries van Noten ist davon abgekommen, die Zuschauer grosszügig zu bewirten – aber er findet noch immer ungewöhnliche Locations, «Orte, die der Kollektion eine besondere Aura verleihen». Seine jüngste Männerkollektion wurde in den Korridoren der Pariser Börse gezeigt. Die Models waren mit iPod und Minikopfhörern ausgestattet, jedes hatte sozusagen seinen eigenen persönlichen Soundtrack, und dreissig der anwesenden Gäste bekamen Spotlights in die Hand gedrückt, die sie bedienen sollten.
Die aktuelle Frauenkollektion wurde in den grossen Sälen des Pariser Rathauses gezeigt, mit einem Soundtrack von Malcolm McLaren, der letzten vollendeten Arbeit vor seinem Krebstod. «Wir wussten, dass es ihm nicht gut ging», sagt Dries von Noten, «aber die Nachricht war doch ein grosser Schock.»

Trotz seiner globalen Präsenz führt van Noten ein bemerkenswert diskretes Privatleben. Die Aftershow-Partys und Nachtclubs, die seine Kollegen gern besuchen, sind nicht sein Ding. In den angesagten Clubs, Bars und Restaurants von Paris, London, Mailand und New York wird man ihn vergebens suchen. Mittelpunkt seines Lebens ist das belgische Landhaus mit weitläufigem Grundstück, das er mit Lebens- und Geschäftspartner Patrick Vangheluwe bewohnt. Hier, abseits der Modewelt, geniesst er die Ruhe, verbringt Zeit mit seinem Partner, schaut nach dem Garten, der teils gepflegt, teils wild und verwuchert ist. In jüngster Zeit, erzählt er, musste er seinem neu erworbenen Airedaleterrier Harry beibringen, nicht die Blumenbeete umzuwühlen. «Ein Hund bedeutet viel Verantwortung. Ist natürlich nicht das Gleiche wie ein Kind, aber die Verantwortung ist ähnlich. Er ist richtig süss, aber schwer zu erziehen.»

Modedesigner gelten gemeinhin als launenhafte Diven, die zu Tobsuchtsanfällen, manischer Exaltiertheit, Phasen schlimmer Depression oder unkontrollierten Tränenausbrüchen neigen. Alexander McQueen und Yves Saint Laurent sind nur zwei Namen, die einem sofort einfallen, wenn man sich den Modeschöpfer als gequältes Genie vorstellt – Männer, deren Privatleben untrennbar mit ihrem Beruf verknüpft ist.

Dries van Notens Arbeiten sind zwar gelegentlich sehr emotional, aber er selbst geht ganz anders mit seinen Gefühlen um, zeigt sie anders. Die grosse Geste, die schrille Fröhlichkeit, die flamboyante Gereiztheit, der gehässige Ausfall, der mürrische Rückzug oder die endlosen Selbstzweifel sind nicht seine Sache. Statt seine Gefühle bei jeder Gelegenheit rauszulassen, akzeptiert er sie, auch die unangenehmen. Indem er sich seinen Unsicherheiten und Enttäuschungen stellt, kann er sie in seine Arbeit integrieren.

Im Lauf unserer engen Zusammenarbeit habe ich begriffen, dass die zurückhaltende, leicht ironische und scheinbar unkomplizierte Person, die er der Welt zeigt, eben nur das ist: sein öffentliches Gesicht. Dahinter verbirgt sich eine sehr komplexe, aber ausserordentlich plausible Ästhetik. Er hat das Auge des Künstlers und das Herz eines Dichters, doch beide gehorchen dem kühlen Pragmatismus, der sein flämisches Erbe auszeichnet. Er versteckt seine Gefühle nicht, gibt sich aber nicht jenem Exhibitionismus hin, der unter seinen Kollegen so verbreitet ist.

Während der Arbeit am Buch fragte ich ihn einmal, warum er für die Herbst/Winter-Kollektion 1996/97 so harte Farben, billige Stoffe und irritierende Techniken (wie beispielsweise Flockprints) verwendet habe. Warum diese sonderbaren Elemente? Seine Antwort erklärte seine charakteristische Vorgehensweise: «Mich haben schon immer Dinge fasziniert, die mir nicht gefallen, weil sie eine besondere Wirkung auf mich haben. Wenn mir eine Farbe richtig unangenehm ist, arbeite ich mit ihr, in unterschiedlichen Materialien oder in Verbindung mit anderen Farben, bis ich am Ende etwas finde, was mir daran gefällt, etwas Interessantes oder Liebliches.»

Die meisten von uns wollen mit Dingen, die sie abstossend finden, nichts zu tun haben, wir ignorieren sie, gehen ihnen aus dem Weg. Dries van Noten dagegen nimmt sie an, bis sich das verstörende Gefühl legt und er emotional anders reagieren kann. Vermutlich ist es dieser sehr unkonventionelle ästhetische Ansatz, der sein Werk so einzigartig macht und seinen Kreationen Charakter, Komplexität und zeitlose Eleganz verleiht.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

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